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Kernenergie in Belgien

Wikimedia-Liste
Kommerzielle Kernkraftwerke in Belgien:
Red pog.svg In Betrieb
Purple pog.svg stillgelegt

Derzeit (Stand Dezember 2017) werden in Belgien an zwei Standorten sieben Reaktorblöcke mit einer installierten Bruttogesamtleistung von 6.183 MW betrieben. Der erste Reaktor BR1 (Belgian Reactor 1) wurde 1956 und der erste rein kommerziell genutzte Reaktorblock ging 1974 in Betrieb. Die Kernenergie trägt etwa 54 Prozent zur Gesamtstromerzeugung in Belgien bei.[1]

Inhaltsverzeichnis

Liste der Kernreaktoren in BelgienBearbeiten

Name Block Reaktortyp Status MW
(Netto)
MW
(Brutto)
Inbetriebnahme geplante
Abschaltung
Eingespeiste
GWh Ende 2007
Mol BR-3 DWR Stillgelegt 10 12 10.10.1962 30.06.1987 759
Doel 1 DWR In Betrieb 433 454 28.08.1974 (2025)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 97.861
2 DWR In Betrieb 433 454 21.08.1975 (2025)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 91.997
3 DWR In Betrieb 1.006 1.056 23.06.1982 (2022)Vorlage:Zukunft/In 4 Jahren 182.637
4 DWR In Betrieb 1.039 1.090 08.04.1985 (2025)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 165.566
Tihange 1 DWR In Betrieb 962 1.009 07.03.1975 (2025)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 214.254
2 DWR In Betrieb 1.008 1.055 13.10.1982 (2023)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 179.274
3 DWR In Betrieb 1.015 1.065 15.06.1985 (2025)Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren 174.535

Kernkraftwerk DoelBearbeiten

Das Kernkraftwerk Doel hat vier Reaktorblöcke und eine installierte Bruttoleistung von 3.054 MW. Der Reaktorblock 1 ging am 28. August 1974 in Betrieb und ist der älteste noch genutzte.

Kernkraftwerk TihangeBearbeiten

Das Kernkraftwerk Tihange hat drei Reaktorblöcke und eine installierte Bruttoleistung von 3.129 MW.

GeschichteBearbeiten

Bis 1974Bearbeiten

 
Atomium

Bereits 1913 wurde Uranerz in Haut-Katanga im damaligen Belgisch-Kongo entdeckt. Die Erzvorkommen die in der Shinkolobwe Mine gefunden wurde, waren außergewöhnlich reichhaltig. Abgebaut wurde das Uran von der Union Minière du Haut Katanga (UMHK). Schon vor dem Zweiten Weltkrieg äußerten die Vereinigten Staaten Interesse an diesem Uranerz. Jedoch dauerte es bis 1942 bis die USA für das Manhattan-Projekt nach Uran verlangten. Durch seine Kolonien war Belgien einer der wenigen Länder mit einem beträchtlichen Vorrat an Uranerz und wurde so zum Hauptlieferanten für die USA. Diese Handelsbeziehung führte dazu, dass Belgien Zugang zu Nukleartechnologie für zivile Zwecke erhielt. Die zivile Nutzung der Kernenergie in Belgien geht auf die Initiative von Pierre Ryckmans und den Atomic Energy Act der USA von 1946 zurück.[2][3]

Im Jahr 1952 führte dies zur Gründung des Studienzentrum für Kernenergie. Der erste Reaktor BR1 (Belgian Reactor 1) wurde 1956 in Mol in Betrieb genommen. Der Bau von BR2 begann im folge Jahr. [4]

1958 wurde das Atomium in Brüssel als Symbol für das Atomzeitalter und die friedliche Nutzung der Kernenergie fertiggestellt.

1962 erfolgte die Inbetriebnahme des allerersten Druckwasserreaktors auf europäischem Boden. Der BR-3 in Mol war ein amerikanischer Lizenzbau von Westinghouse Electric Company und wies nur eine geringe thermische Reaktorleistung auf; er diente von Beginn an zu Forschungszwecken, wurde aber auch kommerziell zur Stromerzeugung genutzt.[5]

Von 1967 bis 1974 wurde in Mol auch die Eurochemic eine Wiederaufarbeitungsanlage betrieben.

1969 begann der Bau des ersten rein kommerziellen Reaktorblocks des Kernkraftwerks Doel.[6]

Als Beginn der kommerziellen Kernenergie-Produktion gilt die Inbetriebnahme der Blöcke 1 und 2 des Kernkraftwerk Doel und des Blocks 1 des Kernkraftwerk Tihange in den Jahren 1974 und 1975. Ihnen folgten in den 1980er Jahren noch vier weitere Kraftwerks-Blöcke an denselben Standorten.

Bis 2011Bearbeiten

1986 wurde in Dessel eine Fabrik zur Produktion von MOX-Brennelementen für kommerzielle Kernkraftwerke in Betrieb genommen, welche auch das Ausland bedient.

Am 30. Juni 1987 wurde der älteste Druckwasserreaktor auf europäischen Boden der BR-3 abgeschaltet.

1999 hat die Regierung Verhofstadt I, bestehend aus den Liberalen (Vlaamse Liberalen en Democraten und Mouvement Réformateur), den Sozialisten (Sociaal Progressief Alternatief und Parti Socialiste) und den Grünen (Groen! und Ecolo), eine Laufzeitbegrenzung der belgischen Reaktoren auf 40 Jahre festgeschrieben und dem Neubau von Atomkraftwerken eine Absage erteilt. Eine Gesetzesvorlage, die den Ausstieg des Landes aus der Kernenergie bis zum Jahr 2025 vorsah, wurde am 6. Dezember 2002 vom Abgeordnetenhaus gebilligt und am 16. Januar 2003 auch vom Senat angenommen.[7]

Für Schlagzeilen sorgten in den 2000er Jahren zwei Unfälle bzw. Störfälle (INES 3 und 4) in einer nukleartechnischen Radiochemischen Industrieanlage in Fleurus.

Im Frühjahr 2003 wurde eine neue Regierung gewählt, an der die Grünen nicht mehr beteiligt waren. Im September 2005 entschied diese, die vorher gefällte Entscheidung teilweise rückgängig zu machen. So wurde die Ausstiegsfrist um 20 Jahre verlängert, ebenso wurde eine Option für weitere Verlängerungen der Gesamtlaufzeit offen gehalten. Dabei blieb unklar, ob neue Kernkraftwerke gebaut werden. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass es unrealistisch sei, den Strom, der durch Kernkraftwerke erzeugt wird, zu ersetzen. Die beiden einzigen realistischen Alternativen bestanden nach dieser Auffassung darin, mehrere Öl- und/oder Kohlekraftwerke zu bauen oder Strom aus dem Ausland zu importieren. Während die erste Möglichkeit den Anweisungen des Kyoto-Protokolls widerspricht, erschien die zweite als teurer als das Betreiben der Kernkraftwerke.

Dies war einer der Hauptgründe, den Ausstieg rückgängig zu machen, weil es als unmöglich erschien, mehr als die Hälfte des Stromes aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Der Anteil erneuerbarer Energien in Belgien lag damals nur bei etwa 3–4 %. Das Land strebt bis 2020 an, 13 % des Energieverbrauchs auf erneuerbare Energien umzustellen. Mittlerweile konnte Belgien den Anteil der erneuerbaren Energien jedoch auf etwa 8 % steigern.[8]

Weitere EntwicklungBearbeiten

Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe von Fukushima hatten sich 2011 die Regierungsparteien darauf geeinigt, dass alle sieben belgischen Kernkraftwerks-Blöcke ab 2015 sukzessive abgeschaltet werden sollen, wie bereits in einem Gesetz von 2003 zum Atomausstieg festgeschrieben worden war. Wegen des massiven Ausfalls von Strom wurde dieser Ausstiegstermin später aber wieder in Frage gestellt.[9][10]

Im Oktober 2011 einigte sich die neue Regierung darauf, den Atomausstieg ab 2015 wie ursprünglich geplant umzusetzen.[11] Der Regierungsplan sah vor, dass alle Atomkraftwerke spätestens bis 2025 geschlossen werden sollen.

Laut Spiegel-Bericht vom 15. August 2014 ist innerhalb von wenigen Monaten wegen Reaktorproblemen die Hälfte der Produktion von Atomstrom ausgefallen. Die seit 2014 im Amt befindliche liberal-konservative Regierung unter Charles Michel hielt am Ausstieg aus der Atomkraft fest. Allerdings bekamen die Blöcke 1 und 2 des Kernkraftwerks Doel eine Laufzeit-Verlängerung: Es ist vorgesehen, sie bis 2025 zu betreiben; dasselbe gilt für Doel 4 sowie Tihange 1 und 3. Doel 3 und Tihange 2, die Schwachstellen im Reaktorbehälter-Stahl aufweisen, müssen bereits 2022 und 2023 definitiv vom Netz. Definitiver Zeitpunkt des Kernenergie-Ausstiegs in Belgien wäre also aus heutiger Sicht 2025.[12] Zwischen 2002 und 2015 mussten die Reaktoren in Doel und Tihange aus unterschiedlichen Gründen mehrmals abgeschaltet werden.[13][14]

Durch technische Probleme waren im August 2014 drei der sieben belgischen Leistungsreaktoren außer Betrieb, womit über 50 % der Leistung der Kernkraftwerke bzw. rund 25 % der Gesamtleistung aller belgischen Kraftwerke nicht zur Verfügung steht. In den Reaktoren Doel-3 und Thiange-2 wurden im November 2012 Risse in den Druckbehältern gefunden, worauf die Reaktoren heruntergefahren wurden. Nach einer Reparatur wurden sie im Juni 2013 wieder ans Netz genommen, im März 2014 aufgrund des gleichen Problems jedoch auf Anordnung der Agentur für Nuklearkontrolle vorübergehend wieder heruntergefahren. Im August 2014 kam es im Reaktor Doel-4 durch Ölverlust zu einem schweren Turbinenschaden. Der Reaktor konnte bis Dezember 2014 keinen Strom erzeugen.[15][16][17]

