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Laguiole (Messer)

traditionelles französisches Taschenmesser
Traditionelles französisches Laguiole Messer, handgefertigt und geschmiedet, hier mit Griffschalen aus Wacholder, mit einer klassischen Gesamtlänge von 23 cm (12 cm Griff, 11 cm Klinge), der typischen Fliege auf dem Rücken, der 12C27-Stahlklinge, zwei Heftbacken aus Stahl und dem Hirtenkreuz
Traditionelles französisches Laguiole Messer, mit Griffschalen aus Olive.
Laguiole-Messer mit Korkenzieher und der typischen Biene

Das Laguiole ist ein traditionelles französisches Taschenmesser aus Stahl und Holzapplikationen. Es wird von verschiedenen Unternehmen u. a. in Laguiole selbst (Südfrankreich) und in Thiers (Auvergne, Zentralfrankreich) hergestellt. Das Design wurde im 19. Jahrhundert von Pierre-Jean Calmels entwickelt.

Der Name Laguiole allein kann nicht geschützt werden; er unterliegt der Gemeinfreiheit.[1] Es existieren zahlreiche Nachahmerprodukte, die zwar den Namen Laguiole tragen, aber teilweise in China oder Pakistan hergestellt sind.

GeschichteBearbeiten

Der Haupteinfluss auf die Form des klassischen Laguiole ist höchstwahrscheinlich das arabisch-spanische Spangenmesser aus Andalusien, das Navaja. Es wurde erstmals 1829 von Jean-Pierre Calmels entworfen. Die frühesten Formen des Laguiole-Messers hatten starre Klingen, das sogenannte Laguiole droit; das klassische navaja-artige Laguiole scheint um 1860 entstanden zu sein.

Calmels' Laguiole droit hatte eine "Halbverriegelung" an der Klinge, wo ein kleiner Vorsprung am Ende der Rückfeder (Mouche) Druck auf eine entsprechende Vertiefung in der Ferse der Klinge ausübt, wenn das Messer offen ist; dies und nicht das vollständige Verriegelungssystem des Navaja blieb ein fester Bestandteil der nachfolgenden Laguiole-Messer.

Saisonale Wanderungen von Hirten und Viehhirten führten im Sommer und Winter viele Männer aus dem Aubrac ins katalanische Spanien, von wo aus sie das Navaja nach Frankreich brachten.

Das arabo-hispanische Design der Navaja wurde mit dem der lokalen Messer (Laguiole droit und Capuchadou) verschmolzen. Das Ergebnis war der Klassiker Laguiole.

Im Jahr 1840 wurde die erste Ahle oder der Trokar (ein chirurgisches Instrument, das verwendet wurde, um Körperhöhlen zu punktieren und das Leiden von Rindern und anderen Tieren mit Blähungen zu lindern) zu einigen Laguiole-Messermustern hinzugefügt.

Ab 1880 wurden einige Modelle des Laguiole mit einem Korkenzieher ausgestattet, da viele Wanderarbeiter aus dem Aubrac in Pariser Restaurants kellnerten.[2][3][4][5]

CharakteristikaBearbeiten

Klinge, Heft, Ressort (Feder im Rücken des Messers), Biene etc. werden von Schmiede zu Schmiede etwas unterschiedlich verarbeitet. Im Ergebnis unterscheiden sich die Messer leicht in Form und Haptik. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche kleine Schmieden, oft Ein-Mann-Betriebe.

Die Biene/Fliege (mouche) auf dem Messerrücken (ressort = ‚Feder‘) gilt als ein Markenzeichen, ist aber traditionell nicht das einzige Motiv, sondern es gibt auch solche mit Stierköpfen oder Jakobsmuscheln usw. Sie dient nicht der Verriegelung der Klinge, sondern nur der Zierde. Weitere typische Kennzeichen sind die individuelle Verzierung des Federrückens und der Klinge mit eingeschliffenen Kerben sowie ein Kreuz, das durch Nägel gebildet wird, die um den mittleren Niet ins Heft eingeschlagen sind. Es wird erzählt, dass Hirten das Messer nachts in die Erde gesteckt haben sollen, um so vor dem Kreuz zu beten.

 
Laguiole-Tranchierbesteck

Ein Laguiole soll man nicht zuschnappen lassen, da die Klinge dann auf der Innenseite der Feder aufschlägt, sondern langsam schließen (frz.: „Ressort silencieux vivra vieux“, d. h. „Leise Feder wird lange leben“).

Als Werkstoff für die Klingen wird überwiegend Schwedenstahl von Sandvik mit der Bezeichnung 12C27, aber auch Damaststahl und Kohlenstoffstahl verwendet. Die Klingen gibt es in polierter oder satinierter Ausführung.

Laguiole-Messer sind sehr beliebte Sammlerobjekte, da es sie in vielen verschiedenen Ausführungen gibt. Verschiedenste Griffschalenbeschläge wie zum Beispiel Edelhölzer, Horn, Elfenbein oder andere – zum Teil sehr teure – Materialien werden verwendet.

Des Weiteren werden auch Essbestecke mit Messern, Gabel, Löffeln und Teelöffeln im typischen Laguiole-Design mit der Biene angeboten. Salatbestecke, größere Messer und Käse-Sets runden das Sortiment ab.

HerstellerBearbeiten

Von den derzeit ca. 130 Laguiole-Schmieden in Frankreich gibt es vier renommierte Manufakturen, die qualitativ in etwa auf einem Niveau liegen:

  • Laguiole en Aubrac[6]
  • Forge de Laguiole
  • Fontenille Pataud
  • La Coutellerie de Laguiole Honoré Durand

Während Laguiole en Aubrac, Fontenille Pataud und Honoré Durand den Schwerpunkt auf die traditionsgemäße Fertigung klassischer Laguiole-Modelle legen, ist das erst 1987 gegründete Unternehmen Forge de Laguiole eher designorientiert. Forge de Laguiole und Honoré Durand sind Schmieden, die noch direkt in Laguiole fertigen.

BedeutungBearbeiten

Das Laguiole ist ein Messer, das in seinem Kulturkreis (Zentralfrankreich) über einen sehr langen Zeitraum entwickelt wurde und für Anforderungen der Benutzer optimiert wurde. Es ist ein Archetyp wie das Opinel, das japanische Higonokami und das Messer der Sami etc.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Luc Boltanski, Arnaud Esquerre: Bereicherung. Eine Kritik der Ware. Übers. Christine Pries. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018 (Enrichissement). Kap. 12: Die Bereicherungsökonomie in der Praxis. Laguiole im Aubrac, S. 519–564

WeblinksBearbeiten

  Commons: Laguiole-Messer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Der erbitterte Streit um die Laguiole-Klinge. welt.de. 14. Oktober 2013. Abgerufen am 14. Oktober 2013.
  2. Flock, Jean-Marie, Van Osselaer, Pierre, and McHoul, Alec, Visual Identities, New York: Continuum International Publishing Group, ISBN 0-8264-4739-2 (2005), p. 151
  3. Lecoutre, Fabien, Rubat, Baptiste, Engelen, Barth, and Engelen, Cécile, Le Petit Futé La France à moto!, Paris, FR: Les Nouvelles Editions l'Université (2008), p. 540
  4. Pacella, Gérard, Couteaux de nos Terroirs, Paris: Editions de Borée - Terres Blues, ISBN 2-84494-858-8 (2005), p. 17
  5. Pierre Pelou, L'arbre et le paysage : L'itinéraire d'un postier rouergat (1907-1981), Editions L'Harmattan, 2011, p. 76
  6. https://www.holz-leute.de/warenkunde/ueber-messer/die-schmiede-laguiole-en-aubrac