Kypselos

Tyrann von Korinth

Kypselos (altgriechisch Κύψελος Kýpselos, lateinisch Cypselus) war ein Tyrann von Korinth, dessen Regierungszeit nach der überlieferten Chronologie auf etwa 657/6–627/6 v. Chr. anzusetzen ist.[1]

Quellen; Herkunft; WeissagungBearbeiten

Die wichtigsten über Kypselos berichtenden antiken Quellen sind Herodot (Historien 5,92) und Nikolaos von Damaskus (Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrH), 90,F 57). Wahrscheinlich legte Nikolaos seinem Bericht die Darstellung des Ephoros von Kyme zugrunde, dessen umfassende griechische Universalgeschichte größtenteils verloren ist.[2]

Kypselos gehörte laut Herodot mütterlicherseits dem oligarchisch über Korinth herrschenden Geschlecht der Bakchiaden an. Nur diese Familie stellte damals den Prytanen, den jährlich wechselnden obersten Beamten in Korinth. Kypselos’ Mutter, die lahme Labda, heiratete außerhalb ihres Geschlechts den Eetion, der seinen Stammbaum auf eine mythische Gestalt, den Lapithen Kaineus, als Ahnherrn zurückführte. Als die Ehe kinderlos blieb, wandte sich Eetion an das Orakel von Delphi. Pythia sagte ihm einen Nachkommen voraus, der den Häuptern Korinths furchtbar werden sollte. Deshalb beschlossen die Bakchiaden, das Kind zu töten.[3]

Der Kasten des Kypselos („Kypseloslade“)Bearbeiten

Die sagenhafte Überlieferung bei Herodot führt nun weiter aus, dass sich nach der Geburt des Kypselos eine Abordnung zum Haus des Eetion aufmachte. Diese zur Ermordung des Neugeborenen ausgesandten Männer baten Labda, ihnen ihren Sohn zu zeigen. Labda, die nichts ahnte, gab dem ersten Kypselos auf den Arm. Da dieser es nicht fertigbrachte, das Baby zu töten, reichte er es an den nächsten weiter. Doch keiner der Abordnung konnte die Tat verüben und so verließen sie unverrichteter Dinge das Haus. Vor der Tür machten sie sich gegenseitig Vorwürfe. Nun verschafften sie sich gewaltsam Zutritt ins Haus und waren entschlossen, Kypselos zu töten. Doch Labda hatte alles mitgehört und hatte daher das neugeborene Kind in einem Kasten versteckt, so dass es nicht gefunden wurde und somit überleben konnte. Da in Korinth damals angeblich ein Kasten kypsele (κυψέλη kypsélē; eigentliche Wortbedeutung: runder [und nicht rechteckiger] Behälter) genannt wurde, erhielt das Kind den Namen Kypselos.[3] Diese Erzählung stellt eine leicht durchschaubare ätiologische Deutung des Namens dar.[2]

Nikolaos von Damaskus gibt die Erzählung Herodots in einer rationalisierten Fassung wieder. Zusätzlich führt er aus, dass sich Kypselos während seiner Kindheit anfangs in Olympia unter dem Schutz der dortigen Gottheit sowie anschließend in Kleonai aufgehalten habe.[4] Pausanias lässt Kypselos wiederum von Melas, dem Sohn des Antasos, abstammen.[5]

Eine von Pausanias im 2. Jahrhundert n. Chr. nach eigener Inaugenscheinnahme ausführlich beschriebene, im Heratempel in Olympia befindliche, heute jedoch verschollene Lade[6] wurde in der Antike mit jenem Kasten identifiziert, in dem Kypselos als Säugling versteckt worden sein soll. Seine Nachkommen hätten den Kasten als Weihgeschenk nach Olympia gestiftet. Diese sog. Kypseloslade bestand aus Zedernholz mit Schnitzereien und eingelegten Figuren und galt im Altertum als ein vorzügliches Kunstwerk.[7] Die Inschriften auf dem Kasten, welche dessen Reliefs erläuterten, werden bei Pausanias Eumelos von Korinth zugeschrieben.[8]

RegierungBearbeiten

Nachdem Kypselos erwachsen geworden war, befragte er das Orakel von Delphi. Durch dessen Götterspruch ermutigt bemächtigte er sich, wie Herodot nur kurz andeutet, der Herrschaft über Korinth.[3] In wesentlich breiterer Schilderung führt Nikolaos von Damaskus aus, dass Kypselos nach seiner Rückkehr aus der Fremde von seinen Mitbürgern bewundert worden sei, da er mutig und im Gegensatz zu den gewalttätig regierenden Bakchiaden ein Volksfreund zu sein schien. Als Polemarch habe er demagogisch die Volksgunst noch mehr zu gewinnen verstanden, den die Funktion des Prytanen versehenden Bakchiaden Hippokleides oder Patrokleides getötet und auf diese Weise die Tyrannis errungen.[4] Auch Aristoteles berichtet – wohl ebenfalls nach Ephoros –, dass es Kypselos mittels Demagogie gelungen sei, in Korinth die Regierung an sich zu reißen.[9] Seine Machtergreifung erfolgte etwa 657/656 v. Chr.

In seinen Historien erzählt Herodot nur kurz, dass Kypselos gewalttätig regiert und viele Korinther verbannt, enteignet oder getötet habe.[3] Dagegen behauptet Nikolaos von Damaskus, dass Kypselos eine milde Herrschaft ausgeübt, doch die Verbannung der Bakchiaden befohlen habe. Auch sei er ohne eigene Leibwache ausgekommen.[4] In Übereinstimmung mit Nikolaos’ Darstellung geben Aristoteles[10] und Diogenes Laertios[11] an, dass erst Kypselos’ Sohn Periander tyrannisch regiert habe. Diogenes Laertios referiert ferner nach einer völlig unhistorischen Notiz des Archetimos von Syrakus über ein angebliches Treffen der Sieben Weisen bei Kypselos.[12] Durch seine unehelichen Söhne Pylades und Echiades ließ Kypselos Leukas und Anaktorion besiedeln;[4][13] außerdem gründete sein weiterer Sohn Gorgos die Stadt Ambrakia als korinthische Kolonie.[14] Hierdurch bestand für unzufriedene Korinther die Gelegenheit der Auswanderung.

Kypselos weihte ein großes goldenes Zeus-Standbild für den Tempel in Olympia.[15] Allerdings gab Didymos an, dass dieses Standbild vielmehr ein Weihgeschenk des Periander gewesen sei.[16] In Delphi ließ Kypselos angeblich das Schatzhaus der Korinther errichten.[17]

Nach 30 Regierungsjahren starb Kypselos und vererbte die Herrschaft an seinen Sohn Periander, den er mit seiner Frau Krateia gezeugt hatte. Wohl um 584/583 v. Chr. wurde die Herrschaft der Kypseliden durch die Spartaner abgelöst.

LiteraturBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Regierungsantritt laut Diodor, Bibliothḗkē historikḗ 7,7, (überliefert in der Chronik des Eusebius von Caesarea): 657 v. Chr.; Regierungszeit 30 Jahre (Herodot, Historien 5,92,6; Aristoteles, Politik 5,1513 b; Nikolaos von Damaskus, FGrH 90 F 57).
  2. a b Julius Miller: Kypselos 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XII,1, Stuttgart 1924, Sp. 119.
  3. a b c d Herodot, Historien 5,92
  4. a b c d Nikolaos von Damaskos, FGrH 90,F 57
  5. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 2,4,4 und 5,18,7 f.
  6. Pausanias, Beschreibung Griechenlands 5,17,2–19,10
  7. Rüdiger Splitter: Die „Kypseloslade“ in Olympia. Form, Funktion und Bildschmuck; eine archäologische Rekonstruktion. Mit einem Katalog der Sagenbilder in der korinthischen Vasenmalerei und einem Anhang zur Forschungsgeschichte. Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2604-1.
  8. Georg Lippold: Kypselos 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XII,1, Stuttgart 1924, Sp. 121 f.
  9. Aristoteles, Politik 5,1310 b und 1315 b
  10. Aristoteles, Politik 5,1313 a
  11. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 1,98
  12. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 1,1,40
  13. Strabon, Geographika 10,452
  14. Strabon, Geographika 7,325; Pseudo-Skymnos, Periegesis 453 ff.; Antoninus Liberalis, Metamorphosen 4
  15. Pseudo-Aristoteles, Oikonomika 2,1346 a b
  16. Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen 1,96; u. a.
  17. Plutarch, Septem sapientium convivium 21 und Quaestiones convivales 8,4,4
VorgängerAmtNachfolger
PrytanenHerrscher von Korinth
657/6–627/6 v. Chr.
Periander