Als Folge des Ausfalls von Doel-3, Doel-4 und Tihange-2 wuchs die Sorge vor einem Stromengpass in Belgien oder gar einem Black out. Die Regierung Michel beschloss daher am 18. Dezember 2014, analog zu einer bereits früher für den Reaktor Tihange-1 getroffenen Entscheidung, dass die Laufzeiten der beiden älteren Reaktoren in Doel (Doel-1 und Doel-2), um jeweils zehn Jahre auf 2025 verlängert wird. Gleichzeitig spekulierte die zuständige Energieministerin Marie-Christine Marghem über eine grundsätzliche Rolle der Kernenergie in Belgien auch nach 2025.[18] Allerdings wurde der Reaktor Doel-1 wegen einer fehlenden Weiterbetriebsgenehmigung durch die belgischen Atomaufsichtsbehörden im Februar 2015 vom Netz genommen. Der Leistungsbetrieb wurde, ebenso wie in den Anlagen Doel-3 und Tihange-2, im Dezember 2015 wieder aufgenommen,[19] trotz Rissbefunden und Sicherheitsbedenken u. a. wegen Materialfehlern im verwendeten Stahl für den Reaktordruckbehälter. Die deutsche Bundesregierung trug "nachdrücklich" Bedenken gegen die Wiederaufnahme vor.[20][21] Anderseits werden die belgischen Atomkraftwerke mit Brennelemente aus deutschen Uranfabriken in Gronau und Lingen beliefert.[22] Damit sind die sieben belgischen Reaktoren wieder am Netz, mit der Absicht, sie mindestens bis 2025 weiterzubetreiben.

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Deutsches Atomforum – Weltreport 2011 (pdf-Datei – 0,5 MB)
  2. 1952–2002 – Broschüre zum 50jährigen Bestehen des belgischen Nuklearforschungszentrums, Seite 6
  3. BR1 – 50th Anniversary – The very first beginning (englisch)
  4. BR1 – 50th Anniversary – The personnel (englisch)
  5. Co-ordination Network on Decommissioning of Nuclear Installations (CND). BR3 Nuclear Power Plant
  6. https://www.iaea.org/PRIS/CountryStatistics/ReactorDetails.aspx?current=9
  7. An Essential Programme to Underpin Government Policy on Nuclear Power (Memento vom 5. September 2005 im Internet Archive) auf scientific-alliance.org (englisch, PDF; 198 KB) Abgerufen am 24. August 2015.
  8. Ausbauziele erneuerbarer Energien lt. Eurostat
  9. Aus für sieben Reaktoren: Belgien will ab 2015 aus Atomkraft aussteigen. Spiegel online Politik. abgerufen am 11. März 2015.
  10. Stromproduktion: Belgien schaltet dritten Atomreaktor ab. Spiegel online Wissenschaft abgerufen am 11. März 2015.
  11. Aus für sieben Reaktoren. Belgien will ab 2015 aus Atomkraft aussteigen. In: Spiegel-Online. 31. Oktober 2011. Abgerufen am 31. Oktober 2011.
  12. Medienmeldung Nuklearforum Schweiz
  13. Stromproduktion: Belgien schaltet dritten Atomreaktor ab, Spiegel online
  14. Doel/(B): Kernkraftwerk Doel bleibt bis Mitte September abgeschaltet. WDR abgerufen am 11. März 2015.
  15. Belgiens Atomkraftwerke machen schlapp. In: Schweizer Radio und Fernsehen. 14. August 2014. Abgerufen am 20. August 2014.
  16. Stromproduktion: Belgien schaltet dritten Atomreaktor ab. In: Spiegel-Online. 15. August 2014. Abgerufen am 20. August 2014.
  17. Zwei belgische Atommeiler vor der definitiven Abschaltung?. In: heise.de, 20. August 2014. Abgerufen am 20. August 2014.
  18. Marghem: Atomkraft auch nach 2025 eine Option. In: Belgischer Rundfunk online, 19. Dezember 2015. Abgerufen am 17. Februar 2015.
  19. Belgischer Rundfunk: FANK gibt grünes Licht für Wiederhochfahren von Doel 3 und Tihange 2, 17. November 2015.
  20. BT-Drs. 18/7220: Antwort der Bundesregierung, Rissbefunde in den belgischen Atomkraftwerken Doel 3 und Tihange 2 sowie die Laufzeitverlängerung von Doel 1 und Doel 2
  21. Ilse Tweer: Flawed Reactor Pressure Vessels in the Belgian NPPS Doel 3 and Tihange 2. Comments on the FANC Final Evaluation Report 2015 (PDF).
  22. https://www.n-tv.de/politik/Hendricks-will-Uranfabriken-schliessen-article19775344.html