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Les Misérables (2019)

Filmdrama von Ladj Ly aus dem Jahr 2019

Les Misérables ist ein französisches Filmdrama von Ladj Ly, das am 15. Mai 2019 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere feierte und dort im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrierte. Am 20. November 2019 soll der Film in die französischen Kinos kommen.

Filmdaten
OriginaltitelLes Misérables
ProduktionslandFrankreich
OriginalspracheFranzösisch
Erscheinungsjahr2019
Länge103 Minuten
Stab
RegieLadj Ly
DrehbuchLadj Ly,
Giordano Gederlini,
Alexis Manenti
KameraJulien Poupard
SchnittFlora Volpière
Besetzung

HandlungBearbeiten

Der Polizist Stéphane, ein sanftmütiger alleinerziehender Vater, ist gerade zur Einheit der Verbrechensbekämpfung in Montfermeil, einer französischen Gemeinde im Département Seine-Saint-Denis und einem Vorort von Paris, versetzt worden. Die Spannungen zwischen den Banden in dieser Gegend sind hoch. An seinem ersten Arbeitstag soll er die Arbeit und das Viertel vom Rücksitz eines Peugeots kennenlernen. Eingewiesen wird er von zwei erfahrenen Mitgliedern des Teams, dem aggressiven und leicht psychotischen Chris und seinem ruhigen Partner Gwada. Sie versuchen den Frieden in diesem benachteiligten multikulturellen Viertel aufrechterhalten. Bei ihrer Arbeit müssen sie nicht nur mit Schulkindern Gespräche führen, sondern auch mit der Muslimbruderschaft und einem Gangster, der sich selbst zum Bürgermeister von Montfermeil ernannt hat. Kriminelle und Polizisten kennen sich hier bestens, und solange niemand die Nerven verliert, können sie miteinander.

Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen, als der Diebstahl von „Little Johnny“ gemeldet wird, einem jungen Löwen. Als Stéphane und seine Kollegen den minderjährigen Löwendieb Issa festnehmen wollen, sich dabei aber gegen eine Horde Steine werfender Kinder zur Wehr setzen müssen, wird der Junge durch eines ihrer Gummigeschosse schwer verletzt. Das alles hat ein anderer Junge von einem Dach aus mit einer Drohne gefilmt. Die Polizisten versuchen alles, um an die Speicherkarte zu kommen und so die Tat zu vertuschen. Gleichzeitig müssen sie auch den jungen Löwen finden. Stéphane erlebt einen moralischen Konflikt und weiß nicht, ob er seinen neuen Teamkollegen zur Seite stehen oder ihnen doch besser Handschellen anlegen soll.

HintergrundBearbeiten

Der Film ist von den Unruhen von 2005 inspiriert, von denen auch Montfermeil betroffen war, wo in diesem Jahr zwei Jungen auf der Flucht vor der Polizei starben und es im Frühjahr 2006 zu erheblichen Übergriffen kam, bei denen mit Baseballschlägern bewaffnete Jugendliche das Wohnhaus des UMP-Bürgermeisters Xavier Lemoine mit Steinen bewarfen. Die Vorstadtunruhen zählen zu den schlimmsten, die Frankreich je erlebte. Knapp 3.000 Menschen wurden festgenommen, mehr als 8.000 Autos gingen in Flammen auf.[1] Wegen der Unruhen hatte die französische Regierung beschlossen, Montfermeil besonders zu fördern.

Die Geschichte ist in diesem Pariser Vorort angesiedelt, der seinen besonderen Platz in der französischen Geschichte hat, da in Montfermeil auch der Roman Die Elenden (Originaltitel Les Misérables) von Victor Hugo spielt, hat jedoch außer dem gemeinsamen Schauplatz nichts gemeinsam.[2] Dennoch werden die Ähnlichkeiten zwischen der heutigen wütenden Jugend und dem kleinen Gavroche vor 150 Jahren nur allzu deutlich.[3]

ProduktionBearbeiten

 
Damien Bonnard bei der Premiere des Films im Mai 2019 in Cannes

Der Filmemacher Ladj Ly ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt aus Mali. Er veröffentlichte 2007 seinen ersten Dokumentarfilm 365 jours à Clichy-Montfermeil über die Gewalt, die sich damals in den Pariser Vororten entlud.[4][5] 2008 hatte er eher zufällig einen brutalen Polizeieinsatz gefilmt, und die Polizisten wurden aufgrund seiner Bilder später verurteilt.[6] Er wollte bereits in diesem Film die menschlichen Geschichten aufzeigen und weniger einen einfachen Bericht im Nachrichtenstil.[7]

