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Kurt Fürer (1966)

Kurt Fürer (* 24. August 1900 in Ehringen, Hessen-Nassau; † 12. September 1988 in Kassel) war ein deutscher Wirtschaftsjurist.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Als drittes Kind des reformierten Pfarrers Wilhelm-August Fürer besuchte Kurt Fürer ab 1909 die Oberrealschule in Schmalkalden. 1911 kam er auf die Friedrich-Wilhelm-Schule (Eschwege). 1912 schloss er sich dem Alt-Wandervogel an. Nach dem Kriegsabitur im Mai 1918 entschied er sich für den Soldatenberuf; als Fahnenjunker wurde er aber von einem Arbeiter- und Soldatenrat entlassen.

MedizinBearbeiten

An der Georg-August-Universität Göttingen studierte er drei Semester Medizin. Im Spartakusaufstand kam er zur Einwohnerwehr Göttingen. Aus familiären Gründen wechselte er zum Wintersemester 1919/20 an die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität. Dort initiierte er die Gründung des Hochschulrings Deutscher Art, der sich Anfang 1920 auf einer riesigen Versammlung in der Aula Leopoldina konstituierte und bald die Mehrheit im AStA gewann. Von Carl Meinecke empfohlen, renoncierte Fürer am 15. Juni 1920 beim Corps Borussia Breslau.[1] Zu seinen Conaktiven gehörten Friedrich Fechner und Georg Heimann-Trosien. Wohl auf Drängen der Altherrenschaft wurde Fürer schon am 1. November 1920 Corpsschleifenträger. Dadurch konnte er den Senioren-Convent zu Breslau gegenüber der Universität und der Technischen Hochschule Breslau, bei der Freistudentenschaft und im Allgemeinen Deutschen Waffenring besser vertreten. Fürer – Urenkel eines Marburger Hessen und Enkel eines Marburger Teutonen – wurde am 3. Februar 1921 recipiert. Er focht 14 Mensuren und eine Säbelpartie. Seine unvoreingenommene Zuneigung zu allen Korporationen – auch zu den (schlagenden) jüdischen Verbindungen – brachte ihm bei den Breslauer Corps viele Sympathien ein.[2]

Nationalökonomie und JuraBearbeiten

 
Kurt Fürer als Breslauer Preuße (1924)

Bevor er im Sommersemester 1921 zum Physikum antrat, entschloss er sich am 2. Mai, mit einigen Corpsbrüdern und Freunden im Hochschulring im Selbstschutz Oberschlesien die Aufstände in Oberschlesien zu bekämpfen. Als er im Juni 1921 zurückkehrte, hatte er die Prüfungen verpasst und sich den Unmut seines Corps zugezogen. Mit besonderer Unterstützung des Rektors sattelte er auf Rechtswissenschaft und Nationalökonomie um; etliche Vorlesungen und Semester wurden dabei anerkannt. Wegen Unstimmigkeiten mit seinem aktiven Corps wurde Fürer Ende 1921 von seinem Corpsburschen-Convent ohne Band entlassen.[2]

Seine Doktorarbeit befasste sich mit brandaktuellen Problemen der Deutschen Inflation 1914 bis 1923.[3] Vor ihrer Fertigstellung und noch vor dem Examen wurde er deshalb im Mai 1922 von Friedrich Eichberg als Assistent der Geschäftsführung in die Vereinigung Breslauer Arbeitgeberverbände geholt. Im sog. Verbändehaus war er Mitarbeiter von Hans-Wolfgang Schimmelpfennig und (mittelbar) von Carl Meinecke. Im August 1922 – mit 22 Jahren – in die Geschäftsführung berufen, wurde er im Oktober 1922 zum Dr. rer. pol. promoviert. Am 1. März 1923 wechselte er in die Geschäftsführung der Zentralstelle Schlesischer Arbeitgeberverbände. Beim 105. Stiftungsfest im Juli 1924 erhielt er das Preußenband zurück. Zugleich wurde er als ordentliches Mitglied des AH-Beirats bestellt; ihm gehörte er bis in die 1960er Jahre an.[2]

Obwohl er im November 1924 das Jurastudium wieder aufgenommen hatte, wurde er – mit 24 Jahren – am 1. März 1925 Geschäftsführender Syndikus des Verbandes Schlesischer Metallindustrieller und des Arbeitgeberverbandes der Industrie in Breslau und Umgebung, des sog. Industriekartells. Im Januar 1927 bestand er das Referendarexamen. Mit einer Doktorarbeit bei Eugen Rosenstock-Huessy wurde er wenig später auch zum Dr. iur. utr. promoviert.[4] Um ihm die Weiterführung seiner Verbändearbeit zu ermöglichen, erlaubte man ihm ausnahmsweise alle Referendarstationen in Breslau zu durchlaufen. Von den Tantiemen seiner erweiterten und 1928 im Selbstverlag gedruckten Doktorarbeit konnte er sich eine Kur in Istrien leisten.[2]

Um von der Handwerkskammer unabhängig zu werden, gründete er die Werkschulvereinigung Breslauer Metallindustrieller mit eigenem Schulgebäude und Lehrkörper. Von 1930 bis 1939 war er Geschäftsführer des Verbandes der Leder- und Hausschuhindustrie Schlesiens. 1932 wurde er in die Schlesische Provinzial-Synode der Evangelischen Kirche gewählt.[5] Sofort nach dem Tag von Potsdam wurden alle Arbeitgeberverbände (auch Fürers Industriekartell) aufgelöst. Liquidator in Breslau war Meinecke. Fürer und Schimmelpfennig ließen sich im Verbändehaus als Rechtsanwälte nieder. Fürers Kanzlei „ging auf wie ein Hefekuchen“.[2]

Am 31. Mai 1933 vertrat Fürer sein Corps auf dem Kösener Congress. Erfolgreich abwehren konnte er die Bestrebungen, die Kösener Corps in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund überzuleiten. Nach vielen Beurlaubungen bestand er drei Monate später die Assessorprüfung. Sein Aufnahmegesuch in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei machte ihn zum Anwärter. Nach dem Röhm-Putsch wurde er aus den Listen der Anwärter gestrichen. Er meldete sich daraufhin als Reserveoffizieranwärter zur Reichswehr und übte in einer Ersatzkompanie des 51. Infanterie-Regiments. Von 1934 bis zur Schlacht um Breslau versah er die Geschäftsführung von Fachgruppen und Wirtschaftskartellen der deutschen Filzindustrie.[2]

Zweiter WeltkriegBearbeiten

Als Leutnant erlebte er hinter Aachen und in Eupen-Malmedy den Aufmarsch der deutschen Armeen für den Westfeldzug. Später war er Oberleutnant und Kompanieführer an der französischen Atlantikküste. Das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) schickte ihn im August 1941 als Sonderbeauftragten nach Südrussland. Im Januar 1942 als Oberleutnant d. R. aus dem Heer ausgeschieden, gehörte er fortan als Intendanturrat zur Rüstungsinspektion VIII. Von Juni bis November 1942 hielt er sich in der Ukraine, auf der Krim, im Kaukasus und in der Salzsteppe zwischen Kuma, Terek, Manytsch und Astrachan auf.[2]

Als Oberstabsintendant wurde er Referent im OKW. Ab September 1943 war er Führer des Sonderkommandos VA Italien. Kurz nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er von der SS verhaftet und blutiggeschlagen, aber entlassen. Bei Innsbruck erlitt er wenig später einen Verkehrsunfall. Mit schweren Verletzungen kam er in verschiedene Lazarette. Östlich der Demarkationslinie gelang es ihm im Reservelazarett Hubertusburg durch geschicktes Verhandeln, 2000 Verwundete von der Roten Armee an die United States Army zu überstellen. Ende Juni 1945 wurde er schließlich aus einem amerikanischen Lazarett in Bad Hersfeld zu seinen Eltern nach Marburg entlassen.[2]

NeuanfangBearbeiten

Fürer begrüßte die Stunde Null als Chance und Verpflichtung, ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen aufzubauen. Im September 1945 fand er die erste Nachkriegsbeschäftigung in der Leitung einer Textilfabrik im heimatlichen Volkmarshausen. Im Dezember 1945 gründete er ein florierendes Unternehmen für Schuhe und Baustoffe. Er handelte mit Filzsohlen, Eisenschienen und Dachziegeln. Wie dreizehn Jahre zuvor erhielt er im Juli 1947 die Zulassung als Rechtsanwalt am Amts-, Land- und Oberlandesgericht Kassel. Seit dem 1. August 1947 in der Geschäftsführung der Industrie- und Handelskammer Kassel, wurde er am 3. November 1947 zum Hauptgeschäftsführer bestellt. Die Zulassung als Notar in Kassel (1948) nahm er nicht wahr. Er widmete sich Hessens Strukturpolitik und Neuindustrialisierung, der Zonenrandförderung und Bundesausbaugebieten. Von 1956 bis 1959 beteiligte er sich am Landesentwicklungsprogramm für Nordhessen. So initiierte er die Einrichtung eines Lehrstuhls für Arbeitsphysiologie an der Philipps-Universität Marburg. Am 31. August 1965 wurde er pensioniert.[2]

VACBearbeiten

Seit 1951 Vorsitzender des AHSC Kassel, hielt er auf dem Kösener Festkommers 1953 – dem letzten auf der Wachenburg – die Ansprache. 1955–1957 und 1968–1977 vertrat er den Großbezirk Nordhessen-Südwestfalen im Gesamtausschuss des VAC. 1958 folgte er Werner Ranz als Vorsitzender des VAC-Vorstands Kassel.[6] Aus gesundheitlichen Gründen trat er 1961 zurück. Auf dem Kösener Congress 1972 setzte er durch, dass Mehrbändermänner der vier ausgeschiedenen Corps (Bremensia, Rhenania Straßburg, Suevia Tübingen, Vandalia Heidelberg) das betreffende Band weiterhin tragen durften; das trug wesentlich zur Befriedung in den Corps und im Kösener Senioren-Convents-Verband bei. Unter Fürers Vorsitz wurde 1973/75 eine neue Satzung des Gesamtausschusses erarbeitet und durchgesetzt. Sie festigte den (alten) Dezentralismus auf Kosten des VAC-Vorstandes.[2] Ähnlich trug er bei seinem Corps Borussia Breslau zu Köln und Aachen in den 1970er Jahren zur Modernisierung bei, vor allem zur Stärkung der Jugend gegenüber dem Alter.

EhrenämterBearbeiten

Unvollständige Liste

  • Hessischer Landesplanungsbeirat
  • Arbeitskreis für Wiedervereinigungsfragen
  • Rechtsausschuss des Deutschen Industrie- und Handelskammertags
  • Deutsch-spanische Kommission für Berufsausbildung
  • Verwaltungsrat des Europäischen Instituts für Berufsausbildung
  • Landesschulbeirat Hessen
  • Universitätsbeirat der Philipps-Universität Marburg
  • Verwaltungsbeirat des Marburger Universitätsbundes
  • Kuratorium der Werkkunstschule Kassel
  • Geschäftsführender Vorstand der Fördergesellschaft Staatstheater Kassel
  • Vorstand des Fördervereins für die Ingenieurschule für Maschinenbau und Elektrotechnik zu Kassel
  • Mitbegründer und Ehrenmitglied der Juristischen Gesellschaft zu Kassel
  • Kuratorium und Vorstand der Stipendienstiftung der hessischen Industrie- und Handelskammern
  • Synode der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck

EhrungenBearbeiten

WerkeBearbeiten

  • Nordhessen. Kurhessen-Waldeck-Fulda, in: Monografien deutscher Wirtschaftsgebiete. Verlag Gerhard Stalling 1956, 1965.
  • Die Bundesrepublik Deutschland – Wirtschaftspartner der Welt. Stalling 1969.

LiteraturBearbeiten

  • Deutsche Corpszeitung (1965), S. 233.
  • Klaus Gerstein: In memoriam Dr. Dr. Kurt Fürer Borussiae Breslau. Deutsche Corpszeitung, August 1989, S. 21 f.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Kösener Corpslisten 1996, 17/773
  2. a b c d e f g h i j Heinrich Bonnenberg: Kurt Fürer I. Corpszeitung der Borussia Breslau (1989).
  3. Volkswirtschaftliche Dissertation: Gleitlöhne nach Konjunktur- und Lebenshaltungskomponenten.
  4. Juristische Dissertation: Kündigungsbeschränkungen im deutschen und ausländischen Arbeitsvertragsrecht.
  5. Die Schlesische Provinzial-Synode wurde 1934 von den Nationalsozialisten aufgelöst.
  6. Werner Ranz (corpsarchive.de)
VorgängerAmtNachfolger
Werner Ranz VAC-Vorsitzender
1958
Friedrich Krommes