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KZ Gusen

Konzentrationslager in Langenstein, Ortsteil Gusen, Zwillingslager von Mauthausen
Alliierte Luftaufnahme der KL Gusen I und II (KL Gusen II links, bei Nr. 19)

Mit dem Namen Konzentrationslager Gusen werden drei unterschiedliche Häftlingslager in Oberösterreich östlich von Linz in der Zeit des Nationalsozialismus zusammengefasst, die von der SS als Außenlager des KZ Mauthausen geführt wurden. Diese sind:

ÜberblickBearbeiten

 
Wachtürme und Granitmauern wurden nach dem Krieg abgetragen

Die Geschichte des Konzentrationslagerkomplexes Gusen begann bereits kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, als die damals noch in Gründung befindliche Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST), Berlin, am 25. Mai 1938 in Gusen Schürfrechte und erste Grundstücke für das geplante Gefangenenlager in Langenstein erwarb. Oswald Pohl, der sich seit 1936 bemühte, aus der Zwangsarbeit von Häftlingen wirtschaftlichen Nutzen für die SS zu ziehen und ab August 1938 KZ-Häftlinge in Gusen und Mauthausen einsetzte, konzipierte von der ersten Stunde an ein bipolares Doppellagersystem Mauthausen/Gusen mit wirtschaftlicher Schwerpunktsetzung der DEST in Gusen. Ab 1939 wurde die Werkgruppenleitung der DEST-Granitwerke Mauthausen in der bei Gusen gelegenen Marktgemeinde St. Georgen an der Gusen eingerichtet.[1]

Während im KZ Mauthausen verwaltungs- und kommandotechnische Entscheidungen der SS für beide Lager getroffen wurden, stand in Gusen die betriebswirtschaftliche Infrastruktur für die Ausbeutung der KZ-Häftlinge nach dem Prinzip der Vernichtung durch Arbeit im Vordergrund.

In Gusen gab es von 1944 bis April 1945 bis zu doppelt so viel Häftlinge und auch bedeutend mehr Opfer als in Mauthausen. Hier standen ein direkter Bahnanschluss, ein projektierter Donauhafen, die Infrastruktur für Werksteinverarbeitung und Infanteriewaffenerzeugung, ein unterirdisches Flugzeugwerk B8 Bergkristall für die Produktion von Messerschmitt Me 262-Düsenjagdflugzeugen, ein Bekleidungsmagazin der Waffen-SS, umfangreiche Kartoffelmieten sowie eine Angorazucht bereit.[2] Gusen wurde nach der Befreiung Österreichs nicht zu einer Denkmalzone erklärt, sondern der lokale Betrieb der Deutschen Erd- und Steinwerke GmbH Berlin (DEST) kam mittels der USIA unter die Geschäftsführung der sowjetischen Besatzer.

 
Die noch erhaltenen Gebäude der SS-Kaserne Gusen sind vom Abriss bedroht.
 
Ein Überlebender (12. Mai 1945)

Unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges verhinderte der IKRK-Delegierte Louis Häfliger die Sprengung des unterirdischen Flugzeugwerkes in St. Georgen und der Stollen bei den Konzentrationslagern von Gusen und damit die Ermordung zehntausender Häftlinge, indem er die amerikanischen Truppen benachrichtigte und in die Konzentrationslager Gusen und Mauthausen führte.

Nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht aus Österreich im Jahre 1955 wurden große Teile der ehemaligen Lagerareale durch die Republik Österreich privatisiert und in den ersten Nachkriegsjahrzehnten teilweise stark mit Einfamilienhäusern überbaut. Ein bereits um 1965 errichteter Memorialbau wurde erst 1997 von Überlebenden in die Verantwortung der Republik Österreich übergeben. Diese renovierte dieses 2002 mit Hilfe des Personenkomitees Gusen. Im Jahre 2004 wurde die Gedenkstätte unter Federführung des österreichischen Bundesministeriums für Inneres um ein Besucherzentrum erweitert.

Laut einer ZDF-Sendung vom September 2019 sollen neu zugängliche Dokumente mit großer Wahrscheinlichkeit vermuten lassen, dass das KZ Gusen wesentlich größer war als bisher angenommen. Demnach soll die Länge des unterirdischen Stollensystems bis 26 km betragen haben. Weiters soll ein unterirdisches KZ bestanden haben, in dem zu Kriegsende möglicherweise sämtliche Gefangenen durch gezielte Sprengung der Tunneleingänge getötet wurden. Gemäß dem Historiker Stefan Karner muss die Geschichte des KZ Gusen neu geschrieben werden.[3][4] Diese Darstellungen wird von anderen Experten bezweifelt. Barbara Glück, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, hält die Behauptungen für lediglich spekulativ und manche der Indizien, auf die sie sich stützten, seien bereits entkräftet. Auch kritisiert sie, dass die angeblich neuen Quellen nicht auch anderen Experten zugänglich gemacht wurden.[5]

