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Kristallnaach
BAP
Veröffentlichung 24. August 1982
Länge 4:59
Genre(s) Kölschrock
Text Wolfgang Niedecken
Musik Klaus Heuser
Album Vun drinne noh drusse
Texter Wolfgang Niedecken, 2013
Die Band BAP zu Beginn der 1980er

Kristallnaach (Kölsch für Kristallnacht) ist ein politisches Lied der Kölner Band BAP. Es erschien 1982 auf dem Album Vun drinne noh drusse. Das Stück war die einzige Singleauskopplung des Albums und erreichte Platz 25 der deutschen Charts. Kristallnaach wurde seit seiner Veröffentlichung durchgehend auf den Tourneen der Band gespielt und ist nach Verdamp lang her der zweithäufigst live gespielte BAP-Song.[1]

Entstehung und HintergrundBearbeiten

Bereits im Sommer 1979 befasste sich Niedecken während einer Reise durch Griechenland, das sich erst kurz zuvor von der Militärdiktatur befreit hatte, mit einem politischen Text zum Thema Neofaschismus. Er wählte dafür das Thema der Pogromnacht.[2] BAP standen in ihren frühen Jahren stark unter dem Einfluss des politischen Folksongs in der Tradition Bob Dylans.[3]

Intention für das Stück war – vor dem Erstarken der politischen Rechten in Europa und der Diskussion über die Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit in der Bundesrepublik – ein Zeichen zu setzen. Insbesondere im zweiten Punkt sah die Band ein gewisses Restaurationsbestreben und eine daraus resultierende politische Gefahr.[4]

Musikalischer AufbauBearbeiten

Das von BAP-Gitarrist Klaus „Major“ Heuser komponierte Stück ist so arrangiert, dass es sich musikalisch steigert. Es beginnt mit den tiefen Synthesizertönen H-E-Gis-A, die nach einem Durchlauf von den auf der E-Gitarre einmal angeschlagenen Akkorden des Stücks überlagert werden, worauf schließlich Niedeckens ruhiger Gesang einsetzt. Im weiteren Verlauf kommt dann das gesamte Rockinstrumentarium hinzu. Auch der Gesang wird eindringlicher. Zu Beginn der vierten Strophe imitiert das Schlagzeug in Anlehnung an den Text eine Marschtrommel. Schließlich erreicht der Song seinen Höhepunkt mit einem Gitarrensolo und klingt dann in der Marschtrommel langsam aus,[5][6] bis diese zuletzt abrupt endet.

TextBearbeiten

Niedecken verfasste einen sehr politischen, aber auch poetischen Text mit Verweisen auf Breughel, Hieronymus Bosch und Franz Kafka. Er setzte sprachlich auf sehr emotionale Bilder, untermalt von düsterer Musik. Das Grundthema des Textes ist der Umgang mit der deutschen Vergangenheitsbewältigung vor dem Hintergrund der zunehmenden Wiedererweckung rechtskonservativer Strömungen.[7] Die Bildsprache des Textes lässt Interpretationsraum zu.[8] Heinrich Böll zeigte sich 1984 in dem Film Kölner Erinnerungen erstaunt über die Ausdruckskraft und die gedankliche Tiefe des Songtextes.

Der auf Kölsch verfasste Liedtext ist auf der bandeigenen Internetseite auch in hochdeutscher Übersetzung wiedergegeben.[9] Dem Stück fehlt, ungewöhnlich für eine Singleauskopplung, ein griffiger Refrain. Lediglich das Wort „Kristallnaach“ wird in jeder der sechs Strophen wiederholt.[10]

Niedecken siedelte den Text nicht in der Pogromnacht 1938, sondern in der Gegenwart an. Intention ist, auf eine Wiederholung der Ereignisse, begründet auf denselben Kausalketten wie in der NS-Zeit, aufmerksam zu machen. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen und psychologischen Prozesse, die zur Pogromnacht führten, finden sich demnach auch in der Gegenwart wieder.[11] Das Motiv der dritten Strophe (die hetzerischen Parolen, das Wegschauen der Öffentlichkeit bei Übergriffen und das Verbreiten rassistischer oder sexistischer Vorurteile in der Öffentlichkeit) wurde in den 1990er Jahren von Niedecken erneut aufgegriffen, als er für die Kölner Initiative gegen Rechts Arsch huh, Zäng ussenander den Text zum gleichnamigen Song beisteuerte.[12]

