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Maria Carmi

Maria Carmi (Künstlername) (* 3. März 1880 in Florenz als Eleonora Erna Gilli genannt Norina; † 4. August[1] 1957 in Myrtle Beach) war eine italienische Schauspielerin schweizerischer Abstammung. In erster Ehe (1904–1921) als Norina Vollmoeller verheiratet mit Karl Gustav Vollmoeller, zwischen 1917 und 1921 bigamistische Zweitehe mit Prinz Georges V. Matchabelli, mit diesem zwischen 1921 und 1933 als Prinzessin Norina Matchabelli in zweiter Ehe verheiratet. 1921 von Vollmoeller, 1933 von Prinz Matchabelli geschieden.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

 
Norina Gilli als Kind in Florenz

Norina Gilli kam als jüngstes von fünf Kindern des Konditormeisters Luigi Gilli und dessen Ehefrau Emma Gilli, geb. Troll in Florenz zur Welt.[1] Luigi Gillis Ur-Großvater war aus Graubünden in die Toskana ausgewandert und hatte die Konditorei Gilli im Jahr 1733 im Zentrum von Florenz begründet.[2]

Norina wuchs in Florenz und Fiesole auf, verbrachte die Sommermonate aber in Samedan, Graubünden, wo die Familie ein Haus im Ortskern besaß[3] Nachdem sie 1894 lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankte, brachten ihre Eltern sie erst nach Samedan, von dort nach St. Moritz in eine Spezialklinik für Lungenkranke[4].

Durch die Brüder Züst, Auswanderer aus der Schweiz, Gründer der Züst Automobile Fabriken, lernte Norina 1903 ihren Ehemann Karl Gustav Vollmoeller kennen.[5] Im Mai 1904 heiratete das Paar in San Salvatore al Monte in Florenz.[6] Gabriele D’Annunzio war einer der Trauzeugen.[7] Das junge Paar lebte in Vollmoellers Villa in Sorrent am Golf von Neapel, ab 1906 in Turin und in der Villa Il Pozzino in Castello, die Vollmoeller für Norina erworben hatte.[8] Hier war Rainer Maria Rilke Ostern 1908 Gast der Vollmoellers.[9] Im Spätsommer 1904 ereignete sich in der Villa Arlotta ein Skandal, als sich André Gide Vollmoeller homosexuell näherte, worauf dieser ihn erbost aus dem Haus warf.[10] Im selben Jahr waren Arthur Schnitzler und seine Frau Olga in Sorrent zu Besuch.[11]

Im Jahr 1906 überredete Vollmoeller Norina, ihn bei seiner Arbeit über Pier Jacobo Martelli zu unterstützen. Unter Norinas Pseudonym Maria Carmi wurde das Buch im Jahr 1906 im Verlag Bernardo Seeber Florenz veröffentlicht.[12]

Im Herbst 1907 reiste Norina nach Berlin, wo sie Gast bei Sabine Lepsius und deren Mann Reinhold Lepsius war.[13] Das rauhe Berliner Klima ließ Norinas Lungenkrankheit wieder ausbrechen. Sie fuhr nach Davos in ein Lungensanatorium, wo sie mehrere Monate behandelt wurde.[14] Insofern war Norina nicht in der Lage, wie oft behauptet, zwischen 1907 und 1909 Schauspielunterricht bei Max Reinhardt zu nehmen. Dies beweist auch Ernst Sterns Äußerung in seinen Erinnerungen: „Jene Frau Carmi kam aus Florenz … Obwohl Dilettantin, verkörperte sie in idealer Weise[15] [die Madonna]. Auch mehrere Stellen im Briefwechsel Rilkes mit Mathilde Vollmoeller der Jahre 1907 bis 1909 bestätigen Norinas Abwesenheit von Berlin.[16]

Am 31. Juli 1911 in Tutzing, am Starnberger See, kam es zu einer schicksalhaften Begegnung zwischen Norina und Max Reinhardt. Vollmoeller war von seinem Besuch bei Gustav Klimt in Unterach am Attersee zurück, um seine Frau und Max Reinhardt in Tutzing zu treffen. Als Norina auf die beiden Männer zu kam, soll Max Reinhardt gegenüber Vollmoeller geäußert haben: „Da kommt unsere Madonna“.[17] Norina Vollmoeller musste mühsam überzeugt werden, als Nicht-Schauspielerin, die Rolle zu übernehmen.[18]

