Herdenverhalten

Finanzmarkt-Phänomen

Herdenverhalten ist das Verhalten von Marktteilnehmern auf Finanzmärkten, wenn sie dazu neigen, die gleichen Entscheidungen zu treffen, die andere Marktteilnehmer bereits vor ihnen getroffen haben.

AllgemeinesBearbeiten

Der Begriff ist eine Metapher zum Herdentrieb, der in der Tierwelt zu beobachten ist. Herdenverhalten kann man im Alltag häufig antreffen, etwa bei Restaurant- oder Theaterbesuchen, in der Mode oder beim Kauf von Bestsellern.[1] Auf Finanzmärkten neigen Anleger manchmal dazu, sich in ihren Kauf- und Verkaufsentscheidungen wie eine Herde zu verhalten und mehrheitlich in ein Handelsobjekt zu investieren bzw. zu desinvestieren. Herdenverhalten ist eine Ausprägung massenpsychologischer Contagion-Effekte und kann somit eine Ursache für Finanzmarktkrisen sein.

UrsachenBearbeiten

Einer der bedeutendsten Forscher zum Herdenverhalten ist Abhijit Banerjee, der 1992 das Herdenverhalten (englisch herd behavior) als gleichgerichtete Entscheidungen definierte, denen unterschiedliche private Informationen zugrunde liegen.[2] Er implizierte hierbei eine asymmetrische Information, die darin besteht, dass schlecht informierte Marktteilnehmer aus dem Marktverhalten der besser informierten Marktteilnehmer eine Gewinnchance oder Verlustgefahr erblicken und deren Verhalten imitieren.

Herdenverhalten ist mithin auf den sozialen Effekt der Imitation zurückzuführen.[3] Es liegt vor, wenn sich ein einzelner Entscheidungsträger unter Berücksichtigung des Verhaltens anderer Akteure für dasselbe Verhalten wie diese entscheidet, selbst wenn seine eigene unabhängige Entscheidung anders ausfallen würde.[4]

Neben diesen Informationskaskaden gibt es als Ursachen noch das Reputationsmodell im Rahmen des Schönheitswettbewerbs und Netzwerkeffekte. Bereits John Maynard Keynes untersuchte 1936 das Herdenverhalten im Rahmen des Schönheitswettbewerbs (englisch beauty contest) bei Investitionsentscheidungen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Manager aus Gründen der Reputation auf Märkten mit unvollkommener Information dem Verhalten anderer Manager folgen.[5] Dieser Schönheitswettbewerb führt dazu, dass Finanzanalysten nicht die erwartete Ertragskraft von Unternehmen prognostizieren, sondern das, was die Mehrheit aller Analysten prognostizieren wird. Etwaige Prognosefehler werden hierdurch verstärkt. Ein Netzwerkeffekt liegt vor, wenn ein bestimmter Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen der Handlung eines Marktteilnehmers und den Handlungen der anderen besteht.[6] Der Nutzen für den einzelnen Marktteilnehmer steigt, wenn weitere Marktteilnehmer sich für dasselbe Produkt entscheiden. Beispielsweise steigt in sozialen Netzwerken wie Facebook deren Nutzen, je mehr Benutzer diese Online-Community aufweist.

MessungBearbeiten

Es ist schwierig, Herdenverhalten explizit nachzuweisen; ein gemeinsamer Kauf/Verkauf eines bestimmten Wertpapiers durch viele Wirtschaftssubjekte muss nicht notwendigerweise auf Herdenverhalten (und somit auf Informationsasymmetrien) zurückzuführen sein; es kann sich auch um Zufall handeln. Wenn neue Informationen den aktuellen Preis des Papiers falsch erscheinen lassen und wenn diese Informationen zum gleichen Zeitpunkt vielen Wirtschaftssubjekten bekannt werden (vollkommene Information), können daraus viele gleichzeitige, unbeeinflusst vom Verhalten anderer Anleger getroffene Verkaufsentscheidungen resultieren.

Eine experimentelle Studie stützt die These, dass die Häufigkeit von Herdenverhalten überschätzt wird.[7]

FolgenBearbeiten

Die Folge von Herdenverhalten sind starke Preisschwankungen des betroffenen Handelsobjekts.

Als Marktverhalten ist das Herdenverhalten insbesondere bei Noise Tradern bekannt, die oft vom Herdenverhalten geleitet sind und durch Stimmungen oder Gruppen dazu motiviert werden, in steigende Börsenkurse hinein zu kaufen oder in fallende hinein zu verkaufen.[8] Dies ist der so genannte „Stimmungs-Noise“.[9] Steigende oder fallende Kurse sind ein Indiz dafür, dass sich bereits andere Marktteilnehmer zuvor genauso entschieden haben. Dieser Noise kann sowohl bei Kauf- als auch bei Verkaufsentscheidungen und auch bei Halte-Entscheidungen zugrunde liegen. Herdenverhalten ist somit ein Zeichen für fehlende Effizienz von Märkten.

Spekulation wird für einen Markt erst problematisch, wenn nicht mehr mit Hilfe von Fundamentaldaten spekuliert wird, sondern Herdenverhalten einsetzt.[10] Dann können Spekulationsblasen entstehen, die meist auf Herdenverhalten zurückzuführen sind.[11] Spekulationsblasen können durch die Erwartung der Mehrheit der Marktteilnehmer von künftigen Gewinnchancen begründet werden.[12]

Gewinnmitnahmen können auch auf Herdenverhalten beruhen, wenn eine Vielzahl von Anlegern ein hohes Kursniveau zum Verkauf nutzt und sich weitere Anleger dem anschließen. Auch der Bank Run ist ein typisches Herdenverhalten, denn Anleger beobachten eine vielleicht zufällige Massenabhebung von Bargeld und schließen sich dieser blindlings an im Vertrauen darauf, dass diese einen bestimmten Grund haben muss; die massenhaften Abhebungen kulminieren schließlich im Dominoeffekt. Anleger ziehen ihre Einlage ab, weil sie befürchten, diese Einlage infolge des sequentiellen Auszahlungsprinzips („wer zuerst kommt, mahlt zuerst“) andernfalls nicht mehr abziehen zu können, da die Bargeldbestände aufgebraucht sind. Folglich ist es für jeden Einleger rational, der Herde zu folgen. Ein Bank Run ist umso eher zu erwarten, je schlechter die Bankkunden informiert sind und je mehr sie „überreagieren“. Auch Hamsterkäufe sind eine Ausprägung des Herdenverhaltens, weil die Käufer die zuzunehmenden Regallücken beobachten und daraus schließen, dass ihre Vorräte aufgebessert werden müssen.

Herdenverhalten kann zu selbsterfüllenden Prophezeiungen führen: Verhalten sich Marktteilnehmer in einer bestimmten Weise, so kann dies dazu führen, dass sich die einer Anlage zugrundeliegenden Fundamentaldaten durch das Herdenverhalten selbst ändern: Sie entwickeln sich in die Richtung, die die Herde einschlägt – folglich ist es rational, nicht aus der Herde auszuscheren, wodurch sich letzten Endes das erwartete Ergebnis einstellt.

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gary S. Becker, A Note on Restaurant Pricing and Other Examples of Social Influences on Price, in: Journal of Political Economy vol. 99 (5),1991, S. 1109–1116
  2. Abhijit Banerjee, A Simple Model of Herd Behavior, in: Quarterly Journal of Economics vol 107, 1992, S. 798
  3. Wolfgang Gerke (Hrsg.), Gerke Börsen Lexikon, 2002, S. 152
  4. Binyu Zhu, Rationales Herdenverhalten und seine Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen, 2009, S. 12
  5. John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936/1964, S. 158
  6. Bingyu Zhu, Rationales Herdenverhalten und seine Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen, 2009, S. 128
  7. Mathias Drehmann/Jörg Oechssler/Andreas Roider, Herding and Contrarian Behavior in Financial Markets: An Internet Experiment, Februar 2003, (pdf). 2005 veröffentlicht in The American Economic Review: 95, S. 1403–1426.
  8. Daniel C. Freiherr von Heyl, Noise als finanzwirtschaftliches Phänomen, 1995, S. 52
  9. Bertram Scheufele/Alexander Haas, Medien und Aktien, 2008, S. 50
  10. Rainer Elschen/Theo Lieven (Hrsg.), Der Werdegang der Krise: Von der Subprime- zur Systemkrise, 2009, S. 354
  11. Springer Fachmedien Wiesbaden (Hrsg.), Kompakt-Lexikon Wirtschaft, 2014, S. 90
  12. Binyu Zhu, Rationales Herdenverhalten und seine Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen, 2009, S. 7