Die Ambivalenz von kritischem Text und eingängiger Musik wurde rückblickend von Niedecken als irritierend empfunden: „Da singen alle mit, und keiner denkt darüber nach, wovon eigentlich die Rede ist. Aber ich kann das niemanden verübeln, denn die Leute kommen ja zum Konzert und nicht, um mit mir über die Judenpogrome nachzudenken.“[13] In seiner Dissertation führt Ole Löding aus, dass den gesamten Liedtext neben dem Thema der politischen Aktivitäten im rechten Spektrum auch eine Kapitalismuskritik durchziehe, die gerade in den beiden letzten Strophen deutlich werde: Die Gefahr einer erneuten Faschisierung der Gesellschaft erwachse aus einer unterwürfig-aggressiven Persönlichkeitsstruktur der Deutschen. Das Lied parallelisiere die Novemberpogrome mit verschiedenen problematischen Aspekten der Gegenwart und erhebe jene so „zu einer Metapher für jede Art von unmenschlichem Verhalten“. Damit trage BAP zu einer Historisierung des Nationalsozialismus bei und verkürzte die Ursachen der Pogrome.[14]

Weitere VersionenBearbeiten

2016 interpretierte Samy Deluxe Kristallnacht als Rap-Version in der TV-Sendung Sing meinen Song – Das Tauschkonzert. 2017 wurde Kristallnacht in einer hochdeutschen Version aufgenommen. Mit dieser Aufnahme unterstützt Wolfgang Niedecken das Projekt Demotapes, bei dem Musiker und Filmemacher ein Zeichen für Demokratie setzen wollen.[15]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. https://www.setlist.fm/stats/bap-4bd60f92.html BAP, Kristallnaach (abgerufen 17. Juli 2017)
  2. Rezeption der Reichskristallnacht von BAP. Projekt Paul Celan, abgerufen am 10. März 2017.
  3. Bap. In: laut.de. Abgerufen am 10. März 2017.
  4. Die „Kristallnaach“ ist aktuell wie eh und je. In: Main Post. 22. November 2016, abgerufen am 10. März 2017.
  5. Ole Löding: … täglich „Kristallnaach“. NS-Vergangenheit und bundesdeutsche Gegenwart in einem Song von BAP (1982). In: Zeithistorische Forschungen, Ausgabe 9, 2012, S. 175–180.
  6. „… täglich Kristallnaach“ | Zeithistorische Forschungen. Abgerufen am 29. April 2017.
  7. 30 Jahre BAP. prog-rock-forum. 7. April 2008, abgerufen am 11. März 2017.
  8. Kristallnaach. Offizieller Internetauftritt von Bap. 2015, abgerufen am 10. März 2017.
  9. 30 Jahre BAP. prog-rock-forum. 7. April 2008, abgerufen am 11. März 2017.
  10. Die Rechten und DIE GERECHTEN. In: Spiegel Spezial. Nr. 2/1994, 1. Februar 1994 (spiegel.de).
  11. Ole Löding: … täglich „Kristallnaach“. NS-Vergangenheit und bundesdeutsche Gegenwart in einem Song von BAP (1982). In: Zeithistorische Forschungen, Ausgabe 9, 2012, S. 175–180.
  12. Mit Musik gegen Rechts: Elf große Anti-Nazi-Songs. Südkurier. 11. August 2015, abgerufen am 11. März 2017.
  13. Kurt Schilde:: Politsongs und Popmusik. In: literaturkritik.de. 5. Januar 2011, abgerufen am 12. März 2017.
  14. Ole Löding: „Deutschland Katastrophenstaat“. Der Nationalsozialismus im politischen Song der Bundesrepublik. transript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8394-1567-2, S. 325–338 (abgerufen über De Gruyter Online).
  15. Wolfgang Niedecken singt "Kristallnaach" jetzt auf Deutsch