Hauptmenü öffnen

Koloniale Frauenschule Rendsburg

Ehemalige Bildungseinrichtung
Kolonialfrauenschule, Schülerinnen bei der Passage des Linienschiffs Schlesien

Der Kolonialen Frauenschule Rendsburg (KFS) oblag von 1926 bis 1945 die Ausbildung von Frauen für hauswirtschaftliche und landwirtschaftliche Aufgaben in den ehemaligen deutschen Kolonien.[1] Die „Kolo“ lag am Kaiser-Wilhelm-Kanal, dem heutigen Nord-Ostsee-Kanal.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Die deutschen Kolonien waren 1919 durch den Friedensvertrag von Versailles verloren gegangen; aber die Weimarer Republik unterstützte weiter die Deutschen und ihre Wirtschaftsbetriebe in den nun ehemaligen Kolonien, deren Rückgewinnung man erwartete.[2] So wurde auf Vorschlag des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft und des Reichsinnenministeriums am 24. März 1926 in Rendsburg die Deutsche Frauen-Kolonialschule gegründet. Sie nahm am 1. Mai 1927 den Lehrbetrieb mit acht Schülerinnen auf. Die Kurse umfassten die theoretische und praktische Ausbildung für haus- und landwirtschaftliche Berufe in den ehemaligen und zurückzugewinnenden deutschen Kolonien, hauptsächlich in Afrika. Der Unterrichtsstoff umfasste Tätigkeiten wie Kochen, Molkerei und Käserei, Viehzucht, Schlachten, Obst- und Gemüseanbau, Tischlerei, Schneiderei, Hygiene und Krankenpflege. Bis 1930 war der Lehrbetrieb eingefahren und die Schule entwickelte sich von einer Mischung aus Volkshochschule und landwirtschaftlicher Frauenschule zu einer kolonialen Fachschule im eigentlichen Sinne. Um Ostern 1930 wurde Karl Körner Direktor der Schule, der diese Position bis in die letzten Kriegsjahre hinein ausübte.

Hanna Reitsch, eine Schülerin, die um 1930 die Schule besuchte und Missionsärztin werden wollte, beschrieb den Lehrbetrieb: „Neben Kochen, Waschen, Plätten und vielem anderen lernten wir mit Hühnern, Enten und Gänsen, Hammeln und Schweinen umgehen, mußten schustern, schlossern und glasern, durften reiten und schießen. Da man die Schulzeit als Vorbereitung für ein späteres Leben in den Kolonien ansah, hatten wir auch englischen und spanischen Sprachunterricht und wahlfrei Unterricht in der Kisuaheli- oder der Hererosprache.“[3] Über den Schulbetrieb schrieb sie auch: „So lernten wir dort über die normale Hauswirtschaft hinaus einen Farmbetrieb zu leiten, melken, schlachten, Wurst und Käse zu machen, einen Molkereibetrieb zu leiten, Schuhe zu besohlen, zu drechseln, einen Zaun zu machen, Werkzeuge anzufertigen, zu reiten und zu schießen.“[4]

Ähnliche SchulenBearbeiten

Ein ähnliches Schulkonzept war bereits bei der 1911 bis 1914 in Weilbach (Flörsheim) eingerichteten Kolonialschule zu finden gewesen. Das Haus war selbst als Landfrauenschule durch den Reifensteiner Verein für Wirtschaftliche Frauenschulen auf dem Land, der von Ida von Kortzfleisch ins Leben gerufen worden war, genutzt worden. Über deren zweijährige hauswirtschaftliche Ausbildung für Absolventinnen der Oberschulen hinaus wurden in der Weilbacher Reifensteiner Schule auch Frauen auf das Leben in den deutschen Kolonien vorbereitet.[5] Die Kolonialkurse vermittelte unter anderem spezifische botanische und lebensmittelspezifische Kenntnisse in einer fünfsemestrigen Ausbildung. Wegen der schlechteren ärztlichen Versorgung wurden für die Schülerinnen der Kolonialschulen auch (oft separate) Kurse in Gynäkologie und Geburtshilfe angeboten.[6] Zu den Reifensteiner Schulen gehörte auch die Lehrfarm Brakwater bei Windhuk in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). Deren Besitzerin, Helene von Falkenhausen, hatte bereits die Kolonialschule in Witzenhausen geführt und war dann selbst auch ausgewandert.[7]

Eine weitere Kolonialschule für Frauen vor dem Ersten Weltkrieg war die Kolonial-Haushaltungsschule zu Carthaus bei Trier, die von den Franziskanerinnen von Nonnenwerth geleitet wurde.[8]

MarineBearbeiten

 
Schülerinnen der Kolonialschule bei der Passage der 1. Torpedoboots-Halbflottille

Eine Besonderheit der Schule war ihre Verbundenheit mit der Reichsmarine und der Kriegsmarine. Passierende Kriegsschiffe gaben vor der Rendsburger Drehbrücke Signal und wurden von den Schülerinnen begrüßt. Hanna Reitsch beschrieb den Ablauf bei der Vorbeifahrt eines deutschen Kriegsschiffes: „Jedes Kriegsschiff, das durch den Kanal fuhr, fühlte sich mit unserer lustigen Mädchenschule verbunden. Wenn von weitem die Sirene heulte, stürzten wir aus Küche und Waschraum, aus Garten und Stall ans Ufer und stellten uns in Reih und Glied auf. Das Schiff stoppte dann ab und glitt langsam und gravitätisch an uns vorüber, während ein lustiges Rufen von hüben und drüben scholl.“[3] „Kartoffeln mit kleinen Zetteln und Grußworten darauf wurden herüber- und hinübergeworfen, und bei den jährlichen Sommerfesten unserer Schule waren die geladenen Herren fast immer Marine-Offiziere jener Besatzungen.“[9] „Passierten die Schiffe während der Nacht unsere Schule, so gab es für uns Sondervorschriften, um nur sittsam, mit Morgenröcken bekleidet, an den Fenstern zu winken, die durch grelle Scheinwerfer der Kriegsschiffe taghell beleuchtet wurden. Diese Verbindung der Marine mit unserer Kolonial-Schule führte häufig zu Verbindungen fürs Leben.“[10]

NS-ZeitBearbeiten

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden auch NS-typische Themen wie „nationalpolitischer Unterricht“, „Vererbungslehre“, „Erbgesundheitslehre“ und „Rassenkunde“ in das Lehrprogramm aufgenommen. Ab 1936 stieg die Schülerinnenzahl auf etwa 60 an. Mit der ab 1938 jederzeit möglichen Übernahme der ehemaligen deutschen Kolonien wurde ab 1939 die Schule ausgebaut. Neue Gebäude wurden errichtet und die Zahl der Schülerinnen stieg bis 1942 auf etwa 120 bis 130. Im Januar 1940 schrieb die schuleigene Zeitung Mitteilungsblatt der Kolonialen Frauenschule Rendsburg: „Schon jetzt aber stellt sich die Schule auf alle die neuen, großen und schönen Aufgaben ein, die mit dem siegreichen Ende des Krieges voraussichtlich zusammenhängen werden.“[11] Die Siege der Wehrmacht in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges (September 1939–1942) förderten die Kolonialschule. Nach dem Polenfeldzug wurde im Generalgouvernement eine Zweigstelle der Schule bei Tschenstochau eingerichtet.

Als 1942 klar wurde, dass eine kurzfristige Übernahme von Kolonien nicht mehr absehbar war, wurde das Einsatzziel der ausgebildeten Schülerinnen in die eroberten Ostgebiete gelenkt. Gemäß der Politik Hitlers, der deutschen Kolonialbesitz in Osteuropa als vorrangig ansah und nicht in Afrika, waren die im Krieg eroberten Ostgebiete dem Deutschen Reich angegliedert worden als Generalgouvernement, Reichskommissariat Ostland und Reichskommissariat Ukraine, und seit 1942 wurden ehemalige Schülerinnen der Kolonialschule in den Osteinsatz geschickt, ohne aber den ursprünglichen Auftrag der Schule aufzugeben, Frauen für den Einsatz in überseeischen Kolonien auszubilden.

