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Staatsgebiet des Königreiches Benin
Benin Elfenbeinmaske der Königinmutter Idia, 16. Jahrhundert, Metropolitan Museum of Art, New York.
Bronze Kopf der Königinmutter Idia, frühes 16. Jahrhundert, Ethnologisches Museum, Berlin.
Benin-Bronzeplatten: Krieger mit dem Zeremonialschwert Eben, 16.–18. Jahrhundert, Musée du Louvre, Paris.
Ausritt des Oba, im Hintergrund Benin-Stadt im 17. Jahrhundert.
Ausritt des Oba von Benin (Darstellung Mailand 1815–1827) Dach geschmückt mit Türmchen und in Kupfer gegossene Vögel mit ausgebreiteten Flügeln.
Benin-Stadt, Zeichnung eines englischen Offiziers, 1897.
Ovonramwen Nogbaisi mit seinen Frauen, Königin Egbe (links) and Königin Aighobahi (rechts), circa 1898 – 1913.
Rekonstruktion einer von den britischen Kolonialtruppen erbeuteten Flagge wahrscheinlich Itsekiri, die in den Archiven des National Maritime Museum aufbewahrt wird.[1][2]

Benin ist der Name eines von Edo-Völkern gegründeten Königreiches im Südwesten des heutigen Nigeria, das bis zum Jahre 1897 unabhängig war. Die Amtssprache war Edo. Das Königreich gehört zu den am umfangreichsten dokumentierten vorkolonialen Reichen Westafrikas und wurde erst am Ende des 19. Jahrhunderts zerstört.

Inhaltsverzeichnis

LageBearbeiten

Das Zentrum des Königreichs Benin liegt am Unterlauf des Niger um seine gleichnamige Hauptstadt Benin, etwa 300 km östlich von Lagos. Zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung erstreckte sich das Reich vom Niger im Osten bis zur Atlantikküste (Bucht von Benin) im Westen. Im Norden grenzte es an das Königreich Oyo und reichte bis etwa auf die Höhe des Flusses Benue. Zeitweise kontrollierte Benin – bemüht um eine Ausdehnung des Reiches nach Westen – auch das Gebiet um das heutige Lagos.

GeschichteBearbeiten

AnfängeBearbeiten

Das Königreich Benin wurde circa 600 n. Chr. von der Ogiso-Dynastie gegründet, welche das Land bis zum 11. Jahrhundert beherrschte. Die heutige Dynastie, welche die gesellschaftliche Struktur des Staates und damit unser heutiges Bild vom Königreich Benin entschieden geprägt hat, ergriff im 12. Jahrhundert die Macht. Traditionellen Überlieferungen nach gebar eine Frau namens Erimwinde dem Yoruba-Adeligen Oranjan, Sohn von Obudawa, dem ersten König vom Königreich Oyo, einen Sohn namens Eweka. Während Oranjans Bemühungen, seine Heimatstadt Ife vom Land der Edo zurückzuerobern, soll er Erimwinde und Eweka zurückgelassen haben. Letzterer wurde einige Zeit später der erste Oba (Herrscher) von Benin und erhielt während seiner Herrschaft den Beinamen der Vielgeliebte. Auf diese Weise wurde das Königreich Benin mit den Yoruba verbunden. Es war bereits Eweka, der vor seinem Tode ein siebenköpfiges Königswahl-Komitee einrichtete und damit das Königreich zu einer Art Wahlmonarchie machte, wobei allerdings nur unter den männlichen Nachkommen oder Verwandten des vorhergehenden Königs gewählt werden durfte. Dieser „Staatsrat“ hatte nicht nur instanzgebende, sondern auch beratende Funktion.

Der Platz, an dem der heutige Palast von Benin steht, wurde von einem der nachfolgenden Herrscher namens Ewedo erobert. In seiner Zeit wurden umfangreiche Befestigungsanlagen errichtet und die Position des Oba gegenüber dem Adel gestärkt. Die Königswahl aber blieb erhalten. Unter Egbeka, dem neunten Oba, soll es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem Oberhaupt und dem Staatsrat gekommen sein, welche das generelle politische System aber nicht veränderten.

