Luise Schorn-Schütte

deutsche Historikerin

Luise Schorn-Schütte (* 19. Februar 1949 in Osnabrück) ist eine deutsche Historikerin und Hochschullehrerin. Sie lehrte als Professorin für Neuere Allgemeine Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Ausbildung und beruflicher WerdegangBearbeiten

Ab 1969 studierte sie Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaft an den Universitäten Göttingen, Marburg an der Lahn und Münster. Seit 1974 war sie Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. 1975 legte sie in Marburg ihr erstes Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Es folgten vom Deutschen Akademischen Austauschdienst stipendierte Forschungsaufenthalte in Washington, New York und Ithaka/NY. Schorn-Schütte wurde 1981 mit der Dissertation Karl Lamprecht – Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik an der Universität Münster summa cum laude promoviert. Von 1981 bis 1988 war Schorn-Schütte Hochschulassistentin an der Universität Osnabrück und der Justus-Liebig-Universität Gießen.

1992 habilitierte sich Schorn-Schütte an der Universität Gießen mit der Schrift Evangelische Geistlichkeit der Frühneuzeit – deren Anteil an der Entfaltung frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft, dargestellt am Beispiel des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel, der Landgrafschaft Hessen-Kassel und der Stadt Braunschweig. Zugleich mit der Verleihung der Venia legendi für Mittlere und Neuere Geschichte erfolgte ihre Ernennung zur Privatdozentin an der Universität Gießen. Von 1991 bis 1992 hatte sie einen Lehrauftrag an der Universität Basel; 1992 übernahm sie dort auch eine Lehrstuhl-Vertretung. Im selben Jahr wurde ihr zudem die Vertretung einer C3-Professur an der Freien Universität Berlin übertragen. 1992 folgten Rufe auf Lehrstühle in Basel, Oldenburg und Potsdam, wo sie von 1993 bis 1998 lehrte. 1998 übernahm sie den Lehrstuhl für Neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Von 2004 bis 2010 war sie Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Seit 2012 ist sie Teilprojektleiterin im Frankfurter LOEWE-Schwerpunkt „Außergerichtliche und gerichtliche Konfliktlösung“. Am 1. Oktober 2015 wurde Schorn-Schütte emeritiert.

ArbeitsschwerpunkteBearbeiten

Fünf Schwerpunkte prägen die historiographische Arbeit von Schorn-Schütte:

Die Publikationen von Schorn-Schütte verteilen sich gleichmäßig auf diese Themengebiete. Im Vordergrund steht dabei zum einen die Konstitution der protestantischen Geistlichkeit in der Frühen Neuzeit als distinkte gesellschaftliche Gruppe mit eigenem sozialem, ökonomischem und intellektuellem Profil. Insbesondere trug Schorn-Schütte wesentlich dazu bei, den Beitrag lutherischer Pfarrer und Theologen zur politischen Ideengeschichte Europas (politica christiana) genauer zu klären. Die Prediger, so zeigt sich, entwickelten eine eigenständige Auffassung vom Funktionieren des Gemeinwesens und waren durchaus willens und in der Lage, ihre Positionen kritisch und konfrontativ gegenüber den Obrigkeiten zu behaupten.

Zum anderen widmet sich Schorn-Schütte regelmäßig Fragen nach der historischen Entwicklung und dem gegenwärtigen Stand der Geschichtswissenschaften. In historiographiegeschichtlichem Zugriff leistete sie wesentliche Beiträge zur Erhellung der Vorgeschichte aktueller kulturhistorischer Forschungsparadigmen, insbesondere durch zahlreiche Arbeiten über die Geschichtswissenschaft am Ende des 19. Jahrhunderts. Daraus ergaben sich außerdem zahlreiche kritische und weiterführende Überlegungen dazu, wie von der Warte kulturgeschichtlicher Forschung aus die klassische Ideen- sowie Politikgeschichte weitergeführt und erneuert werden könnte. Das Internationale Graduiertenkolleg „Politische Kommunikation von der Antike bis ins 20. Jahrhundert“[1], das unter ihrer Leitung in Frankfurt am Main angesiedelt ist, ist – in methodischer Hinsicht – das Ergebnis dieser international ausgerichteten Bemühungen zur Neupositionierung einer ideen- und kulturhistorisch abgesicherten Politikforschung. Entsprechendes gilt für die Positionierung des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“[2], dessen Hauptforscherin Schorn-Schütte seit dessen Einrichtung 2007 ist.

