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Heinrich Metzendorf

deutscher Steinmetz und Architekt
Heinrich Metzendorf (ca. 1920)

Franz Heinrich Metzendorf (* 4. Oktober 1866 in Heppenheim; † 15. Februar 1923 in Bensheim) war ein deutscher Steinmetz und Architekt.

LebenBearbeiten

Heinrich Metzendorf entstammte einer aus Schlitz in Oberhessen kommenden alten Steinmetzfamilie, die Anfang des 19. Jahrhunderts an die Bergstraße zog. Er war das älteste von fünf Kindern, die einzige Schwester und der jüngste Bruder Jakob starben früh. Heinrich erlernte nach Volksschule und Gymnasium in Bensheim im elterlichen Betrieb das Maurer- und Steinmetzhandwerk. Nach der Sonntagszeichenschule bei Stadtbaumeister Klein in Heppenheim und zwei Kursen an der Hessischen Landesbaugewerkschule Darmstadt (in den Wintersemestern 1882/83 und 1883/84; Vorgängereinrichtung der Hochschule Darmstadt) arbeitete er als Gehilfe und Volontär in zwei Architekturbüros. Im Wintersemester 1886/87 war er für ein Semester als Hospitant an der Technischen Hochschule Darmstadt eingeschrieben. Noch vor Erlangung eines Abschlusses sammelte er Erfahrungen als Bauleiter und strebte die Baubeamten-Laufbahn an. Am 18. Juli 1887 begann er als Kreisbauaufseher-Aspirant beim Garnisonbauamt Darmstadt. Nach eineinhalb Jahren bat er um Beurlaubung, da er in das Architekturbüro von Georg Haude (1864–1916) nach Elberfeld wechselte. Dort machte er offensichtlich Karriere und stieg bald zum Teilhaber des wirtschaftlich starken Büros auf.

Vermutlich aus gesundheitlichen Gründen wechselte er 1895 an die Bergstraße zurück und eröffnete im selben Jahr ein eigenes Architekturbüro in Heppenheim. Kurz darauf siedelte er in das benachbarte Bensheim über. Im Umfeld und mit Unterstützung seines wichtigsten Förderers, des Papierfabrikanten Wilhelm Euler (1847–1934), errichtete er zahlreiche Beamtenhäuser, Villen, Fabrikanlagen und Arbeiterhäuser. Ein besonders markantes Beispiel für seinen Architekturstil ist die Villa, die er um die Jahrhundertwende für den Regierungsrat Karl Weber (1859–1940) in Darmstadt schuf. Dafür ernannte ihn 1901 der hessische Großherzog Ernst Ludwig zum Professor. 1902 zog er in sein neuerbautes Haus Ernst-Ludwig-Straße 25 in Bensheim.

Im Jahre 1904 baute Heinrich Metzendorf für die Deutsche Milchwerke AG von Arthur Sauer eine Fabrikanlage mit Werksiedlung in Stockheim in Oberhessen. Dieses Projekt begründete die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen dem Büro von Heinrich Metzendorf und dem Unternehmen Deutsche Milchwerke AG.

Ab 1908 bis 1912 baute er für den Nervenarzt Rudolf Laudenheimer (1869–1947) in Alsbach eine Anzahl von Villen mit dazugehörigen Wirtschaftsgebäuden, um die das Sanatorium erweitert wurde. Die Bekanntschaft mit Laudenheimer brachte ihn in Verbindung mit wichtigen Künstlerpersönlichkeiten der damaligen Zeit sowie dem Kreis der Lebensreformer. Heinrich Metzendorf baute die Gärtnerinnen-Lehranstalt auf der Orbishöhe in Zwingenberg. Ab 1910 war er der Architekt für Paul Geheebs Odenwaldschule in Ober-Hambach bei Heppenheim.

