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Jörg Dräger

deutscher Physiker, Politiker und Manager
Jörg Dräger (2017)

Jörg Dräger (* 1. Januar 1968 in Darmstadt) ist ein deutscher Physiker, parteiloser Politiker und Manager.[1][2] Von 2001 bis 2008 war er Senator der Freien und Hansestadt Hamburg.[3] Seit 2008 ist Dräger Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung für die Bereiche Bildung und Integration.[4][5] Er gilt als Bildungsexperte[6][7] und ist Autor mehrerer Bücher zu bildungspolitischen Themen,[8][9] unter anderem zu den Auswirkungen der Digitalisierung.[10]

LebenBearbeiten

Dräger machte 1987 in Hamburg Abitur am Christianeum und danach Zivildienst.[11][12] Anschließend studierte Dräger Physik und im Nebenfach Betriebswirtschaft an der Universität Hamburg.[2] Nach dem Vordiplom wechselte er an die Cornell University nach Ithaca, New York.[13] Dort erwarb Dräger 1993 den Master of Science in Theoretischer Physik und promovierte drei Jahre später zum Doctor of Philosophy mit einer Arbeit aus der mathematischen Kristallographie.[12] Parallel zum Studium und der Promotion arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent.[13]

Dräger ist verheiratet und hat zwei Kinder.[14][15]

KarriereBearbeiten

1996 trat Dräger eine Stelle als Unternehmensberater bei Roland Berger in Frankfurt am Main an,[16][17] bevor er 1999 als Geschäftsführer des neu gegründeten Northern Institute of Technology nach Hamburg zurückkehrte.[12][18] Das Institut war eine der ersten öffentlich-privaten Partnerschaften im deutschen Hochschulbereich und zeichnet sich durch einen interdisziplinären Ansatz aus.[19][20][21][22]

Öffentliche ÄmterBearbeiten

2001 wurde Dräger als parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung in die Landesregierung der Freien und Hansestadt Hamburg unter Ole von Beust berufen.[23][24] Er sprach sich für Studiengebühren und mehr Wettbewerb der Hochschulen untereinander aus,[25] um ihre Finanzierung dauerhaft sicherzustellen.[26] Die Vorschläge stießen bei Studierenden und Lehrenden auf heftige Kritik.[27][28]

Nach der vorgezogenen Bürgerschaftswahl 2004 übernahm Dräger im Senat von Beust II die Ressorts Wissenschaft und Gesundheit.[12][29] Unter seiner Verantwortung führte Hamburg 2006 als fünftes Bundesland Studiengebühren ein.[30][31][32] Drägers Ziel war eine grundlegende Reform der Hamburger Hochschulen,[33] er förderte Gründungen neuer und Zusammenschlüsse bestehender Hochschulen.[12] Dieser Kurs gilt rückblickend als umstritten:[34] Während Befürworter seine Kompetenz und Zielstrebigkeit lobten, monierten Kritiker unter anderem Kürzungen bei den Geisteswissenschaften.[35] 2008 belegte Dräger im „Minister-Ranking“ des Deutschen Hochschulverbands den letzten Platz, ein Jahr später stand er wieder an sechster Stelle.[36][37]

Die Verantwortung für den Bereich Gesundheit gab Dräger im Jahr 2006 an die Senatorin Birgit Schnieber-Jastram ab.[38] Nach der Bürgerschaftswahl 2008 kündigte er an, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten.[39] Diese Entscheidung bedauerte unter anderem Klaus von Dohnanyi in einem Kommentar für das Hamburger Abendblatt, weil die Stadt dadurch ihren „vermutlich wirkungsvollsten Wissenschaftssenator seit 1945“ verliere.[40] Andere Medien zeigten sich dagegen erleichtert, dass der „Bulldozer im Dreiteiler“ (taz) die Politik verlasse.[41]

StiftungstätigkeitBearbeiten

Dräger wurde 2008 Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung.[42][43] Er verantwortet die Bereiche Bildung und Integration. Zusätzlich übernahm er mit Frank Ziegele die Geschäftsführung des gemeinnützigen Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).[44][45] In beiden Gremien setzte sich Dräger unter anderem für die Unabhängigkeit der Hochschulen ein.[46] Er forderte eine bessere Ausstattung von Brennpunktschulen und drängte darauf, das Bildungssystem in ländlichen Regionen an den demografischen Wandel anzupassen.[47][48] Dräger befürwortet die Ganztagsschule,[49] digitale Medien betrachtet er als Hilfsmittel für eine bessere Pädagogik.[50]

Dräger ist stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration.[51] Er sprach sich für eine stärkere Zuwanderung aus Nicht-EU-Ländern aus,[52][53] andernfalls werde Deutschland den internationalen Wettbewerb um Fachkräfte verlieren.[54]

Dräger berät junge Unternehmensgründer in der gemeinnützigen Founders Foundation und lehrt Public Management an der Hertie School of Governance.[55][56]

Dräger ist seit seiner Gründung 2014 Mitglied im Lenkungskreis des Hochschulforums Digitalisierung.[57]

Seit August 2018 ist er Mitglied im Aufsichtsrat der Jacobs University Bremen.[58]

SchriftenBearbeiten

  • Jörg Dräger, Robert H. Silsbee: Simulations for Solid State Physics. An Interactive Resource for Students and Teachers. Cambridge University Press, Cambridge 1997, ISBN 978-0-521-59094-5 (englisch).
  • Jörg Dräger: Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, ISBN 978-3-421-04529-4 (mit einer politischen Gebrauchsanweisung von Klaus von Dohnanyi).
  • Jörg Dräger, Christina Tillmann, Frank Frick: Wie politische Ideen Wirklichkeit werden. Ein Lehr- und Praxisbuch. Nomos Verlag, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8487-1613-5.
  • Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: Die digitale Bildungsrevolution: Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015, ISBN 978-3-421-04709-0.
  • Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: Wir und die intelligenten Maschinen. Wie Algorithmen unser Leben bestimmen und wir sie für uns nutzen können. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, ISBN 978-3-421-04841-7.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Jörg Dräger – Sammlung von Bildern

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Bernhard Hänel: „Zukunft entscheidet sich im Klassenzimmer“. In: Neue Westfälische. 29. August 2011.
  2. a b Florian Hanauer: Reformer mit kühlem Kopf. In: Welt am Sonntag. 21. August 2005.
  3. Elisabeth Jessen: Wege aus der Bildungskrise. In: Hamburger Abendblatt. 29. August 2011.
  4. Hamburgs Wissenschaftssenator wechselt zu Bertelsmann. In: Der Tagesspiegel. 5. März 2008.
  5. Bertelsmann: Dräger geht zur Stiftung. In: Manager Magazin. 4. März 2008, abgerufen am 30. Juni 2017.
  6. Jörn Lauterbach: „Das wird ein Angriff auf die Eliten“. In: Welt am Sonntag. 27. September 2015.
  7. Bildungsexperte Dräger: „Das Abitur wird zum Normalfall“. In: Westdeutsche Allgemeine Zeitung. 22. März 2017, abgerufen am 30. Juni 2017.
  8. Michael Okrob: Spät, aber wichtig. Wieder ein Schulbuch. In: Die Tageszeitung. 31. August 2011.
  9. Debatte über das Lernen der Zukunft. In: Die Welt. 1. April 2016.
  10. Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt: Digitalisierung: Humboldt gegen Orwell. In: Die Zeit. 8. Oktober 2015 (zeit.de [abgerufen am 5. Juli 2017]).
  11. Renate Pinzke: „Ich brauche kein Lob“. In: Hamburger Morgenpost. 31. August 2004.
  12. a b c d e Jörg Dräger. In: Internationales Biographisches Archiv. Munzinger, 9. September 2008, abgerufen am 30. Juni 2017.
  13. a b „Bildung ist die Basis“. In: Neue Westfälische. 2. Juli 2008.
  14. Dräger-Nachwuchs. In: Hamburger Abendblatt. 9. Juni 2005.
  15. Bernd Eyermann: „Guter Unterricht nimmt alle mit“. In: Bonner General-Anzeiger. 20. Januar 2012.
  16. Norbert Bensel (Hrsg.): Hochschulen, Studienreform und Arbeitsmärkte: Voraussetzungen erfolgreicher Beschäftigungs- und Hochschulpolitik. W. Bertelsmann Verlag, Bielefeld 2003, ISBN 3-7639-3168-6, S. 286.
  17. Peter Meyer, Christoph Rind: Unis: Wer baut aus, wer baut ab? In: Hamburger Abendblatt. 21. März 2002.
  18. Nicola Sieverling: Der Laptop-Senator. In: Welt am Sonntag. 26. Januar 2003 (welt.de [abgerufen am 30. Juni 2017]).
  19. Wolfgang Ehemann: „Ausruhen gibt es hier nicht“. In: Welt am Sonntag. 15. August 1999.
  20. Deborah Knür: Die Besten der Besten studieren jetzt in Harburg. In: Die Welt. 17. August 1999.
  21. Northern Institute of Technology: Wirtschaft zieht voll mit. In: Hamburger Abendblatt. 17. Dezember 1999.
  22. Petra Kipphoff: Jenseits der Technik. In: Die Zeit. 31. August 2000 (zeit.de [abgerufen am 30. Juni 2017]).
  23. Christoph Rind: An die Arbeit, Herr Senator! In: Hamburger Abendblatt. 20. November 2001.
  24. Arnfrid Schenk: Der Quereinsteiger. In: Die Zeit. 21. Oktober 2004 (zeit.de [abgerufen am 30. Juni 2017]).
  25. Christoph Rind: Gebühren und mehr Wettbewerb. In: Hamburger Abendblatt. 13. November 2001.
  26. Kaija Kutter: Drägers Uni-Modell. In: Die Tageszeitung. 24. Oktober 2001.
  27. Kaija Kutter: Unerwünschter Auftritt. In: Die Tageszeitung. 15. November 2001 (Ausgabe Hamburg).
  28. Insa Gall: Entwurf für Hochschulgesetz stößt auf scharfen Widerstand. Hochschulpräsidenten äußern massive Kritik an den Plänen von Wissenschaftssenator Dräger. In: Die Welt. 30. April 2002, S. 35.
  29. Das sind Oles neue Senatoren. In: Hamburger Morgenpost. 16. März 2004.
  30. Ira von Mellenthin: „An der Problemlage hat sich nichts geändert“. In: Die Welt. 25. März 2004.
  31. Studiengebühren trotz Protests auch in Hamburg. In: Rheinische Post. 30. Juni 2006.
  32. Einführung von Studiengebühren in Hamburg. In: Frankfurter Neue Presse. 30. Juni 2006, S. 2.
  33. Martin Spiewak: Blaupause für deutsche Universitäten. In: Die Zeit. 6. Februar 2003 (zeit.de [abgerufen am 30. Juni 2017]).
  34. Umkrempeln um jeden Preis. In: Parlament. 16. Januar 2006.
  35. Martin Spiewak: Tortenschlacht um den Überzeugungstäter. In: Die Zeit. 23. März 2005 (zeit.de [abgerufen am 30. Juni 2017]).
  36. Jochen Leffers: Die Professoren keilen aus. In: Spiegel Online. 21. Februar 2008, abgerufen am 30. Juni 2017.
  37. Jochen Leffers: Ein bisschen Spaß muss sein. In: Spiegel Online. 28. Januar 2009, abgerufen am 30. Juni 2017.
  38. Neue Senatorin für Gesundheit in Hamburg. In: Ärzte Zeitung. 24. März 2006.
  39. Jörg Dräger verlässt die Politik. In: Spiegel Online. 4. März 2008, abgerufen am 30. Juni 2017.
  40. „Wegweisende Entscheidungen“. In: Hamburger Abendblatt. 5. März 2008.
  41. Bulldozer im Dreiteiler. Jörg Dräger, Wissenschaftsenator auf Abruf. In: Die Tageszeitung. 5. März 2008.
  42. Insa Gall: Senator Dräger wechselt zu Bertelsmann. In: Die Welt. 5. März 2008 (Ausgabe Hamburg).
  43. „Bildung ist die Basis“. In: Neue Westfälische. 2. Juli 2008.
  44. Wolf Schmidt: Der stolze Schlachter der heiligen Kühe. In: Die Tageszeitung. 21. Juni 2008.
  45. Ein radikaler Reformer. In: Der Tagesspiegel. 23. Juni 2008.
  46. Dorothee Fricke: „Rankings ausbauen, Autonomie stärken“. In: Junge Karriere. 1. April 2008.
  47. Jeannette Goddar: „Ein Sofortprogramm für Brennpunktschulen ist überfällig!“ In: Frankfurter Rundschau. 8. Dezember 2010.
  48. Investieren statt reparieren. In: Westfalen-Blatt. 20. Februar 2013.
  49. Michael Nichau: „Ganztagsschule wird Normalität“. In: Westfalen-Blatt. 30. Januar 2014.
  50. „Digitale Medien sind Hilfsmittel“. In: Neue Westfälische. 22. Juni 2017 (Zeitung für das Lübbecker Land).
  51. Kuratorium. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration, abgerufen am 30. Juni 2017.
  52. Daniel Bax: Willkommen im Kanzleramt. In: Die Tageszeitung. 29. Mai 2013.
  53. Barbara Gillmann: Ausländer rein! In: Handelsblatt. 1. September 2014.
  54. Jörg Dräger: Punkte für Deutschland. In: Der Tagesspiegel. 22. März 2012, abgerufen am 4. Juli 2017.
  55. Martin Krause: Bertelsmann gibt Millionen für Firmengründer in OWL. In: Neue Westfälische. 17. Februar 2016.
  56. Jörg Dräger. Hertie School of Governance, abgerufen am 30. Juni 2017 (englisch).
  57. Hochschulforum Digitalisierung. Abgerufen am 9. November 2017.
  58. Neuer Aufsichtsrat an der Jacobs University Bremen. In: Jacobs University - Inspiration is a Place. 21. August 2018 (jacobs-university.de [abgerufen am 1. Oktober 2018]).