Aufstieg und SklavenhandelBearbeiten

1471–1490 stieg das Königreich Benin zur stärksten Macht westlich des Niger auf. Erste portugiesische Seefahrer erreichen die Bucht von Benin und Benin-Stadt. Ein Botschafter aus Benin wurde an den Hof von Lissabon entsandt, es folgte ein starker Ausbau des Handels mit Portugal. Die Königreiche pflegen Kontakte, Portugal war vorwiegend an Handelsbeziehungen interessiert war. Das Handelsmonopol Lissabons in Afrika wurde im Vertrag von Alcáçovas von 1479 und durch ein päpstliches Bullschreiben vertraglich anerkannt. Benin war damals, wie die meisten Gebiete der Region, vorwiegend landwirtschaftlich geprägt. Bedeutende Handelsgüter waren Palmöl, Malagueta-Pfeffer und Elfenbein. In dieser Zeit strebte das Königreich dem Zenit seiner Macht entgegen. Oba Ewuare (Ewuare der Große), der den Thron 1440 bestiegen hatte, machte zunächst bedeutende Eroberungen in den umliegenden Gebieten, ließ dann durch Straßenbau die Infrastruktur des Reiches verbessern und mit Hilfe herbeigerufener Kunsthandwerker die Hauptstadt verschönern. Der Herrscher des Nachbarreichs Ife schickte einen seiner gewandtesten Meister, den Schmied Iguehae, der in den Erzählungen über die Jahrhunderte hinweg wie ein Gott verehrt wurde. Von Einwanderern wie ihm lernten die Handwerker Benins den Metallguss, die sie mit ihrer bereits hoch entwickelten Holz- und Elfenbeinschnitzerei zu einem neuen Kunststil kombinierten. Die Benin-Kunst erlebte damals ihre Blütezeit. Als der regierende Oba auf Grund des Todes seiner zwei Söhne seinem Volk für drei Jahre eine Art Nationaltrauer erließ, die harte Lebenseinschränkungen mit sich brachte (Verbot von Kleidung, Körperwäsche und Kinderzeugung), kam es zu großen Unruhen im Reich und einer Verstimmung im Verhältnis zwischen Volk und Herrscher.

Im späteren 15. und frühen 16. Jahrhundert stieg das Interesse an Sklaven für die Kolonien in Amerika und am gesamten Golf von Guinea (auch Sklavenküste) blühte der Sklavenhandel auf, besonders aber in Benin. Das Königreich entwickelte sich (neben der Goldküste und der Bucht von Biafra) zu einem der Hauptzentren des Sklavenhandels mit den Europäern. Reiche wie Benin (aber auch Dahomey) entwickelten sich zu Sklavenumschlagplätzen zwischen den inneren Gebieten Afrikas und den Sklavenmärkten an der Küste. Man schätzt heute, dass im Zuge des Sklavenhandels insgesamt 13 Millionen Menschen allein von den Küsten Westafrikas deportiert wurden, wovon ein nicht unbedeutender Teil auf Benin entfällt. Handelsnotizen zufolge wurden aus diesem Gebiet im 18. Jahrhundert jährlich etwa 35.000 Sklaven verschifft. Wichtige Direktabnehmer sind Portugiesen, Briten, Niederländer, Spanier und Franzosen.

Im frühen 16. Jahrhundert unternahmen die Herrscher von Benin Versuche, ihre Macht entlang der heutigen Bucht von Benin westwärts auszudehnen. Portugal unterstützt Benin mit Waffen und Militärberatung. In diesem Zuge gelang es, in Eko (heute Lagos) durch Einsetzung einer den Königen von Benin hörigen Herrscherdynastie eine Art Satelliten-Königreich zu schaffen. Unter Okpame (auch Ozobwa genannt), dem 16. Oba von Benin, konnte das Staatsgebiet noch einmal um Eroberungen im Egba-Land erweitert werden. Während seiner größten Ausdehnung umfasst das Königreich das Gebiet vom heutigen Ghana bis östlich des Flusses Niger.

