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Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung

Die Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung (Kurz: IMG. Englisch: „International Missionary Society, Seventh-day Adventist Church, Reform Movement“) ist eine protestantische Freikirche, die aus der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, heute Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, entstanden ist. Ihre Mitglieder werden üblicherweise als Reformadventisten bezeichnet.

Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung
Allgemeines
Zweig Protestantismus
Glaubensrichtung Adventisten
Verbreitung 120 Länder
Präsident Tzvetan Petkov
Gründung
Gründungsdatum 1919
Gründungsort Frankfurt/Main
Abkunft und Entfaltung
Abspaltungen

Gemeinschaft der Siebenten Tags Adventisten Reformationsbewegung

Zahlen
Mitglieder 31.000
Sonstiges
Steuerliche Stellung Freikirche
Auch genannt: IMG (Abkürzung)
Website https://reform-adventisten.net/

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs forderte die deutsche Leitung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten ihre männlichen Mitglieder auf, sich als kämpfende Soldaten zur Verfügung zu stellen und auch am Sabbat, dem von den Adventisten geheiligten biblischen Ruhetag, zu kämpfen. Diese Entscheidung wurde als Grundsatz deklariert[1] und bereits vier Tage nach Kriegsbeginn dem Kriegsministerium in schriftlicher Form[2] unaufgefordert mitgeteilt. Diese Änderung führte zu Unruhen bei vielen Mitgliedern der Gemeinschaft.[3] 2000–3000 Gemeindemitglieder,[4] von der Gemeinschaft offiziell als „unnüchterne Elemente mit törichten Ideen“[5] und als „Betrüger“[6] bezeichnet, die diese Änderung nicht akzeptierten, wurden „auf Grund ihres unchristlichen Verhaltens“[7] und „als Bedroher des inneren und äußeren Friedens“[8] ausgeschlossen. Verschiedene Zeitungen in ganz Deutschland – in Köln,[9] Dresden,[10] Stuttgart,[11] und Berlin[12] berichteten, teilweise als Presseerklärung der Gemeinschaft, über diese Ausweisungen von Gemeindegliedern. Weitere Ausschlüsse ließ sich die Leitung der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten sogar notariell[13] beglaubigen. Bis kurz vor Kriegsende wurden die ehemaligen Gemeindemitglieder offiziell als „Agitatoren“[14] und „als Bedroher der inneren und äußeren Sicherheit“[15] bezeichnet und ausgeschlossen.

Die ehemaligen Mitglieder schlossen sich nach den Wirren zur Zeit des Krieges und in der Folgezeit zusammen und organisierten sich als „Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung“ (IMG), die 1925 zu einer ersten eigenen Generalkonferenz (umgangssprachlich Weltsynode) zusammenkam und eine eigene Organisation gründete.

Schon elf Jahre später, 1936, verboten die Nationalsozialisten durch Reinhard Heydrich die Gemeinschaft mit der Begründung, sie verfolge „Ziele, die der Weltanschauung des Nationalsozialismus zuwiderlaufen“.[16] Das Eigentum der Gemeinschaft wurde beschlagnahmt und ging bis auf eine Schreibmaschine vollständig verloren. Im Geheimen abgehaltene Gottesdienste im Wald (Mannheim, Lahr, Leipzig, Chemnitz) und auf dem Friedhof (Düren) in dieser Verbotszeit (1936–1945) wurden von der Gestapo mit Spitzeln überwacht, die Teilnehmer angezeigt und verurteilt. Ganze Gemeinden (Aachen, Bielefeld, Chemnitz, Dresden, Essen, Frankfurt,[17] Hannover, Kattowitz, Lahr, Leipzig, Mannheim, Memmingen, München, Pforzheim, Schwerin, Stettin, Solingen, Wuppertal) saßen gemeinsam auf der Anklagebank der NS-Sondergerichte und wurden im Schnellverfahren (Dauer teilweise 30–45 Minuten) abgeurteilt. Die Teilnahme an zwei Abendandachten bedeutete in Mannheim sechs Wochen Gefängnis, die Teilnahme am Abendmahl in Frankfurt eine Geldstrafe in Höhe eines Monatslohns.[18] In Bielefeld bedeutete die Mitgliedschaft und die Teilnahme an einem Waldspaziergang vier Monate Gefängnis. In Wuppertal wurden Gemeindeglieder wegen der Teilnahme am Gottesdienst zu Strafen verurteilt, die bis zu zehn Monatseinkommen ausmachten. Gefängnisstrafen wurden für die Dauer von einem Monat bis zwei Jahren verhängt. Viele Gemeindemitglieder unterlagen der Postüberwachung und die Pastoren wurden steckbrieflich gesucht.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden Kriegsdienstverweigerer in den Reihen dieser Gemeinschaft zum Tode verurteilt und hingerichtet.[19] Andere Reformadventisten wurden, teilweise aus dem Gefängnis heraus, in sog. Schutzhaft genommen und in KZs eingeliefert. Berichte von Überlebenden im KZ Sachsenhausen (Friedrich Bradtka, Eugen Bidlingmaier, Arnold Seelbach) und von zu Tode Gekommenen (Johann Hanselmann) liegen vor. Die Gemeinschaft war ab Ende 1936 eine verfolgte Untergrundkirche. Wegen der Postüberwachung konnten die wenigen Kontakte untereinander nur noch mündlich gepflegt werden. Teilweise überbrachten Kinder (Gemeinde Aachen/Alsdorf) Informationen, denn die Erwachsenen waren überwacht. Ein regelmäßiger Gemeindebetrieb sowie Seelsorge war bis zum Ende der NS-Herrschaft unmöglich. Erst im Herbst 1945 fand die erste geistliche Zusammenkunft nach der NS-Zeit in Dresden-Pillnitz statt.

Unter den protestantischen Freikirchen weisen die Reformadventisten im Dritten Reich die höchste Zahl sowohl von Märtyrern als auch von Kriegsdienstverweigerern auf.[20] Pazifisten in den Reihen der Reformadventisten, die ihre Überzeugung mit dem Leben bezahlten, waren u. a. Anton Brugger, Johann Hanselmann, Gottlieb Metzner, Alfred Münch, Viktor Pacha, Ludwig Pfältzer, Günter E. Pietz, Gustav Przyrembel, Julius Ranacher, Leander Zrenner[21] und Willy Thaumann.[22] Die Gemeinschaft stellte 37 % aller religiös motivierten Kriegsdienstverweigerer, die nicht den Zeugen Jehovas zuzuordnen waren.[23]

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Gemeinschaft in Deutschland beim Stande Null. Auch in anderen europäischen Ländern musste sich die IMG vollständig neu organisieren. 1951 trennte sich eine größere Gruppe unter der Leitung des aus Rumänien stammenden Dimitru Nicolici. Bei der Generalkonferenz (Weltsynode) fiel eine Personalentscheidung gegen seinen Vorschlag aus. Daraufhin verließ Dimitri Nicolici mit seinen Anhängern diese Synode. Bezeichnend mag retrospektiv sein, dass schon wenige Tage nach der Trennung die sich trennende Gruppe weltweit organisiert war. Zunächst behielten beide Organisationen den ursprünglichen Namen bei; seit 1952 firmiert die Gruppe von Dimitru Nicolici unter der Bezeichnung Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung (STA-REF). Gegen Ende seines Lebens bezeichnete Dimitru Nicolici diese Trennung als den größten Fehler seines Lebens.

GegenwartBearbeiten

Die Weltkirchenleitung der Internationalen Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung, die Generalkonferenz, hat ihren Sitz im US-amerikanischen Cedartown, Georgia. Die deutsche Organisation befindet sich in Mosbach (Baden). Die IMG ist weltweit als Missionsgesellschaft in über 120 Ländern der Erde aktiv.

LehreBearbeiten

Die theologische Ausrichtung basiert auf der ganzen Bibel als höchster geistlicher Autorität. Die Bibel wird als irrtumslos angesehen. Nur die 66 Bücher des Alten und Neuen Testaments der protestantischen Zählweise (ohne Apokryphen) werden als kanonisch betrachtet. Das Zentrum der Lehre ist, wie schon der Name ausdrückt, die Wiederkunft Christi. Das Gottesverständnis basiert auf der Einheit von Gott-Vater, Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist Jesu Stellvertreter auf Erden. Das reformatorische Gedankengut des Protestantismus sola scriptura, sola fide, sola gratia, solus Christus ist elementarer Bestandteil des Glaubensverständnisses. Die prophetischen Bücher Daniel und die Offenbarung des Johannes genießen besondere Beachtung und sind tragende Säulen einer bibelorientierten Endzeittheologie. Im Gegensatz zu den weltweiten Adventisten wird in der Frage der Teilnahme am Militärdienst Pazifismus praktiziert. Das gesamte Schrifttum von Ellen G. White wird als inspiriert betrachtet, wobei sie nicht als Prophetin, sondern als Botin bezeichnet wird. Eine gesunde Lebensweise und der Vegetarismus schließen sich an. Der Genuss von Tabak, Alkohol und anderen Rauschmitteln wird abgelehnt. Aus dem Bibelverständnis heraus wird die Gläubigentaufe praktiziert. Ökumenische Bestrebungen werden abgelehnt, denn darin sieht man einen Synkretismus, der den biblischen Glauben unterminiere. Die IMG vertritt wegen der ausschließlichen theologischen Ausrichtung auf die Bibel die biblische 7-Tage-Schöpfung. Der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung wird nicht zugestimmt.

Der Sabbat wird als Erinnerung an die göttliche Schöpfung („und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn“; 1. Mose 2,3) und als von Gott in den Zehn Geboten eingesetzt („Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst“; 2. Mose 20,8) betrachtet und entsprechend gefeiert. Im Neuen Testament besuchte Jesus nach seiner Gewohnheit am Sabbat den Gottesdienst (Lukas 4,16). Über Christi Tod hinaus sei die Gültigkeit des Sabbats festgelegt („Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat“; Matthäus 24,20). Eine Heiligung des Sonntags habe weder im Alten noch im Neuen Testament eine Grundlage.

Die Bibel darf nach dem Verständnis der IMG nicht mit anderen Lehren, Traditionen und Überlieferungen vermischt werden. Durch die wöchentliche Sabbatschule, heute meist Bibelschule genannt, die fester Teil des Gottesdienstes ist, haben die Mitglieder in den meisten Fällen eine gute Bibelkenntnis. Reformadventisten sind von Grund auf demokratisch aufgebaut. Die Gottesdienste und Versammlungen sind öffentlich und stehen grundsätzlich jedem Besucher offen.

LiteraturBearbeiten

  • Herrmann Ruttmann: Die adventistische Reformationsbewegung 1914–2001: die Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung in Deutschland. Teiresias-Verlag, Köln 2002, ISBN 3-934305-39-3.
  • Internationale Missionsgesellschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Reformationsbewegung (Hg.): Der Weg der Adventisten. Jagsthausen/Heilbronn 1974.
  • Hans Fleschutz: Und folget ihrem Glauben nach! Gedenkbuch für die Blutzeugen der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung. Zeugnisse der Treue und Standhaftigkeit aus Deutschlands dunklen Tagen. Jagsthausen/Heilbronn 1967.
  • Internationale Missionsgesellschaft (Hg.): „Du sammelst meine Tränen.“ Erinnerungen an die Blutzeugen und treuen Gläubigen … in den Jahren 1933–1945. Edelstein-Verlag, Naumburg 2014, ISBN 978-3-933032-59-1.
  • Marcus Herrberger: Denn es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Verlag Oesterreich, Wien 2005, ISBN 3-7046-4671-7.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918
  2. Bundesarchiv Berlin, R 43 II, Nr. 179/62
  3. Johannes Hartlapp, Siebenten-Tags-Adventisten in Nationalsozialismus. V&R unipress, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89971-504-0, S. 95
  4. Oskar Kramer: Mein Leben, S. 14 Manuskript, Eigenverlag
  5. Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918
  6. Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918
  7. Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918
  8. Berliner Lokalanzeiger vom 24. August 1918
  9. Kölner Zeitung vom 21. September 1915
  10. Dresdner Neue Nachrichten vom 12. April 1918
  11. Stuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918
  12. Berliner Lokalanzeiger vom 24. August 1918
  13. 5. April 1917 beim Notariat Berlin-Charlottenburg (Notariatsregister No.107)
  14. Stuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918
  15. Stuttgarter Neues Tagblatt vom 26. September 1918
  16. Schreiben von Reinhard Heydrich, Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) vom 29. April 1936 an den Leiter der deutschen IMG, Otto Welp
  17. Internationale Missionsgesellschaft der STA/Reformationsbewegung e.V. – Deutsche Union (Hrsg.): Du sammelst meine Tränen: Glaubenszeugen im Nationalsozialismus. Edelsteinverlag, 2014, ISBN 978-3-933032-59-1, S. 114 und 145–160
  18. Internationale Missionsgesellschaft der STA/Reformationsbewegung e.V. – Deutsche Union (Hrsg.): Du sammelst meine Tränen - Glaubenszeugen im Nationalsozialismus. Edelsteinverlag, 2014, ISBN 978-3-933032-59-1, S. 114
  19. Hans Fleschutz: Und folget ihrem Glauben nach – Gedenkbuch für die Blutzeugen der Siebenten-Tags-Adventisten Reformationsbewegung; Zeugnisse der Treue und Standhaftigkeit aus Deutschlands dunklen Tagen. Eigenverlag, Jagsthausen 1973
  20. Harald Schultze, Andreas Kurschat, Claudia Bendick: Ihr Ende schaut an… - evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Leipzig, Evangelische Verlagsanstalt 2006, S. 92 ISBN 978-3374023707
  21. Internationale Missionsgesellschaft der STA/Reformationsbewegung e.V. - Deutsche Union (Hrsg.): Du sammelst meine Tränen - Glaubenszeugen im Nationalsozialismus. Edelsteinverlag, 2014, ISBN 978-3-933032-59-1.
  22. Sabbatwächter, Sonderausgabe, Jahrgang 91, 2016, Edelsteinverlag, S. 22 f.
  23. Marcus Herrberger: Denn es steht geschrieben: "Du sollst nicht töten!". Wien, Verlag Österreich, 2005 S. 43 ISBN 3-7046-4671-7