Mitgliedschaften (Auswahl)Bearbeiten

Stipendien und EhrungenBearbeiten

  • Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes 1974–1976
  • Heisenberstipendium der DFG 1992/93
  • Forschungssemester finanziert durch die Gerda-Henkel-Stiftung WS 1997/98
  • Forschungsfreijahr finanziert durch die DFG WS 2007/08 und SS 2008
  • Seniorfellow des Wissenschaftskollegs der Alfried-Krupp-Stiftung Greifswald WS 2008/09
  • Senior Fellowship am Humanwissenschaftlichen Kolleg der Goethe-Universität in Bad Homburg WS 2010/11
  • Gastprofessur an der Universität Padua WS 2011/12
  • Senior Fellowship der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Februar und März 2012
  • Opus-Magnum-Förderung durch die VW-Stiftung (Forschungsfreijahr Oktober 2013 bis September 2014)
  • Ehrung beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue am im Januar 2016
  • Wahl in den Akademierat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (für zunächst vier Jahre ab 1. April 2017)
  • Seniorfellowship des Polish Institute of Excellenz (PIASt), Warschau (Coronabedingt 2021 nicht angetreten)

Zum 60. Geburtstag von Schorn-Schütte veranstalteten Renate Dürr (Universität Kassel), Gisela Engel (Universität Frankfurt) und Johannes Süßmann (ebenfalls Universität Frankfurt) am 27. Februar 2009 in Frankfurt am Main ein Ehrenkolloquium.

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

als Autorin:

  • Karl Lamprecht. Kulturgeschichtsschreibung zwischen Wissenschaft und Politik. Göttingen 1984, ISBN 3-525-35919-5 (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 22).
  • Evangelische Geistlichkeit der Frühneuzeit: deren Anteil an der Entfaltung frühmoderner Staatlichkeit und Gesellschaft, dargestellt am Beispiel des Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel, der Landgrafschaft Hessen-Kassel und der Stadt Braunschweig. Gütersloh 1996, ISBN 3-579-01730-6 (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte. Band 62).
  • Karl V. Kaiser zwischen Mittelalter und Neuzeit. München 2000, 3. Auflage 2006, ISBN 3-406-44730-9 (C. H. Beck Wissen, 2130) (übersetzt als Carlo V., Rom 2002).
  • Königin Luise: Leben und Legende. München 2003, ISBN 3-406-48023-3 (C. H. Beck Wissen, 2323).
  • Historische Politikforschung. Eine Einführung. Verlag C. H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-55061-4.
  • Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung. München 1996, 7. überarbeitete Auflage 2017, ISBN 3-406-41054-5 (C. H. Beck Wissen, 2054) (übersetzt als La riforma protestante, Bologna 1998).
  • Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. Studienhandbuch 1500–1789. Paderborn 2009, 3. überarbeitete Auflage 2019, ISBN 978-3-8252-8414-5 (UTB, 8414).
  • Konfessionskriege und Europäische Expansion. Europa 1500–1648, C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60637-3.
  • Gottes Wort und Menschenherrschaft: Politisch-Theologische Sprachen im Europa der Frühen Neuzeit, C. H. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-68235-3.
    • Zusammen mit Mircea Ogrin (Hrsg.): „Über das eigentliche Arbeitsgebiet der Geschichte“. Edition des Briefwechsels zwischen Karl Lamprecht und Ernst Bernheim und Karl Lamprecht und Henri Pirenne (1878-1915), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2016, ISBN 978-3-412-02198-6.
  • Predigen über Herrschaft. Ordnungsmuster des Politischen in lutherischen Predigten Thüringens/Sachsens im 16. und 17. Jahrhundert, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-12942-8 (Gothaer Forschungen zur Frühen Neuzeit, 17).

als Herausgeberin:

  • Alteuropa oder Frühe Moderne. Deutungsmuster für das 16. bis 18. Jahrhundert aus dem Krisenbewußtsein der Weimarer Republik in Theologie, Rechts- und Geschichtswissenschaft. Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-09961-3 (= Zeitschrift für historische Forschung. Beiheft 23).
  • Das Interim 1548/50: Herrschaftskrise und Glaubenskonflikt. Gütersloh 2005, ISBN 978-3-579-01762-4 (= Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Band 203).
  • (zusammen mit Sven Tode) Debatten über die Legitimation von Herrschaft. Berlin 2006, ISBN 3-05-004207-9.
  • 125 Jahre Verein für Reformationsgeschichte. Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-05764-4 (= Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte. Band 200).
  • Aspekte der politischen Kommunikation im Europa des 16./17. Jahrhunderts.(= Beihefte zur HZ, Bd. 38), 386 S., München 2004.
  • Die Sprache des Politischen in actu. Zum Verhältnis von politischem Handeln und politischer Sprache von der Antike bis ins 20. Jahrhundert.(= Schriften zur politischen Kommunikation, 1), Göttingen 2009.

WeblinksBearbeiten

Rezensionen ihrer Werke

AnmerkungenBearbeiten

  1. Internationales Graduiertenkolleg „Politische Kommunikation von der Antike bis ins 20. Jahrhundert“ (Memento vom 19. Juli 2012 im Internet Archive).
  2. Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“.
  3. Internationales Graduiertenkolleg (Memento vom 23. Februar 2010 im Internet Archive).
  4. Wissenschaftlicher Beirat des Gutenberg Forschungskollegs.
  5. filmlocation-mv.de: Dreharbeiten für NDR-Dokumentation in Neustrelitz (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive).