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Ludolph Brauer

Ludolph Brauer, auch August Ludolf Brauer (* 1. Juli 1865 auf dem Rittergut Hohenhaus, Landkreis Thorn; † 25. November 1951 in München), war ein deutscher Internist und Pulmologe. Er gilt als einer der Wegbereiter der deutschen Luftfahrtmedizin.

LebenBearbeiten

Ludolph Brauer war der Sohn eines Landwirts und Enkel eines Bremer Reeders[1] und von Josephine Chopard aus New Orleans. Er studierte Medizin in Bonn, in Marburg, München und Freiburg im Breisgau, wo er 1892 promoviert wurde (Über die Elephantiasis congenita). Im Studium wurde er Mitglied des Corps Hansea Bonn.[2] Nach der Promotion war er Assistent von Wilhelm Heinrich Erb in Heidelberg, bei dem er sich 1897 für Innere Medizin habilitierte (Über den Einfluß von Quecksilber auf das Nervensystem des Kaninchens). 1902 wurde er Direktor der Medizinischen Poliklinik in Marburg und 1903 ordentlicher Professor in Marburg und Direktor der Medizinischen Klinik. 1911 wurde er Direktor des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf in Hamburg. Im Ersten Weltkrieg war er als beratender Internist in Polen, Palästina und der Türkei.

Brauer war von 1919 bis zur Emeritierung 1934 ordentlicher Professor in Hamburg und daneben weiter Ärztlicher Direktor des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf. 1927 wurde sein der Tuberkulose-Forschungsansalt angegliedertes Institut für medizinische Forschung auf dem Gebiet der Luftfahrt gegründet. 1931 wurde es als selbständiges Institut für Luftfahrtmedizin und Klimaforschung ins Vereinsregister eingetragen. Brauer wurde im Jahr 1932 zum Mitglied der Gelehrtenakademie Leopoldina gewählt.

1933 begrüßte Brauer als Prorektor der Hamburger Universität die Kanzlerschaft Hitlers[3]:

„Wir bekennen uns zu unserem kraftvollen Reichskanzler Adolf Hitler [...]. Wir haben des Mannes, der uns von der deutschen Zwietracht erlösen sollte, sehnsüchtig geharrt. Nun ist er erstanden. Freudig wollen wir ihm dienen. ... In diesen hohen Idealen werden unsere deutschen Universitäten zu allen Zeiten dastehen, weil es Deutsche sind, die an ihnen walten.“

Brauer, 1. Mai 1933, Tag der nationalen Arbeit.

Im November 1933 unterzeichnete er das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und zum nationalsozialistischen Staat. Zuvor waren Vorwürfe gegen Brauer erhoben worden. Brauer hätte 1931 als Rektor einen Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes wegen Verbreitens antisemitischer Schriften offiziell verwarnt. Er habe jüdische Assistenten bevorzugt, jüdische Rechtsanwälte beschäftigt und vor 1933 die Gründung völkischer Dozentenvereinigungen bekämpft. Brauer verfüge über gute Beziehungen zu Sozialdemokraten, namentlich Max Brauer und Senator Heinrich Eisenbarth, und sei Mitglied einer Logenvereinigung. Die Hamburger Ärztekammer erstellte eine Beurteilung, in der es hieß:

„Professor Brauer [...] war immer national eingestellt, aber ein ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus. [...] Nach der Machtergreifung hat er sich konsequent gegen alle unsere Maßnahmen gestellt und Sabotage zu treiben versucht. [...] Einer der übelsten Reaktionäre, die wir in Hamburg haben.[4]

Brauer musste den Dienst im Alter von 68 Jahren quittieren und verzieh seinen Hamburger Kollegen nie, dass sie sich 1933/34 nicht mit ihm solidarisiert hatten. Unter Mitnahme der von ihm gegründeten Deutschen Forschungsanstalt für Tuberkulose e. V. übersiedelte er nach Wiesbaden und gründete dort das Forschungsinstitut für allgemeine Medizin, das bioklimatische Forschungen betrieb, sowie das Forschungsinstitut für Arbeitsgestaltung, Altern und Aufbrauch e. V.[5] Er wird als "Vorstand" des Instituts bezeichnet[6]. Die Deutsche Arbeitsfront war Träger dieses Instituts.[7]

1947 wurde er Direktor des Tuberkulose-Forschungsinstituts München, das später den Namen Ludolph-Brauer-Institut erhielt.