Als zwischen Mitte 1943 und Mitte 1944 die eroberten Gebiete im Osten weitgehend wieder verloren gingen, und alle zivilen Ressourcen dringend für die Rüstungsindustrie und die Wehrmacht gebraucht wurden, sollte auch die Koloniale Frauenschule Rendsburg geschlossen werden, aber Reichsinnenminister Heinrich Himmler ließ die Schule weiter betreiben. Durch die katastrophale Kriegslage im Frühjahr 1945 wurden am 15. April 1945 nicht nur der laufende Kurs mit den Prüfungen abgeschlossen, sondern auch der Schulbetrieb eingestellt. Trotzdem blieb die Schule erhalten; aber im Oktober 1945 verließen schließlich die letzten Schülerinnen Rendsburg.[12] Insgesamt absolvierten etwa 1.100 Frauen die Schule, von denen etwa 800 ein Abschlusszeugnis erhielten.

Hanna Reitsch schrieb 1975: „Eine unserer damaligen Lehrerinnen, Fräulein Dreves, hält bis zum heutigen Tag durch Rundschreiben und durch von ihr jährlich organisierte Zusammenkünfte die Verbindung mit uns ›Kolo-Schülerinnen‹ aller Jahrgänge... zu denen manchmal sogar jetzt in Afrika lebende ehemalige ›Kolo-Schülerinnen‹ herüberkommen... .“[13]

Lage und letzte NutzungBearbeiten

Die Haupt-, Wohn- und Wirtschaftsgebäude lagen zwischen der Straße Am Gerhardshain und dem Kanalufer. Der Gebäudekomplex wurde nach der Schließung von der Heimvolkshochschule und vom Nordkolleg Rendsburg genutzt. 1977 wurde er abgerissen, um Platz für die Erweiterung des Nord-Ostsee-Kanals zu schaffen.[14] An der Stelle des ehemaligen Haupthauses erinnert ein Gedenkstein an die Schule.[15]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Karsten Linne: Rendsburg: Zwischen Afrika-Träumereien und „Osteinsatz“ – Die Koloniale Frauenschule. In: Ulrich van der Heyden und Joachim Zeller (Hrsg.): Kolonialismus hierzulande – Eine Spurensuche in Deutschland. Sutton Verlag, Erfurt 2007, ISBN 978-3-86680-269-8, S. 131–136.
  • Dorothea Siegle: "Trägerinnen echten Deutschtums". Die Koloniale Frauenschule Rendsburg. Wachholtz Verlag, Neumünster 2004, ISBN 3-529-02806-1.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Der offizielle Name war Koloniale Frauenschule Rendsburg mbH.
  2. Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika. Ch. Link Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-500-3, S. 38
  3. a b Hanna Reitsch: Fliegen – Mein Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1981, ISBN 3-453-01301-8, S. 28–29
  4. Hanna Reitsch: Das Unzerstörbare in meinem Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979, ISBN 3-453-01073-6, Seite 52
  5. Heike Lattka: Einst nur ein Imitat der großen Bäder Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Oktober 2011, Seite 59
  6. Johannes Kramer: Das ländlich-hauswirtschaftliche Bildungswesen in Deutschland, Dissertation an der Universität Erlangen, Fulda 1913
  7. Daniel Joseph Walther: Creating Germans Abroad: Cultural Policies and National Identity in Namibia. Ohio University Press, 2002, ISBN 978-0-8214-1458-3 (google.com [abgerufen am 8. März 2016]).
  8. Martha Mamozai: Herrenmenschen - Frauen im deutschen Kolonialismus, Rowohlt, Reinbek 1982, Seite 144
  9. Hanna Reitsch: Das Unzerstörbare in meinem Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979, ISBN 3-453-01073-6, Seite 53
  10. Hanna Reitsch: Das Unzerstörbare in meinem Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979, ISBN 3-453-01073-6, Seiten 53–54
  11. Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika. Ch. Link Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-500-3, S. 35 und 175
  12. Karsten Linne: Deutschland jenseits des Äquators? Die NS-Kolonialplanungen für Afrika. Ch. Link Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86153-500-3, S. 34–37
  13. Hanna Reitsch: Das Unzerstörbare in meinem Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1979, ISBN 3-453-01073-6, Seite 55
  14. Dritte Gedenktafel der „Kolo-Schule“ gestohlen. In: Schleswig-Holsteinische Landeszeitung vom 26. Mai 2012
  15. Auskunft Stadt Rendsburg

Koordinaten: 54° 17′ 16,5″ N, 9° 38′ 57,3″ O