Hauptmenü öffnen

Joseph Victor Widmann

Schweizer Journalist und Schriftsteller
(Weitergeleitet von Josef Viktor Widmann)
Joseph Victor Widmann

Joseph Victor Widmann (* 20. Februar 1842 in Nennowitz (Brněnské Ivanovice), heute Ortsteil von Brünn; † 6. November 1911 in Bern) war ein Schweizer Schriftsteller, Redakteur, Feuilletonist, Literaturkritiker und Journalist. Die Schreibweise seines Namens lautet in den Buchausgaben ausserdem sowohl Josef Viktor Widmann als auch Joseph Viktor Widmann oder abgekürzt J. V. Widmann. Er ist der Vater des Malers Fritz Widmann (1869–1937),[1] der Malerin Johanna Viktoria Schäfer-Widmann (1871–1943; s. Literatur: 1939) und des Schriftstellers Max Widmann (1867–1946;[2] s. Auswahlbände, Briefe sowie Literatur: 1922/24); dessen Tochter bzw. J. V. Widmanns Enkelin war die Schauspielerin Ellen Widmann.

Inhaltsverzeichnis

Leben, Werk und NachwirkungBearbeiten

 
Wohnhaus an der Kanonengasse 1 in Liestal
 
Widmann Brunnen bei der Sekundarschule Burg in Liestal

Widmann verbrachte seine Kindheit und Jugend im Pfarrhaus von Liestal, wo sein Vater Joseph Otto Widmann[3], ein ehemaliger Zisterziensermönch aus dem Stift Heiligenkreuz, reformierter Stadtpfarrer war.[4] Auch sein drei Jahre älterer Freund Carl Spitteler, verkehrt damals oft in diesem Haus.[5] Nach dem Schulbesuch in Liestal und Basel studierte er evangelische Theologie und Philosophie in Basel, Heidelberg und Jena. 1868 wurde er Direktor der Berner Einwohner-Mädchenschule[6], 1880 jedoch – trotz seiner ausserordentlichen Beliebtheit bei Schülerinnen und Kollegen – seines Postens wieder enthoben[7], da seine Epen Buddha und Moses und Zipora nach Ansicht der Behörden eine «zersetzende Weltanschauung» zum Ausdruck brachten.[8] Ab 1880 war er Feuilleton-Redaktor bei der Berner Tageszeitung Der Bund.

Zu Lebzeiten war Widmann einer der einflussreichsten Literaturkritiker und -förderer der Schweiz. Seit seiner Jugend verband ihn eine enge Freundschaft mit Carl Spitteler. Er förderte Ida Bindschedler, entdeckte Ricarda Huch und Robert Walser, dem er zu ersten Veröffentlichungen verhalf[9][10], durchreiste mit Johannes Brahms Italien[11] und korrespondierte mit Gottfried Keller.

«Sie haben die große Aufgabe, noch eine italienische Reise zu schreiben, vortrefflich gelöst und den Vogel vor vielen Neuern abgeschossen. Schon die Spaltung des Reisesubjekts in zwei Personen, die sich in Anschauungen und Urtheilen zu theilen haben, ist ein genialer Griff, wie das Ei des Columbus, und mit ebenso viel Anmuth als Weisheit durchgeführt, indem bei Müslin die extravagante Schrulle überall in den richtigen Schranken gehalten ist und der Humor dadurch um so feiner wirkt. Und so bringt denn, was die beiden Herren sehen und gustiren, trotz des bald seit Göthe abgelaufenen Jahrhunderts, noch so viel des Neuen, Nichtgesagten, Ueberraschenden, daß der Band der hesperischen Literatur künftig wol integriren wird.»

Aus einem Brief von Gottfried Keller an J. V. Widmann vom 4. August 1881[12]

Widmanns kritische Besprechung von Nietzsches Jenseits von Gut und Böse im Bund gehörte zur frühesten Nietzsche-Rezeption und dürfte dem damals fast völlig unbekannten Philosophen einige Leser gewonnen haben; Nietzsche selbst fühlte sich darin allerdings zumindest teilweise missverstanden.

