Hauptmenü öffnen

Hydrierwerk

technische Anlage zur Kohleverflüssigung
Hydrieranlage in den Leunawerken, 1959
CtL-Anlage von Sasol in Secunda (Südafrika), 2018

Ein Hydrierwerk, heute überwiegend CtL-Anlage (Coal to Liquid) genannt, ist eine technische Anlage zur Kohleverflüssigung, in welcher synthetische Produkte hergestellt werden. Dazu zählen unter anderem Kraftstoffe, Schmieröle, Brenngase, PVC-Kunststoffe, Paraffine, Waschmittel, Fettsäuren, Kunstgummi, Farben, Pflanzenschutzmittel, Kunstdünger, aber auch Arzneimittel, Lebensmittelfarbstoffe und Milchsäuren.[1]

Die Technologie der Kohlehydrierung wurde ab Mitte der 1920er Jahre in Deutschland entwickelt, um den steigenden Bedarf an Kraftstoffen decken zu können. In den Anlagen kam die direkte Hydrierung nach dem Bergius-Pier-Verfahren oder die indirekte Hydrierung nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren zur Anwendung.[2] Von besonderer Bedeutung waren Hydrierwerke für die angestrebte Autarkie im Dritten Reich sowie deren konsequente Fortsetzung in der DDR.[3]

In den USA wurden die Hydrierverfahren nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Bezeichnung CtL von Kellog und in Südafrika von Sasol weiterentwickelt. Heute nutzt beispielsweise die United States Air Force synthetisch hergestelltes Kerosin, um die Abhängigkeit der Landesverteidigung von Ölimporten zu verringern. Als unbestrittener Marktführer der Fischer-Tropsch-Technologie gilt Sasol, deren CTL-Anlagen unter anderem einen großen Teil des südafrikanischen Kraftstoffbedarfs decken.[4][5][6]

Infolge stark schwankender Erdölpreise gewinnen Hydrierwerke unter Anwendung verschiedener Technologien seit Beginn des 21. Jahrhunderts weltweit an Bedeutung.[7] Unter anderem entstanden neue Anlagen in der Ukraine, im Iran, in Indien, Kasachstan, Malaysia, Polen und vor allem in der Volksrepublik China.[8][9]

Analysten gehen davon aus, dass der weltweite Markt für Hydrieranlagen zwischen 2018 und 2025 um 4,2 Prozent wächst und die CtL-Produktion bis 2026 ein Wirtschaftsvolumen von 5,8 Milliarden US-Dollar erreicht. Vorangetrieben wird die Entwicklung insbesondere in Ländern der APEC, auf die im Jahr 2018 ein Marktanteil von mehr als 45 Prozent der weltweit produzierten synthetischen Kraftstoffe entfiel.[10]

TechnologieBearbeiten

GeschichteBearbeiten

Hydrierwerke wurden seit 1927 in Deutschland betrieben, um die fehlenden Ölquellen zu ersetzen. Sie waren später wesentlicher Bestandteil der Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Bergius-Pier-Verfahren arbeiteten im deutschen Einflussbereich 14, nach der Fischer-Tropsch-Synthese neun Hydrierwerke.[11]

Produktionsstandorte zur Herstellung von synthetischem Kraftstoff nach dem Bergius-Pier-Verfahren vor 1945 (Auswahl)
Anfahrdatum Werk Rohstoff Druck (bar) Sumpfphase Druck (bar) Gasphase Kapazitat t/a 1943/1944[12]
1927 Leunawerke Braunkohle, Teer 200 200 650.000
1933 Billingham Steinkohle (75 %), Teeröl (25 %) 300 300 150.000
1936 Böhlen Braunkohlenteer 300 300 250.000
1936 Magdeburg-Rothensee Braunkohlenteer 300 300 220.000
1936 Gelsenkirchen-Scholven Steinkohle 300 300 280.000
1937 Welheim Pech 700 700 130.000
1939 Gelsenberg Steinkohle 700 300 400.000
1939 Zeitz Braunkohlenteer 300 300 280.000
1940 Mineralölwerk Lützkendorf Teer, Öl 500 500 50.000
1940 Stettin-Pölitz Steinkohle, Öl 700 300 700.000
1941 Wesseling Braunkohle 700 300 250.000
1942 Brüx Braunkohlenteer 300 300 600.000
1943 Blechhammer Steinkohle, Teer 700 300 420.000

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Deutsche Gesellschaft für Mineralölwissenschaft und Kohlechemie (Hrsg.): Erdöl & Kohle, Erdgas, Petrochemie. Band 40. Industrieverlag von Hernhaussen, 1987.
  • James T. Bartis, Frank Camm, David S. Ortiz: Producing Liquid Fuels from Coal. Rand Corporation, 2008.
  • Walter Krönig: Die katalytische Druckhydrierung von Kohlen Teeren und Mineralölen. Springer-Verlag, 2013.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Aus strategischen Gründen Der Spiegel vom 23. Juni 1949, abgerufen am 16. Juni 2019
  2. Sabine Brinkmann: Das Dritte Reich und der synthetische Treibstoff. Akkumulation 15, 2001, S. 16–23. Ruhr-Universität Bochum, abgerufen am 16. Juni 2019
  3. Günter Bayerl: Braunkohleveredelung im Niederlausitzer Revier. Waxmann Verlag, 2009, S. 70.
  4. Billiges Benzin aus Bottrop Welt am Sonntag vom 1. Juni 2008, abgerufen am 17. Juni 2019
  5. Ein wahres Wunder Der Spiegel, abgerufen am 13. November 2019
  6. Der heimliche Ölkonzern aus Südafrika Handelsblatt, abgerufen am 13. November 2019
  7. Lexikon der Chemie: Kohlehydrierung Spektrum Wissen, abgerufen am 17. Juni 2019
  8. Hydrieranlagen OilRoq, abgerufen am 17. Juni 2019
  9. Worldwide Syngas Database Global Syngas Technologies Council, abgerufen am 17. Juni 2019
  10. Coal to Liquid (CTL) Market GlobeNewswire, abgerufen am 17. Juni 2019
  11. Sabine Brinkmann: Das Dritte Reich und der synthetische Treibstoff. Akkumulation 15, 2001, S. 16–23. Ruhr-Universität Bochum, abgerufen am 17. Juni 2019
  12. Heinz-Gerhard Franck, Jürgen Walter Stadelhofer: Industrielle Aromatenchemie: Rohstoffe · Verfahren · Produkte. Springer, 1987, ISBN 978-3-662-07876-1, S. 48.