Heinrich Dathe

deutscher Zoologe
Heinrich Dathe mit einem Kragenbären (1961)

Curt Heinrich Dathe (* 7. November 1910 in Reichenbach; † 6. Januar 1991 in Berlin) war ein deutscher Zoologe und 34 Jahre lang der Direktor des Tierparks Berlin.

Kindheit, Jugend und Beginn der KarriereBearbeiten

Heinrich Dathe, Sohn eines Bürovorstehers in einer Anwaltskanzlei[1], verbrachte seine Kindheit in Reichenbach im Vogtland. Ostern 1917 wurde Dathe an der 1. Bürgerschule „Weinholdschule“ eingeschult. 1920 eröffnete sein Vater ein eigenes Büro, in dem auch seine Frau Olga Dathe arbeitete. Ab 1921 ging Heinrich Dathe an das Gymnasium in Reichenbach. 1924 erhielt der Vater eine Anstellung in der Rechtsabteilung des Leipziger Messeamtes. Die Familie zog mit dem 14-jährigen Heinrich nach Leipzig. Hier beendete er 1930 die Leipziger Nikolaischule mit dem Abitur.[1] Heinrich Dathe sagte dazu:

„Ich wollte Forscher werden oder Reisender. Am liebsten reisender Forscher und an einem Museum arbeiten, das mich zu Expeditionen um die ganze Welt schickte. Ich mochte als Junge auch keinen Zoo. Ich hielt ihn für ein Gefängnis, in dem man Tiere einsperrte.“[2]

Folgerichtig studierte er ab 1930 eine Fächerkombination aus Zoologie, Botanik und Geologie an der Universität Leipzig. In seiner Studienzeit war er gelegentlich wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Naturwissenschaftlichen Museum Burg Mylau und dem Zoologischen Institut der Universität Leipzig. Im Sommer 1933 beteiligte er sich auch an einer Adria-Expedition der Universität. Durch Vermittlung seines Dozenten Georg Grimpe kam Dathe in Verbindung mit dem kommissarischen Leiter des Zoologischen Gartens Leipzig Karl Max Schneider. Ab Herbst 1934 zog dieser ihn für wissenschaftliche Arbeiten heran, beispielsweise für Zooführungen, die Betreuung und Bestimmung von Tierbeständen und die Führung der Zuchtbücher.[1] So begann seine berufliche Laufbahn bereits während seines Studiums. Aus der studentischen Nebenbeschäftigung im Zoo wurde zunächst eine Volontärassistenz, und am 1. März 1936 bekam er die Stelle eines Hilfsassistenten. Noch vor Abschluss seiner Promotion erhielt er am 1. Oktober 1936 einen Privatdienstvertrag als wissenschaftlicher Assistent im Zoo Leipzig. Seine Doktorarbeit „Über den Bau des männlichen Kopulationsorgans beim Meerschweinchen“, eine anatomische Arbeit zur Fortpflanzungsbiologie stachelschweinverwandter Nagetiere datiert vom 10. Dezember 1936.

Er trat 1932 in die NSDAP ein und war dort Mitglied bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dazu Dathe: „So bin ich im September 1932 der NSDAP beigetreten. Ich war 21 Jahre jung und schon von meiner Erziehung her voller patriotischer Gefühle.“ Auch seine kurzzeitige Tätigkeit als Blockwart verschwieg er nicht.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Heinrich Dathe zum Militär eingezogen. Mit dem Infanterie-Regiment 11 aus Leipzig-Gohlis kam er zum Kriegseinsatz nach Frankreich. Hier wurde Heinrich Dathe im Juni 1940 verwundet. Zur Genesung verlegte man ihn zunächst in ein Lazarett nach Chemnitz, später in ein Kurlazarett nach Bad Elster. Dort lernte er die Krankenschwester Elisabeth Friedrich kennen, seine spätere Frau. Mit Hilfe Karl Max Schneiders wurde Dathe nach seiner Entlassung aus dem Lazarett in ein Leipziger Ersatzbataillon versetzt und konnte sich viel im Zoo aufhalten. 1940 wurde er offiziell stellvertretender Direktor des Zoos.

Am 2. August 1943 heiratete Heinrich Dathe Elisabeth Friedrich. Das Paar hatte drei Kinder: Almut (geb. 1944), Holger Heinrich (geb. 1945) und Falk (geb. 1951). Seine Söhne wurden ebenfalls Zoologen. Holger Heinrich Dathe beschäftigt sich mit Hautflüglern und war von 1994 bis 2010 Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts im Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Falk Dathe war bis Ende 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator für Lurche, Kriechtiere und Fische im Tierpark Berlin.[3]

Im März 1945 wurde Dathe an die Front nach Italien versetzt. In Bozen (Südtirol) erlebte er das Ende des Krieges. Er geriet zunächst in amerikanische Gefangenschaft. Dann überstellte man ihn in ein Kriegsgefangenenlager nach Rimini, das von den Engländern verwaltet wurde. In der Zeit der Kriegsgefangenschaft hielt er zoologische Vorträge und leitete Schulungen zum Thema Feldornithologie. Im Oktober 1947 wurde Dathe aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und ging zurück zu seiner Familie in Leipzig.[1] Er durfte aber wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zunächst nicht wieder in der Forschung tätig sein und arbeitete zunächst als Markthelfer im Hermelin-Verlag bei Paul Schöps und als Vogelstimmenimitator beim Rundfunk. Im Jahre 1950 wurde Dathe wieder im Leipziger Zoo angestellt und lehrte an der Leipziger Universität. Er war von 1955 bis 1957 kommissarischer Zoodirektor in Leipzig.[4] Im Jahr 1974 wurde er zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt.

