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Kulenkampffs Schuhe

Dokumentarfilm von Regina Schilling (2018)

Kulenkampffs Schuhe ist ein Dokumentarfilm von Regina Schilling aus dem Jahr 2018. Er wurde am 8. August 2018 um 22:30 Uhr im Ersten erstmals ausgestrahlt.

Filmdaten
OriginaltitelKulenkampffs Schuhe
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Erscheinungsjahr2018
Länge92 Minuten
Stab
RegieRegina Schilling
DrehbuchRegina Schilling
ProduktionThomas Kufus
MusikWolfgang Böhmer
SchnittJamin Benazzouz
Besetzung

Inhaltsverzeichnis

InhaltBearbeiten

Regina Schilling schildert die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte – die Zeit der Wirtschaftswunderjahre – am Beispiel von vier Lebensläufen, die sie abwechselnd weitererzählt. Es handelt sich um die Biografien

Die Jugend der vier in den 1920er-Jahren geborenen Männer fiel in die Zeit des Nationalsozialismus, ihr frühes Erwachsenenleben wurde durch den Krieg geprägt. Schillings Vater, Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Alexander dienten als Soldaten; Hans Rosenthal wurde als Jude vom NS-Regime verfolgt und überlebte versteckt in einer Berliner Kleingartenanlage.

Ein zentraler Punkt des Films ist die Rede Adolf Hitlers vor Kreisleitern im sudetendeutschen Reichenberg im Dezember 1938, in der er die planmäßige Vereinnahmung der deutschen Jugend in die NS-Organisationen von klein auf beschreibt: ins Jungvolk, in die Hitlerjugend, die Arbeitsfront, die SA, die SS, das NSKK, den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht.[1] Das Hitler-Zitat endet mit den Worten: „... und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.“ Mit der Wiederholung dieses Satzes, einer Art Motto, endet die Dokumentation.

Kulenkampffs Schuhe besteht vollständig aus Archivaufnahmen. Anhand von Fotos, privaten Super-8-Filmen ihres Vaters und Ausschnitten aus Unterhaltungsshows – vor allem Einer wird gewinnen (1964–1969 und 1979–1987) und Dalli Dalli (1971–1986) – schildert die Regisseurin die junge Bundesrepublik zunächst aus ihrer eigenen Sicht, da das gemeinsame Fernsehen zu den geliebten Ritualen ihrer Kindheit gehörte:

„Am Samstagabend aber war alles gut: friedlich vereint vor dem Fernseher, wir Kinder frisch gebadet und im Schlafanzug, hinter uns der Vater, rauchend, mit einem Bier, die Mutter mit einem süßen Mosel.“

Aus den Unterhaltungsshows hat Regina Schilling Sequenzen ausgewählt, in denen die drei TV-Stars etwas aus ihrer Vergangenheit preisgeben, oft so unvermutet, dass der Zuschauer stutzig wird. So streut etwa Kulenkampff immer wieder kurze Kommentare über seine Kriegszeit in die Moderation ein. Die titelgebenden Schuhe Kulenkampffs geraten in einer Einstellung in den Fokus, in der er leicht humpelt. Den Grund dafür: Kulenkampff hatte sich während der Kesselschlacht von Demjansk eigenhändig vier erfrorene Zehen amputiert – seine in der Sendung getragenen Lederschuhe bilden für die Regisseurin „eine Metapher für diese Wirtschaftswunderzeit, wo hinter der glänzenden Fassade eine Versehrtheit des Krieges verborgen wurde“.[2] Diese freigelegten traumatischen Erlebnisse mischt der Film immer wieder mit Bildern aus dem Unterhaltungsalltag der Bundesrepublik.

