Hans-Jürgen Wischnewski

deutscher Politiker (SPD), MdB, Bundesminister, MdEP

Hans-Jürgen Wischnewski (* 24. Juli 1922 in Allenstein/Ostpreußen; † 24. Februar 2005 in Köln), bekannter Spitzname „Ben Wisch“, war ein deutscher Politiker (SPD).

Hans-Jürgen Wischnewski (2002)

Leben und BerufBearbeiten

Nach dem Abitur 1941 in Berlin nahm Wischnewski bis 1945 als Panzergrenadier (letzter Dienstgrad: Oberleutnant) am Zweiten Weltkrieg teil. Er wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und dem Verwundetenabzeichen (1939) ausgezeichnet. Nach dem Krieg arbeitete er in der Metallindustrie und absolvierte später eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär. Ab 1952 war er bei der IG Metall zunächst als Volontär und von 1953 bis 1959 als Sekretär angestellt.

Wischnewski war verheiratet und hatte drei Kinder.

ParteiBearbeiten

 
Wischnewski 1988 auf dem SPD-Parteitag in Münster

Der SPD gehörte er seit 1946 an. Von 1957 bis 1968 war er Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Köln und gleichzeitig von 1959 bis 1961 Bundesvorsitzender der Jungsozialisten. Als Bundesgeschäftsführer der SPD fungierte er von 1968 bis 1972 und gehörte ab 1970 auch dem SPD-Parteivorstand an. Schließlich war er von 1979 bis 1982 stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und ab 1984/85 als ihr Schatzmeister tätig.

AbgeordneterBearbeiten

Von 1957 bis 1990 war Wischnewski Mitglied des Deutschen Bundestages und gehörte von 1961 bis 1965 zusätzlich dem Europäischen Parlament an.

Er war 1957 und 1961 über die Landesliste Nordrhein-Westfalen und danach stets als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Köln I in den Bundestag eingezogen. Zuletzt erreichte er bei der Bundestagswahl 1987 47,3 % der Stimmen.

Öffentliche ÄmterBearbeiten

Nach der Bildung der Großen Koalition wurde Wischnewski am 1. Dezember 1966 als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in die von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger geführte Bundesregierung berufen. Am 2. Oktober 1968 trat er von diesem Amt zurück, um Bundesgeschäftsführer der SPD zu werden.

Im Mai 1974 wurde er in die von Helmut Schmidt geführte Bundesregierung zunächst als Parlamentarischer Staatssekretär, dann von 1974 bis 1976 zum Staatsminister im Auswärtigen Amt berufen. Nach der Bundestagswahl 1976 war er von Dezember 1976 bis Dezember 1979 Staatsminister im Bundeskanzleramt und zugleich Bevollmächtigter der Bundesregierung in Berlin. Dieses Amt bekleidete er erneut in den letzten Monaten der sozialliberalen Koalition von April bis Oktober 1982.

Politisches WirkenBearbeiten

 
Grab von Hans-Jürgen Wischnewski auf dem Kölner Melaten-Friedhof

Als IG-Metall-Jugendsekretär und Juso-Funktionär war Wischnewski im September 1953 einer der Gründer und der erste Vorsitzende der Gruppe Kölner Wehrdienstverweigerer (GKW), aus der später der Verband der Kriegsdienstverweigerer hervorging.[1]

Während des algerischen Befreiungskampfes unterhielt Wischnewski bereits gute Kontakte zur algerischen Seite und war eine der zentralen Figuren der westdeutschen Unterstützer der algerischen Unabhängigkeit. Er war einer der bekanntesten deutschen Kofferträger und gehörte zusammen mit Georg Jungclas und Wilhelm Pertz im September 1958 zu den Gründern der Zeitschrift Freies Algerien, deren erster Herausgeber er auch war.[2] Wischnewski war darüber hinaus auch in illegale Geldtransaktionen des Front de Libération Nationale (FLN) involviert, wofür er auch sein privates Konto zur Verfügung stellte.[3] Seine Hilfsdienste für ein freies Algerien trugen ihm den Bei- und Ehrennamen Ben Wisch ein.[4]

In seiner späteren Zeit als Staatsminister wurde Wischnewski mit zahlreichen Sondermissionen beauftragt: Seinem energischen Auftreten beim Putsch General Pinochets in Chile 1973 haben in Chile verhaftete Deutsche und in die europäischen Botschaften Geflüchtete ihre Befreiung zu verdanken.

Einer größeren Öffentlichkeit wurde er im Zusammenhang mit den Verhandlungen zu den Terroranschlägen im „Deutschen Herbst“ bekannt. Nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF) reiste Hans-Jürgen Wischnewski zwischen dem 14. und 29. September 1977 in die fünf Länder, in die die freigepressten Terroristen gebracht werden wollten. Er konsultierte die Regierungen von Algerien, Libyen, Irak, Südjemen und Vietnam, um ihnen darzulegen, dass ihre Länder nun in den Versuch involviert seien, die Bundesrepublik zu erpressen. Außerdem folgte er im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Schmidt der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ im Oktober 1977 und führte als Sonderbeauftragter der Bundesregierung an den jeweiligen Flughäfen, an denen die Maschine gelandet war, Verhandlungen mit den lokalen Behörden, u. a. auch in Mogadischu, wo er erreichte, dass die GSG 9 die Maschine stürmen durfte.[5]

Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen Sandinisten und Contra in und um Nicaragua bereiste Wischnewski mehrmals die Region, um zu einer Befriedung beizutragen. In seinen politischen Memoiren Mit Leidenschaft und Augenmaß berichtet Wischnewski sowohl von Mogadischu als auch von seinen Erfahrungen in Lateinamerika.

Wischnewski erlangte insbesondere durch seine Kenntnis der afrikanischen und der arabischen Verhältnisse große Anerkennung. Er verbesserte das Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zu zahlreichen arabischen Staaten und setzte sich für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und den Frieden im Nahen Osten ein. 1997 wurde er von Jassir Arafat mit dem höchsten palästinensischen Orden ausgezeichnet. In Lateinamerika war er unter dem Spitznamen „Comandante Hans“ bekannt.

Wischnewski war langjähriges Mitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, die er 2002 wegen der Auseinandersetzung um Äußerungen Jürgen Möllemanns verließ.[6][7]

Auszeichnungen (Auszug)Bearbeiten

VeröffentlichungenBearbeiten

  • Nord-Süd-Konflikt. Beiträge zur Entwicklungspolitik. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1968.
  • Entwicklungshilfe und Wissenschaft. Kommissionsverlag Wilhelm Schmitz, Gießen 1968.
  • Wenn die Regierung eine humane Zukunft will, muss sie das jetzt beweisen. Die Forderungen des Flugzeugentführers Raphael Keppel an die Bundesregierung und das Versprechen Ben Wisch’s. Volksverlag, Linden 1980.
  • Mit Leidenschaft und Augenmaß. In Mogadischu und anderswo. Politische Memoiren. Bertelsmann, München 1989, ISBN 3-570-02452-0.

LiteraturBearbeiten

  • Michael Bohnet: Geschichte der deutschen Entwicklungspolitik: Strategien, Innenansichten, Zeitzeugen, Herausforderungen, Konstanz/München, UVK Verlagsgesellschaft 2015 (utb4320), ISBN 978-3-8252-4320-3, S. 55–63.
  • Claus Leggewie: Kofferträger. Das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland, Rotbuch Verlag, Berlin 1984, ISBN 3-88022-286-X.

WeblinksBearbeiten

Commons: Hans-Jürgen Wischnewski – Sammlung von Bildern

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Fritz Bilz: Auferstanden aus Ruinen. Neugründung, Konsolidierung, Anpassung. Die Zeit von 1945 bis 1960, sozialistisches forum rheinland
  2. Claus Leggewie: Kofferträger, S. 115
  3. Ute Bönnen und Gerald Endres: Der Algerienkrieg: Kampf an vielen Fronten, Manuskript eines Dokumentarfilms auf ARTE (1998)
  4. Ehrenname „Ben Wisch“, DER SPIEGEL, 27. August 1984. In einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heißt es allerdings, der Spitzname „Ben Wisch“ sei ihm durch den Bundeskanzler und SPD-Chef Willy Brandt aufgrund seiner guten Kontakte in den arabischen Raum zuteilgeworden. Der „Held von Mogadischu“ ist tot, FAZ, 25. Februar 2005. Allerdings wird das auch in dem Artikel in den Kontext von Wischnewskis pro-algerischen Aktivitäten gestellt.
  5. Der „Held von Mogadischu“ ist tot, Artikel vom 25. Februar 2005 auf FAZ.NET
  6. Deutsch-Arabische-Gesellschaft: SPD boykottiert Möllemann Der Spiegel 13. Juni 2002 Von Severin Weiland
  7. SPD verlässt Deutsch-Arabische Gesellschaft Streit um Möllemann zieht Kreise Berliner Zeitung 14. Juni 2002 Von Gerold Büchner
  8. Verdienstordenträgerinnen und -träger seit 1986. Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, abgerufen am 11. März 2017.