 
Widmann-Brunnen in Bern

Von Widmanns Ansehen zeugt die Tatsache, dass ihm zum Gedächtnis 1914 in Bern am Südende des Hirschengrabens (gegenüber der damaligen Bund-Redaktion) der Widmann-Brunnen errichtet wurde;[13] seit 1923 ziert diesen eine Bronzefigur von Hermann Haller. In Liestal wurde 1946 ein u. a. Widmann gewidmetes Dichtermuseum[14] sowie 1961 anlässlich des 50. Todestages des Dichters ebenfalls ein Widmann-Brunnen eingeweiht[15]. Nach J. V. Widmann benannte Strassen gibt es in Liestal und Thun[16][17]. Sein Nachlass wird im Dichter- und Stadtmuseum Liestal und in der Burgerbibliothek Bern[18] aufbewahrt.

Widmanns literarische Werke, zu denen Theaterstücke, Erzählungen, Versepen und Reisebeschreibungen gehören, sind heute weitgehend vergessen.

«In den Schriften Joseph Victor Widmann’s findet nun Dr. Bettelheim dasselbe Ideal wieder, das alle Wiener Poesie von Grillparzer bis auf Saar und Marie Ebner erfüllt; dieses Ideal heißt: „Der Seele stiller Friede“. Widmann sei das gesunde Kind einer gesunden Kreuzung österreichischen und schweizerischen Geistes; im Feuilletonisten Widmann zeige sich dieselbe Anmuth, wie bei den Feuilletonisten Wiens.»

«Nie habe ich einen Menschen gekannt, der so wie er gleich bei seinem Erscheinen rundumher Freude weckte und den Lebensmut erfrischte.»

Carl Spitteler[20]

«Den Lesern des „Bund“ als glänzender Feuilletonist und Kritiker bekannt, ist J. V. Widmann zugleich unser vielseitigster und fruchtbarster Dichter, der jedoch die ihm gebührende Anerkennung, obschon er seit 30 Jahren als Schriftsteller tätig ist, bis auf den heutigen Tag noch nicht gefunden und in Deutschland erst mit der Aufführung seines Schauspieles „Jenseits von Gut und Böse“ die Schranken der litterarischen Cliquen durchbrochen hat. Er ist eben einer von den echten Dichtern, und diese werden in germanischen Landen bekanntlich erst mit 60 oder eher 70 Jahren, gewöhnlich lange nach ihrem Tode auf ihre Bedeutung geaicht

Am häuslichen Herd (Schweizerische illustrierte Monatsschrift)[21]

„Indessen flößte mir seine edle Lebhaftigkeit zugleich das größte Vertrauen ein. Von Menschen, die zu bezaubern imstande sind, gehen Ermunterung und Ermutigung aus.“

– Robert Walser, «Poetenleben»

«Haltet ihn hoch und wert! Er hat euer Land geliebt, seine Berge, seine Freiheit. Er hat auch euch geliebt und vielleicht am meisten dann, wenn er als Fremdling fühlte, daß sein Wesen nicht in euerm Volkstum wurzelte, daß er berufen sei, das Bild eines freieren, höheren Menschentums vor euch aufzurichten. Und er hat trotz dieser Liebe euch nie geschmeichelt. Vergesst auch das nicht!»

WerkeBearbeiten

Postum erschienen (Auswahl)Bearbeiten

  • Ricarda Huch. Aufsätze über ihre Dichtungen. Insel-Verlag, Leipzig 1913 (16 S.).
  • Der Tod des Herakles. Eine bisher unveröffentlichte Dichtung für Musik. Separatdruck 1913/1914.
  • Ein Doppelleben und andere Erzählungen. Bern 1915.
  • Jugendeselei und andere Erzählungen. Bern 1915.
  • Doktor Wilds Hochzeitsreise. Erzählung. Basel 1923.
  • Die Weltverbesserer. Historische Novelle. Frauenfeld 1923.
  • Sieben Geschichten. Frauenfeld 1942.
  • Die verkehrte Zeit von Mantua. Herbsttage in den Berner Alpen. Bern 1942.
  • Jugendeselei / Die Hasen von Turfflingen. Zwei Erzählungen. Bern 1949.

AuswahlbändeBearbeiten

  • Max Widmann (Hrsg.): Ausgewählte Feuilletons. – Internet Archive, Frauenfeld 1913
  • Jonas Fränkel (Hrsg.): Feuilletons. Bern/Stuttgart 1964.
  • Elisabeth Müller, Roland Schärer (Hrsg.): Verehrte Leser, sagen Sie nicht: Nein! Ausgewählte Texte. Cosmos, Muri bei Bern 1986, ISBN 3-305-00170-4.
  • Rudolf Käser, Elsbeth Pulver (Hrsg.): «Ein Journalist aus Temperament». Josef Viktor Widmann. Ausgewählte Feuilletons. Zytglogge, Gümligen 1992, ISBN 3-7296-0426-0.
  • Carl Spitteler: Das Haus Widmann, im Sammelband «Autobiographische Schriften», sechster Band «Gesammelte Werke» im Auftrag der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Artemis Verlags-Aktiengesellschaft, Zürich 1947.

BriefeBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Detailinformationen zu Fritz Widmann im Kalliope-Verbund.
  2. Max Widmann im Personenlexikon des Kanton Basel-Landschaft
  3. Joseph Otto Widmann im Personenlexikon des Kanton Basel-Landschaft. Siehe auch Bürger-Familienbuch von Liestal. Alphabetisch und nach den Verwandtschaften geordnet und herausgegeben von J. Widmann, Pfarrer. Liestal 1860.
  4. Geschichte der Stadt Liestal bei liestal.ch
  5. Myliestal: Pfarrhaus.
  6. Lexikoneintrag im Historisch-Topographischen Lexikon der Stadt Bern; Artikel Die Einwohnermädchenschule in Bern über den Jahresbericht der Lehranstalt in: Pädagogischer Beobachter Nr. 29 vom 20. Juli 1877, S. 2 f.
  7. Bertha Züricher: Meine erste Erinnerung an J. V. Widmann. In: Die Schweiz Nr. 4/1913, S. 91 f.
  8. Charles Linsmayer: Josef Viktor Widmann 1842–1911
  9. Robert Walser: Widmann. In: Poetenleben. Huber, Frauenfeld; Leipzig 1918, S. 15–18 (Textarchiv – Internet Archive).
  10. Roman Bucheli: Robert Walser lesen. NZZ vom 27. Mai 2006.
  11. Victor Ravizza: Ein Sinn ruht sich aus: Johannes Brahms in Italien, Abschnitte „Merkwürdigkeiten“ und „Und die Musik“, NZZ vom 9. September 2018.
  12. Korrespondenz Keller – Widmann beim Gottfried-Keller-Portal der Universität Zürich.
  13. Widmann-Brunnen in der Reihe «Einst und jetzt» der Wochenzeitung Bernerbär
  14. Chronik für den Monat Juli 1946 bei baselland.ch, abgerufen am 21. Januar 2018
  15. Auf dem Pausenhof der heutigen Sekundarschule Burg (Burgstrasse 35), siehe Chronik für den Monat November 1961 bei baselland.ch, abgerufen am 21. Januar 2018
  16. in Thun bei streetdir.ch, abgerufen am 21. Januar 2018.
  17. Blog-Eintrag vom 29. Juli 2018 (mit Foto des Strassenschildes) von René P. Moor auf „Der Schrittler“, abgerufen am 11.  März 2019.
  18. Nachlass von Joseph Victor Widmann im Katalog der Burgerbibliothek Bern
  19. Neue Freie Presse № 11237 vom 5. Dezember 1895, S. 5 (Kleine Chronik); Digitalisat bei ANNO
  20. Webseite des Cosmos Verlags zum Buch Verehrte Leser, sagen Sie nicht: Nein!
  21. Am häuslichen Herd Nr. 4, IV. Jahrgang (1900/01), S. 106; Digitalisat bei E-Periodika
  22. Otto von Greyerz: Josef Viktor Widmann. Zum 20. Februar. In: Die Schweiz Nr. 4/1913, S. 82
  23. lt. BLKÖ (s. Literatur) „Schwank“
  24. als Autor belegt in Meyers Konversations-Lexikon 1905 und BLKÖ
  25. Ein gewaltiges Oratorium mit brisantem Inhalt. Text mit Inhaltsübersicht zum Konzert am 23. Juni 2018 auf der Webseite vom «männer chor zürich» (Programmheft als PDF; 730 KB).
  26. Ausführliche Darstellung und Analyse (mit Notenbeispielen) in: Hermann Kretzschmar: Führer durch den Konzertsaal. II. Abteilung. Band II. Oratorien und weltliche Chorwerke. Leipzig 1920 (4. Auflage), S. 393–407 (Textarchiv – Internet Archive).
  27. Margaret Ross Griffel: Operas in German : A Dictionary (Revisited edition). Rowman & Littlefield, 2018, S. 440.
  28. Dirk Strohmann: Die Rezeption Maurice Maeterlincks in den deutschsprachigen Ländern (1891–1914), S. 213