OpferzahlenBearbeiten

Opferzahlen der KL Gusen (1940–1945)[6]
Häftlingskategorie 1940 1941 1942 1943 1944 1945 Gesamt
Häftlinge (ohne Kriegsgefangene) 1.522 5.570 5.005 5.173 4.691 10.954 32.915
Sowjetische Kriegsgefangene . 220 2.197 130 99 197 2.843
Vergast in Hartheim . 510 1.132 800 698 . 3.140
Vergast im Gaswagen . . 1.200 . . . 1.200
Zum Sterben ins Sanitätslager Mauthausen verbracht . . . . . 1.900 1.900
In Mauthausen erschossen 240 . . . . . 240
Jüdische Kinder . . . . . 420 420
Nach Befreiung verstorben . . . . . 1.944 1.944
Gesamt 1.762 6.300 9.534 6.103 5.488 15.415 44.602

Bekannte Namen einiger Opfer der KZ GusenBearbeiten

Überlebende der KZ GusenBearbeiten

  • Paul Brusson, ehemaliger Polizeipräsident der Stadt Lüttich in Belgien (Gusen I)
  • Aldo Carpi italienischer Künstler, Maler und Verfasser von Berichten aus dem KZ Mauthausen-Gusen
  • Jean Cayrol, Literat aus Frankreich (Gusen I)
  • Pierre Serge Choumoff, führender Ultrahochvakuumspezialist aus Frankreich (Gusen I)
  • Stanisław Grzesiuk, Literat, Volkssänger und Lied-Texter aus Polen. Schrieb den Text zum Gusener Lagermarsch (Gusen I)
  • Roger Heim, Naturwissenschaftler aus Frankreich (Gusen I)
  • Joseph Sheen OM MBE, Armee-Angehöriger aus Polen, der nach Australien ging (Gusen II)
  • Abraham Zuckerman, junger Pole, der zuvor von Oskar Schindler gerettet wurde (Gusen II)

Aktuelle EigentumsverhältnisseBearbeiten

Ein Großteil der Grundstücke des einstigen Konzentrationslagers Gusen ist im Privatbesitz. Einige der Besitzer signalisierten 2018/2019 Verkaufsbereitschaft.