Er war Ehrendoktor in Córdoba, Shanghai und Bonn und hatte eine Ehrenprofessur in Istanbul. 1944 erhielt er die Goethe-Medaille.

Seine Kinder waren die Kunsthistoriker Heinrich (1900–1981) und Elisabeth Brauer (* 1902), die 1935 den Kunsthistoriker Ludwig Heinrich Heydenreich heiratete.

Wissenschaftliche BedeutungBearbeiten

Brauer war einer der führenden deutschen Herz- und Lungenchirurgen und einer der Begründer der modernen Herz- und Lungenfunktionsdiagnostik durch Untersuchung der Leistungsgrenzen von Herz, Lunge und Muskulatur. Er gilt als Entwickler der Überdrucknarkose und Begründer der Lungenkollapstherapie bei Tuberkulose (der Begriff Kollapstherapie stammt von ihm). Er führte dazu die von Carlo Forlanini entwickelte, heute überholte Technik des künstlichen Pneumothorax zur Behandlung von Lungentuberkulose in Deutschland ein. Außerdem lieferte er Pionierarbeiten auf dem Gebiet der Thorax-Chirurgie mit Hilfe des Druckdifferenzverfahrens (Überdruckatmung). Er führte mit Paul Friedrich erstmals paravertebrale subscapuläre Thorakoplastik aus (heute nicht mehr gebräuchlicher künstlich herbeigeführter Kollaps des Lungenflügels bei fortgeschrittener Tuberkulose) und entwickelte die Cardiolyse (Aufhebung der Verwachsung zwischen Herz und Brustbein). Von ihm stammen wichtige Arbeiten zur Funktion des Herzbeutels und zum Pneumothorax.

Außerdem forschte er zu Nervenkrankheiten, Infektionskrankheiten wie der Ruhr, Diäten, Herz-, Lungen- und Lebererkrankungen.

Militärische ForschungBearbeiten

Brauer war ein Vorreiter von Forschung in militärischer Luftfahrtmedizin und Höhenmedizin. Seine Aktivitäten begannen bald nach dem Ersten Weltkrieg. Der Versailler Vertrag hatte eine deutsche Luftwaffe offiziell verboten, doch wurde seit 1925 vertragswidrig in der Sowjetunion geflogen. Folglich nannte er sein Institut zunächst (1927) "Institut für medizinische Forschung auf dem Gebiet der Luftfahrt", baute es bis 1931 aus und trug es dann unter "Institut für Luftfahrtmedizin und Klimaforschung" ins Vereinsregister ein. Brauer verfügte aus seiner medizinischen Praxis und der Tbc-Forschung in Eppendorf über zwei für ärztliche Zwecke öffentlich finanzierte Dekompressionskammern. Während eine davon weiterhin bestimmungsgemäß für allgemeine medizinische Aufgaben diente, verwendete er die 2. Kammer nun für "Arbeitsmedizin, Sportmedizin, Höhenphysiologie" und gab damit in der Öffentlichkeit an[8]:

„(Meine Versuchsanlage ist in ihrer) Großzügigkeit und vielseitigen Verwendbarkeit in Deutschland einzigartig und für Luftfahrtmedizin, Hochtourismus, Meteorologie, Messtechnik gleich bedeutungsvoll“

Brauer, Acta Aerophysiologica 1933–1934, S. 5–13, hier S. 13

Die Untersuchungen Brauers bezogen sich ausschließlich auf Fliegertauglichkeit; entsprechend habilitierte Heinz von Diringshofen sich bei ihm auf diesem Gebiet.

