Heinrich Nissen

deutscher Althistoriker, Epigraphiker und Provinzialrömischer Archäologie

Heinrich Nissen (* 3. April 1839 in Hadersleben; † 29. Februar 1912 in Bonn) war ein deutscher Althistoriker.

Bronzemedaillon von Albert Küppers an Heinrich Nissens Grabmal

Nissen entstammte dem deutschsprachigen Bürgertum seiner Heimatstadt. Seine Eltern waren Lars Hansen Nissen (1800–1875) und Anna Elisabeth geb. Petersen (1801–1878). Heinrich Nissen war das jüngste von drei Kindern. Von seinem älteren Bruder Caspar Nissen ist bekannt, dass er ein angesehener Arzt war, später Leiter eines Tropenkrankenhaus in Shanghai war, dort verstorben ist und in Hongkong ein heute noch existierendes Ehrengrab erhalten hat.[1]

Heinrich Nissen besuchte zusammen mit seinem Bruder Caspar das Gymnasium in Meldorf, um im deutschen Sprachraum aufwachsen zu können, denn seine Geburtsstadt Hadersleben lag in Nordschleswig, das zum dänischen Gesamtstaat gehörte. Als Primaner hielt Heinrich Nissen zum 1900. Todestag von Julius Cäsar einen Vortrag im Rahmen der Abiturienten-Entlassung. Darüber berichtete die Meldorfer Zeitung und hält unter anderem fest, dass der Schüler Nissen auch über „Das Schöne“ als Grundprinzip des griechischen Lebens und über Horaz als Liederdichter gesprochen habe.[1]

Heinrich Nissen studierte von 1856 bis 1858 an der Universität Kiel Philologie und Geschichte, später zwei Semester in Jena und ab 1859 in Berlin nur noch Geschichte, bevor er 1860 nach Kiel zurückkehrte. Er wurde inhaltlich vor allem durch August Boeckh und Theodor Mommsen geprägt.

Eine lebenslange Freundschaft verband Heinrich Nissen mit Wilhelm Jensen, den er aufgrund seines Eintrittes in die Burschenschaft Teutonia Kiel kennenlernte. Ein umfangreicher Briefwechsel zwischen ihm, seinem Bruder Caspar und Wilhelm Jensen ist seiner heute lebenden Verwandtschaft erhalten geblieben.[1]

1862 wurde Heinrich Nissen in Kiel zum Dr. phil. promoviert und suchte danach nicht sofort nach einer festen Anstellung, sondern tat das, was viele junge Akademiker, so auch der eine Generation ältere Theodor Mommsen, damals ihren Handwerkskollegen gleich taten: Er reiste und bildete sich dadurch weiter. Anfang 1863 begann seine Reise von Kiel aus über Dresden und Nürnberg nach München, wo er seinen mittlerweile dort tätigen Freund Wilhelm Jensen besuchte und bis zum Herbst 1863 dort blieb.[1]

Im August 1863 startete Heinrich Nissen dann die eigentliche Studienreise nach Italien, die sich nach und nach immer weiter ausdehnte und insgesamt drei Jahre dauerte. Er hatte die Anerkennung und Unterstützung von Theodor Mommsen gewonnen und über diesen Weg hatte er das Interesse eines Fachverlages geweckt, der Artikel und Studienergebnisse von Heinrich Nissen veröffentlichen wollte, wodurch der Unterhalt und die Reisekosten gesichert waren.[1]

Zunächst erkundete Heinrich Nissen Rom und hat deren wunderbare Umgebung durchwandert, den 3500 m hohen Lucretilis bestiegen und das Albanergebirge durchstreift, etwas einsam, denn er entbehrte die Begleitung seines Freundes Wilhelm Jensen, doch nach und nach fand er interessierte Fachkollegen in Rom, mit denen er sich austauschen konnte.

Im Verlauf seiner Reise hat Heinrich Nissen auch an den Ausgrabungen von Pompeji mitgewirkt. Seine Arbeitsergebnisse hat er in einem Buch „Pompeji“ zusammengefasst. Sein Hauptwerk allerdings ist die „Italienische Landeskunde in 2 Bänden“.

Zurück von seiner großen Reise wirkte er zunächst ab 1866 als Privatdozent in Bonn, wo er sich 1867 habilitierte. Zu seinen frühesten Schülern gehörte dort Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der später über Nissen in Anerkennung schrieb: „Schließlich der Historiker Nissen, rhetorisch, beredt, witzig, selbstbewußt, auf die Distance, die den Studenten von ihm trennte, mehr haltend als die andern. Das einzige historische Kolleg, das ich gehört habe, war seine Geschichte der Westhellenen; es fesselte beim Anhören, ich habe gut nachgeschrieben.“[2]

Im Jahre 1869 ging Nissen als außerordentlicher Professor an die Universität Marburg, wo er 1870 zum Ordinarius ernannt wurde. Im Jahre 1877 ging er als Ordinarius der Alten Geschichte nach Göttingen; er wechselte jedoch schon im folgenden Jahr nach Straßburg. Im Jahre 1884 wurde er als Nachfolger Arnold Schaefers an die Universität Bonn berufen. Dort lehrte er, anders als sein Vorgänger, ausschließlich Alte Geschichte. Heinrich Nissen war durch seine persönliche Art als Prüfer bei den Studenten gefürchtet. Er war groß, hatte eine gerade Haltung, seine Rede war stets kurz und wohlüberlegt. Er war ernst, aber sein Ernst wurde durch leisen Humor gemildert.[1]

In den Jahren um 1874 hat Heinrich Nissen Henriette Schirrmeister (1854–1936) geheiratet. Die beiden hatten eine Tochter Elisabeth (1876–1943). Diese wiederum hatte zusammen mit dem Medizinprofessor Ernst Schmidt 3 Söhne und viele Enkel, die ebenfalls zum Teil beachtlichen beruflichen Erfolg aufweisen konnten.[1]

Als erster Vertreter seines Faches hatte Nissen in Bonn auch zur Epigraphik geforscht – Grundlage waren seine Studien während seiner Jahre in Italien – und widmete sich der Provinzialrömischen Archäologie. Auch im Jahre 1884 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.[3] Er war einer der Mitbegründer der Reichs-Limeskommission. Seit 1890 vertrat Nissen die Universität Bonn im Preußischen Herrenhaus. In den Jahren 1894 und 1895 amtierte er als Rektor der Universität.

Im Herbst 1911 wurde Nissen emeritiert, sein Nachfolger war Ulrich Wilcken. Kurz darauf verstarb Nissen und wurde auf dem Poppelsdorfer Bergfriedhof in einem Ehrengrab bestattet.

Schriften (Auswahl)Bearbeiten

  • Pompeji, Lüderitz, Berlin 1867
  • Pompeianische Studien. Leipzig 1877
  • Italische Landeskunde: Bd. 1 Land und Leute, Berlin 1883; Bd. 2: Die Städte (2 Teilbände), Berlin 1902

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Wikisource: Heinrich Nissen – Quellen und Volltexte

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g Aus dem Familienarchiv der Urenkel seines Bruders
  2. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Erinnerungen 1848–1914, Berlin 1928, S. 95.
  3. Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 179.