Hausväterliteratur

Als Hausväterliteratur wird eine Literaturgattung bezeichnet, welche die Ökonomik, d. h. die Lehre vom Haus, „mit einer eingehenden Darstellung der Landwirtschaft“ verbindet. Sie richtete sich insbesondere im deutschen Sprachraum vom 16. bis zum 18. Jahrhundert an die gebildeten Besitzer von Landgütern, vor allem Adlige.[1]

AusrichtungBearbeiten

Es handelt sich im Grunde um frühe Ratgeberliteratur, die nicht nur die Haushaltsführung und Fragen rund um die Landwirtschaft inklusive Viehzucht, Forstwirtschaft, Jagd und Imkerei behandelte, sondern auch Regeln für Familie, Ehe und Kindererziehung sowie den Umgang mit dem Personal aufstellte. Außerdem enthielten die Bücher einen Teil mit Kochrezepten, so dass sie als Vorläufer der modernen deutschsprachigen Kochbücher gelten. Die meisten Autoren waren protestantische Pfarrer und folgten in ihren Regeln für Ehe und Familie den Ansichten Martin Luthers, die er in seinen verschiedenen Schriften über Ehe und Hausstand dargelegt hatte. In anderen Ländern beschränkten sich die Autoren auf die Behandlung von Themen der Landwirtschaft, ohne ausführlich auf das Familienleben einzugehen.

BegriffBearbeiten

Der ältere Begriff „Hausmann“ (vgl. auch Hausmannskost) stammt aus dem 16. Jahrhundert und kommt vom mittelhochdeutsch hūsman, „Hausherr, Hausbewohner, Mietmann, Burgwart“. Die Hausväterliteratur wandte sich nur an den pater familias, den männlichen Vorstand größerer ländlicher und vor allem adeliger Haushalte. Der Begriff „Hausväterliteratur“ entstand Mitte des 19. Jahrhunderts und hatte einen leicht abwertenden Beiklang, da sie mittlerweile als überholt und altmodisch galt. Die Blütezeit dieser Literatur war die Zeit zwischen 1660 und 1730. Zum Zeitpunkt ihres Erscheinens hießen diese Werke „Oekonomiken“ oder „Hausbücher“. Als Hausväterliteratur wurden sie später bezeichnet, weil sie sich an den „Hausvater“ richteten im Sinne von Oberhaupt eines Haushalts, wobei das Modell des „ganzen Hauses“ zugrunde lag, also der Haushalt als Rechts-, Sozial- und Wirtschaftseinheit. Den Begriff „Hausvater“ hatte Luther bekannt gemacht;[2] er wurde später von Wilhelm Heinrich Riehl und Otto Brunner aufgegriffen.[3]

Die Werke dieser Literaturgattung bestehen überwiegend aus Kompilationen, wobei die Autoren auf ältere Literatur und Zeitgenössisches als Quellen zurückgriffen. Grundlage waren zunächst antike Quellen, etwa von Aristoteles, zur Oikonomia. Vorläufer waren Handschriften wie der Codex Farfensis (ein um 1460 verfasstes „Buch vom Menschen, Tier und Garten“),[4] welche den Hausvater[5] bereits als Arzt,[6] Tierarzt, Landwirt und Fischer zeigten,[7] und Bücher wie die Oeconomia christiana des Thüringer Reformators Justus Menius (1529) und Der Weiber Haushaltung von Johann Steinbach (1561), die aber nur von den personalen Herrschaftsverhältnissen im Haus handelten, nicht dagegen von den Fragen der Landwirtschaft, auf denen in der späteren Hausväterliteratur umfangmäßig das Hauptgewicht lag. Zum Typus Buch vom Menschen, Tier und Garten als Vorform der Hausväterliteratur zählen beispielsweise auch der sogenannte (nach dem Feuchtwangener Medizin-Antiquariat C.-E. Kohlhauer benannte) Kodex Kohlhauer, eine bereits um 1434 im südrheinfränkischen Gebiet zusammengestellte hauswirtschaftlich-laienärztliche Textsammlung,[8][9] und eine von Johannes Norrenberger (aus Kmehlen) 1464 vollendete Sammelhandschrift mit den Themen Heilkräuter, Fischfang, Wein, Kindererziehung, Pferdezucht und Haushalt.[10] Der wichtigste Vertreter der frühen Hausväterliteratur war der protestantische Pfarrer Johannes Coler (1570–1639); er veröffentlichte 1604 sein mehrbändiges Werk mit dem Titel Oeconomia ruralis et domestica oder Haußbuch, das insgesamt 14 Auflagen erlebte. Das enthaltene Kochbuch bietet 182 Rezepte für die gehobene Küche. Der Dreißigjährige Krieg verhinderte für einige Zeit das Erscheinen ähnlicher Werke, ehe ein regelrechter Boom einsetzte.[2]

Wichtige Werke der HausväterliteraturBearbeiten

Bedeutungswandel vom Hausvater und Hausmann zur Hausmutter und HausfrauBearbeiten

Hohberg ging bereits ausführlich auch auf die Aufgaben der „Hausmutter“ ein. Florinus wandte sich auch an das Bürgertum. Seine Schrift war die bekannteste in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Zunehmend erschienen Bücher, die sich ausdrücklich an gebildete Frauen und Töchter wandten und Anleitungen zur Haushaltsführung enthielten. Nachdem der Gutsbesitzer Otto von Münchhausen 1769 unter dem Titel Der Hausvater ein fünfbändiges Werk verfasst hatte, erschien 1782 Die Hausmutter, verfasst von dem Pfarrer Christian Friedrich Germershausen als ebenfalls fünfbändige Enzyklopädie für Hausfrauen. Das darin enthaltene Kochbuch erschien einige Zeit später auch als Einzelwerk.[2]

Im 19. Jahrhundert stieg die technische Ausstattung der Haushalte massiv an, ebenso die zugehörige Haushaltsliteratur[12], ebenso wurden Hauswirtschaft zunehmend auch in Kursen, etwa den sogenannten Winterschulen und eigenen Ausbildungsgängen vermittelt.[13] Frauen – in der Rolle der erfahrenen Hausmutter und zunehmend auch die jüngere, noch unerfahrene Hausfrau – wurden damit eigenständiger wahrgenommen und auch in der rapide wachsenden Ratgeberliteratur adressiert.

