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Indoiranische Sprachen

Primärzweig der indogermanischen Sprachfamilie

Die indoiranischen Sprachen, früher auch als arische Sprachen bezeichnet, bilden einen Primärzweig des Indogermanischen. Die indoiranische Sprachfamilie besteht aus den Hauptzweigen

Die dardischen Sprachen wurden früher zu den Nuristani-Sprachen gerechnet; nach aktueller Mehrheitsmeinung stellen sie eine Untergruppe des indoarischen Sprachzweiges dar.

Die indoiranischen Sprachen weisen so viele gemeinsame Neuerungen gegenüber dem Urindogermanischen auf, dass man sie zu einer klar definierten eigenen genetischen Einheit zusammenfassen kann. Es gibt demnach keine Sprache, bei der man Zweifel hat, ob sie zu dieser Gruppe gehört oder nicht. Wesentlich problematischer aber ist die innere Struktur dieser Einheit. Insbesondere das Erreichen der heutigen Dreiteilung war ein langwieriger wissenschaftlicher Prozess; gerade die Stellung der dardischen Sprachen – heute zum Nordwestzweig der indoarischen Sprachen gerechnet – ist noch immer nicht völlig geklärt. Die Nuristani-Sprachen stellen ein Zwischenglied zwischen den iranischen und indoarischen Sprachen dar, sind linguistisch aber näher beim Iranischen. Zum Thema der inneren Struktur der drei Untergruppen siehe jeweils dort.

Die Aufspaltung der iranischen und indoarischen Sprachen ist vor dem Beginn der Besiedlung Nordindiens durch Indoarier anzusetzen, also vor 1500 v. Chr. Eine gemeinsame Herkunft aus dem Norden (zentralasiatische Steppe) ist unbestritten, meist wird die sogenannte Andronovo-Kultur mit den Indoiranern in Verbindung gebracht.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Sprache der Mitanni, einer Führungsschicht der Hurriter im nördlichen Mesopotamien und Anatolien ca. 1500 v. Chr. (sog. Mitanni-Reich). Vor allem die erhaltenen Herrschernamen weisen ihre Träger als indoarisch aus; des Weiteren wurden einige Wörter gefunden, die beinahe identisch zum indischen Sanskrit sind. Im Zusammenhang mit der Anatolien-Hypothese wird dies als Beweis für den Ursprung der indogermanischen Sprachen gesehen. Eine andere Theorie ist, dass frühe Indoarier von Indien aus nach Anatolien einwanderten.[1][2] Postulierte alte Lehnwörter in den uralischen Sprachen, die hocharchaische Stufen des Indoiranischen (ab 2300/1800 v. Chr.) widerspiegeln (teils noch älter als das rekonstruierte Urindoiranische – ab 2800 v. Chr.), stützen die Annahme einer nördlichen Herkunft des Indoiranischen entscheidend und widersprechen der These einer (direkten) Herkunft aus Anatolien. Jaakko Häkkinen, vom Institut für Finnische, Finno-Ugrische und Skandinavische Studien der Universität Helsinki, fasst die Indoiraner unter dem Ethnonym Arier zusammen.[3][4]

Dagegen soll es sich nach anderer Auffassung nicht um alte Lehnwörter, sondern lediglich um eine etymologische Verwandtschaft zwischen Uralisch und Indogermanisch handeln. Einige andere bezweifeln das Vorhandensein von Protouralischen Lehnwörtern aus dem Indorgermanischem. Die indoiranischen Lehnwörter werden nichtsdestotrotz mit dem Beginn der finno-ugrischen Zeit angesetzt. Alexander Lubotsky (Professor für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft an der Universität Leiden) bemerkt eine auffallende Häufigkeit an Lehnwörtern der ältesten Stufe, welche lediglich auf Sanskrit und nicht auf Iranisch belegt sind.[5]

Ergänzungsmaterial[6] zur kürzlich erschienenen Studie von Damgaard et al. 2018[7] gibt neue genetische Einsicht in die Migrationsstufen von Indoiranern und Zentralasiaten. Laut Studie geht der zentralasiatische Einfluss in Südasien wahrscheinlich auf eine Zeit zurück, die lange vor der Entwicklung der iranischen und indo-arischen Sprachen lag, vermutlich zwischen 2800 und 2300 v. Chr., und noch früher während der jungsteinzeitlichen Kelteminar Kultur, ca. 5500–3500 v. Chr. Die Studie stellt somit die traditionalistische Lehrmeinung des indoiranischen Ursprungs der Andronovo-Kultur entschieden in Frage.

Eine Übersicht über alle indoiranischen Sprachen und ihre genetische Klassifikation bietet der unten angegebene Weblink.

Inhaltsverzeichnis

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Nicholas Sims-Williams (Hrsg.): Indo-Iranian Languages and Peoples (= Proceedings of the British Academy. Bd. 116). Oxford University Press, Oxford u. a. 2002, ISBN 0-19-726285-6 (Sammelband angesehener Linguisten zum Thema).
  • George van Driem: The Languages of the Himalayas. An ethnolinguistic Handbook of the greater Himalayan Region (= Handbook of Oriental Studies. Section 2: India. Bd. 10, 1–2). 2 Bände. Brill, Leiden u. a. 2001, ISBN 90-04-10390-2 (dort eine Darstellung des kulturellen Hintergrundes der indoiranischen Völker, ihrer Wanderungsbewegungen und des Eindringens in ihre heutigen Habitate).

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Paul Thieme, The 'Aryan Gods' of the Mitanni Treaties, Journal of the American Oriental Society 80, 301–317 (1960)
  2. Witzel, Michael (2001). "Autochthonous Aryans? The evidence from Old Indian and Iranian texts". Electronic Journal of Vedic Studies. 7 (3): 1–115. doi:10.11588/ejvs.2001.3.830
  3. Jaakko Häkkinen: Uralic evidence for the Indo-European homeland (PDF) 13. Februar 2012. Abgerufen am 3. Juli 2019.
  4. Jaakko Häkkinen: Problems in the method and interpretations of the computational phylogenetics based on linguistic data. An example of wishful thinking: Bouckaert et al. 2012 (PDF) 23. September 2012. Abgerufen am 3. Juli 2019.
  5. Alexander Lubotsky, "The Indo-Iranian substratum" in Early Contacts between Uralic and Indo-European, ed. Carpelan et al., Helsinki (2001).
  6. Kristian Kristiansen "Archaeological supplement A to Damgaard et al. 2018"
  7. Peter de Barros Damgaard "The first horse herders and the impact of early Bronze Age steppe expansions into Asia", Science 29 Jun 2018: Vol. 360, Issue 6396, eaar7711 DOI: 10.1126/science.aar7711