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Historische Rechtsschule

Richtung in der Rechtswissenschaft

Die historische Rechtsschule oder geschichtliche Schule der Rechtswissenschaft ist eine Auffassung in der Rechtswissenschaft, die zu Anfang des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Romantik in Abkehr von der Epoche des Naturrechts oder Vernunftrechts die historische Bedingtheit des Rechts wieder in das Bewusstsein rief. Die Rechtssystematik selbst folgte vornehmlich dem Pandektenrecht, das wissenschaftliche Ausgangsgrundlage des heutigen Bürgerlichen Gesetzbuches ist.

Inhaltsverzeichnis

BegrifflichkeitBearbeiten

Die historische Rechtsschule wurde von Friedrich Carl von Savigny begründet. Im Zentrum seiner Idee stand eine Rechtsentwicklung, die auf einem gemeinschaftlichen kultur- und geschichtsabhängigen Bewusstsein aufbaute, welches er den Volksgeist nannte[1] – ein Begriff, den bereits Hegel in seiner Sicht der Weltgeschichte verwendet. Savigny brachte damit sein Unbehagen gegen die naturrechtlich geprägten Ansätze des Vernunftrechts zum Ausdruck, die die beiden vorangegangenen Centennien (17. und 18. Jahrhundert) geprägt hatten.[2] Das bedeutet, dass er sich von der Erkenntnis abwandte, Recht sei zeitlos und absolut gültig. Vielmehr müsse Recht als historisches Produkt verstanden werden, dessen Quelle seiner Geltung der „Wille des Volkes“ sei. Den Sockel dazu bildet das Gewohnheitsrecht, Gesetzgebung und Rechtswissenschaft unterstützten nur, flankierten den Volkswillen lediglich.[3] Der Volkswille sei aber nicht aus einem demokratischen und damit gesellschaftlich verankerten Rechtsverständnis heraus zu interpretieren, sondern drängte auf die tragende Rolle des rechtssetzenden Juristen, der die sich eröffnenden Handlungsspielräume nutzen sollte. Savigny betonte in diesem Zusammenhang, dass auch rechtspositivistische Vorstellungen sich nicht vom Gesetzgeber als Rechtsquelle ablösen dürfe. Recht sei nämlich gerade nicht frei von staatlicher Willkür, nicht frei von der Notwendigkeit zur Rechtsetzung.[4][5][6] Als weiterer bedeutender Wegbereiter und Mitbegründer gilt Gustav von Hugo.[7]

Der Grundaussage der historischen Rechtsschule nach ist das Recht nicht ein willkürlich vom Gesetzgeber geschaffener Gesamttatbestand von Vorschriften, sondern ein Bündel von im „Bewusstsein des Volkes lebendigen Überzeugungen“, ähnlich der Sprache oder den Sitten und Gebräuchen eines Volkes. Solche Rechtsüberzeugungen können zwar durch einen Gesetzgeber festgehalten werden, entwickelten und veränderten sich aber „organisch im Laufe der Zeit“ und ohne sein Zutun. Tragend seien dabei die praktischen, dem Wandel unterzogenen, Notwendigkeiten und Bedürfnisse des betroffenen Volkes. Dem Juristenstand käme in einem entwickelten Rechtssystem – im Sinne einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung – die Aufgabe zu, das Volksbewusstsein dadurch zu repräsentieren, dass das geltende Recht wissenschaftlich darlegt und dem Wandel angepasst wird um angewendet werden zu können.

Romanisten und GermanistenBearbeiten

 
Friedrich Carl von Savigny, Briefmarke der Deutschen Bundespost Berlin (1957)

Innerhalb der historischen Rechtsschule konkurrierten die Romanisten mit den Germanisten. Die Romanisten vertraten die Auffassung, dass dem Volksgeist die Rezeption des römischen Rechts entspreche. Die Orientierung am hergebrachten antiken römischen Recht erlaube es, bisher nicht praktizierte Rechtssätze nachzurezipieren. Die Darstellung des Privatrechts erfolgte in Pandektenlehrbüchern. Bedeutende Pandektisten waren Rudolf von Jhering, Georg Arnold Heise, Adolph von Vangerow und Bernhard Windscheid. Die Germanisten wie Karl Friedrich Eichhorn, Jacob Grimm, Georg Beseler oder Otto von Gierke sahen das mittelalterliche deutsche Recht schon vor der Rezeption als dem deutschen Volksgeist gemäß an.

Die historische Rechtsschule hatte maßgeblichen Einfluss auf die deutsche Rechtswissenschaft des 19. Jahrhunderts. Historisch folgte sie auf den usus modernus pandectarum, dessen erste Verwissenschaftlichungsbestrebungen im 18. Jahrhundert nach Lösungen gesucht haben, die eine ganze Gemengelage von rechtlichen Einflüssen zu vereinbaren suchte; so aus dem sehr unterschiedlich rezipierten römischen Recht, dem Kirchenrecht und örtlichem Gewohnheitsrecht. Hiergegen wandte sich die Rechtsschule ebenso wie gegen die naturrechtlichen Strömungen. Savigny bevorzugte das römische Recht in seiner reinen und unverfälschten Form, denn es sollte aufgrund seiner hohen Autorität dem Bildungsanspruch seiner Zeit und dem Wertesystem der Weimarer Klassik gerecht werden. Den Usus modernus empfand er als zu sehr durch die mittelalterlichen Postglossatoren und deren mos italicus geprägt.[8] Unter Savignys Nachfolgern Georg Friedrich Puchta und Bernhard Windscheid ging aus dem romanistischen Zweig die Pandektenwissenschaft hervor, der eine methodische Kleinstarbeit an den Begriffsbestimmungen zu eigen war (Begriffsjurisprudenz). Rudolf von Jhering wiederum wandte sich von dieser Methode ab, um die realen sozialen Anforderungen bei der Rechtsanalyse zu untersuchen. Häufig wird sein Schaffen unter dem Begriff der „Soziologischen Rechtsschule“ gefasst.

Während die auf der historischen Rechtsschule fußende Rechtswissenschaft für das 1896 vollendete Bürgerliche Gesetzbuch noch von großem Einfluss und Nutzen war, verschwand deren direkter Einfluss im 20. Jahrhundert zunehmend. Die Frage, auf welche Art sich das Recht aus dem Volksgeist entwickelt, diskutierten Juristen nochmals 1910 intensiv.[9] Hans Kelsen leitete seine „Allgemeine Staatslehre“ als rein juristische Theorie des positiven Staates von der Historischen Schule der Zeit des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts ab.[10]

KritikBearbeiten

Karl Marx hat Gustav von Hugo als den „Altvater“ der Historischen Rechtsschule kritisiert. Er warf ihm vor, die Vernunftkritik der bestehenden Verhältnisse zu ersetzen indem er versuche, das Positive geradewegs durch dessen Unvernünftigkeit zu rechtfertigen.[11]

Max Weber[12] kritisiert Savigny, insoweit er vom Nationalökonomen Wilhelm Roscher zum Vorbild genommen wurde, insbesondere für die Begriffsbildung „Volksgeist“ als Hypostasierung des notwendig individuellen Charakters jedes wahrhaft volkstümlichen Rechts zu einem einheitlichen metaphysischen Wesen und Realgrund aller einzelnen Kulturäußerungen eines Volkes.

EinzelnachweiseBearbeiten

  • Gustav von Hugo: Lehrbuch eines civilistischen Cursus, I: Enc., 1792, 81835, II: Naturrecht, 1798, 41819, III: Gesch. d. Röm. Rechts, 1790, 111832, IV: Heutiges Röm. Recht, 1790, 71826, V: Phil. Enc. 1802, VI: Civilist. Litterair Gesch. 1812, 31830, VII: Chrestomathie, 1802, Lehrbuch u. Chrestomathie d. classischen Pandecten-Rechts, 1. (einziger) Bd., 1790.
  • Friedrich Carl von Savigny: Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Mohr und Zimmer, Heidelberg, 1814.

LiteraturBearbeiten

  • Hans-Peter Haferkamp: Die Historische Rechtsschule, Frankfurt (Main) 2018, ISBN 978-3-465-04332-4.
  • Paul Koschaker: Europa und das römische Recht. 4. Auflage, München 1966. S. 254–290.
  • Hans Schlosser: Grundzüge der Neueren Privatrechtsgeschichte. Rechtsentwicklungen im europäischen Kontext. 10. Auflage. Heidelberg 2005. S. 143–169.
  • Gunter Wesener: Zu den Anfängen der Historischen Rechtsschule romanistischer Richtung in Österreich, vornehmlich zu Ludwig Arndts von Arnesberg (1803–1878), in: Grundlagen der österreichischen Rechtskultur. Festschrift für Werner Ogris zum 75. Geburtstag (Wien-Köln-Weimar 2010) S. 577–599.
  • Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung. 2. Auflage. Göttingen 1967. S. 348–430.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Friedrich Carl von Savigny: Vom Beruf unsrer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Heidelberg 1814
  2. Franz Wieacker: Privatrechtsgeschichte der Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Entwicklung. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1952, 2. Aufl. 1967. S. 348 ff.
  3. Mehrdad Payandeh: Judikative Rechtserzeugung. Theorie, Dogmatik und Methodik der Wirkungen von Präjudizien. Mohr Siebeck, Tübingen 2017, ISBN 978-3-16-155034-8. S. 61–65.
  4. Friedrich Carl von Savigny: Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, 1814 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv), S. 14.
  5. Joachim Rückert: Die Historische Rechtsschule nach 200 Jahren – Mythos, Legende, Botschaft. In: JZ 2010, S. 1 ff. (5).
  6. Nachdrückliche Betonung aber, dass die Historische Rechtsschule einen rechtspositivistischen Rechtsbegriff verwende, vgl. Jan Schröder: Recht als Wissenschaft. Geschichte der juristischen Methodenlehre in der Neuzeit (1500-1933). 2. Auflage, Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63011-8. S. 194 ff.
  7. Arno Buschmann: Naturrecht und geschichtliches Recht. Gustav Hugos Rechtsphilosophie und die Anfänge der geschichtlichen Rechtswissenschaft, in: Okko Behrends, Dietmar von der Pfordten, Eva Schumann, Christiane Wendehorst (Hrsg.), Elementa iuris, Schriftenreihe des Instituts für Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung, Nomos, Band 1, 2009, ISBN 978-3-8329-4473-5, S. 17–40.
  8. Reinhard Zimmermann: Heutiges Recht, Römisches Recht und heutiges Römisches Recht. In: Reinhard Zimmermann u. a. (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Privatrechtsdogmatik. C.F. Müller, Heidelberg 1999, S. 1–39 (11).
  9. H. Kantorowicz: Volksgeist und historische Rechtsschule
  10. Manfred Pascher: Einführung in den Neukantianismus. München 1997. UTB 1962. S. 155.
  11. „Hugo mißdeutet den Meister Kant dahin, daß, weil wir das Wahre nicht wissen können, wir konsequenterweise das Unwahre, wenn es nur existiert, für vollgültig passieren lassen. Hugo ist ein Skeptiker gegen das notwendige Wesen der Dinge, um ein Hoffmann gegen ihre zufällige Erscheinung zu sein. Er sucht daher keineswegs zu beweisen, daß das Positive vernünftig sei; er sucht zu beweisen, daß das Positive nicht vernünftig sei. Aus allen Weltgegenden schleppt er mit selbstgefälliger Industrie Gründe herbei, um zur Evidenz zu steigern, daß keine vernünftige Notwendigkeit die positiven Institutionen, z.B. Eigentum, Staatsverfassung, Ehe etc. beseelt, daß sie sogar der Vernunft widersprechen, daß sich höchstens dafür und dagegen schwatzen lasse. Man darf diese Methode keineswegs seiner zufälligen Individualität vorwerfen; es ist vielmehr die Methode seines Prinzips, es ist die offenherzige, die naive, die rücksichtslose Methode der historischen Schule. Wenn das Positive gelten soll, weil es positiv ist, so muß ich beweisen, daß das Positive nicht gilt, weil es vernünftig ist, und wie könnte ich dies evidenter als durch den Nachweis, daß das Unvernünftige positiv und das Positive nicht vernünftig ist? daß das Positive nicht durch die Vernunft, sondern trotz der Vernunft existiert? Wäre die Vernunft der Maßstab des Positiven, so wäre das Positive nicht der Maßstab der Vernunft.“ [Marx: Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule. S. 4f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 10000 (vgl. MEW Bd. 1, S. 79f)]
  12. Max Weber: Roscher und Knies und die logischen Probleme der historischen Nationalökonomie 1903–06, In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 7. Aufl. 1988, UTB1492