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Litfaßsäule

Anschlagsäule für Plakate
Zeitgenössische Lithographie zur ersten
Berliner Litfaßsäule

Eine Litfaßsäule ist eine auf dem Gehweg von Straßen aufgestellte Anschlagsäule, an die Plakate geklebt werden. Sie wurde vom Berliner Drucker Ernst Litfaß erfunden und im Jahr 1854 erstmals verwirklicht. Die runde Säule zählt zum Bereich der Außenwerbung. Unterschieden wird zwischen einer Allgemeinstelle[1] (Litfaßsäule mit mehreren Werbetreibenden gleichzeitig) und einer Ganzsäule (oder Ganzstelle; Litfaßsäule mit einem Werbetreibenden)[2].

Idee und EntwicklungBearbeiten

Die Idee, Plakatsäulen aufzustellen, entstand, um der damals um sich greifenden Wildplakatierung entgegenzuwirken. Litfaß schlug dem Polizeipräsidenten von Berlin, Karl Ludwig von Hinkeldey vor, überall in der Stadt Säulen aufzustellen, an denen die Menschen ihre Plakate anhängen konnten. Nach jahrelangen Verhandlungen erhielt Litfaß am 5. Dezember 1854 die erste Genehmigung für seine „Annoncier-Säulen“. Er bekam von der Stadt Berlin ein bis 1865 gültiges Monopol für die Aufstellung seiner Säulen.

Die Genehmigung war mit der Auflage verbunden, auch die neuesten Nachrichten an den Säulen zu publizieren. Im Jahre 1855 wurden die ersten 100 Annonciersäulen in Berlin aufgestellt und dem Erfinder zu Ehren Litfaßsäulen genannt. Im Jahre 1865 wurden weitere 50 Säulen aufgestellt. Sowohl die Behörden als auch die Werbekunden erkannten schnell die Vorteile des neuen Werbemediums: Von staatlicher Seite war eine vorherige Zensur der Inhalte möglich. Werbekunden konnten sich darauf verlassen, dass ihre Plakate auch wirklich für die gesamte gemietete Zeit ohne Überklebungen zu sehen sein würden.

Weitere Verwendung der SäulenBearbeiten

Während der Kriegsjahre 1870/71 wurden hier die ersten Kriegsdepeschen veröffentlicht. Nach Verbreitung der Telefonie bekamen die Litfaßsäulen zusätzliche Funktionen wie Telefonkabelverzweiger oder Transformatorenstation durch Nutzung des Innenraumes des Hohlzylinders.

Der 1855 geschaffene Werbeträger verbreitete sich rasch in europäische Nachbarländer, später auch in die ganze Welt. Seine Bauweise wurde den jeweiligen Bautrends angepasst, und auch Architekten entwarfen ihre Formen.

Ende 2005 gab es nach Angaben des Fachverbandes Außenwerbung etwa 51.000 Litfaßsäulen in Deutschland. Auch im Berliner Stadtbild sind Litfaßsäulen weiterhin präsent. Bis zum Jahr 2019 standen hier genau 2.548 Säulen.

 
Eine Litfaßsäule in Wien

In Wien existieren zahlreiche Litfaßsäulen im Bereich des gedeckt verlaufenden Wienflusses, um die dort als Notausstieg aus der Tiefe führenden steinernen Wendeltreppen zu überdachen und sie vor unbefugtem Betreten zu schützen. Die Litfaßsäulen sind mit einer Tür versehen, welche sich von außen nur mit einem Schlüssel, von innen jedoch auch ohne öffnen lässt.

Eine weitere Verwendung der Litfaßsäulen wird seit 2015 in Nürnberg praktiziert: Im Innenraum befinden sich öffentliche Toiletten, die für eine geringe Gebühr von jedermann benutzt werden können.[3]

BauweiseBearbeiten

Die Grundform wurde mit einem Durchmesser von etwa 1,4 m (Umfang 3,60–4,30 m) und einer Höhe von 2,60–3,60 m als hohle Rundsäule konzipiert, wodurch die Plakate beliebige Größe aufweisen konnten und niemand etwas um die Ecke ankleben oder lesen musste. Sie waren meist aus Eisenblech, später kamen auch Beton und Kunststein zur Anwendung, mit einem breiten Standfuß und einer Rundhaube, deren Rand manchmal verziert war. Statt einer Haube kann die Säule auch mit einer geraden Platte abgeschlossen werden, auf die dann weitere Werbemittel platziert werden können.

Seit den 1990er gibt es sich nach innen öffnende Säulen, die Pillar genannt werden. Im Innenraum sind Terminals oder Telefone installiert. Diese Stadtmöbel setzen damit die Tradition der Funktion als direkte Dienstleistung fort. Außerdem werden zunehmend Versionen verwendet, bei denen sich der eigentliche Werbeträger unter einer Plexiglasscheibe um die eigene Achse dreht und beleuchtet ist. Diese werden vor allem an Ampelkreuzungen verwendet, um noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, was allerdings die Achtsamkeit der Verkehrsteilnehmer wiederum einschränkt.

