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Johann Christoph Adelung

deutscher Bibliothekar und Sprachforscher

LebenBearbeiten

 
Geburtshaus in Spantekow

Johann Christoph Adelung wurde 1732 in Spantekow bei Anklam als Sohn des Pfarrers Johann Paul Adelung († 1759) geboren. Seine Mutter Regina Sophie, geborene Loeper († 1782) war eine Tochter des Pfarrers im nahegelegenen Daberkow. Zu seinen Geschwistern gehörten Wilhelm Friedrich Adelung (* 1741; † 1810), der Justizrat in Stettin wurde und sich als Sammler zur pommerschen Geschichte betätigte, und Christiane Sophie Adelung (* um 1730), die spätere Ehefrau von Johann Friedrich Sprengel (* 1726; † 1808/1810) und Mutter des Hallenser Arztes und Botanikers Kurt Sprengel (* 1766; † 1833).

Nach dem Besuch der Stadtschule in Anklam und des (alt- und neusprachlichen) Gymnasiums in Klosterbergen studierte er ab 1752 Evangelische Theologie an der Universität Halle, u. a. als Schüler Siegmund Jakob Baumgartens. Adelung war 1756 Mitbegründer der dortigen Freimaurerloge Philadelphia zu den drei goldenen Armen, deren erster Sekretär er wurde; er muss folglich schon früher in die Freimaurerei aufgenommen worden sein.[1]

1758 wurde Adelung in Erfurt Professor (Lehrer) am Evangelischen Ratsgymnasium. 1762 wurde er zum Sachsen-Gothaischen Rat ernannt, trat aber eine Stelle in Gotha nicht an. Ab 1765 lebte er in Leipzig, wo er als Übersetzer, Korrektor und Redakteur arbeitete. Ab 1769 redigierte er hier die Leipziger Zeitungen, ferner arbeitete er an der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung und der Allgemeinen deutsche Bibliothek mit.

In Leipzig veröffentlichte Adelung ab 1774 sein Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Damit wurde er in der gelehrten Welt bekannt. Er wurde 1784 Mitglied der Deutschen Gesellschaft in Mannheim, 1785 der Deutschen Gesellschaft in Leipzig, 1787 auswärtiges Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften[2] und 1793 Mitglied der Deutschen Gesellschaft in Königsberg.

1787 wurde Adelung zum Oberbibliothekar der Kurfürstlichen Bibliothek in Dresden berufen, überließ die Repräsentation aber oft dem Zweiten Bibliothekar Karl Wilhelm Daßdorf.[3] Die tägliche Öffnung der Bibliothek und eine erfolgreiche Weiterführung der Arbeit von Johann Michael Francke (1717–1775) im neuen Domizil, dem Japanischen Palais, werden Adelung zugeschrieben.[4]

Zusätzlich übernahm Adelung 1793 die Aufgaben eines Bibliothekars in der Privatbibliothek des Kurfürsten Friedrich August III.

Adelung starb am 10. September 1806 in Dresden[5] und wurde auf dem Inneren Neustädter Friedhof beigesetzt.

Adelung ist am bekanntesten für sein deutsches Wörterbuch, hat daneben aber auch auf zahlreichen anderen Gebieten gearbeitet und Übersetzungen, eigene literarische Texte, historische, naturwissenschaftliche, pädagogische und journalistische Arbeiten veröffentlicht.

Wörterbuch der Hochdeutschen MundartBearbeiten

Adelungs wohl bedeutendstes Werk ist sein Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1774–1786, 2. Aufl. 1793–1801), die für ihn im engeren Sinne die Meißner Kanzleisprache ist, die bevorzugt wird. Wesentlich ist aber auch der Untertitel: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen, wodurch sein Werk die bis dahin umfangreichste synchrone Bestandsaufnahme der deutschen Sprache bietet. Die den Lemmata hinzugefügten vergleichenden Synonyme sind oft relativ ausführlich kommentiert, und er geht auch auf die unterschiedlichen Bedeutungen in den Sprachgebieten ein. Es gibt recht viele orthographiebedingte Verweisartikel und viele fach- bzw. sondersprachliche Lemmata (20–30 % in der ersten Auflage). Oft teilt er seine Ansichten zur Orthographie mit, manche Lemmata zu Buchstabengruppen scheinen vor allem deshalb aufgenommen worden zu sein. Im Laufe der Zeit wird Adelung skeptischer gegenüber den Rechtschreibreformen, und schließlich bekämpft er in der Vorrede zur zweiten Auflage seine eigene frühere Haltung und schreibt Wörter teilweise anders (beispielsweise häufig -iren statt -ieren bei Verben). Es finden sich Aussprachekennzeichnungen, vermehrt noch in der zweiten Auflage bei noch nicht eingebürgerten Fremdwörtern (Ingenieur ‚Inschenör‘). Verstreut über das Werk findet sich eine stark gestraffte Wortbildungslehre zum Deutschen des 18. Jahrhunderts. Ausführlicher geht er darauf besonders bei den Lemmata zu Partikeln und Präfixen ein. Bezüglich der Etymologie sind ihm heutige Grundsätze fremd; er wusste nichts von der germanischen und der hochdeutschen Lautverschiebung, kennt keine neuhochdeutsche Diphthongierung und keine Monophthongierung; gesetzmäßiger Lautwandel, Ablaut und die heute rekonstruierten indogermanische Wortbildungssuffixe sind ihm ebenfalls unbekannt. Es finden sich jedoch manchmal durchaus richtige Etymologien. Ein vollständiger etymologischer Kommentar – so vorhanden – ist jeweils dreiteilig: Erstens kommen Angaben „gleichartiger“ Wortformen aus anderen Sprachstadien, dann ein Überblick über die Etymologie seiner Vorgänger, die er gut kennt, und schließlich seine eigene Etymologie. Sie scheinen Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache (1772) im Einzelwort zu dokumentieren.[6]

Adelungs Wörterbuch hatte einen großen Einfluss auf die deutsche Lexikographie, das genaue Ausmaß ist jedoch relativ wenig bekannt. Bezüglich des genauen Wörterbuchgegenstandes (Was ist Hochdeutsch? Was hat Adelung tatsächlich lexikographisch bearbeitet?) herrscht in der Forschung „eine pluralistische Orientierungslosigkeit“. Mindestens das Oberdeutsche kann man trotz negativer Kommentare zum Wörterbuchgegenstand hinzurechnen. Ähnlich sieht es bei der Frage aus, ob seine Arbeit normativ oder deskriptiv (oder beides) war.[6] Besonders auf Grund der umfassenden Vergleiche hatte das Wörterbuch normenden Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache.[7] Laut Kühn und Püschel „darf dennoch angezweifelt werden, dass er die Sprachnorm festlegt, denn in den 50er Jahren des 18. Jhs. existierte bereits eine vielgelesene, poetische Nationalliteratur, die bereits weitgehend einer einheitlichen Sprachnorm folgte“.[8]

Daneben geht auf den Autor die adelungsche s-Schreibung zurück, die in Teilen des Deutschsprachigen ab dem mittleren 19. Jh., und von der Zweiten Orthographischen Konferenz 1901 bis zur Rechtschreibreform von 1996 im ganzen deutschen Sprachraum mit Ausnahme der Schweiz für das »ß« verbindlich war, inzwischen aber von der heyseschen s-Schreibung abgelöst wurde.

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

Eine ausführliche Bibliographie von Adelungs Schriften gibt Strohbach, 1984, S. 8–35.

Germanistik
  • Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. 1. Aufl. Leipzig 1774–1786, 5 Bände; 2. Aufl. Leipzig 1793–1801, 4 Bände, Supplementband 1818;
  • Deutsche Sprachlehre für Schulen. Berlin 1781.
  • Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache. Leipzig 1782, 2 Bände (digitalisierte Ausgabe unter: urn:nbn:de:s2w-568).
  • Magazin für die deutsche Sprache. Leipzig 1782–1784, 2 Bände.
  • Kleines Wörterbuch für die Aussprache, Orthographie, Biegung und Ableitung. Leipzig 1788, 2. Aufl. 1790.
  • Ueber den deutschen Styl. Berlin 1785–86, 3 Bände; 4. Aufl. 1800, 2 Bände.
  • Aelteste Geschichte der Deutschen, ihrer Sprache und Literatur bis zur Völkerwanderung. Leipzig 1806.
  • Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie. Leipzig 1788, 5. Aufl. 1835.
Sonstiges
  • Denckwürdigkeiten Friedrichs des Großen, jetztregierenden Königs in Preußen. Gotha 1757–1763, 14 Bände.
  • Geschichte der Schiffahrten und Versuche welche zur Entdeckung des Nordöstlichen Weges nach Japan und China von verschiedenen Nationen unternommen worden. Zum Behufe der Erdbeschreibung und Naturgeschichte dieser Gegenden entworfen. Halle 1768.
  • Glossarium manuale ad scriptores mediae et infimae latinitatis. Halle 1772–84, 6 Bände, ein Auszug aus dem Glossarium ad scriptores mediae et infimae latinitatis mit vielen eigenen Zusätzen.
  • Versuch einer Geschichte der Cultur des menschlichen Geschlechts. Leipzig 1782, Volltext.
  • Fortsetzung und Ergänzungen zu Christian Gottlieb Jöchers allgemeinem Gelehrten-Lexicon, worin die Schriftsteller aller Stände nach ihren vornehmsten Lebensumständen und Schriften beschrieben werden. Fortgesetzung durch Heinrich Wilhelm Rotermund:
    • Erster Band: A–B. Johann Friedrich Gleditsch, Leipzig 1784;
    • Zweiter Band C–I. Johann Friedrich Gleditsch, Leipzig 1787.
  • Geschichte der menschlichen Narrheit, oder Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher u. a. 8 Tle., Leipzig 1785–99.
  • Directorium diplomaticum. Meißen 1802, Sächsische Geschichte.
  • Mithridates, oder allgemeine Sprachenkunde. Berlin 1806, Band 1, von Johann Severin Vater fortgesetzt und vollendet.

LiteraturBearbeiten

  • Andreas Erb: Adelung, Johann Christoph (1732–1806). In: Dirk Alvermann, Nils Jörn (Hrsg.): Biographisches Lexikon für Pommern. Band 2 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern. Reihe V, Band 48,2). Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien 2015, ISBN 978-3-412-22541-4, S. 11–14.
  • Peter Kühn, Ulrike Püschel: Die deutsche Lexikographie vom 17. Jahrhundert bis zu den Brüdern Grimm ausschließlich. In: Franz Josef Hausmann, Oskar Reichmann, Herbert Ernst Wiegand, Ladislav Zgusta (Hrsg.): Wörterbücher: Ein internationales Handbuch zur Lexikographie. (3 Bande; 1989–1991) Band 2 (1990). de Gruyter, Berlin / New York 1990 (Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft; 5.2), S. 2049–2077.
  • Werner Bahner (Hrsg.): Sprache und Kulturentwicklung im Blickfeld der deutschen Spätaufklärung. Der Beitrag Johann Christoph Adelungs (= Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Philologisch-historische Klasse. Jg. 70, Nr. 4). Akademie-Verlag, Berlin (DDR) 1984.
  • Margit Strohbach: Johann Christoph Adelung. Ein Beitrag zu seinem germanistischen Schaffen mit einer Bibliographie seines Gesamtwerkes (= Studia Linguistica Germanica. 21): Walter de Gruyter, Berlin / New York 1984.
  • Helmut Henne: Einführung und Bibliographie zu Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1793–1801). In: Helmut Henne (Hrsg.): Deutsche Wörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts. Einführung und Bibliographie. Georg Olms, Hildesheim / New York 1975, 109–142. (Nachdruck der Einführung im Reprint des Grammatisch-kritischen Wörterbuches; Olms, Hildesheim / New York 1970, I–XXXII.).
  • Otto Basler: Adelung, Johann Christoph. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, ISBN 3-428-00182-6, S. 63–65 (Digitalisat).
  • Kurt Gassen: Johann Christoph Adelung. In: Pommersche Lebensbilder. III. Saunier, Stettin 1939, S. 114–128.
  • Karl-Ernst Sickel: Johann Christoph Adelung. Seine Persönlichkeit und seine Geschichtsauffassung. (Diss., Univ. Leipzig 1933.) Gerhardt, Leipzig 1933.
  • Scherer: Adelung, Johann Christoph. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 80–84.
  • Oskar Ludwig Bernhard Wolff: Johann Christoph Adelung. In: Encyclopädie der deutschen Nationalliteratur oder biographisch-kritisches Lexicon der deutschen Dichter und Prosaisten seit den frühesten Zeiten; nebst Proben aus ihren Werken. Band 1, Leipzig 1835, S. 19–22 (books.google.de).
  • Johann Gottlieb August Kläbe: Adelung, (Johann Christoph). In: Neustes gelehrtes Dresden …. Leipzig 1796, S. 1–4 (digital.slub-dresden.de).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hanns-Peter Neumann: Reise ins Reich der Unvernunft: Aufgeklärtes Amüsement bei Johann Christoph Adelung. In: Günter Frank, Anja Hallacker, Sebastian Lalla (Hrsg.): Erzählende Vernunft. Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 63. ( PDF (Memento des Originals vom 20. Dezember 2015 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.izea.uni-halle.de)
  2. Mitglieder der Vorgängerakademien. Johann Christoph Adelung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 12. Februar 2015.
  3. Blätter für literarische Unterhaltung. Nr. 153, 2. Juni 1833, S. 629
  4. Friedrich Adolf Ebert: Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden. Leipzig 1822, S. 224, Anm. 148 und S. 102
  5. Die Angaben sind Lit. Strohbach 1984, 3–7, entnommen. Strohbach verweist ihrerseits auf Sickel 1933.
  6. a b Werner Besch: Sprachgeschichte: ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. überarbeitete Ausgabe, Walter de Gruyter, 1998, ISBN 3-11-011257-4, S. 662–667 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Strohbach, 1984, S. 213–219.
  8. Lit. Kühn, Püschel; 1990, S. 2055.