Khoekhoegowab

Khoisan-Sprache in Namibia, Botswana und Südafrika

Khoekhoegowab ist die in Namibia offizielle Bezeichnung für den Zusammenschluss der Khoisansprachen Nama, Damara (zusammen und historisch häufig als Damara-Nama oder – seltener – Nama-Damara bezeichnet), Haiǁom[Khi 1] und Topnaar.[1]

Khoekhoegowab

Gesprochen in

Namibia, Botswana und Südafrika
Sprecher 300.000

Namibia: 238.769 (2011)
Botswana: 200 bis 1000
Südafrika: um 56.000

Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache in Nationalsprache in Namibia
Sprachcodes
ISO 639-1

ISO 639-3

hgm (Haiǁom), naq (Nama)

Die Sprache wird von den Nama, Damara, Haiǁom und Topnaar gesprochen und ist geografisch und nach Sprecheranzahl die meistverbreitete Khoisansprache. Die einzelnen Sprachen des Khoekhoegowab werden neben Namibia auch in Botswana und Südafrika von etwa 300.000 Menschen (Stand 1998) gesprochen. Es ist nicht mit der Sprache der San (darunter unter anderem ǃKung), die ebenfalls zu den Khoisansprachen gehört, zu verwechseln.

In Namibia ist es eine Nationalsprache. In Südafrika wird es anerkannt, ist dort jedoch anders als Afrikaans, Englisch und neun dort gesprochenen Bantu-Sprachen nicht offiziell. In ISO 639-3 werden die zwei Dialekte Nama (naq) und Haiǁom (hgm) unterschieden. Die Sprache ist nahe verwandt mit dem sterbenden Korana und den ausgestorbenen Sprachen der Khoikhoin am Kap.

NamibiaBearbeiten

 
Verteilung des Khoekhoegowab als Muttersprache in Namibia (2011)
  • <1%
  • 1–5,99 %
  • 6–10,99 %
  • 11–20,99 %
  • 21–30,99 %
  • 31–49,99 %
  • 50–75,99 %
  • 76–90 %
  • >90%
  • Khoekhoegowab hat knapp 240.000 Sprecher in Namibia.[2]

    DialekteBearbeiten

    • Damara
    • Sesfontein Damara
    • Namidama
    • Zentraldamara
    • Nama
    • Gimsbok Nama
    • Haiǁom
    • Korana
    • Xiri

    LauteBearbeiten

    Mit acht Vokalen und 31 Konsonanten hat das Nama ein für Khoisansprachen schlichtes Lautinventar (vergleiche die 128 des ǃXóõ).

    Vokale und DiphthongeBearbeiten

    Bei den Vokalen gibt es fünf Vokalqualitäten (a, e, i, o, u), von denen drei (ã, ĩ, ũ) nasaliert werden können. Die Vokale können lang oder kurz sein.

    Aus den Vokalen werden zahlreiche Doppellaute (Diphthonge) gebildet: [əi] [ae] [əu] [ao] [ui] [oa] [oe] und nasal [ə̃ĩ] [ə̃ũ] [ũĩ] [õã]. [ə] ist phonemisch /a/.

    Ferner sind drei Töne zu unterscheiden: steigend, flach, fallend. Meistens schreibt man den steigenden Ton mit dem Akzent á und den fallenden Ton mit dem Akzent à. Der flache Ton wird nur selten geschrieben.

    KonsonantenBearbeiten

    Von den 31 Konsonanten sind 20 Schnalzlaute.

    Nicht-SchnalzlauteBearbeiten

    ​/⁠p⁠/​ wird ​[⁠β⁠]​ ausgesprochen und ​/⁠t⁠/​ zwischen Vokalen als ​[⁠ɾ⁠]​.

    bilabial alveolar velar glottal
    Plosiv p ~ β t ~ ɾ k ʔ
    Affrikate t͡s k͡x
    Frikativ s x h
    Nasal m n

    SchnalzlauteBearbeiten

    Die Schnalzlaute (Klicks) können dental, lateral, alveolar oder palatal sein, sie können von Plosiven, aspirierten Plosiven, Plosiven mit Glottisschlag, Nasalen und aspirierten Nasalen begleitet werden (also 4 [Schnalzpositionen] × 5 [Begleiter] = 20 [mögliche Schnalzlaute]).

    Die behauchten Schnalzlaute werden oft als Affrikaten (kombinierte Verschluss- und Reibelaute) ausgesprochen. Das bedeutet, dass /k!ˣ/ von [kǃʰ] bis [kǃx] ausgesprochen werden kann.

    Begleiter affrizierte Klicks 'scharfe' Klicks Schreibweise
    (mit "ǃ")
    dental alveolar postalveolar palatal
    Plosiv <ǃ> oder <ǃg>
    Aspirierter Plosiv kǀˣ kǁˣ kǃˣ kǂˣ <ǃx> oder <ǃk>
    Nasal ŋǀ ŋǁ ŋǃ ŋǂ <nǃ> oder <ǃn>
    Stimmlos nasal mit
    verzögertem Hauchlaut
    ŋ̊ǀʰ ŋ̊ǁʰ ŋ̊ǃʰ ŋ̊ǂʰ <ǃh>
    Plosiv mit Glottisschlag kǀʔ kǁʔ kǃʔ kǂʔ <ǃ’> oder <ǃ>

    GrammatikBearbeiten

    Das Nama hat eine Subjekt-Objekt-Verb-Wortfolge.

    Nama im Alltag und offiziellen BereichBearbeiten

    In Namibia, wo Nama eine Nationalsprache ist, kann man Nama an der Universität von Namibia studieren. Sowohl in Namibia als auch in Südafrika kann man Rundfunksendungen auf Nama hören. Es sind auch Wörterbücher Nama-Englisch und Englisch-Nama erschienen. Im schriftlich-maschinellen Gebrauch werden häufig die Sonderzeichen ǁ und ǀ sowie ǂ durch //, / bzw. # ersetzt.

    Die Sprache ist nicht vom Aussterben bedroht. Einige Übersetzungsbeispiele:

    Deutsch Khoekhoegowab
    bitte toxoba
    danke aio
    vielen Dank kai aios
    Bruder ǃgâsab
    eins ǀgui
    zwei ǀgam
    drei ǃnona
    vier haka
    fünf koro
    Fenster mûǂui doas
    Feuer ǀaes
    gut (Adj.) ǃgâi-a
    gut (Adv.) ǃgâise
    schlecht ǁgâi-a
    guten Morgen ǃgâi ǁgoas
    guten Abend / gute Nacht ǃgâi ǃoes
    guten Tag / auf Wiedersehen ǃgâi tsés
    Haus oms
    gestern ǁari
    heute nétsé
    morgen ǁari
    Junge axab, ǀgoab, darob
    Mädchen axas, ǀgoas, daros, ǂkhamkhoes

    Beispiel: eine Fabel (aus Hagman 1977)Bearbeiten

    Xam-i ke ’a ǀúrún hòán tì kàó’ao káísep ’a ǀaísa, ǀóm ̊ǁxáí, xápú kxáó, tsií ǃháése ra ǃxóés ǃ’áróma.

    Tsií maátsekám ̊ǁóakas hòásàp ke ǂxam xam-à ǃárop ǃnaa ǂ’oá tsií ̊ǁ’iip tì ǀaísìpà síí kèrè ǀnoóku náú ǀúrún ǀxáa. Tsií maá tsèes hòásàp ke ̊ǁ’iipà kèrè ’óa-ǀxií tàn’aose. Tsií nee ǂhòas ke ǀúrún ǃhúùp hòárákap ǃnaa kè ̊ǁnàúhè tsií ǂ’ánhè ’ií xam-i ’a ǀúrún tì kàó’ao ǃxáisà. Tsií maá tsèes híí’ap kèrè ’óa-ǀxií tàn tsiís kxáóǃáa ’oos ke ̊ǁ’iip tì ̊ǁuusà kèrè koápi "tíí ’óátse! ǀóm ǃnórótse! xápú kxáótse! ǀóm ̊ǁxáítse! ’áore kxòetse!" tí.

    Xapes ke ǀúí tsekám ̊ǁóaka kxàí-máá tsiíp ke ǂxam xam-à kàrósn ’oo ǃxóóǀxáapi "ǀóm ̊ǁxáítse! ǀóm ǃnórótse! xam ̊ǁ’oatse! xápú kxáótse!" tí, ǃxóóǀxáapi tóá tsií kè míí "am’aseta ke ra ǂóm saáts maá ǀúrún hòán xaa ’a ǀaísa ǃxáisà. Maá tsèes hòásàts ke saátsà ǂ’oá ǃárop ǃnaa tsií ’óa-ǀxií tsií ra ̊ǁaute ’am’asets saátsà ’a ǀúrún tì kàó’ao ǃxáisà. Xape, tíí ’óátse! ǀúí tsèets ke nìí ǂ’oá ǃárop ǃnaa. Tsií ǂ’oá tsiíts ǃárop ǃnaa ra ǃuumaa híí’ats ke ǂxarí xuuróp ǂhanúse ra ǃúu ǃxoótì ǃnaa ǂnùa tànásepà nìí mùu. Tsií, tíí ’óátse! ǀóm ̊ǁxáítse! ǀóm ǃnórótse! xápú kxáótse! ̊ǁnaá ǂxarí xuuróp ǀxáats kàrà ǀhaó’ú tsèes ̊ǁnaás ’áís ke sóresà nìí ǂaa ’óa-ǀxií tamats hàa híí’a. ̊ǁnaá xuuróp tì ǀ’òns ke "kxòep" tí ra ǂaíhè.

    [3]

    Der Löwe ist der König aller Tiere, weil er sehr stark ist, mächtig in der Brust, schlank in seiner Taille und schnell läuft.

    Jeden Morgen ging der junge Löwe in den Wald, um seine Kraft mit der anderer Tiere zu vergleichen. Und jeden Tag kehrte er als Sieger zurück. Diese Nachricht war in der ganzen Tierwelt zu hören und wohlbekannt: dass der Löwe der König der Tiere sei. Jeden Tag, an dem er siegreich nach Hause kam, lobte ihn seine Mutter: „Mein Sohn! Mächtig im Nacken! Mächtig in der Brust! Ein richtiger Mann!“

    Aber eines Morgens, als der junge Löwe gerade aufgestanden war und sich reckte, lobte sie ihn „Mächtig in der Brust! Mächtig im Nacken! Mit Löwenarmen! Schlank in der Taille!“, hörte auf, ihn zu loben, und sagte: „Wirklich, ich bin sicher, du bist der Stärkste unter allen Tieren. Jeden Tag gehst du in den Wald und kehrst zurück, und zeigst mir, dass du wahrhaftig der König der Tiere bist. Aber, mein Sohn, eines Tages wirst du in den Wald gehen. Und während du im Wald umhergehst, wirst du ein kleines Ding sehen, das aufrecht geht und dessen Kopf auf den Schultern sitzt. Und, mein Sohn! Mächtig in der Brust! Mächtig im Nacken! Schlank in der Taille!, an dem Tag, an dem du diesem kleinen Ding begegnest, an diesem Tag wird die Sonne untergehen und du wirst nicht zurückgekehrt sein. Der Name dieses kleinen Dinges lautet ‚Mensch‘.“

    VerschriftlichungBearbeiten

    Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen des Khoekhoegowab gehen auf Georg Friedrich Wreede (1635–1672) zurück. 1815 begann der deutsche Pastor Chr. Albrecht das Matthäusevangelium zu übersetzen. Seine Arbeit wurde von Heinrich Schmelen und vor allem von seiner einheimischen Frau Zara Schmelen weitergeführt. 1831 waren die vier Evangelien übersetzt, die 1832 am Kap gedruckt wurden. 1863 bis 1866 stellte G. Krönlein von der Rheinischen Missionsgesellschaft die Übersetzung des Neuen Testaments fertig. 1882 werden die Psalmen gedruckt. Diese Schriften wurden jedoch kaum von den Namas gelesen, weil sie ihrer eigenen Schrift misstrauten.[4] Ein weiteres wichtiges Druckwerk in der Nama-Sprache war Luthers Katechismus, der vom protestantischen Missionar Franz Heinrich Kleinschmidt am 29. Juni 1855 in Scheppmansdorf (heute Rooibank) mit einer Auflage von 300 Exemplaren herausgebracht wurde.[5]

    AnmerkungenBearbeiten

    1. Anmerkung: Dieser Artikel enthält Schriftzeichen aus dem Alphabet der im südlichen Afrika gesprochenen Khoisansprachen. Die Darstellung enthält Zeichen der Klicklautbuchstaben ǀ, ǁ, ǂ und ǃ. Nähere Informationen zur Aussprache langer oder nasaler Vokale oder bestimmter Klicklaute finden sich z. B. unter Khoekhoegowab.

    LiteraturBearbeiten

    • Khoekhoegowab: 3ǁî xoaǀgaub = orthography 3. Namibia Publishing House, Windhoek 2002, ISBN 99916-0-408-1.
    • Fredericks, Niklaas Johannes: A study of dialectal and inter-linguistic variations of Khoekhoegowab: towards the determination of the standard orthography. Universität des Westkaps, Kapstadt 2013 (uwc.ac.za [PDF]).
    • Wilfried Haacke, Eliphas Eiseb: Khoekhoegowab Dictionary. Gamsberg Macmillan, Windhoek 2002, ISBN 99916-0-401-4.
    • Wilfried Haacke, Eliphas Eiseb: Khoekhoegowab–English / English–Khoekhoegowab. Gamsberg Macmillan, Windhoek 1999, ISBN 99916-0-172-4.
    • Roy S. Hagman: Nama Hottentot grammar. Indiana University, Bloomington 1977.
    • Sigrid Schmidt: Märchen aus Namibia, Volkserzählungen der Nama und Dama. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1997, ISBN 3-424-00684-X.
    • Reinhard Friedrich: Verjagt, verweht, vergessen. Gamsberg Macmillan, Windhoek 2010, ISBN 978-3-941602-27-4.
    • J. G. Krönlein: Wortschatz Der Khoi-Khoin (Namaqua-Hottentotten). Nabu Press, 2010, ISBN 978-1-144-34989-7.

    WeblinksBearbeiten

    EinzelnachweiseBearbeiten

    1. A study of dialectal and inter-linguistic variations of Khoekhoegowab: towards the determination of the standard orthography. University of the Western Cape, 2013; abgerufen am 1. November 2014
    2. Brenzinger, Matthias (2011) "The twelve modern Khoisan languages." In Witzlack-Makarevich & Ernszt (eds.), Khoisan languages and linguistics: proceedings of the 3rd International Symposium, Riezlern / Kleinwalsertal (Research in Khoisan Studies 29). Cologne: Rüdiger Köppe Verlag.
    3. Nama folktale. Cornell University, archiviert vom Original am 15. Juli 2008; abgerufen am 8. Oktober 2013 (khi, englisch).
    4. Ype Schaaf: L'histoire et le rôle de la Bible en Afrique, CETA, HAHO et CLE, Lavigny 2000, ISBN 9-966-886-72-9, S. 85
    5. Walter Moritz: Die Anfänge des Buchdrucks in Südwestafrika/Namibia. In: Gutenberg-Jahrbuch, 1979, S. 269–276