Josef Hartinger

deutscher Verwaltungsjurist und Politiker (CSU)

Josef Michael Hartinger (* 14. September 1893 in Pertolzhofen; † 1984) war ein deutscher Verwaltungsjurist und Politiker (CSU).

WerdegangBearbeiten

Hartinger war Anwalt der bayerischen Staatsbehörden in den letzten Jahren der Weimarer Republik, als die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei an die Macht kam. Er erhielt den Auftrag, unnatürliche Tode im Konzentrationslager Dachau in der Nähe von München zu untersuchen. Dabei entdeckte er gemeinsam mit dem Gerichtsmediziner Moritz Flamm die Strategie der SS, im Lager Schnellvollstreckungen durchzuführen und Suizide zu fälschen. Unter großer Gefahr seiner eigenen Sicherheit, erhob Hartinger Anklage gegen die Lagerleitung, was schließlich unterdrückt wurde.

Nach der Reichstagsbrandverordnung begannen die Nationalsozialisten politische Gegner (KPD- und SPD-Mitglieder) zu verhaften und in Konzentrationslagern zu internieren. Eines der ersten war das KZ Dachau, wo die Häftlinge von 70 bayerischen Polizisten bewacht wurden. Der bayerische Polizeipräsident Heinrich Himmler entband die Polizeikräfte nach und nach von dieser Aufgabe und ersetzte sie durch die SS. Am 12. April 1933, einen Tag nach der Ankunft der SS, erhielt die Staatsanwaltschaft einen Bericht über vier Tode unter den Gefangenen. Da jeder nicht natürliche Tod in staatlicher Haft untersucht werden musste, wurden Hartinger und Flamm nach Dachau geschickt.[1]

Der Lagerkommandant Hilmar Wäckerle führte sie zu einer Stelle, an der die vier Häftlinge beim Fluchtversuch in den Wald erschossen wurden, und später zu einem Schuppen, in dem drei ihrer Leichen auf dem Boden lagen. Hartinger kritisierte die Wachen für die unwürdige Behandlung der Leichen, bevor er und Flamm sie identifizierten und untersuchten. Sie stellten schnell fest, dass alle toten Gefangenen (Rudolf Benario, Ernst Goldmann, Arthur Kahn) Juden waren und an der Schädelbasis erschossen worden waren.[2] Der Erwin Kahn überlebte die Schüsse zunächst, starb aber vier Tage später unter SS-Bewachung im Krankenhaus. Ohne die Behauptungen der Wachen in diesen Punkten infrage zu stellen, kehrten die Ermittler über mehrere Tage zurück, um die Beweise sorgfältig zu dokumentieren. Flamm führte Autopsien an den vier Gefangenen durch. Hartinger und Flamm stellten viele Unstimmigkeiten zwischen den Verletzungen der Leichen und den Berichten der Lagerwachen fest.

Gelegentlich mussten sie neue Todesfälle untersuchen, wie den Fall von Sebastian Nefzger, der angeblich Selbstmord begangen hatte. Die Autopsie zeigte einen stark verletzten Rücken und Anzeichen von inneren Blutungen. Er hatte angeblich versucht, sich an den Riemen seiner eigenen Beinprothese aufzuhängen, und als dies fehlschlug, hatte er seine Handgelenke so tief eingeschnitten, dass sie in den Knochen eindrangen. Die Autopsie von Alfred Strauß, der ebenfalls beim Fluchtversuch erschossen wurde, ergab, dass er nach schweren körperlichen Angriffen an einer Kugel im Nacken gestorben war. Sein Rücken war mit Schnittwunden bedeckt und sein Gesäß bandagiert, um einen tiefen Schnitt zu verbergen.