Während und nach der Premiere von Vollmoellers „The Miracle“ in der Londoner Olympia Hall ab dem 23. Dezember 1911 wurde Norina unter ihrem Künstlernamen Maria Carmi zur weltweiten Berühmtheit. Die großen englischen, US-amerikanischen und deutschen Zeitungen waren voll des Lobes für Maria Carmis Schauspiel.[19] Nachdem die Teilnehmer des Eucharistischen Weltkongresses sich in Wien 1912, in einer Sondervorstellung von Vollmoellers „Mirakel“ von dessen christlicher Botschaft und Norinas Schauspielkunst überzeugt hatten, empfing Papst Pius X. Maria Carmi am 28. Juni 1914 mit Ehemann Karl Vollmoeller im Vatikan in Privataudienz.[20] Im Interview mit der NYT äußerte Maira Carmi: „I was presented by the Prussian Embassy, but his Holiness at once recognized me as an Italian, saying: A German name, but Venetian eyes. And a Florentine nose, your Holiness, I replied, explaining that I was born in Tuscany.“

Vor und während des Ersten Weltkriegs war sie eine sehr gefragte Diva des deutschen und italienischen Stumm-Films.

Durch die kriegsbedingte Abwesenheit ihres Mannes, der im Auftrag der Kulturabteilung des deutschen Außenministeriums, gemeinsam mit seinem Freund Harry Graf Kessler in der Schweiz tätig war, lebte sich das Paar auseinander.[21] In Berliner Diplomatenkreisen lernte Maria Carmi 1916 den georgischen Prinzen Georges V. Matchabelli kennen. Trotz bestehender Ehe mit Vollmoeller nutzte die Carmi eine Gastspieltournee des Deutschen Theaters im Mai 1917 nach Schweden, um sich im Standesamt Stockholm in Bigamie mit Fürst Matchabelli zu verheiraten[22]

Nach Kriegsende November 1918 und der zu Beginn 1921 erfolgten Scheidung von Vollmoeller kehrte Maria Carmi nach Italien zurück.[23] Ohne die Protektion ihres Ex-Mannes vom italienischen Film gemieden, wirkte die Carmi kurze Zeit als Theaterschauspielerin in Italien. Ende 1923 zogen die Matchabellis in die USA[24], wo sie mehrere Jahre erneut in Vollmoellers „Das Mirakel“ am Broadway und an Theatern in verschiedenen Großstädten auftrat. Carmi, nun Prinzessin Norina Matchabelli, gründete 1924 gemeinsam mit ihrem Mann die Prince Matchabelli Perfume Company. 1933 reichte Prinz Matchabelli die Scheidung ein, da Norina eine führende Jüngerin des Gurus Meher Baba und Mitbegründerin dessen amerikanischer Niederlassungen geworden war. Wie stark sich Norinas Persönlichkeit unter dem Einfluss Meher Babas – im Sinne einer Gehirnwäsche – verändert hatte, beschreibt die Schriftstellerin Mercedes de Acosta, eine nahe Freundin Norinas, in ihren erschütternden Erinnerungen.[25] De Acosta beschreibt auch, wie Norina sich im Auftrag ihres Gurus bemühte, Greta Garbo für dessen Sekte zu gewinnen.

 
in «Das Mirakel»

Nach Matchabellis Tod 1935 erbte sie trotz Scheidung einen mehrstelligen Millionenbetrag, den sie Meher Baba schenkte.[26] Norina Matchabelli wurde Meher Babas Sprecherin, da dieser ein Schweigegelübde abgelegt hatte und nur mittels einer Tafel mit seiner Umwelt kommunizierte. Dank Norinas exzellenter Kontakte zur Filmgemeinde Hollywoods, über die sie durch ihren Ex-Mann Karl Vollmoeller verfügte, versuchte sie zwei Mal, einen Film über Meher Baba drehen zu lassen. Beide Male gelang es ihr, Vollmoeller für die Erarbeitung es Drehbuches zu gewinnen, doch beide Projekte, für die sich namhafte Künstler engagierten, scheiterten an den unrealistischen Vorstellungen und Einwänden Meher Babas. Die Kopien der Drehbücher befinden sich in Vollmoellers Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Obwohl lebensbedrohlich erkrankt, lebte Norina viele Jahre in ärmlichsten Verhältnissen in Indien, im Ashram ihres Gurus, bis der fortschreitende Krebs eine Behandlung in den USA erforderlich machte. Auch hier setzte sie sich noch vom Krankenbett aus intensiv für die Belange ihrer Sekte ein. Norina Matchabelli alias Maria Carmi verstarb 1957 im kurz zuvor errichteten Glaubenszentrum der Baba Sekte in Myrtle Beach.

FilmografieBearbeiten

WerkBearbeiten

  • Maria Carmi: Pier Jacopo Martelli, Bernardo Seeber Verlag, Florenz 1906

LiteraturBearbeiten

  • Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller – Dichter und Kulturmanager, Eine Biographie, 2008
  • Frederik D. Tunnat: Karl Vollmoeller – Ein Leben im Zeichen des Mirakels, 2011
  • Frederik D. Tunnat: Maria Carmi – Europas erste Film- und Theaterdiva, Edition Vendramin 2015
  • Ernst Stern: Bühnenbildner bei Max Reinhardt, Henschel Vlg. Berlin, 1955
  • Johannes von Günther: Ein Leben im Ostwind. Zwischen Petersburg und München, Biederstein Verlag, München 1969
  • Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel., Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse, Wallstein Verlag, Göttingen 2001
  • Sabine Lebsius: Ein Berliner Künstlerleben um die Jahrhundertwende: Erinnerungen. München: Georg Müller Verlag, 1972
  • Ursula von Mangoldt:Auf der Schwelle zwischen Gestern und Morgen. Begegnungen und Erlebnisse Barth, 1963
  • Hedda Eulenberg: Im Doppelglück von Kunst und Leben, 1952
  • Bündner Kalender. 2010, S. 81–86

FilmBearbeiten

  • „Die Prinzessin von Samedan“ von Claudia Knapp, Dokumentarfilm, CH 2016, 25 Minuten[27]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Maria Carmi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Frederik D. Tunnat: Maria Carmi – Europas erste Film- und Theaterdiva, Edition Vendramin, Berlin 2015, S. 21
  2. https://caffegilli.com/en/history/
  3. Maria Carmi Biografie S. 22
  4. Maria Carmi Bio S. 23
  5. Maria Carmi Bio S. 25
  6. Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach, Brief Vollmoellers Herbst 1942
  7. Maria Carmi Bio S. 34/35
  8. Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach, Brief Vollmoellers Herbst 1942
  9. Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not Briefwechsel, Göttingen 2001, S. 12–15f
  10. Ruth Landshoff-Yorck: Klatsch, Ruhm und kleine Feuer, Erinnerungen Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin, 1963, S. 80
  11. Postkarte mit Dank und Briefe Arthur Schnitzlers im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach
  12. Maria Carmi: Pier Jacopo Martelli, Bernardo Seeber, Florenz 1906
  13. Sabine Lepsius: Stefan George: Geschichte einer Freundschaft. Berlin: Verlag Die Runde, 1935 und Sabine Lebsius: Ein Berliner Künstlerleben um die Jahrhundertwende: Erinnerungen. München: Georg Müller Verlag, 1972, S. 207,225
  14. Frederik D. Tunnat: Maria Carmi Biografie
  15. Ernst Stern: Bühnenbildner bei Max Reinhardt, Henschel Vlg. Berlin, 1955, S. 61
  16. Rainer Maria Rilke, Mathilde Vollmoeller: Paris tut not. Briefwechsel
  17. Schriftliche Notiz Vollmoellers im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach
  18. Siehe Briefe zwischen 30. Juli 1911 an Heymel bis 29. August 1911 an Hanns von Gumppenberg im Nachlass Karl Vollmoeller DLA Marbach
  19. Siehe z. B. New York Times v. 14. Januar 1912, Berliner Tageblatt 30. April 1914
  20. New York Times v. 11. Juli 1912
  21. Vollmoellers Verleger Johannes von Günther berichtet darüber in seinen Erinnerungen: Ein Leben im Ostwind
  22. Frederik D. Tunnat: Maria Carmi Biografie S. 171–179, sowie Heiratsurkunde Archiv Standesamt Stockholm
  23. siehe Briefwechsel zwischen Vollmoeller und seinem Schwager W. Knoll in seinem Nachlass DLA Marbach
  24. Siehe Einbürgerungsanträge von Norina und Georges Matchabelli, Archiv der Stadt New York, Standesamt (mit Bestätigung der Eheschließung 1917 in Stockholm)
  25. Mercedes de Acosta, Here Lies the Heart. New York, 1960
  26. The Times 1936, ausführlicher Artikel über Matchabellis Erbe, da Stalin versuchte dieses für die Sowjetunion zu reklamieren
  27. http://www.samedan.ch/public/upload/assets/1793/10_2016.pdf