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

  • Das Auftreten der Tuberkulose in Cigarrenfabriken. A. Stuber, Würzburg 1903.
  • Die Kardiolysis und ihre Indicationen. In: Archiv für klinische Chirurgie. Band 71, 1903, S. 258–267.
  • Ohne Titel: Antrittsvorlesung Marburg 1905 Seite 1[9], in Deutsche Medizinische Wochenschrift, Jg. 45, S. 1–16.
  • Über Pneumothorax. Koch, Marburg 1906.
  • Ludolph Brauer, Franz Maximilian Groedel et al.: Grundriss und Atlas der Röntgendiagnostik in der inneren Medizin. 2. Auflage, Lehmanns, München 1914.
  • (Hrsg.): Der Tuberkulose-Fortbildungskurs des Allgemeinen Krankenhauses Hamburg-Eppendorf. Curt Cabitzsch, Würzburg 1913 (Band 1), 1914 (Band 2)
  • mit Georg Schröder, Felix Blumenfeld (Hrsg.): Handbuch der Tuberkulose. 3. umgearb. Auflage, Barth, Leipzig 1923.
  • The surgical treatment of pulmonary tuberculosis. Summary and conclusions. [Deutsche Forschungs-Anstalt für Tuberkulose, Hamburg 1928]
  • mit Alexander Loery: Die röntgenologische Darstellung der Bronchien mittels Kontrastfüllung. Leipzig 1928.
  • Das Institut für Luftfahrtmedizin und Klimaforschung am Eppendorfer krankenhaus zu Hamburg.
  • Die wissenschaftlichen Grundlagen der Lungenkollapstherapie. Hamburg 1930.
  • mit Joachim Hein, Wilhelm Kremer, Ferdinand Sauerbruch, Walter Schmidt: Kollapstherapie der Lungentuberkulose. Thieme, Leipzig 1938.
  • mit Hubertus Strughold, Hermann Rein (Hrsg.): Zeitschrift Luftfahrtmedizin. ISSN 0368-7651

LiteraturBearbeiten

  • Viktor Harsch: Ludolph Brauer, German aeromedical pioneer. In: Aviat Space Environ Med 75, 2004, S. 705–707.
  • Viktor Harsch: Das Institut für Luftfahrtmedizin in Hamburg-Eppendorf, 1927–1945. Rethra, Neubrandenburg 2003.
  • Hugo Wilhelm Knipping, Helmut Venrath: Brauer, August Ludolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 2, Duncker & Humblot, Berlin 1955, ISBN 3-428-00183-4, S. 540 f. (Digitalisat).
  • Axel W. Bauer: Brauer, August Ludolf. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 207.
  • Claudia Bedenbecker: Ludolph Brauer (1865–1951) als Internist und Wissenschaftsreformer. Dissertation Universität Hamburg 2014 (Digitalisat).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Axel W. Bauer: Brauer, August Ludolf. 2005, S. 207.
  2. Kösener Korps-Listen 1960, 11/282.
  3. Universität Hamburg – Zur Geschichte der Hamburger Universität: Das Versagen der Universität im „Dritten Reich“; Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte BfUG; teilw. in: Angela Bottin, Rainer Nicolaysen: Enge Zeit. Spuren Vertriebener und Verfolgter der Hamburger Universität. Reihe: Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 11. [Zuerst Ausstellungskatalog, Hamburg 1991]. Berlin 1992, S. 29.
  4. Zitiert nach Hendrik van den Bussche (Hrsg.): Medizinische Wissenschaft im 'Dritten Reich' – Kontinuität, Anpassung und Opposition an der Hamburger Medizinischen Fakultät (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 5) Berlin und Hamburg 1989, ISBN 3-496-00477-0, S. 57.
  5. Hendrik van den Bussche (Hrsg.): Medizinische Wissenschaft im 'Dritten Reich'. Berlin und Hamburg 1989, ISBN 3-496-00477-0, S. 57–58.
  6. L. B. mit Wilhelm Wolf: Einführung in die Spirographie und Ergometrie in: Beiträge zur Klinik der Tuberkulose und spezifischen Tuberkulose-Forschung, Jg. 94, H. 6, Mai 1940 Quelle: Titelblatt des Aufsatzes
  7. "Aufbrauch" im Titel des Instituts soll eine "deutsche" Umschreibung für das Rentenalter sein, der Sprachpolitik des NS entsprechend.
  8. die genannte Zs. des Brauer, zusammen mit den Nationalsozialisten Strughold und Hermann Rein herausgegeben, hieß von 1936/37 bis 1944 "Luftfahrtmedizin".
  9. Weitere Seiten sind kostenpflichtig.