Hauptmenü öffnen

KAFF auch Mare Crisium

Roman von Arno Schmidt

KAFF auch Mare Crisium ist ein zuerst 1960 erschienener Roman von Arno Schmidt. Das Werk ist formal das Bindeglied zwischen Schmidts früherem Erzählwerk und seinem Spätwerk.

Inhaltsverzeichnis

InhaltBearbeiten

Der Roman spielt, wie der Titel andeutet, auf zwei Handlungsebenen, die auch im Druck voneinander unterschieden werden, aber auf vielfältige Weise miteinander verschränkt sind, und in zwei Zeiten: einmal im Oktober 1959 in dem „Kaff“ Giffendorf, zum anderen 1980 auf dem Mond.

Auf der ersten Handlungsebene besucht kurz nach dem „Sputnikschock“ von 1957 der Lagerbuchhalter und spleenige Autodidakt Karl Richter mit seiner schüchternen Freundin aus der Firma, der Musterzeichnerin Hertha Theunert, per BMW Isetta seine verwitwete sechzigjährige, rüstige und heidnisch-weltkluge „Tante Heete“ in Giffendorf, einem fiktiven Weiler am Rande der Lüneburger Heide. Der phantasiereiche, besserwisserische und kränkelnde Karl – eine für die Schriften Schmidts typische Figur, die Züge des Autors trägt – hofft, während der Reise zu seiner ungeschminkt bodenständigen Tante aufs Land seine gehemmte und misstrauische Hertha für ein gemeinsames neues Leben zu gewinnen.

Während des zweitägigen Besuchs erdenkt und erzählt er ihr partienweise eine utopische Geschichte, die in der näheren Zukunft der 1980er Jahre auf dem Mond spielt und die die zweite Handlung des Buches ausmacht: Nachdem die Erde in einem Atomkrieg unbewohnbar geworden ist, leben dort oben nur noch ein paar tausend hinauf geschossene US-amerikanische und sowjetische Wissenschaftler (zumeist Männer) in zwei Siedlungen im Mare Crisium. Man ist technisch einerseits bestens ausgerüstet, andererseits fehlen einfachste Produkte fast völlig, wie z. B. Papier. Überdies führt man starrsinnig den Kalten Krieg weiter.

Wieder eingeblendet in die Mond-Handlung sind zwei Epen-Parodien im mittelhochdeutschen Stil, mit denen die Gegner einander geistig imponieren wollen: Die Amerikaner bedienen sich des Nibelungenliedes für eine Schilderung des Heldentodes der NATO-Truppen bei der Eroberung West-Berlins durch die Russen (Ausbruch des Dritten Weltkrieges); die Russen benutzen den Cid für ein Heldenlied über ihren Siegeszug gegen die Deutschen von Stalingrad bis Berlin.

Aber trotz Karls Annäherungsversuchen und einiger Handlungsstränge, die ihn und Hertha mit ihren aus dem Zweiten Weltkrieg und frühem Nachkrieg herrührenden seelischen Wunden stärker zueinander führen könnten, fahren sie am Ende unverrichteter Dinge zurück nach Nordhorn an ihre Arbeitsplätze. Auch Tante Heete kann sie nicht zu einer Heirat und zum dauerhaften Verbleib in Giffendorf verlocken.

Prosa-BesonderheitenBearbeiten

Die außerordentlich realistischen Ereignisse beider Ebenen werden jeweils aus der Perspektive einer Person (Karl Richter beziehungsweise seines Doubles, des amerikanischen Schiefertafelmachers [wegen des Papiermangels] und Bibliothekars Charles Hampden) erzählt. Dabei nähert sich der zugleich vielfach komische und verzweifelte Roman mitunter einem Bewusstseinsstrom.