Die Schwierigkeiten beim Betrieb der elterlichen Drogerieläden in Köln werden versinnbildlicht durch Auszüge aus dem Film Industrielandschaft mit Einzelhändlern von 1970, der vom Niedergang eines Hamburger Drogisten handelt – gespielt von Horst Tappert, der ebenfalls zur Generation der Protagonisten gehörte. Die Lebensläufe von Tappert und Martin Jente, der als Fernsehbutler ‚Herr Martin‘ in Kulenkampffs Show Einer wird gewinnen mitgewirkt hatte, dienen als weitere Beispiele für das Verschweigen und Verdrängen der Nachkriegszeit. So war Tappert Mitglied der Waffen-SS und Jente seit 1933 Mitglied der SS und Adjutant im Führerhauptquartier gewesen. Beides wurde erst nach dem Tod der beiden Fernsehgrößen bekannt. Robert Lembke wiederum, Moderator der Quizsendung Was bin ich? (1955–1958 und 1961–1989), hatte einen Vater jüdischer Herkunft und „versteckte sich im letzten Kriegsjahr auf einem Bauernhof in Bayern“ (Zitat aus dem Film). Der Kommentar zu diesen lange verschwiegenen Tatsachen: „Kein Wunder, dass niemand über die NS-Zeit und den Krieg sprechen wollte. Hätte man miteinander arbeiten können, wenn man alles vom andern gewusst hätte?“

KritikBearbeiten

„‚Kulenkampffs Schuhe‘ glänzt, wenn der Film unter die Oberfläche der Shows taucht und die Verdrängungen der Spaßmacher aufdeckt. Vor allem aber, er richtet nicht. Er beobachtet.“

Nikolaus Festenberg, Der Tagesspiegel[3]

„Schilling zeigt mit ihrer atemberaubend montierten Doku, wie Deutschland im Fernsehen die Traumata der Vergangenheit überwand – und zu einem ‚Wir‘ wurde.“

Claudia Tieschky, Süddeutsche Zeitung[4]

„Das ist […] das Tolle an diesem Film, dass er es schafft, einen Zusammenhang herzustellen, der bislang nicht so stark beachtet wurde, die Bewältigung von deutscher Schuld und deutschem Trauma im Geiste von Unterhaltungsshows.“

Matthias Dell, Deutschlandfunk[5]

EinschaltquoteBearbeiten

Den Film sahen bei seiner Erstausstrahlung im August 2018 insgesamt 1,93 Mio. Zuschauer. Dies ergibt einen Marktanteil von 12,6 Prozent. Für einen 90-minütigen Dokumentarfilm zu dieser Uhrzeit war Kulenkampffs Schuhe sehr erfolgreich.[6]

Auszeichnungen und NominierungenBearbeiten

 
Thomas Kufus (Produzent); Regina Schilling (Autorin) und Simone Reuter (Redaktion) mit dem Deutschen Fernsehpreis 2019

Duisburger Filmwoche 2018

  • 3sat-Dokumentarfilmpreis[7]

Deutscher Fernsehpreis 2019

Grimme-Preis 2019

  • Auszeichnung in der Kategorie Information & Kultur[8]

Romyverleihung 2019

  • Nominierung in der Kategorie Beste TV-Doku[9]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Adolf Hitler, Auszug aus der Rede vor Kreisleitern in Reichenberg am 2.12.1938 (Memento vom 20. Juni 2015 im Internet Archive) auf wissensreise.de
  2. Regina Schilling im Interview mit Bettina Köster. In: @mediasres – das Medienmagazin. Deutschlandfunk. 8. August 2018.
  3. Nikolaus Festenberg: Im Wirtschaftswundenland. In: Der Tagesspiegel. 7. August 2018, abgerufen am 17. August 2018.
  4. Claudia Tieschky: Wie Deutschland im Fernsehen zu sich selbst fand. In: Süddeutsche Zeitung. 8. August 2018, abgerufen am 17. August 2018.
  5. Matthias Dell: Leichte Unterhaltung in der Nachkriegszeit: Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“. In: Fazit – Kultur vom Tage. Deutschlandfunk. 7. August 2018, abgerufen am 26. August 2018.
  6. Hans Hoff: Wo sind "Kulenkampffs Schuhe" abgeblieben? In: dwdl.de. 19. August 2018, abgerufen am 20. Mai 2019.
  7. Der 3sat-Dokumentarfilmpreis 2018 geht an "Kulenkampffs Schuhe" von Regina Schilling. Artikel vom 10. November 2018, abgerufen am 12. November 2018.
  8. Kulenkampffs Schuhe (zero one film für SWR/HR). In: grimme-preis.de. Abgerufen am 26. Februar 2019.
  9. Kurier: Die Nominierungen der ROMY-Akademie 2019. Artikel vom 26. März 2019, abgerufen am 26. März 2019.