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Westbulgarisches Reich

Adelsgeschlecht
(Weitergeleitet von Komitopuli)
Das Westbulgarische Reich im Jahre 996

Als Westbulgarisches Reich wird in der Geschichtsschreibung gelegentlich der westliche Teil des Bulgarenreiches nach 969 bezeichnet, dessen östliche Hälfte in den Jahren von 969 bis 971 erst von den Russen und dann von den Byzantinern erobert wurde. Der westliche Teil blieb aber unbesetzt, und unter den Kometopouloi-Brüdern wurde er der Kern eines wiederbelebten Bulgarischen Reiches, dessen geographisches und politisches Zentrum sich aber nicht mehr in Niedermösien (im heutigen Nord-Bulgarien) befand, sondern fortan um Ohrid (in Makedonien) bestand.

Deswegen haben manche Historiker wie Georg Ostrogorsky oder Gyula Moravcsik diesen Staat als Mazedonisches bzw. Makedonisches Reich von seinem (ost-)bulgarischen Vorgänger differenziert, ein Begriff, der heute vor allem in der mazedonischen Geschichtsschreibung Verwendung findet.

Ebenso umstritten ist die Verwendung beider Begriffe auch für das von dem Protobulgaren Kuver um 680 gegründete Khaganat von Bitola, welches sich zu Beginn des 8. Jahrhunderts mit dem bulgarischen Hauptreich seines Bruders Asparuch vereinigte.

VorgeschichteBearbeiten

Das bulgarische Reich des Zaren Peter I. wurde 968 vom russischen Großfürsten Swjatoslaw I. überfallen. Um seinen Staat gegen die Petschenegen zu verteidigen, unterbrach Swjatoslaw seinen Feldzug, kehrte aber im Frühling des nächsten Jahres (969) zurück und eroberte mehrere Städte im Osten des bulgarischen Reiches sowie dessen Hauptstadt Preslaw. Preslaw blieb allerdings nicht lange in russischen Händen. Dem byzantinischen Kaiser Johannes I. gelang es 971, diese unter Kontrolle zu bekommen und die Russen von der Balkanhalbinsel zu vertreiben. Die byzantinischen Expansionspläne wurden aber von Samuil – dem Sohn „eines bei den Bulgaren großmächtigen Komes“[1] – behindert. Er stand mehrere Jahrzehnte lang an der Spitze eines intakten bulgarischen Staates, dessen Hauptstadt in der Gegend um den Prespasee lag. Unklar und unter Historikern umstritten ist die Frage, wann dieses westbulgarische Reich entstanden ist.

Haus KomitopuliBearbeiten

 
Die Kirche Agios Germanos im gleichnamigen Dorf (Regionalbezirk Florina), wo das Grab von Samuils Vater gefunden wurde

Der bulgarische Historiker Marin Drinow, der als Erster den Begriff Westbulgarisches Reich verwendete,[2][3] stellte Ende des 19. Jh. die Hypothese auf, dass es 963 zu einer Abspaltung eines Teiles des bulgarischen Reiches unter der Führung des Komes Schischman (angeblich Samuils Vater) gekommen sein sollte.[4] Nach der Entdeckung des Grabes von Samuils Vater wurde klar, dass er nicht Schischman, sondern Nikola hieß.[5] In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts folgte eine Revision der bis dahin herrschenden Auffassungen. Heutzutage werden drei Theorien diskutiert:

  • Nach der ersten haben die vier Söhne von Nikola – die Kometopouloi (Komitopuli): David, Moses, Aron und Samuil das westbulgarische Reich in Opposition gegen den Zentralmacht in Preslaw 969 gegründet.
  • Nach der zweiten ist dieses deshalb entstanden, weil die Byzantiner den Westteil des bulgarischen Reiches nicht eroberten und sich die Komitopulen dort behaupten konnten.
  • Die dritte Theorie besagt, dass der byzantinische Kaiser das gesamte bulgarische Reich unterwerfen konnte und dass die Komitopulen 976 an der Spitze eine Revolte standen.

QuellenkritikBearbeiten

Einer der Gründe für die Unklarheiten um die Entstehung des westbulgarischen Reiches liegt in dem Mangel an historischen Quellen. Zwar berichten über die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Byzanz und den Bulgaren nach 976 mehrere Chronisten (wie der armenische Chronist Stephanos von Tharon, der arabische Chronist Yahya Ibn Sa'id al-Antaki, der byzantinische Chronist Leon Diakonos und andere).[6] Sie widmeten sich allerdings ausschließlich den Ereignissen ab 976.

