Johannes Bosquet

französischer Komponist, Sänger und Kleriker

Johannes Bosquet, auch Johannes de Bosquet, Johannes de Bosco oder Jean de Bois (aktiv im späten 14. Jahrhundert; † kurz vor dem 30. November 1406 wahrscheinlich in Bourges) war ein französischer Komponist, Sänger und Kleriker des späten Mittelalters.[1][2][3]

Leben und WirkenBearbeiten

Geburtsdatum und Geburtsort von Johannes Bosquet, ebenso sein genaues Sterbedatum und der gesicherte Sterbeort, konnten von der musikhistorischen Forschung bisher nicht ermittelt werden; ein Grund dafür ist, dass dieser Name in dieser Zeit außerordentlich häufig anzutreffen ist. Bosquet ist als Kleriker und Sänger von etwa 1364 bis 1406 in Tournai nachweisbar. Viele historische Anzeichen deuten darauf hin, dass Bosquet bereits in den 1360er oder 1370er Jahren nach Avignon gekommen ist, weil er zusammen mit seinem späteren magister capelle, Richardus de Bosamvilla, bis zum Jahr 1379 als Cubicularius (Geheimkämmerer) im Dienst von Jean de Blandiac, dem Kardinal von Nîmes, gestanden hat. Letzterer war auch Generalvikar in Avignon unter Papst Gregor IX. Aus Bittgesuchen und päpstlichen Briefen geht hervor, dass der Komponist schon zu dieser Zeit ein Kanonikat und eine Pfründe in Lille und Mons besaß und eine weitere in Brügge in Aussicht hatte. Erstmals lässt er sich 1391 als Kapellmitglied unter dem Avignoner Papst Clemens VII. nachweisen, weil er am 5. Mai dieses Jahres die Gehaltszahlung für vierzehn Kapläne und zwei Geistliche entgegennahm.

Genannt ist Johannes Bosquet in den 1390er Jahren auch in drei Namenslisten von Gegenpapst Benedikt XIII. als einer der Kaplane. Nach dessen Flucht aus Avignon ging Bosquet zusammen mit der Kurie des Papstes in die Abtei Saint-Victor in Marseille und ist dort zuletzt am 8. Dezember 1404 als das dritte von fünfzehn Kapellmitgliedern in die Liste eingetragen worden. Schließlich ist er in den Jahren 1405 bis 1406 als Vikar in der Kapelle von Herzog Berry in Bourges nachweisbar; dort muss er kurz vor dem 30. November 1406 gestorben sein, weil sich hier zwei weitere Bittsteller um die beiden Pfründen in Le Mans und Reims bemühten, die Bosquet bisher innehatte. Es könnte auch sein, dass er mit jenem Johannes de Bosco identisch war, den Gegenpapst Clemens VII. im Jahr 1393 als Musiker von Ludwig II. von Anjou belohnt hatte. Johannes de Bosco könnte auch dem jungen König von Neapel, der im Palast des Papstes aufwuchs, bis zu dessen Zug nach Italien (August 1390 bis 1399) gedient haben.

BedeutungBearbeiten

Die beiden überlieferten Gloria-Vertonungen von Bosquet gehören zu den frühesten mehrstimmigen Mess-Sätzen und verlaufen im Tempus imperfectum (Satzform, in der eine Brevis in zwei Semibreven unterteilt wird) ohne rhythmische Besonderheiten. Sie besitzen instrumental begleitete Oberstimmen, die syllabisch textiert sind und sich manchmal ohne Textwiederholung abwechseln. Das dreistimmige von diesen existiert auch vierstimmig mit einem hinzugefügten Contratenor eines anderen, unbekannten Komponisten. Dagegen zeigt das vierstimmige Gloria in den Oberstimmen keine Isorhythmie; nur das Amen knüpft an den Beginn des Stücks an und leitet mit einer hoquetusartigen Sequenz einen Taktwechsel zum Tempus imperfectum ein Außerdem gibt es dieses Stück mit einer anderen Contratenorstimme, die einem gewissen Nicolaus de Capua zugeschrieben wird.

WerkeBearbeiten

  • „Et in terra“ zu drei Stimmen (1870 verbrannt)
  • „Et in terra“ zu vier Stimmen; mit abweichendem Contratenor und neuem Amen als Werk von Nicolaus von Capua überliefert
  • Gloria und Credo (Autorschaft zweifelhaft).

AusgabenBearbeiten

  • G. Reaney (Hrsg.): Early-Fifteenth-Century Music II, ohne Ortsangabe 1959, Nr. 4–12
  • G. Cattin / F. Facchin (Hrsg.): French Sacred Music, Band 1, Monaco 1989, S. 44–45 (= PFMC 23A)

Literatur (Auswahl)Bearbeiten

  • F. X. Haberl: Die römische »Schola Cantorum« und die päpstlichen Kapellsänger bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, Leipzig 1888, Reprint Hildesheim 1971, S. 25 (= Bausteine für Musikgeschichte Nr. 3)
  • Ch. van den Borren: Le manuscrit musical M. 222 C. 22 de la Bibliothèque de Strasbourg, Antwerpen 1922, S. 164
  • K. Hanquet: Suppliques de Clément VII (1378–1379), in: Analecta Vaticano-Belgica Nr. 8, Rom 1924, Documents relatifs au grand schisme, Band 1, Nr. 2463 und 2464
  • K. Hanquet / U. Berlière: Letters de Clément VII (1378–1379), in: Analecta Vaticano-Belgica Nr. 12, Rom 1924, Documents relatifs au grand schisme, Band 2, Nr. 171 und 172
  • E. Dannemann: Die spätgotische Musiktradition in Frankreich und Burgund, Strasbourg 1936
  • Ursula Günther: Zur Biographie einiger Komponisten der »Ars subtilior«, in: Archiv für Musikforschung Nr. 21, 1964, S. 172–199, besonders S. 174–185
  • Paul Higgins: Music and Misicians at the Saint-Chapelle of Bourges Palace, 1405–1515, IMSCR XIV, Bologna 1987, S. 689–701, besonders S. 692
  • Ursula Günther: Composers on the Court of the Antipopes in Avignon: Research in the Vatican Archives, in: Musicology and Archival Research, Brüssel 1993, S. 328–337
  • G. Di Bacco: Documenti Vaticani per la storia della musica durante il grande Scisma (1378–1417), in: Quaderni storici Nr. 95, 1997, S. 374–378.

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. Siegfried Mauser: Bosquet, Johannes, in: Ludwig Finscher (Hrsg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Ausgabe, Personenteil, Band 3 (Bj-Cal), Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2000, ISBN 3-7618-1112-8, Spalte 477–479
  2. Marc Honegger, Günther Massenkeil: Das große Lexikon der Musik, Band 1, Herder, Freiburg im Breisgau 1978, ISBN 3-451-18051-0
  3. The New Grove Dictionary of Music and Musicians, herausgegeben von Stanley Sadie, 2nd Edition, Band 4, McMillan Publishers, London 2001, ISBN 0-333-60800-3