Mit dem Aufkommen neuer Wirtschaftsmodelle wie Merkantilismus und Kameralismus verlor die Hausväterliteratur an Bedeutung. An ihre Stelle traten Haushaltsratgeber speziell für Frauen, wobei nun neben der landbesitzenden Gentry auch der bürgerliche Haushalt in den Mittelpunkt rückte. In England wurde unter anderem Isabella Beeton und ihr The Book of Household Management stilbildend. Das zwischen 1859 und 1861 erschienene Buch richtete sich an die aufstrebende Mittelklasse, für die es eine verlässliche Informationsquelle und Ratgeber sein sollte. Das Buch avancierte mit 60.000 verkauften Exemplaren im Erscheinungsjahr sofort zum Bestseller und wurde innerhalb weniger Jahre millionenfach nachgedruckt (1868 zwei Millionen verkaufte Exemplare).[14] Es darf als Vorbild für viele weitere Koch- und Haushaltungsbücher des 19. und 20. Jahrhunderts gelten.

In Deutschland war die neue Rolle der Hausfrau als Haushaltsvorstand auf größeren Landgütern oder (auch externe) leitende Hausbeamtin ein auch von der adeligen wie bürgerlichen Frauenbewegung mit propagiertes Berufsbild. Der erhöhte Bedarf an externer Schulung und Expertise bildete sich in der Erweiterung der (höheren wie beruflichen) Frauenbildung ab, etwa bei Ida von Kortzfleischs Reifensteiner Schulen.[15]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Julius Hoffmann: Die „Hausväterliteratur“ und die „Predigten über den christlichen Hausstand“. Lehre vom Hause und Bildung für das häusliche Leben im 16., 17. und 18. Jahrhundert (= Göttinger Studien zur Pädagogik. H. 37, ZDB-ID 521891-3). Beltz, Weinheim u. a. 1959.
  • Gotthardt Frühsorge: Luthers Kleiner Katechismus und die „Hausväterliteratur“. In: Pastoraltheologie. Bd. 73, 1984, ISSN 0720-6259, S. 380–393.
  • Siegfried Sudhof: Hausväterliteratur. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Begründet von Paul Marker und Wolfgang Stammler, 2. Aufl., hrsg. von Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr, Berlin 1958 ff., Band 1, 1958, S. 621–623.
  • Sabine Verk u. a.: Geschmacksache. Kochbücher aus dem Museum für Volkskunde (= Schriften des Museums für Volkskunde. Bd. 20). SMPK, Berlin 1995, ISBN 3-88609-382-4 (Ausstellungskatalog).

WeblinksBearbeiten

QuellenBearbeiten

  1. Otto Brunner: Hausväterliteratur. In: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften. Band 5, 1956, S. 92 f.
  2. a b c Verk u. a.: Geschmacksache. Berlin 1995, S. 8 f.
  3. Christine Werkstetter: Frauen im Augsburger Zunfthandwerk. Arbeit, Arbeitsbeziehungen und Geschlechterverhältnisse im 18. Jahrhundert (= Colloquia Augustana. Bd. 14). Akademie-Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003617-6, S. 37, (Zugleich: Augsburg, Universität, Dissertation, 1999).
  4. Gerhard Eis: Mittelalterliche Fachprosa der Artes. In: Deutsche Philologie im Aufriß. Hrsg. von Wolfgang Stammler, 2. Aufl., Band II, Berlin 1960, Spalte 1103–1216; hier: Spalte 1125 f.
  5. Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243.
  6. Gundolf Keil, Hilde-Marie Groß (Hrsg.): „Von manicherley wunden“. Die „kleine Wundarznei“ des Codex Farfensis 200 – ‘Oberschlesische Roger-Aphorismen’ des 14. Jahrhunderts. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 1, 2005 (2007), S. 155–188.
  7. Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. Shaker, Aachen 2015 (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen, Supplement 2), S. 51–69
  8. Gundolf Keil: ‚Kodex Kohlhauer‘. In: Verfasserlexikon. 2. Aufl., Band 5, Sp. 3 f.
  9. Gundolf Keil: ‚Kodex Kohlhauer‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 769.
  10. Wolfgang Wegner: Norrenberger, Johannes. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1055 f.
  11. Oeconomia oder Bericht vom christlichen Hauswesen
  12. Hans Jürgen Teuteberg, «Von der Hausmutter zur Hausfrau. Küchenarbeit im 18./ 19. Jahrhundert in der zeitgenössischen Hauswirtschaftsliteratur», in: Hans Jürgen Teuteberg (Hrsg.) Die Revolution am Esstisch: neue Studien zur Nahrungskultur im 19.–20. Jahrhundert, Franz Steiner Verlag, 2004, u. a. S. 116–119
  13. Johannes Kramer: Das ländlich-hauswirtschaftliche Bildungswesen in Deutschland, Dissertation an der Universität Erlangen, Fulda 1913
  14. Oxford World's Classics - Oxford University Press. In: www.oup.co.uk. Abgerufen am 11. März 2016.
  15. Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung: die ländliche Hauswirtschaft und der Reifensteiner Verband kassel university press GmbH, 2010