Das österreichische Innenministerium hat 2018 eine Machbarkeitsstudie „zum weiteren Umgang mit dem Gedenken in Gusen“ in Auftrag gegeben. Einerseits signalisierte Polen durch den Premier Mateusz Morawiecki am 6. Dezember 2019 eine Kaufbereitschaft, andererseits plädierte Barbara Glück, Direktorin des Mauthausen Memorial am 8. Dezember 2019 dafür, dass die Republik Österreich die Grundstücke kaufen sollte. Die Gedenkstätte in/um Gusen müsse aufgewertet werden.[8][9]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Bernard Aldebert: Gusen II - Leidensweg in 50 Stationen. Elisabeth Hölzl (Übers. u. Hrsg.). Bibliothek der Provinz, Wien-Linz-Weitra-München 1997, ISBN 3-85252-145-9
  • Lodovico Barbiano di Belgiojoso: Notte, Nebbia - Racconto di Gusen. Ugo Guanda, Parma 1996, ISBN 88-7746-936-6
  • Aldo Carpi: Diario di Gusen. Giulio Einaudi. Torino 1993, ISBN 88-06-12324-6
  • Pierre Serge Choumoff: Les exterminations par gaz a Hartheim, Mauthausen et Gusen. Amicale des deportes et familles de disparus du camp de concentration de Mauthausen. Paris 1988.
  • Stanislaw Dobosiewicz: Mauthausen/Gusen - Oboz Zaglady. Wydawnictwo Ministerstwa Obrony Narodowej, Warszawa 1977
    • Mauthausen-Gusen: W orbonie zycia i ludzkiej Godnosci. Dom Wydawniczy Bellona, Warszawa 2000, ISBN 83-11-09048-3
    • Vernichtungslager Gusen. Mauthausen-Studien. Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Band 5. Wien, 2007.
  • Christian Dürr, Ralf Lechner u. Stefan Wolfinger: Konzentrationslager Gusen 1939-1945: Spuren - Fragmente - Rekonstruktionen. Broschüre zur Ausstellung im Besucherzentrum Gusen. Bundesministerium für Inneres, Wien 2006, ISBN 3-9500867-7-3
  • Joseph Fisher: Die Himmel waren vermauert, New Academic Press, Wien 2017, ISBN 978-3-7003-1956-6
  • Martha Gammer: Das Wissen über das Konzentrationslager Gusen, Der Heimatverein St. Georgen sammelte die Berichte von Zeitzeugen, in: Eurojournal Mühlviertel-Böhmerwald Jahrgang 2, Sonderheft 1, S. 19–23, Linz 1996
    • Der Schrecken aller Schrecken, in: Eurojournal Mühlvertel-Böhmerwalt, Jahrgang 2, Sonderheft 1, S 24 bis 28, Linz 1996
  • Reinhard Hanausch: Überleben durch Kunst - Zwangsarbeit im Konzentrationslager Gusen für das Messerschmittwerk Regensburg, Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg 2012, ISBN 978-3-937527-52-9
  • Rudolf Haunschmied: 1938/1945 - Zum Gedenken. In: Marktgemeinde St. Georgen a.d. Gusen (Hrsg..): 300 Jahre erweitertes Marktrecht St. Georgen a.d. Gusen, St. Georgen a.d. Gusen 1989, S. 73–112
    • mit Jan-Ruth Mills, Siegi Witzany-Durda: St. Georgen-Gusen-Mauthausen - Concentration Camp Mauthausen Reconsidered. BoD, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8334-7440-8
    • NS-Geschichte 1938-1945, In: Marktgemeinde St. Georgen a.d. Gusen (Hrsg..): 400 Jahre Markt St. Georgen an der Gusen, St. Georgen a.d. Gusen 2011, S. 99–144
    • Rudolf A. Haunschmied: Zur Landnahme der Schutzstaffel im Raum St. Georgen-Gusen-Mauthausen, 2015, auf academia.edu
    • Das Judenlager Gusen II und das unterirdische Messerschmitt-Flugzeugwerk Bergkristall in St. Georgen a.d. Gusen. In: Joseph Fisher: Die Himmel waren vermauert, New Academic Press, Wien 2017, S. 241 ff. ISBN 978-3-7003-1956-6
  • Klub Mauthausen-Gusen: Od Fortu VII do Gusen - Praca zbiorowa. Wydawnictwo Pallottinum, Poznań 2000, ISBN 83-7014-396-2
  • Peter Larndorfer: Unsichtbares Hören - Der Audioweg Gusen, In: Zeithistorische Forschungen. Heft 2/2011.
  • Evelyn Le Chene: Mauthausen: The History of a Death Camp. Corgi Book. Ealing, 1973.
  • Hans Maršálek: Gusen - Vorraum zur Hölle. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1987
    • Die Geschichte des Konzentrationslager Mauthausen. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1980
  • Marek Orski: Gusen 2004 - The Past and the Present. Wydawnictwo Gdańskie, Gdańsk 2004, ISBN 83-88836-70-6
    • The Last Days of the Mauthausen-Gusen Camp. Wydawnictwo Gdańskie, Gdańsk 2005, ISBN 83-88836-90-0
  • David Wingeate Pike: Spaniards in the Holocaust - Mauthausen, the horror on the Danube. Routledge, London 2000, ISBN 0-415-22780-1
  • Plattform Johann Gruber (Hg.). Neue Wege der Erinnerungskultur - Denkstatt Johann Gruber. Wagner Verlag, Linz 2014, ISBN 978-3-902330-93-2
  • Amadeo Sinca Vendrell: Lo que Dante no pudo imaginar: Mauthausen-Gusen 1940-1945. Producciones Editoriales, Barcelona 1980, ISBN 84-365-1863-2
  • Siegi Witzany-Durda: Die Konzentrationslager Gusen I, II und III. In: Manfred Scheuer (Hrsg.): Ge-Denken: Mauthausen/Gusen - Hartheim - St. Radegund. Edition Kirchen-Zeit-Geschichte, Linz 2002, S. 13–53, ISBN 3-902330-7
  • Holger Schaeben, DER SOHN DES TEUFELS – Aus dem Erinnerungsarchiv des Walter Chmielewski, Offizin-Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-906276-18-2

WeblinksBearbeiten

  Commons: KZ-Komplex Gusen I, II, III – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wolfgang Freitag: Neue Heimat im KZ. In: diepresse.com. 27. Januar 2007, archiviert vom Original am 2. Dezember 2008; abgerufen am 10. September 2019.
  2. Rudolf A. Haunschmied, Jan-Ruth Mills, Siegi Witzany-Durda: St. Georgen-Gusen-Mauthausen - Concentration Camp Mauthausen Reconsidered. BoD, Norderstedt 2008, ISBN 978-3-8334-7440-8.
  3. Stefan Brauburger: Unterirdische SS-Anlage – Geheimes KZ unter Tage? In: zdf.de. 8. September 2019, abgerufen am 8. September 2019.
  4. KZ Gusen wahrscheinlich größer als bekannt. In: orf.at. 9. September 2019, abgerufen am 9. September 2019.
  5. David Rennert: Spekulationen über geheime Stollen im KZ Gusen irritieren Forscher. In: derstandard.at. 9. September 2019, abgerufen am 10. September 2019.
  6. Stanislaw Dobosiewicz: Mauthausen/Gusen - Oboz Zaglady. Wydawnictwo Ministerstwa Obrony Narodowej, Warszawa 1977. S. 422
  7. WHITE BOOK Martyrology of the clergy — Poland. Abgerufen am 15. April 2016 (englisch).
  8. KZ Gusen: Innenministerium prüft Optionen orf.at, 8. Dezember 2019, abgerufen 9. Dezember 2019.
  9. Polen will Überreste vom KZ Gusen kaufen orf.at, 8. Dezember 2019, abgerufen 9. Dezember 2019.