Über die Rolle der Komitopulen bis 976 ist die Chronik von Skylitzes-Kedrenos das einzige erhalten gebliebene historische Dokument.[7] In dieser Chronik werden die Komitopulen das erste Mal in einem Satz zwischen Ereignissen erwähnt, die man heutzutage mit 969 (und nicht mit 963) datiert, und das zweite Mal erst später im Text als Anführer einer gegen die byzantinische Herrschaft im Jahre 976 ausgebrochenen Rebellion.

Unterschiedliche Meinungen werden unter den Historikern auch bei den Fragen vertreten, welche Rolle Roman, der jüngere Sohn von Peter I., spielte[8] und wann Samuil zum Zaren gekrönt wurde.[9] Manche meinen, dass Romanos die Festung Skopie, deren Stadtverwalter er war, im Jahre 1004 dem Byzantinischen Kaiser übergeben haben sollte.[10] Nach einer anderen Auffassung wurde Romanos als legitimes Staatsoberhaupt anerkannt,[11] geriet aber 991 in byzantinischer Gefangenschaft.[9][12][13] Erst die Nachricht von seinem Tod veranlasste Samuil 997, sich zum Zaren krönen zu lassen.[13][14]

EpilogBearbeiten

Der Nachfolger Johannes’ I., Kaiser Basileios II. (976–1025), musste lange Zeit gegen mehrere Gegner kämpfen: gegen die Usurpatoren Bardas Skleros und Bardas Phokas der Jüngere, sowie in Syrien gegen die Fatimiden.[15]

 
Basileios II. und Nikolitza (Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes)

Erst 1001 eröffnete er eine Großoffensive auf dem Balkan und eroberte mehrere bulgarische Festungen (Berrhoia, Serbia, Bodena, Widin, Dyrrhachion). Die entscheidende Schlacht fand 1014 bei Kleidion statt. Die Bulgaren erlitten eine schwere Niederlage (s. Hauptartikel: Schlacht von Kleidion). Samuil starb noch im selben Jahr. Auf dem Thron folgten ihn zuerst sein Sohn Gawril Radomir und später sein Neffe Iwan Wladislaw, die sich noch vier Jahre lang gegen den byzantinischen Kaiser wehrten. Als aber 1018 Iwan Wladislaw bei einem Angriff auf Dyrrhachion ums Leben kam, brach der bulgarische Widerstand zusammen.[16] Einer der einflussreichsten bulgarischen Feldherren Nikoliza ergab sich in Skopie. Ein anderer – Krakra, dessen Festung (Pernik) trotz mehrerer byzantinischer Angriffe bis zuletzt uneingenommen blieb – stellte sich dem Kaiser Basileios II. in Serres, begleitet von 35 anderen Boljaren.[16] Die Frau von Iwan Wladislaw, Maria, ergab sich in Ochrid zusammen mit dreien ihrer Söhne, sechs Töchtern und einem außerehelichen Sohn von Samuil, sowie fünf Söhnen und zwei Töchtern von Gawril Radomir.[16] Die bulgarischen Adligen bekamen verschiedene Titel in der byzantinischen Hierarchie und wurden nach Kleinasien umgesiedelt. Die Tochter von Iwan Wladislaw, Ekaterina, wurde später zur Frau des byzantinischen Kaisers Isaak I.

Liste der westbulgarischen HerrscherBearbeiten

Familienbeziehungen der Komitopuli-BrüderBearbeiten

  1. David
  2. Mojsej
  3. Samuil, Zar von Bulgarien
    1. Gawril Radomir, Zar von Bulgarien ⚭ 1. (Tochter des ungarischen Großfürsten Géza), ⚭ 2. Irina;
      1. Peter II. Deljan (aus 1. Ehe)
      2. + 8 weitere Kinder
    2. Teodora Kosara ⚭ Jovan Vladimir, Herrscher von Zeta
      1. Tochter ⚭ Stefan Vojislav, Groß-Župan von Zeta
    3. Miroslawa ⚭ Ashot Taronites
    4. + 3 weitere Kinder
  4. Aaron ⚭ ??
    1. Iwan Wladislaw, Zar von Bulgarien ⚭ Marija
      1. Presian II., Knjaz von Bulgarien
      2. Alusian ⚭ ??
        1. Basileios (Edessa), Dux von Edessa
        2. Samuil Alusian
          1. David Alusian
          2. Elpidiofor Alusian
          3. Konstantin Alusian
        3. Anna ⚭ Romanos IV., byzantinischer Kaiser
          1. Konstantin
      3. Aaron
        1. Teodor Aaron
        2. Radomir
      4. Trajan
        1. MarijaAndronikos Dukas
          1. Michail
          2. Johannes Dukas
          3. Irene DukainaAlexios I. Komnenos, byzantinischer Kaiser
            1. Anna KomnenaNikephoros Bryennios
            2. Johannes II. Komnenos, byzantinischer Kaiser
            3. Theodora Komnene ⚭ Konstantin Angelos
            4. Isaak Komnenos
          4. Anna
          5. Teodora
      5. Radomir
      6. Kliment
      7. Katerina von BulgarienIsaak I., byzantinischer Kaiser
      8. + 5 weitere Kinder