Hartinger und Flamm deckten mehrere Monate lang eindeutige Beweise für Mord auf und erstellten eine Anklageschrift gegen den Lagerkommandanten Hilmar Wäckerle und den Kanzleiobersekretär Josef Mutzbauer. Im Mai 1933 stellte Hartinger den Fall seinem Vorgesetzten, dem bayerischen Staatsanwalt Karl Wintersberger, vor. Wintersberger, der die Untersuchung zunächst unterstützte, sträubte sich dagegen, die sich daraus ergebende Anklageschrift dem Justizministerium vorzulegen, das zunehmend unter dem Einfluss der SS stand. Im Juni 1933 reduzierte Hartinger den Umfang des Dossiers auf die vier eindeutigsten Fälle und Wintersberger unterzeichnete es, nachdem er den SS-Reichsführer Heinrich Himmler informiert hatte.[3] Die Morde in Dachau hörten plötzlich vorübergehend auf, Wäckerle wurde nach Stuttgart verlegt und von Theodor Eicke abgelöst. Die Anklage und die damit verbundenen Beweise erreichten das Büro des bayerischen Justizministers Hans Frank, wurden jedoch von Gauleiter Adolf Wagner abgefangen und in einen Schreibtisch gesperrt, der erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges von der US-Armee entdeckt wurde.[4]

Sowohl Hartinger als auch Wintersberger wurden in die Provinz versetzt. Wintersberger wurde 1934 zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Bamberg ernannt, Hartinger wirkte nach einer kurzen Versetzung nach München I zurück, ab 1936 in der Stadt Amberg als Landgerichtspräsident.[5]

Flamm wurde nicht länger als Gerichtsmediziner beschäftigt und soll zwei Mordversuche überlebt haben, bevor er im folgenden Jahr auf verdächtige Weise im psychiatrischen Krankenhaus Egelfing-Haar starb. Flamms gründlich gesammelte und dokumentierte Beweise in Hartingers Anklageschrift halfen dabei, dass es 1947 bei den Nürnberger Prozessen zu Verurteilungen führender Nazis kam. Wintersbergers mitschuldiges Verhalten ist in seinen eigenen Beweisen für den Prozess gegen das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS dokumentiert.[6]

Kriegszeit 1939–45Bearbeiten

Das von der DDR herausgegebene Braunbuch[7] gab an, alle Funktionäre der Bundesrepublik Deutschland aufzulisten, die ehemalige Nazis und Kriegsverbrecher waren. In der Ausgabe von 1968 wird Josef Hartinger als ehemaliger Kriegsgerichtsrat des "Höheren Kommando LX" (eine Kommunikationsabteilung der Wehrmacht) aufgeführt. Ob eine solche Position ihm die Gelegenheit zu Kriegsverbrechen verschafft hätte, ist fraglich, widerspricht aber der Aufzeichnung des Bayerischen Staatsarchivs, wonach er als Landgerichtsdirektor in der Stadt Amberg 1936 bis Kriegsende tätig ist.[8][5]

NachkriegszeitBearbeiten

1946 wurden Hartingers vermisste Akten von der US-Armee im bayerischen Justizministerium entdeckt und in den Prozessen gegen hochrangige Nazis vor dem Nürnberger Tribunal von 1947 als Beweismittel herangezogen. Flamms gründlich gesammelte und dokumentierte Beweise in Hartigers Anklageschrift stellten sicher, dass er Verurteilungen von hochrangigen Nazis erlangte wie Oswald Pohl. Wintersbergers mitschuldiges Verhalten ist in seinen eigenen Beweisen zum Pohl-Prozess dokumentiert.[6]

Obwohl die drei in Hartingers ursprünglicher Anklageschrift genannten SS Männer entweder bereits tot waren oder vermisst wurden, hatte die Anklageschrift auch "unbekannte Personen" erwähnt, die möglicherweise in ihrem Namen gehandelt haben. Einer ihrer brutalsten Untertanen, Hans Steinbrenner (SS-Mitglied) lebte noch. Auf der Grundlage von Hartingers ursprünglicher Anklage wurde Steinbrenner des Mordes an Louis Schloss und (mit neuen Beweisen von mehreren ehemaligen Dachauer Häftlingen[8]) die Morde von Wilhelm Aron und Karl Lehrburger.

Am 10. März 1952 sprachen die neun Mitglieder des Schwurgerichts beim Landgericht München II das Urteil gegen Steinbrenner[9] unter folgenden Fälle:

  • Mord an Schloss: nicht schuldig, schwere Körperverletzung: schuldig (Urteil 2 Jahre)
  • Mord an Lehrburger schuldig, aber unter Zwang seines Kommandanten (10 Jahre Haft)
  • Mord an Aron: Schuldig (lebenslange Freiheitsstrafe)

Aus seiner Zelle im Landsberg-Gefängnis schrieb Steinbrenner 1962 einen 8-seitigen Beichtbrief, den er über die Gefängnisbehörde an Hartinger sandte.[9] Er teilte Hartinger mit, er selbst wäre 1933 getötet worden, wenn er nicht persönlich mit vielen mächtigen Würdenträgern bekannt gewesen wäre. Im Mai 1963 wurde Steinbrenner aus dem Gefängnis in Landsberg am Lech in ein Pflegeheim in Berchtesgaden verlegt, wo er sich später erhängte.

Im Jahr 1948 wurde Hartinger nach erfolgten Spruchkammerverfahren im Rahmen der Entnazifizierung zu seiner Position in Amberg zurückgeführt. Von 1954 bis 1958 arbeitete Hartinger für die neu-gegründete Bundesanwaltschaft beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe.[9]

Josef Hartinger war vom 9. Dezember 1958 bis zu seinem Ruhestand am 5. Dezember 1966 Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium der Justiz. Erst im Alter von über 90 Jahren sprach er über die Ereignisse um die gescheiterte Anklage gegen die Dachauer Lagerleitung.
Hartinger schloss seine Memoiren am 4. Februar 1984 ab und verstarb sechs Monate später.

EhrungenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ryback, Timothy W. Hitler’s First Victims: The Quest for Justice, Vintage, 2015. p. 17
  2. Rudolf Benario und Ernst Goldmann in Dachau ermordet. der Landbote, German. Abgerufen am 11. September 2019.
  3. Timothy W. Ryback: Hitler’s First Victims: The Quest for Justice. Vintage, 2015. S. 183, 185, 186, 213, 253.
  4. United States Office of Chief of Counsel for the Prosecution of Axis Criminality: Nazi Conspiracy and Aggression, Volume 3 (en). U.S. Government Printing Office,, Washington DC 1946.
  5. a b Distel Barbara, Nikolaus Wachsmann, Sybille Steinbacher: Staatlicher Terror und Zivilcourage in Die Linke im Visier: Zur Errichtung der Konzentrationslager 1933. Wallstein Verlag. 2014. Abgerufen am 3. Oktober 2019.
  6. a b 1216-PS Concentration Camp Dachau: Special Orders (1933). Harvard Law School Library Nuremberg Trials Project. Abgerufen am 11. September 2019.
  7. Otfried Schmack, Gisela Ostberg, Gerhard Kurth: Braunbuch Kriegs- und NAZI-verbrecher in der Bundesrepublik und in WestBerlin. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik. 1968. Abgerufen am 1. Oktober 2019.
  8. a b Rolf Seubert, Jörg Döring, Markus Joch: Mein lumpiges Vierteljahr Haft in Alfred Andersch Revisited. Walter de Gruyter GmbH. S. 97–104. 2011. Abgerufen am 3. Oktober 2019.
  9. a b c Dr. Otto Gritschneder: Es gab auch solche Staatsanwälte: Juni 1933: Anklageschrift gegen Dachauer KZ-Kommandanten. Freiburger Rundbrief Section 8. 1984. Abgerufen am 1. Oktober 2019.