Obwohl Schneider stand wieder an der Spitze dieser Einrichtung. Doch dauerte es noch bis zum 1. Juli 1950, bis auch Heinrich Dathe wieder an seine alte Wirkungsstätte als Direktionsassistent und stellvertretender Direktor zurückkehren konnte.

Tierparkdirektor in BerlinBearbeiten

 
Valentina Tereschkowa und Juri Gagarin besichtigen den Tierpark. Dahinter Heinrich Dathe (1963).

Seine Lebensaufgabe fand Heinrich Dathe als Tierparkdirektor in Berlin, den er 1954 mit aufzubauen begann. 1957 wurde er zum Professor ernannt. Durch die Radiosendung Im Tierpark belauscht, die er zusammen mit der Reporterin Karin Rohn an 1774 Sonntagen für den Berliner Rundfunk gestaltete, und durch die Fernsehsendung Tierparkteletreff mit Moderatorin Annemarie Brodhagen wurde er über Fachkreise hinaus bekannt. Er gehörte zudem dem Redaktionskollegium der Zeitschrift Natur und Heimat an.

Kurz nach seinem achtzigsten Geburtstag Anfang Dezember 1990 wurde Heinrich Dathe zwangspensioniert, weil der Einigungsvertrag eine Übernahme von über sechzig Jahre alten Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes nicht zuließ. Innerhalb weniger Tage hatte er die Amtsgeschäfte zu übergeben und seine Dienstwohnung im Tierpark zu räumen.[5] Er starb am 6. Januar 1991 an Krebs.

An der Trauerfeier in Berlin nahmen mehrere tausend Menschen teil. Sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Karlshorster und Neuen Friedrichsfelder Friedhof im Lichtenberger Ortsteil Berlin-Karlshorst.

Ehrungen und KritikBearbeiten

Die DDR würdigte Heinrich Dathe 1966 für seine Aufbauarbeit mit dem Nationalpreis.

Der Schriftsteller und Philosoph Richard David Precht nahm die Konflikte um den Tierpark nach der Wende und die letzten Monate Heinrich Dathes als Motiv für die Figur des Tierparkdirektors in seinem heiter-melancholischen Nachwenderoman „Die Kosmonauten“ (2003).

 
Plakette für Heinrich Dathe am Bärenschaufenster des Tierparks Berlin

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Berliner Tierparks 2005 erfolgte am 7. November 2005, dem 95. Geburtstag des ersten Tierparkdirektors, die feierliche Enthüllung der Straßenschilder Heinrich-Dathe-Platz und Dathe-Promenade nahe dem U-Bahnhof Tierpark durch Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (Die Linke) im Beisein des amtierenden Tierparkdirektors Bernhard Blaszkiewitz am Brunnen vor der Bodo-Uhse-Bibliothek.[6]

Am 26. Juni 2012 wurde am Elefantenhaus im Tierpark eine Berliner Gedenktafel für ihn enthüllt.

Das Dathe-Gymnasium in Friedrichshain ist nach ihm benannt. Diese Ehrung stieß auf Grund von Dathes NSDAP-Mitgliedschaft auf Kritik durch Historiker des Vereins „Institut für Biografieforschung, Regional- und Institutionenkunde“ in Berlin. Der Historiker Jürgen Hofmann, Chef des Lichtenberger Kulturausschusses, meinte, die Verstrickungen Heinrich Dathes würden nicht als bedeutend eingeschätzt: „In all den Diskussionen sind wir nie zu dem Schluss gekommen, dass die Mitgliedschaft in der NSDAP ein Ausschlussgrund der Würdigung wäre.“ In diesem Zusammenhang sollte der Senat von Berlin 2010 auch über eine Umbenennung der Heinrich-Dathe-Oberschule diskutieren.[7] Im Dezember 2009 hat die Dathe-Oberschule sich zu Heinrich Dathe bekannt, und alle Gremien der Schule haben sich gegen eine Umbenennung entschieden.

Zum 100. Geburtstag von Heinrich Dathe startete der Förderverein von Tierpark Berlin und Zoo Berlin e. V. die Aktion „Dathe-Impuls“. Hier werden Spender gesucht, die das Lebenswerk von Heinrich Dathe dauerhaft sichern wollen. In diesem Zusammenhang wird auch ein Heinrich-Dathe-Preis durch den Förderverein von Tierpark Berlin und Zoo Berlin e. V. gestiftet. Mit dem Preis sollen Kinder und Jugendliche, die sich durch ehrenamtliches Engagement im Bereich Natur- und Artenschutz auszeichnen, gewürdigt werden.