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Franz Georg Maier (Hrsg.): Byzanz (= Fischer Weltgeschichte. Band 13). Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1973, S. 152 und 225.
  • P. Strässle: Krieg und Kriegführung in Byzanz. Die Kriege Kaiser Basileios II. gegen die Bulgaren (976-1019). Böhlau, Köln u. a. 2006, ISBN 3-412-17405-X
  • Warren Treadgold: A History of the Byzantine State and Society. Stanford University Press, Stanford 1997, ISBN 0-8047-2630-2
  • Срђан Пириватрић: Самуилова држава. Обим и карактер. Institute for byzantine studies, Belgrad 1997, ISSN 0584-9888 (online).
  • Steven Runciman: A history of the First Bulgarian Empire. G. Bell & Sons, London 1930 (online).
  • C. Jireček: Geschichte der Bulgaren. F. Tempsky, Prag 1876 (online).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Skylitzes (zitiert nach D. Zakythinos: Byzantinische Geschichte 324-1071. Böhlau, Wien u. a. 1979, S. 224).
  2. Пириватрић 1997, S. 56–57.
  3. ...Чтобы не смешиват этих двухъ Государствъ, мы въ дальнейшемъ разказе будемъ называтъ первое изъ нихъ Восточнымъ, а второго Западнымъ......Um diese beide Reiche miteinander nicht zu verwechseln, werden wir des Weiteren das erste davon Östliches und das zweite Westliches nennen... (Южные славяне и Византия въ X веке. In: Чтенiй въ Императорскомъ Обществъ Исторiи и Древностей Россiйскихъ при Московскомъ Университетe, 1875, Band 3).
  4. Drinov stützt seine Theorie auf Synopsis Historion von Georgios Kedrenos, auf einer Boljaren-Urkunde (eines gewissen Pincius) und auf einer Lobrede aus dem Kloster Zografou, wo die Bulgarenherrscher in der Reihenfolge „...Boris, Simeon, Peter, Boris, Romanos, Schischman, David, Samuil...“ stehen. Diese Theorie ist auch von Konstantin Jireček in seine Geschichte der Bulgaren aufgenommen worden.
  5. Der Name von Samuils Vater wird auch durch die Zusätze in der Wiener-Abschrift der Chronik von Johannes Skylitzes bestätigt. Über die Pincius-Urkunde herrscht in der modernen Wissenschaft die Klarheit, dass sie nicht (wie in ihr zu lesen ist) im 10. Jahrhundert, sondern erst im 13. Jahrhundert geschrieben wurde und daher als historische Quelle unbrauchbar ist.
  6. Strässle 2006, S. 15–27.
  7. Über diese Zeit ist die Chronik von Kedrenos eine genaue Abschrift der Chronik von Skylitzes. Deshalb wird diese historische Quelle in der Literatur entweder als Kedrenos, Skylitzes oder Skylitzes-Kedrenos zitiert.
  8. Der bulgarische Zar Boris II und sein Bruder Romanos, die in Konstantinopel gefangen gehalten wurden, flohen im Jahre 977 (oder 978) zu den Komitopulen, wobei aber Boris an der Grenze umkam.
  9. a b Пириватрић 1997, S. 100, 116–118.
  10. Runciman 1930, S. 238.
  11. Treadgold 1997, S. 514.
  12. Treadgold 1997, S. 520.
  13. a b Strässle, S. 155–157, 161–162.
  14. Treadgold 1997, S. 522.
  15. Strässle 2006, S. 63–67.
  16. a b c Пириватрић 1997, S. 120–132.
  17. Liste der bulg. Herrscher (PDF; 96 kB)