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LebenBearbeiten

Helga Hirsch wurde 1948 geboren und wuchs in Niedersachsen auf. Ihr Vater stammte aus Breslau. 1967 zog sie nach West-Berlin, wo sie nach einem abgebrochenen Theologiestudium Germanistik und Politikwissenschaft an der Freien Universität auf Lehramt studierte. Sie war politisch aktiv und trat der 1970 gegründeten maoistischen K-Gruppe KPD/AO bei. Dort arbeitete sie unter einem Pseudonym, wurde aber vom Verfassungsschutz enttarnt und mit Berufsverbot belegt.

Bei ihrem ersten Polenbesuch 1978 traf sie Oppositionelle aus dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) und der Freien Gewerkschaft in Danzig und wandte sich unter diesem Eindruck endgültig desillusioniert vom Kommunismus ab. Sie wurde über die antikommunistische polnische Oppositionsbewegung promoviert und gab 1985 einen Sammelband mit Essays des polnischen Dissidenten Adam Michnik heraus. (Insofern ähnelt ihre politische Biographie der des Publizisten Gerd Koenen, der ebenfalls in einer K-Gruppe aktiv war und sich über den Kontakt zu polnischen Dissidenten von dieser distanzierte.)

Ab 1985 war sie als Journalistin tätig, von 1989 an als Warschauer Korrespondentin der Wochenzeitung Die Zeit. Ihr erster Artikel war ein Interview mit dem Lyriker Zbigniew Herbert. Sie ergriff offen Partei für das Anliegen der polnischen Widerstandsbewegung Solidarność, die von den linksliberalen deutschen Meinungsführern eher kritisch gesehen wurde, da sie meinten, dass die Solidarność-Aktivitäten den „Wandel durch Annäherung“ im Rahmen der Entspannungspolitik gefährden könnten.

Nach der Wende 1989/90 begann sich ihre sehr emotionale Bindung an Polen zu lockern. Sie war enttäuscht darüber, dass in der polnischen Öffentlichkeit keine konsequente „Vergangenheitsbewältigung“ stattfand, sondern ein „dicker Schlussstrich“ unter den Kommunismus gezogen wurde. Außerdem kritisierte sie die mangelnde Bereitschaft, sich z. B. mit polnischen Verbrechen an Deutschen oder polnischem Antisemitismus auseinanderzusetzen: „Polen stellt sich der Vergangenheit […] kaum, […] im öffentlichen Bewußtsein existiert die nationale Geschichte selektiv als Tradition heroisierender Mythenbilder“, so Hirsch 1996.

Seit 1996 ist sie als freie Autorin hauptsächlich für die Tageszeitung Die Welt tätig und veröffentlichte mehrere Bücher: Die Rache der Opfer (1998) über die Lagerhaft und Zwangsarbeit deutscher Zivilisten in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg (poln: Zemsta ofiar, Warschau 1999), Ich habe keine Schuhe nicht (2002) über Lebensgeschichten von Polen, Juden und Deutschen als „ethnischen Grenzgängern“ (poln: Nie mam keine buty, Warschau 2003), 2004 erschien Schweres Gepäck über deutsche Vertriebene der „zweiten Generation“, 2007 beschrieb sie in Entwurzelt den Heimatverlust von Polen, Ukrainern, Juden und Deutschen im Zweiten Weltkrieg. 2008 gab sie zusammen mit der polnischen Holocaust-Forscherin Barbara Engelking Unbequeme Wahrheiten heraus, einen Sammelband mit den wichtigsten polnischen Texten der Jahre 1987–2008 über den polnischen Antisemitismus. In Gehen oder bleiben? (2011) schildert sie, wie nach dem Zweiten Weltkrieg für kurze Zeit fast die Hälfte der polnischen Juden in Niederschlesien und Pommern lebte. Hirsch verfasste auch Dokumentationen für Hörfunk- und Fernsehsender (WDR, Deutschlandfunk und ARTE).

