Hans mein Igel

Werk aus Grimms Märchen

Hans mein Igel ist ein Märchen (ATU 441). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 108 (KHM 108).

Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

InhaltBearbeiten

 
Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

Ein reicher Bauer wird von den andern verspottet, weil er keine Kinder hat. Zornig spricht er daheim: „Ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein“. Da bekommt seine Frau einen Jungen mit dem Oberkörper eines Igels, den sie Hans mein Igel nennt. Acht Jahre liegt dieser am Ofen auf Stroh. Dann lässt er sich vom Vater, der ihn loswerden will, einen Dudelsack kaufen und den Hahn beschlagen und fliegt darauf mit Schweinen und Eseln in den Wald. Dort sitzt er auf einem Baum, hütet seine Herde und spielt Dudelsack. Zwei Könige verirren sich nacheinander im Wald. Hans mein Igel weist ihnen den Weg. Dafür müssen sie ihm geben, was ihnen daheim zuerst begegnet. Bei beiden ist das die Tochter, aber der erste König will ihn betrügen. Hans mein Igel reitet mit seiner inzwischen riesigen Schweineherde heim ins Dorf, lässt schlachten und seinen Hahn neu beschlagen. Dann reitet er in das erste Königreich, wo er den Soldaten davonfliegt und sich die Königstochter erzwingt. Als er aber mit ihr in der Kutsche sitzt, zieht er sie aus, sticht sie und jagt sie heim. Im zweiten Königreich wird er willkommen geheißen und vermählt. Beim Schlafengehen fürchtet die Prinzessin sich vor den Stacheln, aber er lässt vier Mann ein Feuer anmachen und die Igelhaut, die er vor dem Bett abstreift, ins Feuer werfen. Nun ist er ein Mensch, aber ganz schwarz. Ein Arzt macht ihn mit Wasser und Salben weiß. Seine Braut ist erleichtert, und auch sein Vater kommt zu ihm in sein Reich.

Am Schluss steht ab der 3. Auflage ein Gedicht (ähnlich wie in Hänsel und Gretel, Der Eisenofen):

„Mein Märchen ist aus,
und geht vor Gustchen sein Haus.“

HerkunftBearbeiten

 
Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

Das Märchen steht in Grimms Kinder- und Hausmärchen an Stelle 108 ab dem zweiten Teil der 1. Auflage von 1815 (da Nr. 22). Ihre Anmerkung notiert zur Herkunft „Aus Zwehrn“ (d. h. von Dorothea Viehmann). Als verwandt stufen sie ein: KHM 1 Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, KHM 88 Das singende springende Löweneckerchen, KHM 127 Der Eisenofen, aus ihren Irischen Elfenmärchen Nr. 5 Der kleine Sackpfeifer, bzgl. der Rückkehr am Schluss KHM 90 Der junge Riese. Sie nennen noch Pröhles Märchen für Kinder Nr. 13 der Zaunigel, Straparola 2,1 König Porc und nach diesem Aulnoys Nr. 24 le Prince Marcassin, KHM 144 Das Eselein, Grimms Altdänische Heldenlieder „S. 528. 529“. Sie nennen Beispiele dafür, dass „Leute, welche Gott zu ungestüm um Kindersegen anflehen, werden in den Märchen oft mit solchen Mißgeburten bestraft, die sich hernach, wenn die Eltern gedemütigt sind, noch in Menschen verwandeln“: „Rosenöl 1, 210–213 die Geschichte Salomons und der ägyptischen Königstochter“, Zingerle „S. 173“, Basiles Pentameron 2,5 Die Schlange, ungarisch bei Gaal Nr. 14. In einem Volkslied von 1620 heiße es:

„ach, lieber Igel, laß mich leben,
ich will dir meine Schwester geben.“

Walter Scherf nennt neben volkstümlichen Darstellungen vom Hahnreiten und Spottliedern vom reisigen Igel auch insbesondere die Volksfigur der Pulcinella in Unteritalien zum Beleg dafür, dass Vorstellungen vom Hahnreiter und gewappneten Igel durchaus bekannt waren. Märchen vom Igelsohn zeigen betonte Mutterbindung bei Verwünschung und Vertreibung durch den Vater. Straparolas König Schwein (Il re porco) in Die ergötzlichen Nächte (Piacevoli notti) wirkte über Aulnoys Frischling (Le prince Marcassin) nach, etwa Das wilde Schwein in Wolfs Deutsche Märchen und Sagen, Nr. 3. Das Borstenkind in Haltrichs Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen, Nr. 44 setzt wie Basiles Die Schlange mit einer Suchwanderung der Frau zur Wiederherstellung der verletzten Partnerbindung fort. Scherf nennt noch Sohn Igel in Else Byhans Slowenische Volksmärchen und The hedgehurst in Duncan Williamsons Fireside tales of the traveller children. Am ältesten, aber kein Märchen, ist Der verzauberte Brahmanensohn im ersten Buch des Panchatantra.[1]

InterpretationBearbeiten

Das Mitbringsel vom Vater sowie das unwissentliche Überschreiben des Kindes erinnern an den Märchentyp Mädchen sucht seine Brüder (Die Gänsehirtin am Brunnen, Die zwölf Brüder, Der Eisenofen, Das singende springende Löweneckerchen, Der König vom goldenen Berg, Die Nixe im Teich). Dort zeichnet sich aber der Wunsch der Tochter durch Bescheidenheit aus. Während der Vater dabei eine beherrschendere Rolle einnimmt, folgt für die Tochter eine Suchwanderung nach dem vertanen Glück, wobei der Wald dann oft die Bedrohung darstellt. Dagegen erlebt Hans dort seinen Aufstieg auf den Baum, und Wachstum, „bis die Herde ganz groß war“. Der Dudelsack als Militärinstrument und der Sieg über das „Hauen, Stechen und Schießen“ der Soldaten, indem er sie einfach überfliegt, verbinden den Zug der Übertreibung mit männlichen Attributen. Anstatt eines Schuldthemas geht es also hier um einen Minderwertigkeitskomplex, ein Thema, das alle Hans-Märchen teilen: Der gescheite Hans, Hans im Glück, Hans heiratet, Der Eisenhans, Der starke Hans, Hans Dumm; vgl. Das tapfere Schneiderlein: Ritt auf dem Einhorn.

In fast allen Varianten von AaTh 441 fordert der Igel direkt die Tochter des Königs, nicht das, was ihm zu Hause zuerst begegnet; die zwei ersten Töchter begehen Selbstmord (vgl. Der Bärenhäuter). Auch die Art der Erlösung variiert (Auspeitschen, Aufschlitzen, Enthaupten, Kuss, Träne; vgl. Froschkönig). Dagegen bestätigt sich der Bezug zum Motiv der Suchwanderung, die durch den verfrühten Erlösungsversuch seitens der Braut ausgelöst werden kann. Anstelle des Igels steht (selten) ein Däumling, Schwein oder Stachelschwein, was laut Brüder Grimm „mythologisch eins“ ist.[2] Das wird verständlich bei Vergleich des plumpen, kurzgliedrigen Körperbaus der drei Tiere, optisch durch das Stachelkleid noch verstärkt. Igel geben ähnlich grunzende Laute von sich wie Schweine und leben, wie auch Stachelschweine, sehr scheu. Die Stacheln formen sich auch bereits kurz nach der Geburt aus Borsten.

Laut Hedwig von Beit gehört die (hier verwünscht) magische Geburt zum Archetypus des Helden. Das Verweilen am Ofen und Reiten auf dem Sonnensymbol Hahn zeigt die Dominanz des Unbewussten, es wirkt auf das Bewusstsein lächerlich. Dass gerade der Oberkörper stachelig ist, dient als Maske, eine Scham, deren Überwindung durch Ganzheit (vier Männer) gelingt. Es bleibt ein gebrannter, doch vom Schatten anscheinend befreiter Mensch.[3]

Der Igel ist seit den alten Griechen und Römern als Heilmittel bekannt, im Christentum galt das angeblich schlangenfressende Tier als Sinnbild Christi, als vermeintlicher Vorratssammler galt er als Sinnbild der Klugheit. Die verbrannten Stacheln sollten Fruchtbarkeit und Wachstum anregen, die Stachelhaut diente als Keuschheitsgürtel. Er sollte Haarausfall, Aussatz, Wassersucht, Nierenleiden, Epilepsie und Blasenschwäche heilen. In der Homöopathie wird das Stachelschwein als Sphingurus mit sehr ähnlicher Indikation (selten) verwendet. Beim Fangen lässt der Igel Harn ab, was man als Versuch auslegte, seine Stacheln für den Fänger unbrauchbar zu machen. Man stellte sich vor, ein Igelpaar könne sich nur im Stehen paaren, was sowohl als komisch als auch unkeusch galt (weswegen man ihn auch lebendig über dem Feuer röstete[4]). Laut vielen Autoren schüttelt er Früchte vom Baum und trägt sie nach Hause und kann ähnlich schlau sein wie der Fuchs (vgl. Der Wolf und der Fuchs, Der Hase und der Igel).[5]

Lutz Röhrich zufolge ist das Thema Verwandlung in ein Tier und Erlösung durch Heirat auf verschiedene Märchentypen verteilt, „von keiner anderen Erzählung sind auf der ganzen Welt wohl so viele Varianten aufgezeichnet worden“ (vgl. Der Froschkönig, Das singende springende Löweneckerchen, Das Eselein, Schneeweißchen und Rosenrot).[6] Die Entjungferung auf der Kutschfahrt ist ein häufiges Literaturmotiv, z. B. in Effi Briest. Der Homöopath Martin Bomhardt vergleicht das Märchen mit dem Arzneimittelbild von Antimonium crudum.[7] Heinz-Peter Röhr schließt aus dem Vorliegen von Themen wie Spaltung, Mangel, Kreativität, Flucht, Leistung, Wut, Verletzung und Beziehung bei Hans mein Igel auf eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.[8]

Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron I,2 Die kleine Myrte, II,5 Die Schlange.

ParodieBearbeiten

In Janoschs Parodie lernt das stachelhaarige Kind Mundharmonika und wird als Jack Eagle mit Motorrad zum Filmstar, den die Mädchen heiraten wollen.[9]

OperBearbeiten

Der Komponist Cesar Bresgen und sein Librettist Ludwig Andersen verarbeiteten Motive des Märchens zu einer Oper für große und kleine Leute, siehe Hauptartikel Der Igel als Bräutigam.

FernsehenBearbeiten

  • The Storyteller, englisch-amerikanische Fernsehserie 1988, Staffel 1, Folge 5: Hans my Hedgehog.
  • Long Ago and Far Away, US-Fernsehserie 1989–1993, Episode 12: Hungarian Folk Tales.

LiteraturBearbeiten

  • Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. 19. Auflage. Artemis & Winkler, Düsseldorf / Zürich 2002, ISBN 3-538-06943-3, S. 528–533.
  • Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. Hrsg.: Heinz Rölleke. 1. Auflage. Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort (Band 3). Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 201–202, 488.
  • Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1: A–K. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 565–568.

WeblinksBearbeiten

Wikisource: Hans mein Igel – Quellen und Volltexte

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 978-3-406-51995-6, S. 565–568.
  2. Köhler, Ines: Hans mein Igel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 6. S. 494–498. Berlin, New York, 1990.
  3. Von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von Symbolik des Märchens. Bern 1956. S. 25–32. (Verlag A. Franke AG)
  4. Von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Bern 1956. S. 28. (Verlag A. Franke AG)
  5. Goerge, Rudolf: Igel. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 7. S. 32–37. Berlin, New York, 1993.
  6. Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. Zweite erweiterte Auflage, Wiesbaden 1964. S. 92–93. (Franz Steiner Verlag)
  7. Martin Bomhardt: Symbolische Materia medica. 3. Auflage. Verlag Homöopathie + Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 101.
  8. Röhr, Heinz-Peter: Weg aus dem Chaos. Die Borderline-Störung verstehen. 4. Auflage, München 2009. (Patmos Verlag; ISBN 978-3-423-34286-5)
  9. Janosch: Hans mein Igel. In: Janosch erzählt Grimm's Märchen. Fünfzig ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder von heute. Mit Zeichnungen von Janosch. 8. Auflage. Beltz und Gelberg, Weinheim und Basel 1983, ISBN 3-407-80213-7, S. 170–175.