 
Grabstein Heinrich Metzendorfs auf dem Bensheimer Friedhof

Nach 1900 nahm Metzendorf kaum mehr an Architekturwettbewerben teil. Stattdessen wurde er sehr häufig in die Jury solcher Wettbewerbe berufen. So war er 1911 Mitglied der zwölfköpfigen, hochrangig besetzten Jury, die über die Neubebauung des Berliner Flugplatzes Johannisthal-Adlershof zu entscheiden hatte.

In den 1907 gegründeten Deutschen Werkbund trat Metzendorf 1908 ein, verließ ihn aber 1919, vier Jahre vor seinem Tod. Sein letztes großes Projekt war 1919/1920 das Fabrikgebäude der Firma Marx in Bensheim.

Heinrich Metzendorf nahm sich am 15. Februar 1923 in Bensheim das Leben. Nach seinem Tod wurde das Büro zunächst von seinem bisherigen Bauleiter Joseph Winter (bis Anfang 1927) und danach von Georg Fehleisen (bis 1928) weitergeführt.[1] Formell war es eine Außenstelle des Essener Büros von seinem Bruder Georg Metzendorf und Jacob Peter Schneider. Die endgültige Auflösung des Büros in Bensheim erfolgte 1940, nachdem der letzte Büroleiter, Richard Buschning (1909–1941), die Einberufung erhalten hatte.

Von den beiden jüngeren Brüdern Franz und Georg, die beide ebenfalls Architekten wurden, übernahm Franz den elterlichen Steinmetzbetrieb. Georg Metzendorf wurde 1897 Mitarbeiter in Heinrichs Büro, 1901 Teilhaber und machte sich 1905 selbständig.

BautenBearbeiten

Das Lebenswerk Heinrichs Metzendorfs manifestiert sich vor allem in 130 Bauvorhaben in Bensheim (die ihm später die Bezeichnung „Baumeister der Bergstraße“ einbrachten), aber auch im Entwurf des Siedlungskonzeptes und der Gestaltung der Dortmunder Gartenstadt. Hier realisierte er in der Zeit von 1913 bis 1914 in Zusammenarbeit mit seinem Bauleiter Joseph Winter 47 Villen und Hauseinheiten in dem für die Brüder Metzendorf typischen Heimatstil.

  • 1892–1893: Zeilenwohnhäuser in (Wuppertal-) Elberfeld, Roonstraße 41/43 (zusammen mit Georg Haude)
  • 1893–1894: Erweiterungsbau zur Villa von Friedrich Bayer jun. in (Wuppertal-) Elberfeld, Königstraße 146 (heute Friedrich-Ebert-Straße 146; zusammen mit Georg Haude)
  • 1890–1893: Villa für Gustav Hueck in (Wuppertal-) Elberfeld, Viktoriastraße 64 (zusammen mit Georg Haude; vor 1935 abgebrochen)
  • 1896: Beamtenwohnhaus der Papierfabrik Euler in Bensheim
  • 1897–1900: Villa für Max und Ria Esser in (Wuppertal-) Elberfeld, Goebenstraße 16 (Bauleitung durch Georg Haude; mit einem Jugendstilinterieur von Hans Eduard von Berlepsch-Valendas)
  • 1898: Villa für August Karl Weber, genannt Haus Haardteck, in Darmstadt, Herdweg 99
  • 1898–1899: Villa Eulennest in Bensheim, Heidelberger Straße 46
  • 1900: Synagoge in Heppenheim
  • 1902: Villa für Gustav Guntrum in Bensheim
  • 1902: Südflügel des Hotels Halber Mond in Heppenheim
  • 1902: Arbeiterwohnhaus der Papierfabrik Euler in Bensheim
  • 1902: Bismarckturm in Bensheim, auf dem Hemsberg
  • 1903: Wohnhaus Rhode in Darmstadt, Herdweg 101
  • 1904: Erweiterungsbau zum „Haus auf der Höhe“ in Seeheim-Jugenheim, Helene-Christaller-Weg 13
  • 1904–1905: Zweigwerk mit Arbeiterwohnhäusern für das Unternehmen Deutsche Milchwerke Dr. A. Sauer in Stockheim
  • 1905: Wohnhaus Hummel in Darmstadt, Osannstraße 53
  • 1905: Umbau der Engel-Apotheke der Familie Merck in Darmstadt
  • vor 1906: Landhaus Dr. Wetz in Heppenheim[2]
  • vor 1906: Landhaus Höhling in Bensheim[2]
  • vor 1906: Landhaus Sr. Brandt in Auerbach[2]
  • vor 1906: Landhaus Bahner in Bensheim[2]
  • vor 1906: Landhaus A. Müller in Auerbach[2]
  • vor 1906: Landhaus E. Heuser in Auerbach (mit Georg Metzendorf)[2]
  • vor 1906: Landhaus R. E. Rnodt in Bensheim (mit Georg Metzendorf)[2]
  • 1906–1907: „Haus Rheinhorst“ in (Krefeld-) Uerdingen
  • 1906–1907: Wohn- und Geschäftshaus der Möbelhandlung Wilhelm Mainzer in Heppenheim
  • 1908: „Villa Rasteck“ für Friedrich Voith in Lindau (Bodensee)
  • 1908: Erweiterungsbauten der Papierfabrik Euler in Bensheim
  • 1908–1912: Landhauskolonie Schönberger Tal in Bensheim
  • 1912–1913: Evangelische Pfarrkirche in Gadernheim
  • 1912–1913: Westend-Siedlung in Worms
  • 1910–1912: Villa für Carl Duisberg in Leverkusen
  • 1910–1921: Odenwaldschule in Ober-Hambach
  • 1912: „Villa Eulenhorst“ in Bensheim
  • nach 1918: Heyl’sche Siedlungen in Worms
  • 1921: Beamtenwohnhaus für Max Cassirer in Berlin-Wilmersdorf

Spätere WahrnehmungBearbeiten

Metzendorf gelangte, wie viele andere Architekten der sog. traditionellen Moderne, nur zögerlich in das Bewusstsein von Öffentlichkeit und Forschung. Erst in den 1970er und 1980er Jahren besann man sich des architektonischen Erbes, doch auch danach folgten noch Abbrüche seiner Bauten – so seine von Walter Gropius seinerzeit gelobte Fabrikanlage der Papierfabrik Euler in Bensheim von 1908, die ab 2010 niedergelegt wurde.

2005 wurde die Bensheimer Berufsschule nach Heinrich Metzendorf benannt.[3]

Im Jahr 2013 fand eine Ausstellung über Heinrich Metzendorf und seinen Beitrag zur Reformarchitektur an der Bergstraße unter dem Titel Lebensräume gestalten im Museum Bensheim statt.[4] Begleitend dazu wurde die erste umfassende Monografie vorgestellt, die gebautes Werk wie auch soziale Netzwerke des Architekten betrachtet. (vgl. Literatur)

AusstellungenBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Bernd Philipp Schröder: Georg Fehleisen und das Ende der Bergstäßer Architekturtradition. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Jahrgang 2003, S. 245–287.
  2. a b c d e f g Neues von der Bergstrasse. In: Moderne Bauformen, Heft 1/1906 (Digitalisat)
  3. Heinrich Metzendorf auf der Website der Heinrich-Metzendorf-Schule, abgerufen am 5. Dezember 2018
  4. Eva Bambach: Metzendorf als Gestalter von Lebensräumen. In: morgenweb.de. 4. Oktober 2013, abgerufen am 10. Oktober 2016.
  5. Baumeister der Bergstraße. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Oktober 2016, Seite 40.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Heinrich Metzendorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Heinrich Metzendorf auf der Website der Heinrich-Metzendorf-Schule, abgerufen am 5. Dezember 2018
  • Stadt Bensheim (Hrsg.), Manfred Berg, Frank Oppermann: Historischer Rundgang Metzendorf. (Broschüre, online als PDF mit 1,3 MB) Bensheim 2013.