Von 2012 bis 2014 war Hirsch Mitglied der Jury für den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis.[1]

Umstritten ist insbesondere in Polen Hirschs Engagement für das vom Bund der Vertriebenen geplante Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Aufgrund der heftigen Irritationen, die dieses Projekt von Erika Steinbach sowie die in Polen sehr bekannte private „Preußische Treuhand“ in der polnischen Öffentlichkeit ausgelöst haben, initiierte Hirsch im September 2004 einen offenen Brief, in dem sich Prominente aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ausdrücklich von Entschädigungsforderungen gegen Polen distanzieren.[2] Am 10. März 2010 erklärte sie in einem Schreiben gegenüber Kulturstaatsminister Neumann ihren Rücktritt aus dem wissenschaftlichen Beirat der staatlichen Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, da sie keine Basis mehr für eine weitere Mitarbeit sah.[3]

Hirsch arbeitete gemeinsam mit Joachim Gauck an dessen 2009 erschienener Autobiographie und war 2010 Mitarbeiterin in Gaucks Stab für die Bewerbung als Bundespräsident. Von 1991 bis 1998 war sie mit Gauck liiert.

AuszeichnungenBearbeiten

2001 erhielt Hirsch den Deutsch-Polnischen Journalistenpreis.

Für den Dokumentarfilm Coffee Beans for a Life über einen polnischen Juden wurde sie 2005 mit dem Preis des Latücht-Kinos in Neubrandenburg und 2006 auf dem Festival in Lagow/Polen (bester deutscher Film) ausgezeichnet.

Am 3. September 2010 erhielt sie die Dankesmedaille des Europäischen Zentrums der Solidarność im Berliner Reichstagsgebäude, überreicht vom polnischen Staatspräsidenten Bronisław Komorowski.[4]

ZitatBearbeiten

„Unter den neuen demokratischen Bedingungen erweist sich die polnische Gesellschaft gar nicht mehr so mutig, tatkräftig, geschlossen und aktiv; sie ist eher apathisch, wehleidig, unentschlossen, unfähig zur Selbstkritik … Die Polen neigen dazu, ihre Schwächen zu verdrängen, vom Wege der Selbstreflexion abzugehen und sachliche Kritik als antipolnische Vorurteile zurückzuweisen. Jemand, der ausschließlich die polnische Presse liest, kann leicht zu dem Schluss gelangen, dass diese friedliebende, gastfreundliche, aber auch findige und um ihr Überleben kämpfende Nation von gierigen, arroganten, manchmal auch bösartigen Mächten, auf jeden Fall aber humorlosen Nachbarn umgeben ist. Aber sind die Ungarn, Tschechen, Österreicher oder Deutsche wirklich plötzlich alle antipolnisch geworden, als sie im vergangenen Jahr die Grenzen vor polnischen Händlern schlossen, in der Furcht, dass sie von einer Flut illegaler Geschäfte überschwemmt werden? Müssen ausländische Beobachter tatsächlich nur deshalb auf polnischen Antisemitismus hinweisen, um von der Fremdenfeindlichkeit in den eigenen Ländern abzulenken.“

Quelle: Polityka, 1991, zitiert nach Gazeta Wyborcza Online-Original-Fassung

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

BücherBearbeiten

AufsätzeBearbeiten

  • 1994: Zur Berichterstattung über Deutschland in der polnischen Presse. In: Transodra 4/5, Winter 1993/94, S. 28–33. [1]
  • 1998: Bewältigen oder Verdrängen? Der deutsche und der polnische Umgang mit der jüngsten Geschichte. In: Ewa Kobylińska/Andreas Lawaty (Hg.): erinnern, vergessen, verdrängen. Polnische und deutsche Erfahrungen. Wiesbaden: Harrassowitz (= Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt, Bd. 11). S. 78–86. ISBN 3447040807
  • 2003: Flucht und Vertreibung. Kollektive Erinnerung im Wandel. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, B40–41/2003, S. 14–26 [2].

DokumentarfilmeBearbeiten

  • 1999: Späte Opfer – Deutsche in polnischen Lagern 1945-1950 (WDR/MDR)
  • 2001: „Der Erbfeind“ – Preußen/Deutschland aus polnischer Sicht (ARTE)
  • 2005: Coffee Beans for a Life – Mein Überleben in Kolbuszowa

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten