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Karl-Heinz Spieß (* 4. Dezember 1948 in Großbockenheim) ist ein deutscher Historiker. Spieß war von 1994 bis 2014 Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.

Leben und WirkenBearbeiten

Karl-Heinz Spieß besuchte von 1955 bis 1959 die Jakob Böshenz-Volksschule in Bockenheim und von 1959 bis 1967 das Leininger-Gymnasium in Grünstadt. Er legte 1967 das Abitur ab und studierte von 1967 bis 1972/73 die Fächer Geschichte, Anglistik, Pädagogik und Philosophie an den Universitäten Aberdeen und Mainz. Im November 1972 legte er die Wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an Gymnasien in Geschichte und Anglistik ab. Spieß war von 1972 bis 1993 wissenschaftlicher Angestellter und Akademischer Rat bzw. Oberrat an der Universität Mainz. 1977 wurde er bei Alois Gerlich in Mainz in Mittlerer und Neuerer Geschichte promoviert. Für seine Dissertation erhielt er 1978 den Diether-von-Isenburg-Preis von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von 1977 bis 1994 war er Vorstandsmitglied (Schriftführer) des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. Im Dezember 1991 wurde er zum akademischen Rat ernannt. Im selben Jahr erfolgte seine von Gerlich betreute Habilitation in Mainz. Von April 1993 bis März 1994 hatte er eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Kassel inne. Von April 1994 bis September 2014 war Karl-Heinz Spieß Professor für Allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Greifswald. Er wurde als erster Historiker aus den alten Bundesländern berufen.[1] Spieß wurde 1995 Sprecher des Mittelalterzentrums Greifswald, einer Vereinigung von über 20 Wissenschaftlern aller Fakultäten. Eine Berufung an die Universität Bonn lehnte er 1998 ab.

Seine Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Verfassungsgeschichte des Adels, die vergleichende Landesgeschichte, die bäuerliche Gesellschaft und die ländlichen Rechtsquellen (vor allem zum Lehnswesen). Bereits in seiner rechts- und territorialgeschichtlich ausgerichteten Dissertation befasste er sich mit dem Lehenswesen der Pfalzgrafen bei Rhein von 1209 bis 1401. Seine Dissertation ergänzte Spieß durch eine Edition des ältesten Lehnsbuches der Pfalzgrafen bei Rhein vom Jahr 1401. Spieß veröffentlichte 2002 eine Darstellung zum Lehnswesen, die 2009 in zweiter und verbesserter Auflage erschien.[2] Die Arbeit besteht aus den drei Teilen A) Darstellung, B) Quellen und C) Thesen der Forschung. Spieß legte 2002 eine Quellensammlung zum Lehenswesen vor. Die 67 Texte des Bandes behandeln die Zeit vom 11. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Er organisierte im Frühjahr 2011 eine Reichenau-Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte mit dem Thema Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert. Spieß versteht dabei unter Lehnswesen „die Gesamtheit der rechtlichen Bestimmungen für das Verhältnis zwischen Lehnsherr und Vasall und deren Auswirkungen auf die staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen“.[3] Zum Themenkomplex Lehnswesen verfasste Spieß zahlreiche Artikel für das Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte.

Spieß konzipierte und organisierte weitere Tagungen des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte. Gemeinsam mit Neithard Bulst organisierte Spieß 2002 die Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur sozialen Wirksamkeit des mittelalterlichen Hospitals. Im Frühjahr 2005 widmete sich eine von Spieß geführte Frühjahrstagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte dem Thema Familie in der Gesellschaft des Mittelalters.

Seine 1993 und 2015 in einer zweiten Auflage erschienene Habilitationsschrift Familie und Verwandtschaft im deutschen nichtfürstlichen Hochadel des Spätmittelalters gab der Adelsforschung in Deutschland nachhaltige Impulse.[4] Spieß legte mit dieser Arbeit die erste Untersuchung seit Jahrzehnten vor, die sich mit den hochadeligen Familien im späten Mittelalter befasst.[5] Spieß wählte in dieser Untersuchung 15 Familien des Grafen- und Herrenstandes aus, die in Franken, Hessen, an Mittel- und Oberrhein ansässig waren, wie beispielsweise Eppstein, Hohenlohe, Nassau, Katzenelnbogen oder Leiningen. In Greifswald baute er mit „Principes“ ein großes Projekt zur Adelsforschung auf. Vergleichend untersuchte er dort europaweit die Gruppe des höchsten Adels. Im Jahr 2000 wurde in Greifswald eine große Tagung zum Thema Principes. Dynastien und Höfe im späten Mittelalter veranstaltet. Die Ergebnisse wurden 2002 in der angesehenen Reihe „Residenzforschung“ publiziert. Aus diesem Forschungsprojekt gingen zahlreiche Qualifikationsarbeiten hervor. Dazu gehören die Habilitationsschriften von Cordula Nolte über Familie, Hof und Herrschaft bei den Zollern[6] und von Oliver Auge über die Handlungsspielräume der Fürsten im Nordosten des Reiches[7] sowie mehrere Dissertationen. Für das Greifswalder Mittelalterzentrum organisierte Spieß Tagungen zum Thema „Fremdheit und Reisen im Mittelalter“ (1995) und der „Prozesse der Normbildung und Normveränderung im mittelalterlichen Europa“ (1998). Im Jahr 1998 organisierte und leitete er auf dem Frankfurter Historikertag die Sektion „Europa und Deutschland in der Perspektive amerikanischer Mediävisten“. Zum Thema „Dynastien und Höfe im spätmittelalterlichen Europa“ organisierte er 2000 eine Tagung an der Universität Greifswald. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Historischen Instituts an der Greifswalder Universität gab Spieß zusammen mit Niels Hegewisch und Thomas Stamm-Kuhlmann 2015 einen Sammelband zur Geschichtswissenschaft in Greifswald heraus. Die Herausgeber äußern im Vorwort der Veröffentlichung die Absicht, die „Traditionslinien der Greifswalder Geschichtswissenschaft vom frühen 19. bis ins 21. Jahrhundert“ nachzeichnen zu wollen.

Für seine Forschungen wurden Spieß zahlreiche wissenschaftliche Ehrungen und Mitgliedschaften zugesprochen. Spieß ist seit 1980 Mitglied der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt, seit 1983 Mitglied der Historischen Kommission für Nassau, seit 1996 Mitglied in der Vereinigung für Verfassungsgeschichte, seit 1999 Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte, seit 2001 Mitglied der Historischen Kommission für Pommern und seit 2008 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Spieß war zudem Mitbegründer der wissenschaftlichen Publikationsreihe Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald, in der er zahlreiche Bände als Mitherausgeber betreute. Im Jahr 2012 wurde er geehrt mit der Ehrennadel „Silberner Greif“ durch die Universitäts- und Hansestadt Greifswald und mit der Eintragung in das Ehrenbuch der Stadt für die langjährige Organisation der Vortragsreihe „Universität im Rathaus“. Bei der von Spieß 2004 begründeten Veranstaltungsreihe berichten im Bürgerschaftssaal des Rathauses Greifswalder Wissenschaftler über aktuelle Forschungen aus ihrem jeweiligen Fach. Ihm wurde 2016 durch den Oberbürgermeister die Rubenow-Medaille, die höchste Auszeichnung der Stadt Greifswald, für die besonderen Verdienste um das Zusammenwirken von Stadt und Universität verliehen.

SchriftenBearbeiten

Monografien

  • Zusammen mit Michael Hecker und Karl-Ulrich Meyn: Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Zeiten des Umbruchs. Zeitzeugen erinnern sich. Sardellus Verlagsgesellschaft, Greifswald 2018, ISBN 978-3-9813402-8-0.
  • Fürsten und Höfe im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-15402-9.
  • Das Lehnswesen in Deutschland im hohen und späten Mittelalter. Unter Mitarbeit von Thomas Willich. Steiner, Stuttgart 2002 (3. Aufl.: 2011), ISBN 978-3-515-10069-4.
  • Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters. 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte. Nr. 111). Steiner, Stuttgart 1993 (2., korrigierte und mit einer Einführung versehene Auflage: 2015), ISBN 978-3-515-11097-6 (Zugleich: Mainz, Universität, Habilitations-Schrift, 1991/1992).
  • Das älteste Lehnsbuch der Pfalzgrafen bei Rhein vom Jahr 1401. Edition und Erläuterungen (= Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe A: Quellen. Bd. 30). Kohlhammer, Stuttgart 1981, ISBN 3-17-005785-5.
  • Lehnsrecht, Lehnspolitik und Lehnsverwaltung der Pfalzgrafen bei Rhein im Spätmittelalter (= Geschichtliche Landeskunde. Bd. 18). Steiner, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02744-0 (Zugleich: Mainz, Universität, Dissertation, 1977).