Das Schicksal der Berliner LitfaßsäulenBearbeiten

Seit Anfang der 1990er Jahre hatte der Senat von Berlin, seit dem Mauerfall für ganz Berlin zuständig, mit der Firma Wall AG einen bis Ende 2019 gültigen Betreibervertrag für alle Litfaßsäulen abgeschlossen, wofür dieser die Werbeeinnahmen größtenteils behalten konnte, aber für die Sauberkeit und das stetige Funktionieren der Säulen zuständig war. Der Betreiberwechsel zu einer Stuttgarter Firma führte zu der Planung, dass alle alten Säulen abgebaut und durch etwa 1.500 neue Modelle, dicker und beleuchtet, teils an anderen Standorten, ersetzt werden. Um die Tradition jedoch zu erhalten, sollten 50 historische Litfaßsäulen unter Denkmalschutz gestellt werden.[4] Bis Juni 2019 ergab die Prüfung durch das Landesdenkmalamt, dass 24 Säulen schützenswert sind, dazu gehören 6 Säulen im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, 5 Säulen im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, 4 Säulen im Bezirk Mitte und je 3 Säulen in Pankow und Reinickendorf, alle sind Bestandteile von größeren Denkmalbereichen. Die wahrscheinlich älteste erhaltene Litfaßsäule steht am Hackeschen Markt und wurde um das Jahr 1900 errichtet. Die Jüngste ist ein Nachbau, der 1987 für das Nikolaiviertel in Mitte hergestellt wurde – beide bleiben nun stehen.[5]

SchreibweiseBearbeiten

Auch nach den neuen Rechtschreibregeln wird das Wort Litfaßsäule mit ß geschrieben, obwohl diesem ein kurzer Vokal vorausgeht, weil es sich beim ersten Wortbestandteil (Litfaß) um einen Eigennamen handelt und die Schreibung von Namen nicht den Rechtschreibregeln unterliegt. Diese Regel gilt auch häufig bei Schloßstraßen oder Schloßbrücken.

 
125 Jahre Litfaßsäule, Berlin 1979

WürdigungenBearbeiten

Bereits im Jahr 1979 würdigte die Deutsche Bundespost Berlin die Litfaßsäule mit einer Sonderbriefmarke (siehe Bild).

Anlässlich des 150-Jahre-Jubiläums der Litfaßsäule im Jahr 2005 wurde eine weitere Sonderbriefmarke mit dem Motiv der Litfaßsäule herausgegeben.

Außerdem gab es eine Plakatkampagne des FAW (Fachverband Aussenwerbung e. V.).

BildergalerieBearbeiten

In chronologischer Reihenfolge

LiteraturBearbeiten

  • Steffen Damm: Ernst Litfaß und sein Erbe. Eine Kulturgeschichte der Litfaßsäule. Borstelmann & Siebenhaar, Berlin 2005, ISBN 3-936962-22-7.
  • Volker Ilgen: Am Anfang war die Werbung. Illustrierte Reklamegeschichte. Primus-Verlag, Darmstadt 2006, ISBN 3-89678-284-3.
  • Sabine Reichwein: Die Litfaßsäule. Die 125jährige Geschichte eines Straßenmöbels aus Berlin. Presse- und Informationsamt, Berlin 1980, (Berliner Forum Jg. 1980, Heft 5, ISSN 0523-0144).
  • Manfred Orlick: Werbekönig von Berlin. In Ossietzky, 19. Jg., Heft 3 / 2016, 30. Januar 2016, S. 106/107, online bei sopos.org.
  • Peter Payer: Die Säulen des Herrn Litfaß. In: Peter Payer: Blick auf Wien. Kulturhistorische Spaziergänge. Czernin Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-7076-0228-9.
  • Verena Mayer: Das Verwinden der Litfaßsäulen aus den Städten. In: Süddeutsche Zeitung, Wochenendausgabe vom 23./24. März 2019, Nr. 70, S. 57

WeblinksBearbeiten

 Wiktionary: Litfaßsäule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Commons: Litfaßsäulen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Darstellung zu einer Allgemeinstelle auf stroeer.de, abgerufen am 9. Juli 2019.
  2. Fachverband Außenwerbung mit einer Kurzdarstellung zur Ganzsäule, abgerufen am 9. Juli 2019.
  3. dpa-infocom GmbH: Erste Litfaßsäulen-Toilette in Nürnberg. In: welt.de. 25. November 2015, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  4. Thomas Loy: 2500 Berliner Litfaßsäulen werden abgebaut. In: Der Tagesspiegel. 30. Januar 2019, abgerufen am 30. Januar 2019.
  5. Die 24 letzten ihrer Art, in: Berliner Zeitung, 9. Juli 2019., S. 12.