Hunaland oder Húnaland ist die altnordische Bezeichnung für ein Gebiet, dessen genaue Lage unklar ist. Es wird unter anderem in altnordischen Quellen aus dem 13. und 14. Jahrhundert erwähnt.

Ursprünglich bezeichnete Hunaland zum Teil das Land der Franken (lateinisch Hugones, altenglisch Hūgas) und zum Teil das Land der Hunnen. Die verschiedenen Lokalisierungen erstrecken sich vom heutigen südwestlichen Schleswig-Holstein bis in westfälische Gebiete.

Lokalisierung Bearbeiten

Die Abgrenzungen in den schriftlichen Quellen lassen darauf schließen, dass Hunaland nicht im südöstlichen Ostseegebiet (Wilzenland, Russia, Pul(in)aland, Wendland) und nicht in Skandinavien (Reidgotaland, Gautland) lag. Diese sagengeografischen Begriffe müssen überlieferungsabhängig unterschieden werden. Gemeint ist mit Hunaland also entweder ein Gebiet südlich an Jütland grenzend sowie westlich von slawischem Gebiet oder, bis etwa zum 6. Jahrhundert, ein Bereich vom heutigen Ungarn als „Land der Hunnen“ (oder Awaren) bis zur Donau, insoweit zwischen Ostgoten, Fränkischem Reich und Gardarike (spätere Kiewer Rus). Hunaland könnte aber auch „ein alter Landschaftsname gewesen sein, der mit dem Namen der Hunnen erst sekundär identifiziert wurde“.[1]

Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen Hunaland und dem Gebiet der Hundinge. Kemp Malone versteht diesen Volksstamm, dessen Herrschaftsgebiet zweimal im Widsith (Zeile 23 und 81) genannt wird und auch im Beowulf auftaucht, als „apparently an old nickname of the Langobards, later confined to the part of the tribe settled in East Holstein“.[2] Allerdings könnten auch die Flüsse Hunte (in Niedersachsen) und Hunze (in den Niederlanden) als geonymische Relikte oder Namenspaten gedeutet werden.

Altenglische und lateinische Quellen Bearbeiten

Der Begriff Hunaland existiert im Altenglischen und Lateinischen nicht, allerdings werden in verschiedenen Texten Herrschaftsgebiete von Hunnen oder Hunen genannt. Diese Angaben können bei der Lokalisierung von Hunaland helfen.

Im 8. Jahrhundert erwähnt Beda Venerabilis in seiner Historia ecclesiastica gentis Anglorum in einer geografisch begrenzten Aufzählung das Gebiet der Hunni in einem Bereich zwischen Nord- und Ostsee:

… quarum in Germania plurimas noverat esse nationes, a quibus Angli vel Saxones, qui nunc Britanniam incolunt, genus et originem duxisse noscuntur; unde hactenus a vicina gente Britonum corrupte Garmani nuncupantur. Sunt autem Fresones, Rugini, Danai, Hunni, Antiqui Saxones, Boructuarii; sunt alii perplures iisdem in partibus populi, paganis adhuc ritibus servientes, ad quos venire præfatus Christi miles, circumnavigata Britannia …[3]

Somit lokalisiert er die Hunni zwischen Dänen (Danai) und Altsachsen (Antiqui Saxones) und erwähnt sie zusammen mit Friesen, Rugiern und (vermutlich) Brukterern.

Im altenglischen Preislied Widsith wird zwischen zwei hun(n)ischen Herrschaftsbegriffen unterschieden, und zwar zum einen in Zeile 18 (Ætla weóld Hûnum, Eormanríc Gotum) und zum anderen in Zeile 33 (Hún Hætwerum and Holen Wròsnum). Die von einem Hún angeführten Hætwera werden von der Forschung mit dem in Niederdeutschland siedelnden Volksstamm der Chattuarier gleichgesetzt, während mit Holen Wròsnum auf einen dänischen Volksstamm verwiesen wird, der auf der Insel Vresen (südöstlich von Fünen) ansässig war (also wiederum im nördlichen Raum).[4][5]

Der heilige Altfried, Bischof von Münster und Abt der Klöster Werden und Helmstedt, vermerkt (wiederum sukzessiv wie Beda) ein Hunesga oder Hunusga in der Vita Liudgeri, einer Biografie über seinen Onkel Liudger, dass dieser unter Karl dem Großen ernannt wurde zum

doctorem in gente Fresonum ab orientali parte fluminis Labeki super pagos quinque, quorum haec sunt vocabula Hugmerthi, Hunusga, Fivilga, Emisga, Fediritga et unam insulam, quae dicitur Bant.[6]

Aus dem Passus folgt für den Fluss Labeki, der in anderen Quellen auch als fluvium Lavicam bezeichnet wird, dessen Verbindung mit dem niederländischen Lauwersmeer. Die damalige Insel Bant, mit den Relikten Juist und Borkum, wird vor dem Hunsegau (im Groninger Land) und Emsgau vermutet.[7]

Altnordische Quellen Bearbeiten

Eine skaldische Strophe der um 1350 in der Möðruvallabók niedergeschriebenen Kormáks saga vermittelt Húnaland als ein mit Dänemark benachbartes Gebiet:

Alls metk auðar þellu
Íslands, þás mér grandar,
Húnalands ok handan 
hugstarkr sem Danmarkar;
verð es Engla jarðar 
Eir háþyrnis geira 
(sól-Gunni metk svinna 
sunds) ok Íra grundar.[8]

In der Thidrekssaga werden das Gebiet Hunaland oder Húnaland sowie dessen Bewohner, die Húnir oder Hýnir, genannt. Gemäß den geografischen Angaben der Saga liegt das von Attila, dem Sohn eines friesischen Königs, eroberte hunaländische Reich im nördlichen Deutschland, welches dieser bis zu seinem Tod von seiner Soester Residenz aus regierte und das anschließend von Thidrek übernommen wurde.[9] Heinrich Beck zufolge handelt es sich dabei um eine historisch falsche Umlokalisierung von Húnaland.[10] Bis auf das an der Havel verortete Brandenburg liegen nach William J. Pfaff alle eindeutig identifizierbaren Orte bzw. Schauplätze zwischen der Weser und dem Rheinland, und zwar in westlicher Ausdehnung nördlich vom Sauerland und in östlicher Richtung bis an den Harz. Der nördliche Bereich von Hunaland reiche bis zu der Küstenregion von Friesland, das die Saga als unabhängiges Herrschaftsgebiet überliefert.[11] Das auf den gleichen Sagenstoff zurückgehende Nibelungenlied spielt mit der Figur Etzel allerdings auf den Hunnenkönig Attila an.

Weitere Erwähnungen von Hunaland oder hunnischen Gebieten sind in verschiedenen Vorzeitsagas zu finden. Die Hervarar saga ok Heiðreks konungs lokalisiert Húnaland zwischen Reidgotaland, Saksland und Garðariki und erwähnt Myrkviðr als Grenzwald. Möglich wäre demzufolge ein Gebiet südlich von Jütland, nördlich und östlich von Niedersachsen und westlich von slawischem Gebiet, oder ein Gebiet der Awaren (ehemaliges Gebiet der Hunnen) zwischen Ostgoten, Fränkischem Reich und Gardarike. In der Egils saga einhenda ok Ásmundar berserkjabana liegt Rússia zwischen Hunaland und Garðariki; laut der Örvar-Odds saga reicht Hunaland bis zum Fluss Duna (Dhünn in Nordrhein-Westfalen oder Donau?) und ist benachbart zu Bjarkaland. Die Völsunga saga erzählt, dass Signy aus Hunaland Siggeir aus Gautland (Land der Gauten?, Östergötland?, Gotland?) heiratet, und in der Ragnars saga loðbrókar wird Hvitserk Ragnarsson von Reidgotaland und Wendland (damals slawisches Gebiet) vom Fürst der Hunen getötet.

Hunaland kommt auch in altnordischen kosmographischen Texten vor, so erwähnt die „Mittlere Weltbeschreibung“ Hunaland als kleines Reich östlich von Saxland.[12] Nur die „Weltbeschreibung mit Völkerkunde“ verortet Húnaland nicht in Osteuropa, sondern zwischen Amazonia und Albania.[13]

Literatur Bearbeiten

Einzelnachweise Bearbeiten

  1. Reinhard Wenskus und Heinrich Beck: Attila. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 1, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1973, ISBN 3-11-004489-7, S. 467–473, hier S. 472.
  2. Kemp Malone (Hrsg.): Widsith. Kopenhagen 1962. S. 176.
  3. Historia ecclesiastica gentis Anglorum V, 9.
  4. Kemp Malone (Hrsg.): Widsith. Kopenhagen 1962. S. 212.
  5. Lotte Hedeager: Iron Age Myth and Materiality: An Archaeology of Scandinavia AD 400–1000. London / New York 2011. S. 184–185.
  6. Vitae Sancti Liudgeri, I, lib. I, 22. Vgl. die Textausgabe von Wilhelm Diekamp, Münster 1881.
  7. Vgl. Michael Meyer: Ostfriesische Insel- und Küstenlandschaft. Münsterdorf 1984.
  8. Vers 8, vgl. Russell Poole: Composition Transmission Performance: The First Ten lausavísur in Kormáks saga. In: Alvíssmál, Nr. 7 (1997), S. 37–60, siehe S. 40 (mit englischer Übersetzung).
  9. Reinhard Wenskus und Heinrich Beck: Attila. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 1, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1973, ISBN 3-11-004489-7, S. 467–473, hier S. 471–472.
  10. Heinrich Beck: Þiðreks saga als Gegenwartsdichtung? In: Susanne Kramarz-Bein (Hrsg.): Hansische Literaturbeziehungen. Das Beispiel der Þiðreks saga und verwandter Literatur (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 14). De Gruyter, 1996, S. 94–95.
  11. William J. Pfaff: The Geographical and Ethnic Names in the Þíðriks Saga. Mouton & Co. ’S-Gravenhage 1959, Seite 91: In Þíðriks saga, a kingdom in northern Germany, conquered by Attila, second son of the king of Frisia, who established his court at Susat (Soest), and ruled by him until his death, whereupon Þíðrikr incorporated it into his realm (…). All of the clearly identifiable localities in northern Germany except Brandina-borg (Brandenburg on the Havel) lie between the Weser and the Rhineland, north of the mountainous area known as the Sauerland in the west and the Harz in the east and exclusive of the coastal area, which belonged to the independent Frisian state.
  12. Rudolf Simek: Altnordische Kosmographie. Studien und Quellen zu Weltbild und Weltbeschreibung in Norwegen und Island vom 12. bis zum 14. Jahrhundert (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 4). De Gruyter, 1990, S. 174, 438, 440, 442, 444 (altnordisch, deutsch).
  13. Rudolf Simek: Altnordische Kosmographie. Studien und Quellen zu Weltbild und Weltbeschreibung in Norwegen und Island vom 12. bis zum 14. Jahrhundert (= Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 4). De Gruyter, 1990, S. 205, 475.