Hôpital de la Salpêtrière

Krankenhaus
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Das Hôpital de la Salpêtrière in Paris war im 19. Jahrhundert die wohl bekannteste psychiatrische Anstalt Europas. Unter der Bezeichnung Hôpital Universitaire Pitié Salpêtrière ist es heute noch ein Krankenhaus.

Stich von L'Hopital de la Salpêtrière um 1660 von Adam Pérelle gestochen.
Hôpital de la Salpêtrière

GeschichteBearbeiten

 
Charcot demonstriert die Hysterie-Patientin Blanche Wittman im Hörsaal der Salpêtrière. Gemälde von André Brouillet 1887.

Das Hôpital de la Salpêtrière wurde auf Veranlassung Ludwig XIV. (1638–1715) zusammen mit dem Hôtel des Invalides als Krankenhaus gebaut. Verantwortlich für das Bauprojekt war Louis Le Vau, Libéral Bruant († 1697) wurde mit dem Entwurf der Kapelle betraut.[1] Der Name stammt von einer früheren, unter Ludwig XIII. gegründeten Fabrik auf dem Gelände, in der Munitionspulver, das Salpeter enthielt, hergestellt wurde. Die Salpêtrière war ein gigantischer Moloch mitten in Paris mit bis zu 8.000 Patienten. Im Jahre 1656 als Hospital besonders für Frauen und Geisteskranke[2] eingerichtet, bildete sie das zentrale Element des Hôpital général (Zusammenschluss staatlicher Hospitäler) und galt auch als das „größte Asyl Europas“. Das Hôpital général sollte alle Armen und Bettler aufnehmen und sie somit der Stadt fernhalten. Die Wegsperrung der meisten von ihnen fand aufgrund von richterlichen Anordnungen statt.[1]

Unter den Patienten herrschte eine strenge Hierarchie. Ganz unten, in „Les Loges des Folles“, vegetierten Alte, Bettler, Geschlechtskranke, Prostituierte, gescheiterte Selbstmörder, Epileptiker, Demente und chronisch Kranke im Dunkeln vor sich hin, ganz oben „paradierten die Stars“.

1795 übernahm der Psychiatrie-Reformer Philippe Pinel die Leitung der Klinik „und nahm dort den Kranken die Ketten ab“, was jedoch nicht wörtlich zu nehmen ist. Sein Schüler Jean Étienne Esquirol unterstützte ihn dort von 1810 bis 1826.[3]

Für die öffentlich zur Schau gestellten Patientinnen – die mitunter auch perfekte Schauspielerinnen in ihrer Rolle als Hysterikerinnen waren – und ihre behandelnden Ärzte war eigens ein Amphitheater auf dem Gelände der Salpêtrière gebaut worden.[4]

Die Salpêtrière war am Ende des 19. Jahrhunderts das Zentrum der Forschungen zur Hysterie. Auch der Neurologe Jean-Martin Charcot (1825–1893) lehrte dort. 1885 traf er hier auf Sigmund Freud und unterrichtete ihn über Hypnose und Hysterie.[5]

1911 zog auch das 1612 als Armenhaus gegründete (später Waisenhaus und ab 1809 Teil des Hôtel-Dieu de Paris) und 1896 am alten Platz – dort, wo heute die große Moschee von Paris ist – aufgelöste Hôpital de la Pitié neben das Salpêtrière. 1964 wurde das Hôpital de la Salpêtrière mit dem Hôpital Pitié zum „Hôpital de la Pitié-Salpêtrière“ zusammengeführt. Dies gehört heute zur Universität Pierre und Marie Curie (UPMC), einem Teil der Sorbonne.[6]

Das Gelände des Krankenhauses beherbergt das Institut du cerveau et de la moelle épinière.

Bekannte ÄrzteBearbeiten

Berühmte PatientenBearbeiten

Berühmte Patienten, die in diesem Krankenhaus starben sind u. a.

TriviaBearbeiten

Hôpital de la Salpêtrière in der LiteraturBearbeiten

  • Literarisch verankert ist die Klinik im Roman „Das Buch von Blanche und Marie“ von Per Olov Enquist (2004, Stockholm). Heldin des Romans ist Blanche Wittman, die „Königin der Hysterikerinnen“. Sie wird im Roman nach dem Tod von Charcot die fiktive Assistentin der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie. Der Charakter der Fiktionalität von Blanche Wittman wird von Enquist ausdrücklich betont und sollte nicht Anlass zu Annahmen geben, darin eine reale Verbindung zwischen der realen Chemikerin und der Romanfigur zu vermuten
  • Das Krankenhaus ist auch ein Aufenthaltsort des Protagonisten in W. G. Sebalds Austerlitz nach seinem Nervenzusammenbruch als Folge eines frühkindlichen Traumas
  • Das Hospital im Jahr 1884 ist auch Hauptschauplatz der Geschehnisse in Vera Bucks Debütroman Runa.
  • Die Hauptfigur von Rainer Maria Rilkes einzigem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) besucht das Krankenhaus in der neunzehnten Aufzeichnung und beschreibt ausführlich eine Reihe von Kranken und Ärzten
  • Lothar Müller, Adrien Proust und sein Sohn Marcel : Beobachter einer erkrankten Welt, Wagenbach Verlag 2021

Hôpital de la Salpêtrière in Film, Musik und VideospielBearbeiten

  • Die Salpêtrière diente als Ort der Dreharbeiten für den Film Cléo de 5 à 7
  • 2007 veröffentlichte Amy May alias Paris Motel das Album „In The Salpêtrière“, das den Namen der Nervenheilanstalt als Metapher nutzt
  • In dem im November 2014 erschienenen Videospiel „Assassin’s Creed Unity“ stellt das Hôpital de la Salpêtrière einen der zahlreichen Schauplätze dar

LiteraturBearbeiten

  • Leroy, Alphonse Vincent Louis *1741-1816*, Motifs Et Plan D'Etablissement Dans L'Hôpital De La Salpêtriere, D'Un Séminaire De Médecine Pour l'enseignement des maladies des femmes, des accouchements et de la conservation des enfants / Présenté A L'Assemblée Nationale Par Alphonse Le Roy, Tübingen, Universitätsbibliothek, [2016] (Original: 1790)
  • Daudet, Alphonse, Trois souvenirs : Au Fort-Montrouge ; À la Salpêtrière ; Une leçon, [s.l.] : Ligaran, 2016
  • Gerö, Georg, Die Beziehung der Breuer-Freudschen Hysterie-Theorie zu den Lehren von Charcot und der Schule der Salpêtrière, Berlin, Stückrath, 1932
  • Gilles de la Tourette, Georges, Die Hysterie : nach den Lehren der Salpêtrière, Leipzig [u.a.], Deuticke 1894

WeblinksBearbeiten

Commons: Hôpital de la Salpêtrière – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Eric Hazan: Die Erfindung von Paris: Kein Schritt ist vergebens. Zürich 2006, ISBN 3-250-10485-X, S. 237–238.
  2. Magdalena Frühinsfeld: Kurzer Abriß der Psychiatrie. In: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–80 (Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie) und 81–96 (Geschichte der Psychiatrie in Würzburg bis Anton Müller), S. 69 f.
  3. Magdalena Frühinsfeld: Kurzer Abriß der Psychiatrie. 1991, S. 67–78.
  4. Lothar Müller (Journalist), Adrien Proust und sein Sohn Marcel : Beobachter einer erkrankten Welt, Wagenbach Verlag 2021, S. 49f.
  5. https://sciodoo.de/sigmund-freud-parisreise-zur-salpetriere-arbeit-mit-charcot, zuletzt aufgerufen am 26. November 2021/
  6. Université Pierre et Marie Curie. Abgerufen am 23. August 2014.
  7. Lothar Müller, Adrien Proust und sein Sohn Marcel : Beobachter einer erkrankten Welt, Wagenbach Verlag 2021, S. 49ff.
  8. https://www.spiegel.de/kultur/der-mensch-verschwindet-a-7da3c98a-0002-0001-0000-000013679796, zuletzt abgerufen am 26. November 2021

Koordinaten: 48° 50′ 16″ N, 2° 21′ 51″ O