Ly lässt seinen Film mit einer aufwühlenden Szene und einem Zitat aus Hugos Werk enden: „Merkt Euch, Freunde! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner“.[6] Zu den Parallelen seines Films und dem Roman erklärte Ly, er habe über das Elend und die bittere Armut sprechen wollen, die 100 Jahre nach Hugos Werk noch immer in den Vororten herrschen. So sei sein Film auch als eine Warnung an die Politiker gedacht. Vor 10–15 Jahren habe es in den Vorstädten schon einmal Ausschreitungen gegeben, doch seitdem habe sich nichts verändert. Jetzt lebe dort eine neue Generation, um die man sich bemühen müsse.[8]

Ly hat sein Erstlingswerk vor allem mit Menschen aus Montfermeil gedreht[6], mit professionellen Schauspielern und Laienschauspielern. Damien Bonnard spielt den Polizisten Stéphane, Alexis Manenti und Djibril Zonga seine neuen Kollegen Chris und Gwada. Issa Perica spielt Issa, der das Löwen-Baby der Zirkusfamilie geklaut hat.[5] Jeanne Balibar hat im Film einen Cameo-Auftritt als Polizeichefin.[9]

Der Film feierte am 15. Mai 2019 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes seine Premiere und konkurrierte dort im Wettbewerb um die Goldene Palme. Im Juni 2019 wurde er beim Sydney Film Festival vorgestellt.[10] Ende Juni und Anfang Juli 2019 wurde er beim Filmfest München in der Sektion Spotlight gezeigt.[11] Ende Juli und Anfang August 2019 wurde er beim Jerusalem Film Festival gezeigt, hiernach beim Melbourne International Film Festival.[12] Im September 2019 soll der Film beim Toronto International Film Festival im Rahmen der Sektion Contemporary World Cinema gezeigt und im gleichen Monat im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig vorgestellt werden.[13] Am 31. Oktober 2019 soll der Film in die spanischen und am 20. November 2019 in die französischen Kinos kommen. Ein Kinostart in Deutschland ist am 23. Januar 2020 geplant.[14]

RezeptionBearbeiten

KritikenBearbeiten

Ulrike Koltermann von ZDF heute schreibt, der Film sei eine gelungene Mischung aus chaotischem Vorstadtleben, derbem Polizistenhumor und erschreckender Gewalt, die plötzlich aufflammt.[6]

Nicholas Barber von der Kulturredaktion der BBC schreibt, Ladj Ly erweise sich als erfahrener Stadtführer von Montfermeil und zeige dem Zuschauer die überfüllten Wohnungen und die weitläufigen Straßenmärkte, den Bauschutt, zwischen dem die Jugendlichen Fußball spielen, und die Kebab-Läden, die die Erwachsenen als Konferenzräume nutzen. Auch die Beziehung zwischen den drei Polizisten sei gekonnt gezeichnet. Gerade wenn man denke, die Geschichte steuere auf ein naheliegendes Ende zu, gebe es eine wilde Explosion in der Handlung, die zwar höchst unplausibel, aber so schockierend, aufregend und politisch faszinierend ist, dass sie den Film auf eine andere Ebene hebe. Lys Debütfilm sei sicherlich beeindruckend, doch fragt sich Barber, ob er nicht großartig hätte sein können, wenn die letzten paar Minuten voller Adrenalin das Herzstück der Handlung gewesen wären, und nicht das Ende.[9]

Michael Meyns von der Gilde deutscher Filmkunsttheater schreibt, der Film bediene sich einer holprigen Dramaturgie und überzeuge vor allem durch seine Wucht und seine semi-dokumentarischen Qualitäten. Als soziologische Studie über die schwierigen Strukturen eines Pariser Banlieues sei das zwar etwas dünn, als wuchtiges, engagiertes Pamphlet jedoch von großer Kraft, so Meyns.[15]

AuszeichnungenBearbeiten

Der Film befindet sich in einer Vorauswahl für den Europäischen Filmpreis 2019.[16][17] Les Misérables wurde von Frankreich als Beitrag für die Oscarverleihung 2020 in der Kategorie Bester Internationaler Film eingereicht.[18] Im Folgenden weitere Auszeichnungen und Nominierungen:

Durban International Film Festival 2019

  • Auszeichnung als Bester Spielfilm (Ladj Ly)
  • Auszeichnung für das Beste Drehbuch (Ladj Ly)[19]

European Film Festival Palić 2019

  • Auszeichnung als Bester Film mit dem Golden Tower (Ladj Ly)
  • Auszeichnung mit dem FIPRESCI-Preis als Bester Film (Ladj Ly)[20]

Festival des amerikanischen Films 2019

  • Auszeichnung mit dem Michel d'Ornano Award (Ladj Ly)

Internationale Filmfestspiele von Cannes 2019

  • Nominierung für die Goldene Palme (Ladj Ly)
  • Nominierung für die Goldene Kamera (Ladj Ly)
  • Auszeichnung mit dem Preis der Jury
  • Auszeichnung mit dem Prix de la citoyenneté attribué[21][22]

Jerusalem Film Festival 2019

  • Nominierung für den Gabriel Sherover Foundation Award – Best International Film (Ladj Ly)
  • Auszeichnung als Bester Internationaler Film mit dem Jerusalem Foundation Award (Ladj Ly)[23][24]

WeblinksBearbeiten

  Commons: Les Misérables – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Christian Jungen: Filmfestspiele von Cannes: Das sind die neuen Talente des Autorenkinos. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. Mai 2019.
  2. Verena Lueken: Neue Filme in Cannes: Eine nahe schlimme Zukunft weit entfernt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 2019.
  3. Nancy Tartaglione: Ladj Ly’s 'Les Misérables' Is Rare Competition Debut For A Feature First-Timer — Cannes Ones To Watch. In: deadline.com, 16. Mai 2019.
  4. http://www.allocine.fr/film/fichefilm_gen_cfilm=143863.html
  5. a b Konrad Kögler: Les Misérables. In: daskulturblog.com, 30. Juni 2019.
  6. a b c d Ulrike Koltermann: Beeindruckender Erstlingsfilm. Les Misérables: Polizeigewalt in Pariser Vorstadt. In: zdf.de, 16. Mai 2019.
  7. https://www.arte.tv/de/videos/087555-006-A/les-miserables-interview-mit-ladj-ly/
  8. https://www.arte.tv/de/videos/090118-000-A/filmfestspiele-cannes-les-miserables-von-ladj-ly/
  9. a b Nicholas Barber: Cannes 2019 review: Les Misérables. In: bbc.com, 16. Mai 2019.
  10. Les Misérables. In: sff.org.au. Abgerufen am 28. Juni 2019.
  11. Les Misérables. In: filmfest-muenchen.de. Abgerufen am 6. Juli 2019.
  12. Les Misérables. In: miff.com. Abgerufen am 9. Juli 2019.
  13. Marc Mensch: Viel Neues auf der Filmkunstmesse. In: Blickpunkt:Film, 20. August 2019.
  14. Starttermine Deutschland In: insidekino.com. Abgerufen am 29. Juni 2019.
  15. https://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/les-miserables/
  16. Jochen Müller: Lola-Abräumer in Vorauswahl für Europäischen Filmpreis. In: Blickpunkt:Film, 20. August 2019.
  17. EFA Feature Film Selection. In: europeanfilmawards.eu. Abgerufen am 20. August 2019.
  18. Elsa Keslassy: Ladj Ly’s Cannes Prize-Winner 'Les Miserables' Is France’s Oscar Submission. In: Variety, 20. September 2019.
  19. https://www.iol.co.za/entertainment/movies/news/durban-international-film-festival-announces-award-winners-29767330
  20. Davide Abbatescianni: European Film Festival Palić announces its award winners. In: cineuropa.org, 29. Juli 2019.
  21. Jenny Jecke: Filmfestspiele Cannes: Das sind die Gewinner des Festivals 2019. In: moviepilot.de, 25. Mai 2019.
  22. Stéphane Leblanc: Festival de Cannes: Queer Palm, Palm Dog, Prix Un Certain regard... Qui a remporté quoi? In: 20minutes.fr, 25. Mai 2019.
  23. International Competition In: jff.org.il. Abgerufen am 24. Juli 2019.
  24. Hannah Brown: Chained and One Hundred Percent win top awards at Jerusalem Film Festival. In: The Jerusalem Post, 2. August 2019.