Wie bereits in früheren Werken teilt Schmidt die Handlung in kleine Stücke von etwa fünf bis zehn Zeilen, die je mit kursiv gedruckten Sätzen/Impressionen eingeleitet werden. Er hält sich in diesem Werk zum ersten Mal entschlossen nicht mehr an die Standard-Rechtschreibung, sondern gibt Sprache oft lautmalerisch wieder, bemerkbar etwa am schlesischen Dialekt Herthas oder am niederdeutschen Akzent von Tante Heete:

Und Hertha hoch! – Und begierich ) : „OchtanndteDu : Hatt’er amall welche [gemeint: Liebesgedichte] geschriebm ?“. – „Ass Jung’ – so mit 17, 18 ) – : jaa“ saachte Tanndte Heete gemütlich : „Och wenn ich suchn würt – ich könndda vielleicht noch n paa von finn’n – “; und, immer boshafter & zärtlicher : „ Kummahärda wie hüpsch’as aussieht, wenn’n Mann von Secksunnvirrzich so rot wird.“ (S. 125)

Schmidt erfindet Wortgebilde wie „Roh-Mann-Tick“ für Romantik, „Begreepniß“ für Begräbnis oder „gleich sex & firz ich“ für gleich 46. Angeregt von Klopstocks Grammatischen Gesprächen (1794) und James Joyces Finnegans Wake nimmt er aller Orthographie spottende Schreibungen vor, die zum einen auf die kauzige Aufsässigkeit des Protagonisten Karl, andererseits auf historische Inkonsequenzen und daraus resultierender Unstimmigkeiten unserer Rechtschreibung abstellen, woraus Schmidt witzig Kapital schlägt.

Auch werden ganze Batterien typographischer Zeichen benutzt, um Mimik, Redepausen und Gesten der Personen auszudrücken.

:! – / : ! ! – / : ! ! ! – (S. 354, Karl will Hertha wecken.)[1]

Das Buch enthält ein „Vorwort“ („gez. D. Martin Ochs“ vom „Individuumsschutzamt“), in dem Schmidt ironisch auf die Anklage wegen Gotteslästerung gegen ihn anspielt. Wer Beleidigungen, Lästerungen oder Ähnliches in das Buch „hineinzukonstruieren“ versuche, werde des Landes verwiesen; und:

„Wer nach <Handlung> und <tieferem Sinn> schnüffeln, oder gar ein <Kunstwerk> darin zu erblicken versuchen sollte, wird erschossen.“ (S. 7)

Das Wort „Kaff“ kann in norddeutscher Mundart auch „Spreu“ bedeuten.

HörbuchBearbeiten

2004 erschien eine Hörbuchfassung in zehn CDs, gesprochen von Jan Philipp Reemtsma.

LiteraturBearbeiten

TextausgabenBearbeiten

  • Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium, Stahlberg, Karlsruhe 1960 (Erstausgabe)
  • Arno Schmidt: KAFF auch Mare Crisium, Fischer, Frankfurt am Main, 2005, ISBN 978-3-596-29117-5

SekundärliteraturBearbeiten

  • Gregor Eisenhauer: Die Rache Yorix: Arno Schmidts Poetik des gelehrten Witzes und der humoristischen Gerichtsbarkeit. Niemeyer, Tübingen 1992, ISBN 3-484-18122-2
  • Thomas Lautwein: Muthu Emausai – Karl Richters Traum in „Kaff“ und seine Quellen. In: Bargfelder Bote, Lieferung 156–157 (August 1991), S. 3–16.

WeblinksBearbeiten

Anmerkungen und EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hierzu: Gerhard Charles Rump: Schmidt. Joyce und die Suprasegmentalien. Zum schriftsprachlichen Ausdruck suprasegmenteller Einheiten bei Arno Schmidt und James Joye. In: Interaktionsanalysen. Aspekte dialogischer Kommunikation. Hrsg. v. G. C. Rump u. W. Heindrichs. Gerstenberg, Hildesheim 1982, S. 22 - 238. Diese Zeichenverwendung heisst hier „Graphopoese“