Herausgeberschaften

  • mit Niels Hegewisch und Thomas Stamm-Kuhlmann: Geschichtswissenschaft in Greifswald. Festschrift zum 150jährigen Bestehen des Historischen Instituts der Universität Greifswald (= Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald. Bd. 11). Steiner, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-10946-8.
  • mit Dirk Alvermann: Quellen zur Verfassungsgeschichte der Universität Greifswald. (= Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald. Bd. 10, 1–3). 3 Bände. Steiner, Stuttgart 2011–2014;
    • Band 1: Benjamin Müsegades, Sabine-Maria Weitzel: Von der Universitätsgründung bis zum Westfälischen Frieden. 1456–1648. 2011, ISBN 978-3-515-09655-3;
    • Band 2: Marco Pohlmann-Linke, Sabine-Maria Weitzel: Die schwedische Großmachtzeit bis zum Ende des Großen Nordischen Krieges 1649–1720. 2012, ISBN 978-3-515-09834-2;
    • Band 3: Sabine-Maria Weitzel, Marco Pohlmann-Linke: Von der Freiheitszeit bis zum Übergang an Preußen 1721–1815. 2014, ISBN 978-3-515-10420-3.
  • Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert (= Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte. Bd. 76). Thorbecke, Ostfildern 2013, ISBN 978-379-95687-6-0 (Digitalisat).
  • mit Immo Warntjes: Death at court. Harrassowitz, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-447-06760-7.
  • Landschaften im Mittelalter. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 3-515-08579-3.
  • Medien der Kommunikation im Mittelalter (= Beiträge zur Kommunikationsgeschichte. Bd. 15). Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-08034-1.

LiteraturBearbeiten

  • Karl-Heinz Spieß. In: Jörg Schwarz: Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte 1951–2001. Die Mitglieder und ihr Werk. Eine bio-bibliographische Dokumentation (= Veröffentlichungen des Konstanzer Arbeitskreises für Mittelalterliche Geschichte aus Anlaß seines fünfzigjährigen Bestehens 1951–2001. Bd. 2). Herausgegeben von Jürgen Petersohn. Thorbecke, Stuttgart 2001, ISBN 3-7995-6906-5, S. 411–415 (Digitalisat)
  • Oliver Auge (Hrsg.): König, Reich und Fürsten im Mittelalter. Abschlusstagung des Greifswalder „Principes-Projekts“. Festschrift für Karl-Heinz Spieß (= Beiträge zur Geschichte der Universität Greifswald. Bd. 12). Steiner, Stuttgart 2017, ISBN 3-515-10895-5.

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Oliver Auge: König, Reich und Fürsten im Mittelalter - eine Hinführung. In: Oliver Auge (Hrsg.): König, Reich und Fürsten im Mittelalter. Abschlusstagung des Greifswalder „Principes-Projekts“. Festschrift für Karl-Heinz Spieß. Stuttgart 2017, S. 13–21, hier: S. 14.
  2. Vgl. dazu die Besprechung von Julia Eulenstein in: Nassauische Annalen Bd. 122 (2011), S. 492–493.
  3. Karl-Heinz Spieß: Zur Einführung. In: Ders.: Ausbildung und Verbreitung des Lehnswesens im Reich und in Italien im 12. und 13. Jahrhundert. Ostfildern 2013, S. 9–16, hier: S. 10; Karl-Heinz Spieß unter Mitarbeit von Thomas Willich: Das Lehnswesen in Deutschland im hohen und späten Mittelalter. 3. Auflage. Stuttgart 2011, S. 16.
  4. Vgl. die Auflistung der positiven Besprechungen in Karl-Heinz Spieß: Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters. 13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts. 2., korrigierte und mit einer Einführung versehene Auflage. Stuttgart 2015, S. Vf.
  5. Vgl. dazu die Rezension von Michaela Laichmann in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Bd. 105 (1997), S. 501–502; Weitere Besprechung von Wilhelm Störmer in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 59 (1996), S. 1010–1013 (online).
  6. Cordula Nolte: Familie, Hof und Herrschaft. Das verwandtschaftliche Beziehungs- und Kommunikationsnetz der Reichsfürsten am Beispiel der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach (1440–1530). Ostfildern 2005
  7. Oliver Auge: Handlungsspielräume fürstlicher Politik im Mittelalter. Der südliche Ostseeraum von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis in die frühe Reformationszeit. Ostfildern 2009.