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Knes

slawische Bezeichnung für einen Herrscher im slawischsprachigen Raum
(Weitergeleitet von Knjaz)

Knjas (князь) oder Knez (кнез, deutsche Transkription knez) ist die slawische Bezeichnung für einen Herrscher im slawischsprachigen Raum.

Sie war bis zum frühen 20. Jahrhundert für slawische Adlige gebräuchlich.

VariantenBearbeiten

  • altslawisch: кънѧꙃь kъnędzь
  • russisch князь knjas
  • ukrainisch князь knjas
  • bulgarisch княз knjas
  • serbisch кнез knez
  • kroatisch knez
  • slowenisch knez
  • obersorbisch knjez
  • polnisch ksiądz ‚Priester‘, książę ‚Fürst‘, ‚Herzog‘, ‚Prinz‘
  • tschechisch kněz ‚Priester‘, kníže ‚Fürst‘
  • slowakisch kňaz ‚Priester‘, knieža ‚Fürst‘

entlehnt auch in:

  • rumänisch cneaz ‚Fürst, Herrscher‘
  • ungarisch kenéz ‚Herrscher (bes. bei den Walachen)‘

Herkunft und BedeutungBearbeiten

Der Titel ist zum ersten Mal in Verbindung mit dem bulgarischen Herrscher Asparuch (668–700) historisch dokumentiert. Asparuch war der Gründer des ersten Bulgarischen Reiches und Donaubulgariens.

EtymologieBearbeiten

Das Wort Knjas entspricht dem englischen Knight und hat auch ähnliche Bedeutung. Der Begriff ist aus dem germanischen kuningaz (König) abgeleitet.[1][2] Er bezeichnet einen politisch oft weitgehend unabhängigen Herrscher.

Bezeichnungen in anderen SprachenBearbeiten

In griechischen Chroniken wurden die slawischen Führer als ἄρχων árchon, in wenigen Fällen als reks oder ἔξαρχος éxarchos bezeichnet.

In lateinischen Texten war die Bezeichnung meist dux, seltener princeps oder rex. Dux bezeichnet ein untergeordnetes Verhältnis zum Fränkischen Reich, später dem Heiligen Römischen Reich.

Im Deutschen wird er meist mit ‚Fürst‘ übersetzt.

GeschichteBearbeiten

WestbalkanBearbeiten

 
Tafel von Baška (Krk, Kroatien)

In der Inschrift der Tafel von Baška im 12. Jahrhundert wurde die Bezeichnung knez erwähnt:

„Ich, Abt Dobrovit erbaute diese Kirche und mit meinen neun Brüdern in den Tagen des Knez Kosmat, der dieses Land beherrschte.“

Seit dem 12. Jahrhundert wurde die Bezeichnung für den höchsten Herrscher Kral (kralь, kъralь König).[3]

Im mittelalterlichen Kroatien trugen die Oberhäupter der mächtigen Adelsgeschlechter (z. B. Šubići) und der dalmatinischen Küstenstädte (z. B. Dubrovnik) den Titel. Zur Zeit der osmanischen Herrschaft verlor der Titel an Bedeutung und wurde zum Titel der Vorsteher lokaler christlichen Selbstverwaltungen und der Dorfschulzen christlicher Gemeinden. Nach der wiedererlangten Selbständigkeit wurde es zum Titel des serbischen (bis 1882) und montenegrinischen (1851–1910) Herrschers (vgl. Miloš Obrenović).[4]

RusslandBearbeiten

In altrussischen Chroniken war knjas die allgemeine Bezeichnung für Herrscher der Kiewer Rus. Sie war bis ins 20. Jahrhundert gebräuchlich.[2]

SorbenBearbeiten

Die heute geläufige männliche Anrede „Herr“ lautet in den beiden sorbischen Sprachen knjez bzw. kněz (weibliche Form: kněni) entsprechend dem polnischen pan und tschechischen pán.

RumänienBearbeiten

In den Siedlungsgebieten der Rumänen entwickelte sich das Knesentum (rum. cneaz) unterschiedlich, einerseits in den unabhängigen oder zumindest autonomen Donaufürstentümern, der Walachei und der Moldau, und andererseits im zumeist ungarisch beherrschten Siebenbürgen.

In der Walachei und der Moldau erscheinen sie im Hochmittelalter zunächst als kleinere Regionalfürsten, als "eine Art Woiwode mit eingeschränkter Autorität". Nachdem sich der walachische und der moldauische Staat im 14. Jahrhundert gefestigt hatten, werden "die Dorfrichter der den Fürsten unterstellten und der freien Dörfer als Knesen bezeichnet. Doch seit dem 15. und ausschließlich seit Ende des 16. Jahrhunderts ist der Knes in der Walachei der freie Bauer mit eigenem Grundbesitz. Diese Bauern bilden eine in den Quellen eigens bezeichnete Schicht zwischen den Bojaren und den Armen (d.h. Unfreien oder Besitzlosen ohne Grundbesitz)."[5]

In Siebenbürgen hingegen blieben die Knesen zunächst die leitenden Figuren der örtlichen rumänischen Dorfgemeinschaften, die in den ansonsten von ungarischen Adligen dominierten Komitaten noch lange einen eigenen Rechtsraum behielten, das jus Valachorum oder keneziale. Sie begannen schon früh, in königlich anerkannte und andere, zu zerfallen. Zwar galten sie nie als adlig, doch erkennt eine Urkunde des Ungarnkönigs Ludwig I. die Aussagen königlich beglaubigter Knesen als denen eines Edelmannes gleichwertig an, während diejenigen anderer Knesen nur ein Viertel soviel galten. Sie mussten geringere Abgaben entrichten, waren insbesondere vom Schafsfünfzigsten befreit, den die gemeinen Walachen leisten mussten. Mit der Zeit stiegen die Knesen entweder in die Ränge des vollwertigen Adels auf oder in die Ränge der unfreien Gemeinen hinab. Ihre Funktionen wurden durch die Komitatsrichter (ung. biró, rum. jude) übernommen. Ende des 14. Jahrhunderts sind vier Kategorien feststellbar: 1. Knesen, die allein aus (nicht schriftlich bestätigtem) Gewohnheitsrecht regierten, 2. solche, die durch königliche Urkunde bestätigt worden waren, 3. solche, die ihr Dorf per Schenkung als Grundbesitz erhalten hatten und zu Adligen aufgestiegen waren, und 4. Knesen nur dem Namen nach, die eigentlich Untertanen des Adels oder der Kirche waren.[6]

Im Banat, das ebenfalls ursprünglich Teil Ungarns war, nahm das Knesentum eine Sonderentwicklung. In diesem lange Zeit umkämpften Grenzgebiet der Türkenkriege hielt sich die alte rumänische Dorfverfassung besonders lange. Unter türkischer Herrschaft wurden ihre Privilegien bestätigt: "Verteilung der Abgaben auf die Bauern, Rechtsprechung über Grundbesitzstreitigkeiten, Einsammlung der Steuern, Organisation der Wachen und Ergreifung von Übeltätern." Pflichtbewusste Knesen konnten mit Land und urkundlicher Anerkennung belohnt werden. Nach endgültiger Einverleibung in die Habsburger Monarchie (1719) wurde das Knesentum durch die Ernennung von Oberknesen (entlohnte Beamte) in die österreichische Verwaltung integriert. Gewöhnliche Knesen blieben steuerfrei und konnten ihr Amt mit obrigkeitlichem und dorfgemeinschaftlichem Einverständnis auf ihren Sohn übertragen. An der Militärgrenze stellten oft die Offiziere zugleich die Knesen.[7]

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Knjas – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Isabel de Madariaga: Tsar into emperor. The title of Peter the Great. In: Robert Oresko u. a. (Hrsg.): Royal and Republican Sovereignty in Early Modern Europe. Essays in memory of Ragnhild Hatton. Cambridge University Press, Cambridge 1997, ISBN 0-521-41910-7, S. 354 (englisch).
  2. a b Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. Jota, Brno 1992, ISBN 80-85617-04-8, S. 132–133 (tschechisch).
  3. ebenso die verwandten Bezeichnungen král im Tschechischen und król im Polnischen
  4. Peter Bartl: Knez. In: Edgar Hösch, Karl Nehring, Holm Sundhaussen (Hrsg.): Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2004, ISBN 3-8252-8270-8, S. 360 f.
  5. Camil Mureșanu: Rumänische Knesate, Woiwodschaften und Distrikte im mittelalterlichen Siebenbürgen. In: Gruppenautonomie in Siebenbürgen. 500 Jahre siebenbürgisch-sächsische Nationsuniversität (= Siebenbürgisches Archiv, Bd. 24, hg. v. Wolfgang Kessler). Köln/Wien 1990, S. 161–175, hier S. 166.
  6. Camil Mureșanu: Rumänische Knesate, Woiwodschaften und Distrikte im mittelalterlichen Siebenbürgen. In: Gruppenautonomie in Siebenbürgen. 500 Jahre siebenbürgisch-sächsische Nationsuniversität (= Siebenbürgisches Archiv, Bd. 24, hg. v. Wolfgang Kessler). Köln/Wien 1990, S. 161–175, hier S. 166–168.
  7. Camil Mureșanu: Rumänische Knesate, Woiwodschaften und Distrikte im mittelalterlichen Siebenbürgen. In: Gruppenautonomie in Siebenbürgen. 500 Jahre siebenbürgisch-sächsische Nationsuniversität (= Siebenbürgisches Archiv, Bd. 24, hg. v. Wolfgang Kessler). Köln/Wien 1990, S. 161–175, hier S. 168 f.