Gesellschaft und StaatBearbeiten

Die Gesellschaft im Königreich Benin war kosmopolitisch und durch eine komplexe Hierarchie geprägt. Die Herrscherschicht wurde durch aristokratische Kreise gestellt. Die meisten der höchsten Ämter waren erblich. Der überwiegende Teil der Gesellschaft lebte europäischen Reiseberichten zufolge in einem sklavenähnlichen Verhältnis zum Herrscher.

Der königliche Palast von Benin war ein der großer kultureller Komplexe, der Königshof war so groß wie eine europäische Stadt damals. Der niederländische Geograph Olfert Dapper schrieb 1668: "Es ist in viele Paläste, Häuser und Wohnungen der Höflinge unterteilt und umfasst wunderschöne und viereckige Galerien... die auf Holzpfeilern ruhen, die von oben bis unten mit Kupferguss bedeckt sind, auf denen Bilder ihrer und Schlachten dargestellt sind... jedes Dach schmückt ein kleiner Turm, der an einem Punkt endet, auf dem Vögel stehen, in Kupfer gegossene Vögel, mit ausgebreiteten Flügeln."[3]

Seit Ende des 17. Jahrhunderts gelang es Benin vor allem durch Tausch gegen Sklaven an nicht unbeträchtliche Mengen europäischer Schusswaffen zu kommen. Dadurch konnte sich das Königreich einen zusätzlichen Vorteil gegenüber Nachbarreichen verschaffen. Im 18. Jahrhundert schränkte Benin den Handel mit den Europäern ein und konzentrierte sich auf die Kontrolle des Reiches und der umliegenden Regionen. Es kam verstärkt zu Streitigkeiten um den Thron, die das bis dahin sehr straff organisierte Reich und die staatliche Integrität schwächten und das Reich anfälliger für externe Interessen machten.

Der Oba und sein HofstaatBearbeiten

Höchstes politisches und rituelles Oberhaupt des Königreichs Benin war der so genannte Oba. Seine Untertanen hielten ihn für gottähnlich und schrieben ihm eine Art mystische Macht zu, die seine Auserwähltheit rechtfertigte. Innerhalb seines Herrschaftsbereiches hatte er die rechtliche und administrative Gewalt inne und ein Handelsmonopol auf bestimmte Güter, vor allem auf die wertvollsten Ressourcen des Landes wie Elfenbein, Kupfer, Zink und Zinn zur Herstellung der „Benin-Bronzen“ (die meist aus Gelbguss bestehen). Für alle Untertanen, besonders für den Hofstaat, galten strenge Verhaltens- und Kleidungsregeln. Der Oba war nicht nur König, sondern auch oberste juridikative und religiöse Instanz sowie vorderster Protagonist bei allen traditionellen Riten. Aber obwohl er wie ein absolutistischer Herrscher auftrat, war seine Macht nicht unbegrenzt. Sie wurde durch den Rat der Orizama oder Uzama n Ihirin, der Königsmacher, begrenzt. Dieser Staats- beziehungsweise Kronrat bestand aus sieben Mitgliedern und hatte die Aufgabe, dem Oba mit ihrem Rat beizustehen, nach seinem Tode unter seinen beiden ältesten Söhnen oder seinen Brüdern einen Nachfolger zu wählen und die Einhaltung der strengen Sittengebote, welche auch das Dasein des Oba reglementierten, zu überwachen. Dazu gehörten unter anderem auch präzise Vorschriften zu Schlaf und Essenseinnahme des Oba. Die Uzama n Ihirin legitimierten ihre Macht durch angebliche Abstammung von der ersten Yoruba-Dynastie und vererbten ihre Titel und Ämter durch Erstgeburt. Dies gilt auch für das Amt des obersten Heerführers, welcher in der Hierarchie unmittelbar unter dem Staatsrat stand.

Der Oba befehligte einen straff durchorganisierten Hofstaat von Statthaltern, Palastkommandeuren, Gefolgsleuten und religiösen Oberhäuptern. Er hatte auf sie einen so großen Einfluss, dass viele von ihnen sich bei seinem Tode dafür entschieden, ihn ins Grab zu begleiten. Diese Unmittelbarkeit der Macht unterschied die Monarchie in Benin von dem der umliegenden Reiche, wo die Macht des Königs oft an der Gunst einflussreicher aristokratischer Sippen hing und Königsmorde keine Seltenheit waren. Die Hierarchie war aber im Laufe der Zeit nicht statisch, sondern entwickelte sich, was zum langen Bestand des Königtums und seiner Herrschaft beitrug.

Der Rang und die Würde eines Mitglieds der administrativen Schicht wurde durch speziellen Schmuck wie zum Beispiel Korallenketten gekennzeichnet.

Besondere Sitten und RitualeBearbeiten

Eine besondere Verehrung wurde der Königinmutter entgegen gebracht. Sie hatte die wichtige Aufgabe, die Thronfolger zu erziehen. Auf Grund ihres naturgemäß besonderen Einflusses auf den Oba, schrieb die Sitte ihr vor, außerhalb des Palastbezirks zu leben. War ihr Sohn erst einmal inthronisiert, durfte er sie nie mehr wieder sehen und durfte nur über Dritte ihren Rat einholen.

In der Religion der Bewohner von Benin gab es einen Glauben an ein Weiterleben im Jenseits. Der Tod des Oba war im Königreich Benin ein grausames Ereignis. Dem Reisebericht des Olfert Dapper nach musste das Grab des Königs so tief gegraben werden, bis die Arbeiter ins Wasser fallen und ertrinken. Erst dann wurde der Leichnam des Oba in Anwesenheit des gesamten Hofstaates ins Grab gelassen. Die Hofdiener sollen sich anschließend angeboten haben, ihren Herrscher ins Jenseits begleiten zu dürfen. Dieses Vorrecht wurde aber nur denjenigen gewährt, welche beim Oba zu seinen Lebzeiten am beliebtesten waren. Sie stiegen mit ihm in das Grab, welches anschließend mit einem schweren Stein verschlossen wurde.

Zu hohen Festen war es im Königreich auch üblich, Menschenopfer darzubringen. Zumeist handelte es sich um Sklaven, von denen man glaubte, dass sie im Jenseits ein besseres Schicksal erführen. Die Opferung erfolgte durch Enthauptung oder Erdrosseln. Diese Praxis soll vor allem im 19. Jahrhundert immer größere Ausmaße angenommen haben, als Berichten zufolge bis zu 23 Opfer am Tag dargebracht wurden.

MilitärBearbeiten

Dem 1668 erstmals in Amsterdam publizierten Buch Umbstaendliche und Eigentliche Beschreibung von Afrika des Geographen Olfert Dapper zufolge war das Militär des Oba ähnlich straff organisiert wie der Hofstaat. Dapper berichtet, der Oba könne an einem Tage 20.000 Mann mobilisieren und in kaum weniger Zeit weitere 80.000. Die Armee wurde durch Edelleute kommandiert, die unmittelbar dem Oba und dem obersten Heerführer unterstanden. Dapper schätzt ihre Zahl auf 300 bis 400.

Verlust der Macht und NachwirkungenBearbeiten

Während des frühen 19. Jahrhunderts kämpfen europäische Kolonialmächte immer aggressiver um Gebiete in Afrika. Innere Aufstände und Kriege mit den Nachbarn schwächen das Königshaus. Der ökonomische Abstieg Benins beginnt u. a. mit dem Einbrechen der Exportmärkte für Benin-Stoffe, dem Rückgang des innerafrikanischen Handels und durch das Verbot des transatlantischen Sklavenhandels. Am 12. Februar 1761 schaffte der portugiesische Premierminister Marquês de Pombal die Sklaverei in Portugal und den indischen Kolonien ab. Der Abolitionismus im transatlantischen Raum setzte sich fort und zusammen mit Großbritannien verbot man Anfang des 19. Jahrhunderts den Sklavenhandel (Slave Trade Act 1807) und 1854 wurden per Dekret alle Sklaven Portugals in den Kolonien freigelassen. Am 25. Februar 1869 wurde schließlich im gesamten portugiesisches Weltreich die Abschaffung der Sklaverei verkündet. Dies mündet im Bedeutungsverlust von Benins Häfen.

Nach der Berliner Westafrika-Konferenz 1884/5 nutzte das Britischen Empire den Abolitionismus als Vorwand für Kolonialkriege gegen sklavenhaltende Königreiche am Golf von Guinea, unter anderem auch gegen das Königreich Benin in den 1890er-Jahren. Sie kolonisieren die Territorien rund um Benin. Ein zentrales Ziel war die Kontrolle des Handels und der Handelswege. Benin verlor die Stadt Lagos ans Britische Empire. Außenpolitisch stark unter Druck unterzeichnet Oba Ovonramwen 1892 einen Freihandelsvertrag mit den Briten, de jure war es seine Entmachtung. De facto ignoriert er den Vertrag. Oba Ovonramwen forderte weiterhin von den britischen Händler Zölle auf Waren, die sein Gebiet verließen. 1897 wird eine britische Abordnung von Benin-Kriegern aufgerieben. Das britischen Imperium entsendet umgehend 1200 Soldaten für eine waffentechnisch stark überlegene Strafexpedition.

Das Königreich Benin wurde im Jahre 1897 durch diese Strafexpedition – zum ersten Mal seit seiner Gründung – erobert. Die Soldaten, angeführt durch Oberbefehlshaber Harry Rawson, verbrannten und verwüsteten weite Teile der Hauptstadt Benin-Stadt. Über die Zahl der Toten ist wenig überliefert. Sie plünderten aus dem königlichen Palast und den die Residenzen der Würdenträger Tausende von Kunstobjekten, ca. 3.500 bis 4.000 Bronzen, Terrakotta, Elfenbein- und Holzschnitzereien, darunter auch die kunsthandwerklich virtuose Gedenkköpfe deren Entstehungszeit bis in das 15. Jahrhundert zurückreichte. Ein Großteil der Kunst wurde dann von der britischen Regierung versteigert.[4]

Der Sieg über das Königreich Benin wurde London begeistert gefeiert. Königin Victoria gratulierte der Royal Navy zum gelungenen Einsatz. Die Briten exilierten Oba Ovonramwen, der letzte unabhängige Oba, nach Calabar und gliederten das bis dahin unabhängige Königreich Benin ins „Protektorat Südliches Nigeria“ und dem britischen Kolonialreich an. Es folgte ein Interregnum von 17 Jahren, erst 1914 mit der Inthronisierung von Oba Eweka II kam es unter ihm zu einer allmähliche Restauration des Königtums, aber ohne militärische oder wirtschaftliche Macht. Der Palast wurde wiederaufgebaut und insbesondere die Bronze-Gilde wieder gefördert. Heute ist das Gebiet des Königreichs Benin im Staat Nigeria integriert, hat aber durch seine traditionellen Autoritätsstrukturen und seine ruhmreiche Geschichte immer noch einen bedeutenden Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen.

Während des Biafra-Kriegs wurde auf dem Gebiet des Königreichs Benin 1967 eine gleichnamige Republik ausgerufen, die Republik Benin, welche aber alsbald wieder in Nigeria integriert wurde.

Der Name Benin lebt heute noch im offiziellen Namen der Republique du Bénin weiter, welche allerdings historisch keine Verbindung zum Königreich Benin hat.

Kunst und ArchitekturBearbeiten

Im vorkolonialen Benin stand die Herstellung der Messingplastiken unter der Kontrolle des Obas und die Gießer gehörten zu den ranghöchsten Handwerksgilden. Sie arbeiteten im Wachsausschmelzverfahren (Guss in verloren Form). Die vollendete Meisterschaft der Gusstechnik und die porträthafte Ausdruckskraft der Kunstwerke waren den besten europäischen Bronzearbeiten ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Auch die Kunsthandwerker für die Bearbeitung von Holz und Elfenbein waren in Gilden geordnet.

 
Bronzekopfskulptur des Oni (König) Obalufon, etwa 12. Jahrhundert, entdeckt bei der heiligen Stadt der Yoruba Ile-Ife, Nigerianisches Nationalmuseum, Lagos.

Die Planung und Gestaltung von Benin-Stadt erfolgte nach sorgfältigen Regeln der Symmetrie, Verhältnismäßigkeit und Wiederholung, die heute als fraktales Design bezeichnet wird: In der Mitte der Stadt befand sich der Königshof, von dem aus 30 sehr gerade, breite Straßen mit einer Breite von je etwa 50 Metern verliefen. Diese Hauptstraßen, die rechtwinklig zueinander verliefen, hatten eine unterirdische Entwässerung aus eine Impluvium mit einem Abfluss für das Regenwasser. Viele schmalere Seiten und sich kreuzende Straßen ragten aus ihnen heraus. In der Mitte der Straßen befanden sich Rasenflächen, auf denen Tiere weideten. Die Stadt und ihre umliegenden Dörfer waren absichtlich so angelegt, dass sie perfekte Fraktale bilden, deren Formen sich in den Räumen von jedem Haus wiederholten. Und das Haus selbst und die Häusergruppen in der Stadt waren in mathematisch vorhersagbaren Mustern angelegt.[5][6]

Die bereits im 15. Jahrhundert fertiggestellte Mauer von Benin gilt als architektonische Meisterleistung und galt bis zu ihrer Zerstörung bei der britischen Benin-Strafexpedition 1897 als das größte von Menschen erschaffene Befestigungswerk der Welt. Als mit der Kriegsbeute die Bronzen und andere Kunstwerke nach London gebracht wurden, war es eine Sensation. Ihre Existenz widerlegte die kolonialistische und rassistische Ideologie von Afrika als dunklem, geschichts-, kultur- und kunstlosen Kontinent, wie sie etwa auch der Philosoph Hegel vertreten hatte.[7] Sie begeisterten Kunstexperten wie Justus Brinckmann vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg oder den Berliner Forscher Felix von Luschan. Ein Run auf die Werke begann, Institutionen wie das Britische Museum und das deutsche Völkerkundemuseum Berlin kauften die schönsten Stücke. So konnte Felix von Luschan knapp 600 davon auf einer Auktion in London für das Völkerkundemuseum erwerben. 413 dieser Objekte wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Schlesien evakuiert. Ihr Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Es war diese Plünderung Benins, die afrikanische Kunst für Europäer sichtbar machte, diese Flut von Objekten in europäische Sammlungen gab vielen europäischen Künstlern den ersten Eindruck afrikanischer Kunst und beeinflussten Vertreter des Expressionismus, Fauvismus und später Kubismus. Der deutsche Afrikaforscher Leo Frobenius konnte nicht glauben, dass die Bronzekopfe von Ile-Ife aus dem 12. bis 15. Jahrhundert, die früher als die Kunst Benins waren, afrikanischen Ursprungs waren; er spekulierte, dass sie das Werk der alten Griechen aus der verlorenen Stadt Atlantis waren.

Restitution der RaubkunstBearbeiten

Als weltweit antikoloniale Bewegungen erstarkten und Nigeria 1960 die Unabhängigkeit erlangte, folgten Militär- und Zivilregierungen. Die Obas hatten zwar politischer Macht verloren, wurden jedoch gleichzeitig hofiert wegen ihres nach wie vor starken Einflusses auf die Bevölkerung. Sie waren weiterhin wichtig bei der Bewertung von Gewohnheitsrechten. Unter Oba Akenzua II (1933–1979) und Oba Erediauwa (1979–2016) wurden Restitutionsansprüche auf die 1897 aus dem Königspalast geraubten Kunstwerken lauter. Die Benin-Bronzen waren zum emotionalen Symbol kolonialer Erniedrigung geworden. 2016 kam Oba Ewuara II N´Ogidigan auf den Thron.

Das Edo-Volk nutzte keine Schriftsprache, sondern hielt auf den Bronzen alle wichtigen Ereignisse fest. An den Platten ließ sich ablesen, welche Taten ein König vollbracht hatte, wann wer gegen wen Kriege führte, wie die Nachfolge geregelt wurde und welche Rituale abgehalten wurden. Viele Benin-Kunstwerke hatten sakrale Funktionen und waren Kommunikationsmittel der Obas/Könige und Kollektives Gedächtnis. Gestohlen wurden also das Nationalarchiv und die Reliquien des Landes.

Ministerpräsident Godwin Nogheghase Obaseki formulierte 2018 die Restitution der Benin-Bronzen hätten höchste Priorität: „Diese Kunstwerke verkörpern das, was wir sind: unser Volk, unsere Kultur, unsere Religion, auch einen Teil unserer politischen Struktur, sie sind Symbole unserer Identität. 100 Jahre nachdem sie uns mit fürchterlicher Gewalt entrissen wurden, versuchen wir immer noch, sie zurückzubekommen. Was 1897 passierte, hat unser ganzes Volk traumatisiert. Es war ein Schock. Vergessen Sie nicht, dass Benin einst eine Weltmacht war.“[8]

Seit 1914 Jahren haben alle Obas Benins ihr Erbe zurückgefordert, 100 Jahren wurden sie ignoriert. Ende 2018 erstatte Frankreich 26 Kunstwerke an Benin zurück.[9]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Eno Beuchelt, Wilhelm Ziehr: Schwarze Königreiche. Völker und Kulturen Westafrikas. W. Krüger Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-8105-2605-3.
  • Olfert Dapper: Umbstaendliche und Eigentliche Beschreibung von Afrika. Amsterdam 1668.
  • Jakob Uwadiae Egharevba: A Short History of Benin. 4. Auflage. Ibadan 1968.
  • Paula Ben-Amos Girshick: The Art of Benin. 2. Auflage. London 1995, ISBN 0-7141-2520-2.
  • Mechthildis Jungwirth: Benin in den Jahren 1485–1700. Notring, Wien 1968.
  • Joseph Ki-Zerbo: Die Geschichte Schwarz-Afrikas. 7. Auflage. Hammer, Wuppertal 1985, ISBN 3-87294-153-4.
  • Jacob E. Mabe: Das Afrika-Lexikon. Sonderausgabe. Ein Kontinent in tausend Stichwörtern. Metzler, Wuppertal 2004, ISBN 3-476-02046-0.
  • Thorsten Spahr: Benin. Künste und Traditionen der oralen Edo-Kultur ; Perspektiven und Grenzen der Interpretation als historische Quellen. Pro-Literatur-Verlag, Mammendorf 2006, ISBN 3-86611-247-5.
  • Leonhard Harding: Das Königreich Benin. Geschichte – Kultur – Wirtschaft. München 2010, ISBN 978-3-486-59757-8

Quellen (Übersetzung, Editionen):

  • Adam Jones: Olfert Dapper´s Description of Benin (1668). University of Madison, Madison 1998.
  • Thorsten Spahr: Benin um 1700. Kommentierte deutsche Neu-Übersetzung eines Briefes von David van Nyendael an Willem Bosman über das Königreich Benin nebst einer Synopsis des im Holländischen zuerst 1704 verlegten Originals und der zeitgenössischen Übersetzungen ins Englische (1705) sowie ins Deutsche (1708). Pro-Literatur-Verlag, Mammendorf 2006, ISBN 3-86611-208-4. (niederländisch, deutsch und englisch)

Bibliographie:

  • Thorsten Spahr: Benin Bibliographie – mehrfach systematisierte, bilingual kommentierte Bibliographie zur Geschichte der Edo-Kultur im Königreich von Benin (Süd-Nigeria). Pro-Literatur-Verlag, Mammendorf 2006, ISBN 3-86611-209-2. (deutsch und englisch)

Atlanten:

WeblinksBearbeiten

  • Edofolks.com. Webseite mit einigen Informationen zur Geschichte der Edo-Völker (englisch, Inhalte umstritten)
  • BeninKunst.de. Umfangreiche Webseite zur Geschichte, Kunst und Kultur des Königreichs Benin: Bibliographie, Museen, Glossare, Schriftquellen
  • Benin Chronology. Heilbrunn Timeline of Art History des Metropolitan Museum of Art, New York (englisch)

EinzelnachweiseBearbeiten