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Vakuumtank am Schwerlastkran unmittelbar nach dem Absetzen auf die zwei gekoppelten Tieflader
Transport durch Leopoldshafen

Das Karlsruhe Tritium Neutrino Experiment (KATRIN) hat die direkte Bestimmung der Masse des Elektron-Antineutrinos zum Ziel. Die Komponenten für das Experiment wurden seit Herbst 2015 im Karlsruher Institut für Technologie zusammengebaut,[1] der Messbetrieb begann am 11. Juni 2018 mit einer feierlichen Eröffnung.[2][3] Das Budget beträgt 60 Millionen Euro, die Messzeit ist auf fünf Jahre angesetzt. Rund 200 Wissenschaftler aus fünf Ländern und zwei Kontinenten sind beteiligt.[4][5]

KATRIN soll das Betaspektrum des Zerfalls von Tritium im Bereich seiner Höchstenergie mit einer Empfindlichkeit von 0,2 eV vermessen.[6] Damit wird KATRIN die früheren gleichartigen Experimente in Mainz und Troizk um eine Größenordnung übertreffen; diese hatten für die Masse eine Obergrenze von 2 eV geliefert.[7]

Inhaltsverzeichnis

MotivationBearbeiten

Im Standardmodell der Elementarteilchenphysik wurden die bekannten Neutrinoarten νe, νμ und ντ zunächst als masselos angenommen. Verschiedene Experimente mit atmosphärischen (Super-Kamiokande), solaren (GALLEX, Homestake, SNO, Borexino) und Reaktor-Neutrinos (Daya Bay, Double-Chooz, RENO) weisen aber darauf hin, dass die Neutrino-Ruhemasse von Null verschieden ist. Alle diese Experimente weisen Neutrinooszillationen nach und messen daher Massenquadrats-Abstände wie   und  , nicht aber die absoluten Neutrinomassen. Experimente wie KATRIN und seine Vorgängerexperimente ermöglichen dagegen die Bestimmung der absoluten Massen   der sogenannten Massen-Eigenzustände, die mit den messbaren Massen von e-, µ- und τ-Neutrino über die Maki-Nakagawa-Sakata-Mischungsmatrix zusammenhängen.

Die genaue Kenntnis der Neutrinomasse ist erforderlich, um zwischen den vielen unterschiedlichen Modellen zu entscheiden, mit denen versucht wird, den Neutrinos über das bisherige Standardmodell hinausgehend eine Masse zu „verleihen“. Das Ergebnis kann auch Aufschluss darüber geben, in welchem Ausmaß Neutrinos als „heiße dunkle Materie“ (HDM) zur Entstehung großskaliger Strukturen im Universum beigetragen haben.

Die Kenntnis der Masse eines der drei Massen-Eigenzustände wird es auch ermöglichen, drei mögliche Varianten des Neutrinomassenspektrums zu unterscheiden:

  • Normale Hierarchie:  
  • Invertierte Hierarchie:  
  • Quasi-degenerierte Hierarchie:  

KATRIN stößt damit als erstes Experiment in den Bereich der quasi-degenerierten Hierarchie vor.

DurchführungBearbeiten

Tritium-BetazerfallsspektrumBearbeiten

 
Berechnete Energiespektren der beim Tritium-Betazerfall emittierten Elektronen für drei unterschiedliche Neutrinomassen
(rot 1 eV; grün 0,3 eV; blau: masselos)
Nur am hochenergetischen Endpunkt laufen die Kurven auseinander; die Lage des End­punkts hängt von der Neutrinomasse ab. Bei KATRIN wird der Bereich um diesen Endpunkt vermessen. Das Dia­gramm zeigt außerdem die äußerst geringe Zählrate in diesem Bereich, die für aussagekräftige Ergebnisse lange Messzeiten erfordert.

Ausgangspunkt des Experiments ist der Betazerfall von gasförmigem Tritium, bei dem ein Elektron und ein Elektron-Antineutrino emittiert werden. Die Zerfallsenergie von 18,6 keV wird dabei zwischen dem Tochterkern und den beiden emittierten Teilchen aufgeteilt (siehe Kinematik); allerdings erhält der Tochterkern wegen seiner vergleichsweise großen Masse immer nur einen verschwindend kleinen Anteil. Falls das Neutrino masselos ist, ist die untere Grenze für die Neutrinoenergie gleich Null, und das Energiespektrum der emittierten Elektronen reicht bis zur vollen Zerfallsenergie von 18,6 keV. Bei von Null verschiedener Masse   und damit Ruheenergie des Neutrinos muss dagegen dem Elektron zumindest diese Energie „fehlen“. Durch genaue Vermessung des Spektrums nahe der Maximalenergie lässt sich durch Vergleich der für   theoretisch berechneten mit der gemessenen Kurve die Neutrinomasse bestimmen.

SpektrometerBearbeiten

Für das Experiment interessieren ausschließlich solche Elektronen, die das Tritium mit fast der vollen Zerfallsenergie verlassen. Ihre Energien von etwa 18,6 keV müssen auf genauer als 1 eV gemessen und unterschieden werden, also mit einer Energieauflösung von etwa 1/20000 oder 5 · 10−5. Dies wird mit einfachen Teilchendetektoren nicht erreicht. Deshalb werden vor dem eigentlichen Detektor zwei hintereinander angeordnete Spektrometer verwendet, sogenannte MAC-E-Filter (Magnetic Adiabatic Collimation combined with an Electrostatic Filter). Sie filtern durch eine einstellbare Gegenspannung alle Elektronen unterhalb der entsprechenden Energie heraus und ergeben für die übrig bleibenden Elektronen eine energieabhängige räumliche Verteilung. Dadurch treffen schließlich nur Elektronen mit einer durch die Gegenspannung auf etwa 1 eV genau festgelegten Energie den Detektor. Gegenüber anderen Typen von Betaspektrometern weisen MAC-E-Filter eine besonders hohe Luminosität auf.

Im kleineren Vorspektrometer wird durch eine Gegenspannung von etwa −18 kV der Elektronenfluss bereits stark verringert, indem langsamere Elektronen zurückgelenkt werden. Das so von uninteressanten Elektronen entlastete Hauptspektrometer erreicht dann das genannte extreme Auflösungsvermögen.

Im MAC-E-Spektrometer erzeugen zwei axial hintereinander in einigem Abstand angeordnete Spulen ein Magnetfeld. Die Feldlinien laufen im Raum zwischen den Spulen auseinander und erfüllen eine große Querschnittsfläche, so dass dort die magnetische Flussdichte   entsprechend verringert ist. Das Auflösungsvermögen des Spektrometers für die Elektronenenergie   ist dabei gleich dem Verhältnis der minimalen zur maximalen magnetischen Flussdichte:[6]

 .

Um die Verringerung von   auf 1/20000 zu erreichen, muss der freie Querschnitt zwischen den Spulen auf das 20000-fache des Spulenquerschnitts anwachsen; dies erklärt die großen Ausmaße des Hauptspektrometer-Vakuumtanks (Durchmesser 10 m).

Die Spannung im Hauptspektrometer wird für die Vermessung des Spektrums im Bereich von −18,6 kV variiert und die Zählrate als Funktion der Spannung aufgezeichnet. Das Hauptspektrometer nutzt supraleitende Magnetspulen, die eine magnetische Flussdichte von mindestens 6 Tesla erreichen.[6][8]

DetektorBearbeiten

Der zum Nachweis der Elektronen eingesetzte Silizium-Halbleiterdetektor erreicht nur eine Energieauflösung von 200 eV. Wegen der vorherigen Energieselektion ist hier keine besonders hohe Auflösung notwendig, und die geringere Auflösung hilft bei der Unterdrückung von Untergrundsignalen.

Der Elektronenfluss reduziert sich durch die beiden Filter von 1010 Elektronen/s an der Tritiumquelle auf etwa 1 Elektron/s am Detektor. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erreichen, werden daher mehrere Messperioden von jeweils drei Monaten nötig sein, in denen vor allem die Gegenspannung im Spektrometer ständig auf wenige ppm genau aufgezeichnet werden muss.

Ausschluss von Untergrund-ElektronenBearbeiten

Nicht aus dem Tritium-Betazerfall stammende Elektronen, die etwa durch Stöße der sekundären kosmischen Strahlung aus der Tankwand freigesetzt werden, können die Messung verfälschen. Um sie zu unterdrücken, ist das gesamte Hauptspektrometer innen mit einer doppelten Abschirmelektrode ausgekleidet. Die an diesen Elektroden anliegende Spannung ist etwas kleiner als die an der Tankwand anliegende, das heißt etwa −18,6 kV gegenüber −18,4 kV an der Wand. Durch diese Gegenspannung werden aus der Wand herausgelöste Elektronen abgebremst und dringen nicht bis zum Detektor vor.