 
Heinrich Dathes Familiengrabstätte

Seine Grabstätte im Feld 3 des Neuen Friedhofs Friedrichsfelde (Eingang Siewertstr. 57) ist seit November 2010 ein Ehrengrab der Stadt Berlin im Bezirk Lichtenberg.[8]

Werke (Auswahl)Bearbeiten

  • Kleines Käferbüchlein, mit 10 Tafeln von Jürgen Ritter, Leipzig, Wunderlich, 1952 (Jugendbuchreihe Erlebte Welt 5).
  • Der Flussregenpfeifer, Leipzig, Geest & Portig, 1953 (Die neue Brehm-Bücherei 93).
  • Wegweiser durch den Tierpark, Tierpark Berlin, Berlin-Friedrichsfelde, 1957.
  • Bairei Kōno: Seidenschwanz und Orchidee. Japanische Meisterholzschnitte, mit naturkundlichen Erläuterungen von Heinrich Dathe, Leipzig, Prisma-Verlag, 1958.
  • Sergej I. Ognew: Säugetiere und ihre Welt (Očerki ėkologii mlekopitajuščich), in dt. Sprache überarb. u. hrsg. von Heinrich Dathe, Berlin, Akademie-Verlag, 1959.
  • Bairei Kōno: Eisvogel und Päonie. Japanische Meisterholzschnitte, mit naturkundlichen Erläuterungen von Heinrich Dathe und einem Vorwort von Walter Böttger, Leipzig, Prisma-Verlag, 1959.
  • als Herausgeber: Der Zoologische Garten Leipzig. Eine Stätte der Wissenschaft, Leipzig, Akadem. Verl.-Ges. Geest & Portig, 1961.
  • Tierkinder aus Zoologischen Gärten, Wittenberg Lutherstadt, Ziemsen, 1962.
  • Im Tierpark belauscht, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg 1965.
  • gemeinsam mit Elisabeth Dathe: Bäreneltern wider Willen, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg, 1966.
  • Aus dem Alltag eines Zoodirektors, in: Rosl Kirchshofer: Zoologische Gärten der Welt. Die Welt des Zoo, Pinguin Verlag, Innsbruck, 1966, Seiten 145–150.
  • Erlebnisse mit Zootieren, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg, 1972.
  • als Herausgeber: Handbuch des Vogelliebhabers. Band 1, VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin, 1974.
  • Wirbeltiere I (Pisces, Amphibia, Reptilia), Leipzig, Thieme, 1975 (Taschenbuch der Zoologie 4).
  • Hauptstadt der DDR – Tierpark Berlin, Fotos von Joachim Fieguth, Berlin, Berlin-Information, 1980.
  • Tiermütter und ihre Kinder, A. Ziemsen Verlag, Wittenberg, 1981.
  • als Herausgeber: Handbuch des Vogelliebhabers, Band 2, VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin, 1986.
  • gemeinsam mit Paul Schöps: Pelztieratlas, Gustav Fischer Verlag, Jena, 1986.
  • Reineke : ein Tag im Leben eines Fuchses, mit Ill. von Karl Fischer. Mücke/Nieder-Ohmen, Ustro-Verlag, 1986.
  • Lebenserinnerungen eines leidenschaftlichen Tiergärtners. München u. a., Koehler & Amelang, 2001, ISBN 3-7338-0313-2.

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Heinrich Dathe – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Heinrich Dathe, Zoologe. In: museum-lichtenberg.de. 2. Mai 2016, abgerufen am 26. März 2020.
  2. Lebenserinnerungen eines leidenschaftlichen Tiergärtners, 2001
  3. Karin Stemmler: Adieu, Tierpark: Der letzte Nachfahre verabschiedet sich. In: Berliner Zeitung. (berliner-zeitung.de [abgerufen am 14. Januar 2017]).
  4. Mustafa Haikal, Jörg Junhold: Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig. Leipzig 2003, ISBN 3-936508-95-X, Seite 188.
  5. Oliver Berlau: Abwicklung im Reich der Tiere. In: Die Zeit. Nr. 5, 1991 (zeit.de).
  6. Berlin.de: Straßenbenennung: Heinrich-Dathe-Platz und Dathe-Promenade. In: www.berlin.de. 2. November 2005, archiviert vom Original am 23. Juni 2007; abgerufen am 26. März 2020.
  7. Vgl. etwa Michael Schröder: Ein Mensch in seiner Zeit. Zur Diskussion um Heinrich Dathe. In: Lichtenberg-Hohenschönhausener Zeitung, Ausgabe 8A/2009, S. 8.
  8. Ehrengrab für Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Dathe. In: berlin.de. Archiviert vom Original am 19. Januar 2011; abgerufen am 26. März 2020.