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Ilse Schneider-Lengyel

deutsche Kunsthistorikerin, Fotografin, Schriftstellerin

Ilse Schneider-Lengyel (* 10. Januar 1903 in München; † 3. Dezember 1972 in Reichenau)[1], war eine deutsche Fotografin, Kunsthistorikerin, Ethnologin, surrealistische Lyrikerin, Essayistin und Literaturkritikerin. In ihrem Haus fand das Gründungstreffen der Gruppe 47 statt.

Wohnhaus von Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee im Allgäu, hier wurde die „Gruppe 47“ gegründet. Foto von 2006.
Erinnerungstafel an die „Gruppe 47“ am Gründungshaus
Der Bannwaldsee vom Tegelberg aus gesehen

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Ilse Schneider-Lengyel wurde als Tochter von Felix Schneider in München geboren. Sie studierte Ethnologie und Kunstgeschichte in München und Berlin.[1] Zur Fotografin wurde sie an der Münchner „Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie“ ausgebildet. Seit den 1930er Jahren betätigte sie sich als fotografierende Kunsthistorikerin, vor allem plastischer Kunstwerke und Bauten. Als fotografierende Ethnologin bereiste sie viele Länder, etwa 1957 nach Syrien und in den Irak.[2]

1933 heiratete sie den ungarischen Architekten und Maler László Lengyel, im folgenden Jahr emigrierte das Paar wegen der jüdischen Herkunft Lengyels nach Frankreich.[1] Wenn sie nicht auf Reisen war, lebte und arbeitete Ilse Schneider-Lengyel am Bannwaldsee bei Füssen im Allgäu. Das 1935 ursprünglich als Fischerhütte am Seeufer errichtete und später umgebaute Haus und den See erbte sie 1945 von ihrem Vater. Sie führte für die damalige Zeit und die gesellschaftlichen Normen der konservativen ländlichen Umgebung ein ungewöhnliches Leben. In dem Seehaus lebte sie allein, über Männerbekanntschaften wurde gemunkelt. Sie trug lange Hosen und auffälligen Schmuck, hatte rot lackierte Fingernägel. Manchmal sah man sie sogar mit offenem schwarzen Haar Motorrad fahren. Die Einheimischen nannten die progressive und intelligente Frau daher nur „die Hex’ vom Bannwaldsee“.[2]

In der Nachkriegszeit veröffentlichte sie auch surrealistische Gedichte, betätigte sich als Literaturkritikerin und schrieb Essays in mehreren Literaturzeitschriften.

In den 1960er Jahren zog sie sich aus der Öffentlichkeit und dem Literaturbetrieb zurück. Sie verkaufte sowohl Haus als auch See. In den letzten Jahren ihres Lebens war sie im psychiatrischen Landeskrankenhaus Reichenau untergebracht, wo sie schwerkrank am 3. Dezember 1972 starb.

Die Gruppe 47Bearbeiten

Am Wochenende vom 6. und 7. September 1947 fand sich auf ihre Einladung hin bei ihr eine Gruppe von 17 Schriftstellern zu einem Treffen zusammen. Diese erste Tagung, eigentlich als Redaktionstreffen für die Herausgabe der Literaturzeitschrift Der Skorpion geplant, war die Geburtsstunde der Gruppe 47. Das ahnte damals aber wohl keiner der Teilnehmer. Von den Schriftstellern und Dichtern, die durch die Gruppe 47 später berühmt wurden, war bei diesem Treffen auch noch keiner dabei. In der Mangelsituation der Nachkriegszeit musste vieles improvisiert werden: Mitzubringen wären Lebensmittelmarken und Versorgung zum Frühstück. Wer irgend kann Bettwäsche“[3], informierte Ilse Schneider-Lengyel vorsorglich den Leiter der Gruppe, Hans Werner Richter. Die Schriftstellergruppe reiste aus weiter Entfernung an, teils auf einem mit Holzgas betriebenen LKW, teils wurden Busfahrer mit Zigaretten bestochen. Die Hechte zum Abendessen holte Schneider-Lengyel selbst aus dem See, dessen Fischrechte sie besaß.

Schneider-Lengyel trug in der Runde „Der Gott der Schläge“ vor. Auch für die Nullnummer der geplanten Zeitschrift Skorpion lieferte sie zwei Beiträge. Mehr als diese Nullnummer ist nie erschienen, da die alliierten Militärbehörden die Genehmigung verweigerten.

Schneider-Lengyels surrealistische Lyrik stieß selbst bei Mitgliedern der Literatentreffen am Bannwaldsee auf gewisse Zweifel und auch Unverständnis, obwohl die dichterische Kraft und Schönheit dieser Gedichte durchaus anerkannt wurden. Bis 1950 war Ilse Schneider-Lengyel aktiv in der Gruppe 47 tätig. Nach dem Text september-phase von 1952 bemühte sie sich vergeblich um Veröffentlichungen, unter anderem auch im Stahlberg Verlag. Sie pflegte Kontakte zu Paul Celan, Arno Schmidt und André Malraux. Ein letztes Mal nahm sie 1957 an einem Treffen der Gruppe 47 teil.

TextprobeBearbeiten

wort

wortsprechunfähig fliegen die Hexen aus den Häusern
der eisenriegel der hütten kommt aus dem boden
man schütze sich gegen die hauchlosen lider
der wenn-wölfe das wort ist ein unerklärliches
geräusch krank wurde der Mensch daran.

(aus: september-phase, 1952)

Teilnehmer am GründungstreffenBearbeiten

NachwirkungBearbeiten

Ilse Schneider-Lengyel geriet nach ihrem Tod praktisch in Vergessenheit. Man dachte, es seien nur wenige ihrer Werke und persönliche Unterlagen erhalten. Erst in den 1990er Jahren entdeckte man im Vorfeld des fünfzigsten Jahrestages der Gruppe 47 ihren Nachlass mit vielen Manuskripten, Fotos und Briefen im bayerischen Staatsarchiv in München.[4] Die führte zu einer Wiederbeschäftigung mit ihrem Werk und der Annahme, dass der Einfluss von Schneider-Lengyel auf die frühe Gruppe 47 wesentlich größer gewesen zu sein scheint, als bisher bekannt war. Anlässlich des Jubiläums der Gründung der Gruppe 47 wurden ihre Werke erstmals in einer Ausstellung gezeigt. Am Haus von Ilse Schneider-Lengyel wurde eine Gedenktafel an die Geburtsstätte der Gruppe 47 angebracht. Das Haus liegt seit 1987 inmitten eines Campingplatzes (Münchner Str. 151) und gehört je zur Hälfte der Gemeinde Schwangau und dem Landkreis Ostallgäu.

1983 diente dem Allgäuer Schriftsteller Gerhard Köpf, der Schneider-Lengyel noch persönlich kannte, ihr Leben als Vorlage für seinen Erstlingsroman Innerfern. Die Protagonistin heißt Karlina Piloti.[5]

Angeregt durch Arbeiten von Peter Braun, Dozent für Literatur an der Universität Konstanz, entwickelte die Konstanzer Regisseurin Marie-Luise Hinterberger im Rahmen des internationalen Bodenseefestivals 2008 unter dem Titel Die kleine Spanne Spiel ein multimediales, grenzüberschreitendes Installations-Projekt zum Leben und Wirken von Ilse Schneider-Lengyel.

WerkeBearbeiten

Eine große Zahl Manuskripte und Fotos sowie zahlreiche an sie adressierte Briefe befinden sich in der bayerischen Staatsbibliothek in München, eine Gesamtwürdigung steht noch aus. Daher ist die nachstehende Auflistung nicht vollständig.

Kunsthistorische, ethnologische und fotografische WerkeBearbeiten

  • Die Welt der Maske. (Text u. Aufn.) R. Piper, München 1934.
  • Das Gesicht des deutschen Mittelalters. Fotografien aus deutschen Domen. (Text u. Aufn.) Bruckmann, München 1935.
  • Têtes de statues gothiques. (= Editions d'histoire et d'art). Plon, Paris 1935.
  • L'art italien; chefs-d'œuvre de la sculpture. (= Editions d'histoire et d'art). (Aufn. u. Vorwort) Text: Emmanuel Sougez. [Loseblattausgabe]. Plon, Paris 1935.
  • Griechische Terrakotten. (Text u. Aufn.) Bruckmann, München 1936.
  • Le Chateau et le parc de Versailles. (Aufn.; Text: Andre Chamson) Plon, Paris 1936.
  • Le Cathedrale d'Amiens. (Aufn.) Plon, Paris 1937.
  • Auguste Rodin. (Aufn.) Phaidon, London 1939. (seither mehrere Neuauflagen)
  • Michelangelo-Sculptures. Phaidon, London 1940.
  • Roman portraits. (Text u. Aufn.) Allen & Unwin, London 1940. (sowie: Oxford University Press, New York); (seither mehrere Neuauflagen)
  • Etruscan Sculptures. Phaidon, London 1942.
  • Der Bildhauer Rodin. Gauss, München 1943.
  • Donatello als Bildhauer. Édition Albert Lévy, Paris 1944.
  • Ghiberti. Sculpteur. Édition Albert Lévy, Paris 1948.
  • Griechische Münzen. Phaidon, London 1950.
  • Masques primitifs. (= Collection Psyché. 3). (Text u. Aufn.) Plon, Paris 1951.
  • Assur. (= L'univers des Formes). (teilw. Aufn.; Text: André Parrot) Librairie Gallimard, Paris 1961.

Literarische WerkeBearbeiten

  • Der Mondjournalist. Erzählung. In: Der Ruf. 15, 1947.
  • Spielplatz und Wüste. Gedichte. Knaeps, Baden-Baden 1949.
  • september-phase. (= studio frankfurt. 3). Gedichte u. Fotografien. Frankfurt Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1952.
  • stränge. In: Die deutsche Literatur. 1945–1960. Band 2: Doppelleben, 1949–1952. R 01, 1995, S. 499.
  • zufluchten. In: Die deutsche Literatur. 1945–1960. Band 2: Doppelleben, 1949–1952. R 01, 1995, S. 498.
  • dosis. In: Die deutsche Literatur. 1945–1960. Band 2: Doppelleben, 1949–1952. R 01, 1995, S. 498.
  • bunker. In: Die deutsche Literatur. 1945–1960. Band 2: Doppelleben, 1949–1952. R 01, 1995, S. 498.
  • name. In: Die deutsche Literatur. 1945–1960. Band 2: Doppelleben, 1949–1952. R 01, 1995, S. 497.
  • Jean Paul Sartre – Der Surrealismus und die Antisartristen. Essay. In: Skorpion. (Nullnummer)
  • Paul Valéry. Essay. In: Skorpion. (Nullnummer)

LiteraturBearbeiten

  • Gerhard Köpf: Innerfern. S. Fischer, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-596-22333-4.
  • Hans Werner Richter (Hrsg.): Der Skorpion. H. 1, Jg. 1, Januar 1948. (Reprint: Wallstein, Göttingen 1991, ISBN 3-89244-027-1)
  • Gerhard Köpf: Eine Asphodele. Über Ilse Schneider-Lengyel. In: literatur für leser. 19, Heft 1, Peter Lang, Frankfurt am Main 1996, S. 32–45.
  • Stadt Füssen (Kulturamt) (Hrsg.): Ilse Schneider-Lengyel. Kunsthistorikerin, Ethnologin, Fotografin und Dichterin. Aus dem Nachlaß von Ilse Schneider-Lengyel. eine Dokumentation zur Veranstaltungsreihe „50 Jahre Gruppe 47“ der Stadt Füssen und der Gemeinde Schwangau vom 2. bis 5. Oktober 1997 – Sonderausstellung im Museum der Stadt Füssen; Füssen: Kulturamt der Stadt Füssen, 1997
  • Thomas Riedmiller: Ilse Schneider-Lengyel: ihre Bedeutung für die „Gruppe 47“ und ihre verwandtschaftlichen Bezüge zu Füssen. In: Das Jahrbuch Alt Füssen. Füssen 1997, S. 188–194.
  • Bernhard Setzwein: Die George Sand vom Bannwaldsee: ein Porträt der Ilse Schneider-Lengyel (Manuskript der Sendereihe „Bayern - Land und Leute“). Bayerischer Rundfunk, München 1997.
  • Toni Richter: Die Gruppe 47 in Bildern und Texten. 2. Auflage. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, ISBN 3-462-02630-5.
  • Rosmarie Mair: Zu Gast bei Ilse Schneider-Lengyel: das erste Treffen der Gruppe 47 am Bannwaldsee bei Füssen. (= Literarische Zirkel in der Region. 2). In: Der Schwabenspiegel. 3, Augsburg 2002, S. 191–199.
  • Eva Chrambach: Schneider-Lengyel, Ilse Maria. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 23, Duncker & Humblot, Berlin 2007, ISBN 978-3-428-11204-3, S. 311 f. (Digitalisat).
  • Helmut Böttiger: Die Gruppe 47, als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012, ISBN 978-3-421-04315-3, S. 18–26. (mit Porträtfoto von Ilse Schneider-Lengyel)
  • Felix Thürlemann: Erkenntnisse des Auges. Ilse Schneider-Lengyel und Ludwig Goldschneider verwandeln Michelangelos Skulpturen in ein Buch. In: Caspar Hirschi, Carlo Spoerhase: Bleiwüste und Bilderflut: Geschichten über das geisteswissenschaftliche Buch. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-447-10474-6, S. 161f.
  • Alfons Maria Arns, Heike Drummer: Ich bin als Rebell geboren. Ilse Schneider-Lengyel. Fotografin. Kunsthistorikerin, Ethnologin, Dichterin ... und die Gruppe 47 in Schwangau. Frankfurt am Main 2017, ISBN 978-3-00-055593-0.
  • Peter Braun: Ilse Schneider-Lengyel. Fotografin, Ethnologin, Dichterin. Ein Porträt. Wallstein, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3390-1.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Eva Chambrach: Schneider-Lengyel, Ilse - Deutsche Biographie. Abgerufen am 23. November 2018.
  2. a b Klaus Peter Mayr: Die Hex’ vom Bannwaldsee. Allgäu-Kurier, Nr. 208. Schwangau 9. September 2017 (gruppe47.de [PDF]).
  3. Franz Josef Görtz: Dichter und Richter. Eine Ausstellung der Gruppe 47 in der Berliner Akademie der Künste. Hrsg.: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 2. November 1988.
  4. Nachlassverzeichnis Ilse Schneider-Lengyel. (PDF) Bayrische Staatsbibliothek, abgerufen am 23. November 2018.
  5. Gerhard Köpf: Innerfern. Roman -. (culturbooks.de [abgerufen am 23. November 2018]).