ErgebnisseBearbeiten

Das KATRIN-Experiment befand sich bis zum Jahr 2016 im Aufbau. In dieser Zeit wurden einzelne Komponenten in Betrieb genommen und Testmessungen durchgeführt. Im Herbst 2016 wurden zum ersten Mal Elektronen aus Kalibrationsquellen durch das gesamte Experiment transmittiert (First Light, in Anlehnung an astronomische Observatorien). Darauf folgte eine Messkampagne im Sommer 2017 mit dem Ziel, den experimentellen Betrieb mit Elektronen aus dem Zerfall von 83mKr zu testen und die wichtigsten Eigenschaften des Experiments (Energieauflösung, Stabilität der Spektrometerspannung usw.) zu überprüfen.[9]

Erste Messungen im angestrebten Betriebsmodus mit einer verringerten Menge an Tritium werden seit Mai 2018 durchgeführt. Am 11. Juni 2018 wurde das KATRIN-Experiment feierlich eröffnet.

SonstigesBearbeiten

Das Experiment wurde im Karlsruher Institut für Technologie angesiedelt, da sich dort mit dem Tritium-Labor im KIT Campus Nord (ehemals Forschungszentrum Karlsruhe) der europaweit einzige für das Experiment geeignete Tritiumvorrat befindet. Hergestellt wurde der 200 t schwere, 24 m lange Vakuumtank mit einem Durchmesser von 10 m für das KATRIN-Hauptspektrometer in Deggendorf von der MAN DWE GmbH.

Der Tank war zu groß für einen Transport über Autobahnen von dem an der Donau gelegenen Deggendorf nach Karlsruhe – die Route über den Landweg wäre ca. 350 km lang gewesen. Auch für den Main-Donau-Kanal war der Tank bei einer maximal zugelassenen Höhe von 6 m auf dieser Wasserstraße zu hoch.[10] Stattdessen musste der Tank auf einem 8600 km langen Wasserweg über Donau, Schwarzes Meer, Mittelmeer, Atlantik, Ärmelkanal, Nordsee und schließlich Rhein nach Leopoldshafen bei Karlsruhe transportiert werden. Am 25. November 2006 legte der Tank die letzten 6,8 km per Tieflader-Schwertransport durch Leopoldshafen zum Forschungszentrum in viereinhalb Stunden zurück.[11]

LiteraturBearbeiten

  • KATRIN Collaboration: KATRIN Design Report 2004. Forschungszentrum Karlsruhe, Bericht FZKA-7090 (2005), ISSN 0947-8620 (online PDF, kostenfrei, 249 Seiten, 9,3 MB).
  • Joachim Wolf: The KATRIN neutrino mass experiment. In: Nuclear Instruments and Methods in Physics Research Volume 623, Issue 1, S. 442–444 1. November 2010 (1st International Conference on Technology and Instrumentation in Particle Physics online kostenpflichtig).

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. 60-Millionen-Euro-Projekt am KIT gestartet: Neutrinos kommen auf die Waage. In: SWR Online. (swr.de [abgerufen am 19. Oktober 2016]).
  2. Monika Landgraf: Feierliche Einweihung des KATRIN-Experimentes, Pressemitteilung der KIT, erschienen im IDW am 17. Mai 2018
  3. Geisterteilchen-Waage nimmt Betrieb auf. Spiegel Online, 11. Juni 2018, abgerufen am selben Tage.
  4. Bericht bei Welt der Physik vom 26.01.2016: Neutrinos wiegen mit KATRIN Abruf am 5. August 2016
  5. Bericht bei Elektronikpraxis vom 07.10.2015: Neutrinos haben eine Masse, die messbar ist Abruf am 5. August 2016
  6. a b c KATRIN Collaboration: KATRIN Design Report 2004. Bericht FZKA 7090, Forschungszentrum Karlsruhe 2005, pdf, 9,5 MB
  7. M. Tanabashi et al. (Particle Data Group), Phys. Rev. D 98, 030001 (2018), pdf, 210 KB
  8. M. Zacher und Ch. Hahn: Die Neutrino-Waage kalibrieren. Physik Journal, Sonderheft "Best of", Okt. 2013, S. 24–26
  9. M. Arenz et al. (2018), Journal of Instrumentation (JINST) 13 P04020, online pdf, 10,9 MB
  10. https://www.deutschlandfunk.de/transport-mit-umwegen.676.de.html?dram:article_id=23967
  11. Kurzreportage: Transport eines 200 t Spektrometertanks Video auf Youtube 6 Minuten

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten