Juliettes Literatursalon

Juliettes Literatursalon war eine deutsche Buchhandlung mit Verlag und Galerie in Berlin. Mit spektakulären Veranstaltungen war der Salon zwischen 1997 und 2003 ein Treffpunkt für Kulturschaffende und Kulturinteressierte. Gegründet wurde er von dem Autor und Performancekünstler Hartmut Fischer (* 1967). Die Namensgebung ist der Figur der Juliette aus dem Roman von Marquis de Sade, den aufklärerischen Gedanken Voltaires und den Berliner Salonnieren Rahel Varnhagen, Henriette Herz geschuldet.

Juliettes Literaturcafé im Club VoltaireBearbeiten

Vorangegangen war Juliettes Literaturcafé in Tübingen, das Fischer 1987 zusammen mit Eckehart Opitz gründete. Fischer veranstaltete zahlreiche Literatur-Performances und Lesungen, unter anderem mit Yoko Tawada, Claudia Gehrke, Charlotte von Mahlsdorf, Erich Maas, Peter Wawerzinek. Ferner realisierte JLC eine umfassende Retrospektive zum Werk des Autors Hubert Fichte unter anderem mit Tahar Ben Jelloun, dem ersten Prix Goncourt Preisträger aus dem Maghreb, Hans Mayer, Leonore Mau, sowie Hartmut Böhme, Napoleon Seyfarth und anderen.

1992 veröffentlichten Fischer und Opitz "Das Buch Diletata", eine Hommage an den Tübinger Club und an die Geburtsstätte des DADA, das Zürcher Cabaret Voltaire. Gemeinsam mit den Krakauer Musikern Maciek Strojny und Jacek Ruszkiewicz tourten Fischer und Opitz von 1992 bis 2000 mit ihrer Theaterperformance "KettenSeele" auf internationalen Theaterfestivals, wie dem "Krakowskie Reminiscencje Teatralne", dem Edinburgh Festival Fringe, dem "audio-art-Festival" Krakow etc.

Juliettes Literatursalon, BerlinBearbeiten

Von 1997 bis 2003 betrieb Fischer in Berlin Juliettes Literatursalon, der zugleich Buchhandlung, Verlag und Galerie war. Mit spektakulären Veranstaltungen war der Salon ein Treffpunkt für Kulturschaffende und Kulturinteressierte aller Schattierungen. 1998 rezitierte Peer Martiny über neun Tage und Nächte die neu übersetzten Essais des Michel de Montaigne.

Ab Mai 1999 wurde in Juliettes Literatursalon die LeseTextMaschine inszeniert, ein Lese-Marathon, der sich über mehrere Jahre erstreckte. Zahlreiche Literaten, Theoretiker, Künstler und Musiker lasen und interpretierten fortlaufend und komplett den 4000 Seiten-Roman "Justine" und "Juliette" des Marquis de Sade, der erstmals vollständig auf deutsch im Verlag Matthes & Seitz in 10 Bänden ediert wurde. Darunter waren Blixa Bargeld, Durs Grünbein, Katharina Thalbach, Hermann Treusch, Thomas Macho, Gerburg Treusch-Dieter, Martin Wuttke, Harry Hass, Andreas L. Hofbauer, Kang Moon-suk mit Uwe Mengel, Heinrich Dubel, Peer Martiny, Ben Becker, Julia Regehr, Peter Brasch, Olaf Nicolai und Eshu, Michael Farin, Angela Winkler und Thomas Brasch, Thomas Kapielski, Lauren Newton mit Koho Mori-Newton und Hendrik Rohlf, Friedrich Kittler, Miron Zownir, Thea Dorn, Michael Pfister, Ambros Waibel, Stefan Hufschmidt, Katharina Franck, Andrea Jeremias und Harald Koch, Ulrike Haage, Thomas Thieme, Cora Chilcott, Anna Stieblich und Henry Meyer, Franca Kastein Ferrera Alves, Rosa von Praunheim, Slavoj Zizek, Richard Shusterman, Jack Sergeant, Susan Neiman, Y. Michal Bodemann, Pierre Bourgeade, Pavel Kohout und zahlreiche weitere Interpreten.

1999 wohnte und arbeitete Peter Brasch einige Wochen in JLS. Thomas Brasch plante mit Hartmut Fischer sein letztes, mehrere tausend Seiten umfassendes Prosawerk "Die Liebe und ihr Gegenteil" im Verlag von Juliettes Literatursalon zu veröffentlichen. Ein erster Band der Gedichte wurde mit Thomas Wild zum Druck vorbereitet. Die gemeinsame Edition konnte jedoch durch den Tod Braschs 2001 nicht weitergeführt werden. Seitdem liegt dieses "Brunke-Konvolut" im unveröffentlichten Nachlass des Archivs der Akademie der Künste zu Berlin. 2005 entstand auf Grundlage dieses Konvoluts die Videoinstallation und Lesung "LeseFuge - Thomas Brasch. Die Liebe und ihr Gegenteil oder Mädchenmörder Brunke" im Jüdischen Museum, Berlin, mit Blixa Bargeld, Marion Brasch, Herbert Fritsch, Lars Rudolph, Otto Sander, Anna Thalbach und Angela Winkler.

Juliettes LiteraturwebBearbeiten

Seit 2010 entstand in Zusammenarbeit mit Eckhard Hammel die Online-Installation "Juliettes Literaturweb", die die Veranstaltungen aus "Juliettes Literaturcafé" und "Juliettes Literatursalon" und neuere Veranstaltungen dokumentiert.

LiteraturBearbeiten

  • Hartmut Fischer, Lob des Diffusen, konkursbuch 50, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 2012, ISBN 978-3-88769-250-6
  • Hartmut Fischer, Schöne Geister, in: TEXT+KRITIK, Zeitschrift für Literatur, Heft 194 Thomas Brasch, 2012, ISBN 978-3-86916-168-6
  • Hartmut Fischer, Poem 52° 31' N, 13° 24' O, in: Jennifer Shryane, Blixa Bargeld and Einstürzende Neubauten: German Experimental Music, 'Evading do-re-mi', Ashgate Publ. UK, 2011, ISBN 978-1-4094-2156-6
  • Hartmut Fischer, Theaterperipherien, konkursbuch 35, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen 2001, ISBN 9783887692353
  • Ivan Stanev|Ivan Stanev Villa dei misteri, Verlag Juliettes Literatursalon, Berlin, 2001, ISBN 3932955021
  • Ivan Stanev|Ivan Stanev Postskriptum, Verlag Juliettes Literatursalon, Berlin, 2000, ISBN 978-3-932955-00-6
  • Thomas Brasch, Meine Lieblingsbuchhandlung, in: Waschmaschine oder lieber Thomas Mann? Prominente und ihre Buchhändler, Die Welt, 11. Dezember 1999
  • Cornelia Saxe, Das gesellige Canape. Renaissance der Berliner Salons, Ullstein Verlag, Berlin, 1999, ISBN 978-3-88679-331-0
  • Blixa Bargeld, Blixa Bargeld-serialbathroomdummyrun, Verlag Juliettes Literatursalon, Berlin, 1997, 2. erweiterte Auflage 1998, ISBN 3-932955-97-8
  • Opitz, Ekkehart; Fischer, Hartmut (Hrsg.): Das Buch Diletata mit Texten aus dem BiHaDaHai und der Fahrt nach Kattowitz, ISBN 9783884661338 (früher: 3884661337)

WeblinksBearbeiten