Geschichte von STATTBAU

Geschichte eines Unternehmens

Die Geschichte von STATTBAU (Gründung als Stattbau) ist die Geschichte eines Unternehmens, das im Zusammenhang der von den Jugendgenerationen ausgehenden Bewegungen der Nachkriegszeit – den 68ern und der Alternativbewegung – erheblichen Einfluss auf den politischen Konflikt um die Stadterneuerung in West-Berlin und nach der Wende auf die Stadtsanierung in Ost-Berlin und damit auf die Baupolitik in der unmittelbar vereinigten Großstadt nehmen konnte.

Sitz der Firma STATTBAU 2003/2019 in der modernisierten Auferstehungskirche (Berlin-Friedrichshain)
Seit Dezember 2019 Sitz von STATTBAU in der Hermannstraße in Neukölln (Februar 2020)

Grundlage für die erste Aufgabenstellung zur Befriedung des Stadtgeschehens in West-Berlin nach einer Eskalation der Hausbesetzerkämpfe 1981 war eine breit angelegte ‚Bündnispolitik‘ auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen und eine rasche fachliche Qualifizierung der Gründergruppen und Unterstützer. Damit konnte ein politischer Kompromiss im Senat erzielt werden, der zum Ende der Flächensanierung der Altbauviertel und zur Legalisierung und Sanierung eines hohen Anteils der besetzten Häuser führte.

Die Bewältigung dieser komplexen Problemstellung im Rahmen des Konzeptes der Behutsamen Stadterneuerung bis Ende der 1980er-Jahre qualifizierte STATTBAU danach vor allem für Kommunikations- und Steuerungsprozesse in Ostberliner Stadtteilen und für musterhafte Sanierungsaufgaben.

Dabei entfalteten sich Kooperationen mit Senatsverwaltungen im Bau- und Sozialbereich, die auch nach der Umbildung Berlins zur deutschen Hauptstadt in vielen Bereichen Bestand hatten und auch den städtisch-staatlichen Finanzierungsverlust nach der Haushaltsnotlage in Berlin 2002/05 in Bezug auf eine sozial orientierte Steuerung privater Investitionen überlebten. Entsprechend diversifizierte auch STATTBAU seine Aktivitäten.

GründungBearbeiten

Die Gründung von Stattbau fand vor dem Hintergrund bis dahin in der Nachkriegszeit unbekannter Unruhen in der Bevölkerung West-Berlins Anfang der 1980er Jahre statt.

 
15 Flächensanierung: Abriss des Block 104 in Kreuzberg 1980

HintergrundBearbeiten

Im Rahmen der Flächensanierung, die ab 1964 als Konzept der Stadtentwicklung in Berlin den Abriss der Altbau-Stadtquartiere zugunsten von Neubauten vorantrieb, kam es nach eher deklamatorischem Widerstand Mitte der 1970er Jahre[Anm 1] ab 1979 zu ersten „Instandbesetzungen“, die ab Frühjahr 1981 in eine Welle von Hausbesetzungen vor allem in Kreuzberg und Schöneberg mündeten. Der Versuch der Senatspolitik, mit Polizeieinsätzen diese ‚Sanierungshemmnisse‘ zu beseitigen, scheiterte nicht nur an der ausdauernden Konfliktbereitschaft der meist jugendlichen Besetzer, sondern auch an deren Unterstützung in der Bevölkerung und in Institutionen.

Hinzu kam Widerstand gegen die „Kaputtsanierung“ unter Stadtplanern, Architekten und selbst in Behörden. Mit dem Senatsbeschluss zur Ausrichtung einer Internationalen Bauausstellung (IBA), zuerst geplant zum Jahr 1984, konnten die Opponenten gegen die Sanierungspraktiken der 1960/1970er Jahre eine gut finanzierte Projekt- und Veranstaltungsreihe nutzen, um mit der „Behutsamen Stadterneuerung“ ein auch in der Politik schließlich mehrheitsfähiges Konzept zu erstellen, das im Verlauf der 1980er Jahre zu einer Umorientierung in der Stadterneuerung Berlins führte.

Umfassend siehe: Stadterneuerung Berlin: Hintergrund der Konflikte der 1970/80er Jahre

Faktisch wurde die Flächensanierung durch die im Sommer 1981 rund 170 Häuser zählenden Besetzungen gestoppt, die jedoch juristisch als Rechtsbruch gewertet, den Innensenator Heinrich Lummer zu massiven Gegenmaßnahmen veranlassen konnten. Die zahlreichen Räumungen führten dann zu Straßenkämpfen, die sich zu ‚bürgerkriegsähnlichen Unruhen‘ steigerten.

Nachdem im September 1981 im Rahmen einer Großaktion der Polizei der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay ums Leben kam, wurden auf Initiative des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker vom Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin, Martin Kruse, Gespräche vermittelt, mit dem Ziel einer dauerhaften „friedlichen“ Lösung der Konflikte. Zum Partner im Kontakt zu den Hausbesetzer-Gruppen wurde die Organisation Netzwerk Selbsthilfe e.V., eine Gründung der 68er-Bewegung zur Finanzierung von Alternativprojekten, gewonnen.

Weg zur KonfliktlösungBearbeiten

Der Vorschlag, einen alternativen Sanierungsträger für ‚verhandlungsbereite Häuser‘ einzurichten, ließ sich erst nach heftigen internen Auseinandersetzungen auf beiden Seiten mit einem die Verständigung permanent gefährdenden, wechselseitigen Aktionismus erreichen. Netzwerk hatte im April 1982 zunächst einen Sanierungsträger mit Namen Netzbau gegründet, der jedoch von einer Mitgliederversammlung im Dezember 1982 nach einer als beabsichtigte Provokation durch den Innensenator gewerteten Räumung, wieder aufgelöst worden war.

Zur Problematik: Gründungsphase Netzbau/Stattbau

Nach erneuerten Gesprächen kam es zu einer Aufhebung des Auflösungsbeschlusses und zu einer auf erweiterter Grundlage stehenden und von Netzwerk abgelösten Gründung des Sanierungsträgers Stattbau im März 1983. Am 13. Juli 1983 wurde Stattbau ins Handelsregister eingetragen.

 
Treffen des Aufsichtsrats von Stattbau 1983 im Block 103

Stattbau im Mittelpunkt der „friedlichen Lösung“Bearbeiten

Der Verständigungsprozess erwies sich auch durch das Engagement der Bausenators Ulrich Rastemborski als stabil und das Hauptproblem – die Anpassung von Verhandlungslösungen an juristische Strukturen –, wurde durch das vom Berliner Abgeordnetenhaus im März 1983 „zustimmend zur Kenntnis genommene“ neue Konzept mit den „12 Grundsätzen der Stadterneuerung“ ermöglicht.

Dadurch wurde den großen Wohnungsbaugesellschaften, den hauptsächlichen Eigentümern der Altbauten in den Sanierungsgebieten und dadurch auch der besetzten Häuser, ein Großteil ihrer operativen Instrumente entzogen. Es setzte sich in diesen Gesellschaften zunehmend das Interesse durch, diese Häuser ‚abzustoßen‘. Zumal durch die vorangegangene Subventionierungspolitik des Senats die Verluste gering waren und durch das neue Sanierungskonzept höhere Kosten erwartet wurden.

In Fällen, in denen diese Interessen noch anders lagen, ließ Innensenator Lummer auch ohne Rücksicht auf Zusagen des Bausenators räumen (Juni 1983). Nachdem er noch weiter desavouiert worden war, trat Bausenator Rastemborski im August 1983 überraschend zurück: „Zweimal durchkreuzte der Innensenator diese Pläne durch überraschende Räumungen. Polizeisenator Lummer vereitelte auf diese Weise, was Bausenator Ulrich Rastemborski betrieben hatte.“[1]

Einige Tage später jedoch – am 5. September 1983 – unterschrieb „der neue Bausenator Franke [FDP ..], von Richard von Weizsäcker in die Pflicht genommen, den unterschriftsreifen Sanierungsvertrag von Stattbau.“[2]

Im Rahmen des Vertragsabschlusses zu den Blöcken 103 und 104 erhielt Stattbau 1983 den „Treuhänderstatus des Landes Berlin“.

ArbeitsaufnahmeBearbeiten

Da die Mitglieder der Gruppe Netzbau in der Neugründung verblieben und es bereits im „Februar 1983 nach langen Gesprächen zwischen Baustadtrat Orlowsky, der IBA und den Bewohnern des Blocks 103“ zu Regelungen gekommen war, erhielten die Bewohner der zu sanierenden 50 % der Stimmen im Aufsichtsrat.“

„In der Stattbau GmbH ist das eigene Selbsthilfeorgan der Bewohner, der früheren Besetzer, mit 20 Prozent vertreten und mit 80 Prozent der Verein ‚Leben im Stadtteil‘, das sind unter anderem kirchliche Vereinigungen, aber im Aufsichtsrat, der erhebliche Mitbestimmungs- und Kontrollbefugnisse hat, sind die Bewohner mit 50 Prozent vertreten. […] Damit ist ein mehr als zwei Jahre währendes, leidenschaftliches, von Gewalt begleitetes Ringen zunächst zu einem vernünftigen und friedlichen Ende gekommen, und zwar im Rahmen der geltenden Rechtsordnung, die sich als durchaus flexibel erwiesen hat.“

Hans Herbert Götz: Selbstverwaltete Sanierung in Kreuzberg, FAZ, 12. Oktober 1983

Geschäftsführer war bereits bei Netzbau Gert Behrens, der die Position dann auch bei Stattbau bis 1985 übernahm. Danach wurde Franziska Eichstädt-Bohlig Geschäftsführerin; ab Mai 1986 zusammen mit Siegfried Kleimeier.

Stattbau selbst setzte sich die „Entwicklung einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft zum Ziel, die außer dem Erhalt von preiswertem Wohnraum, der Unterstützung der Bewohnerselbsthilfe bzw. Organisation auch der Schaffung von Arbeitsplätzen verpflichtet ist.“[3]

 
Das besetzte Eckhaus Oranienstraße 198 am Heinrichplatz 1981

Die Verträge zur Übernahme von 11 Häusern der Wohnbaugesellschaft Samog im Block 103 in Kreuzberg fand am 11. Oktober 1983 statt. „Mit Hilfe von öffentlichen Darlehen hatte Stattbau für mehr als 2 Millionen DM im Oktober [1983] die Häuser erworben.“[4] Hinzu kam schließlich noch ein weiteres Haus im Block 103 und das Eckhaus, Block 104, Heinrichplatz, die Oranienstraße 198.

Nun war der Sanierungsprozess in den durch eine ‚vorbereitende Zerstörung' der Bauwirtschaft oft stark beschädigten Inneneinrichtungen der Häuser über die Improvisationen der Instandbesetzer hinaus planerisch und technisch zu bewerkstelligen. Im Rahmen der Hausbesetzerbewegung und den konzeptionellen Arbeiten waren in den 1980er-Jahren Gruppen entstanden und Einzelpersonen aktiv, die zahlreiche Regulierungstätigkeiten, die die Besetzer auch überfordert hätten, planen und durchführen konnten.

Detailliert siehe: Sanierung und Legalisierung

Erstprojekt Block 103 und 104Bearbeiten

„Drei Monate nach dem Erwerb von 13 Häusern mit mehr als 200 Wohnungen rund um die Kreuzberger Oranienstraße hat man eine erste Erwartung erfüllen können. Mit Selbsthilfe der Mieter machte man die Haussubstanz ‚winterfest‘ und sparte dabei ein Drittel der Mittel ein, die von der Senatsbauverwaltung bereitgestellt waren.“[5]

Maßnahmen in der Wohnung, am Gebäude und im direkten Wohnumfeld wurden in Hausversammlungen und Gesprächen abgestimmt; einen Teil der Maßnahmen mussten die Mieter in Eigenleistung erbringen. „Konsens war, daß unter ökologischen Zielsetzungen, bei gleichzeitigem Erhalt von niedrigen Mieten, gebaut werden sollte.“ Die vielfältige Maßnahmenförderung – auch ökologische Sonderbaumaßnahmen – beschaffte und regelte Stattbau.

Stattbau zwischen den Stühlen

Bereits im Vorfeld, im August 1983, entstand das Blockbüro mit der Idee, die Anforderung, die der zu erwartende Sanierungsprozess an die Bewohner der verschiedenen Häuser stellen würde, „aufzubereiten und zur Diskussion zu stellen.“ Das Büro knüpfte an die bereits in der Besetzerzeit eingerichteten Strukturen wie Hausversammlungen und den Blockrat an. „Die Leute aus dem Blockbüro [waren] dem Blockrat gegenüber rechenschaftspflichtig.“ Es gab auch ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber dem neuen Sanierungsträger – „keine angenehme Situation für die bei Stattbau Tätigen und einerseits nur durchzuhalten in dem Glauben, das Richtige zu tun, andererseits Stattbau so durchsichtig zu halten wie möglich und keine Verantwortlichkeiten zu übernehmen, die nicht von Stattbau sind. Die Häuser müssen ihre Möglichkeiten zwischen Anspruch und Fähigkeiten herausfinden, die politisch Verantwortlichen müssen es auch bleiben.“[6]

Nach dem Legalisierungsprozess der Häuser, der häufig noch einem ‚Tauziehen‘ glich, zeigte sich schon bald, dass die Beteiligungsregelung die Bewohner überforderte, da sie die „Papierflut“ und die damit verbundenen administrativen Anforderungen nicht bewältigen konnten – Stattbau passte die Entscheidungsstrukturen auf den Einbezug „aktiver Bewohner“ hin an und richtete einen „Projektbeirat“ mit weitgehenden Informations- und Kontrollrechten ein.

Neben den konkreten Sanierungszielen entwickelte STATTBAU bereits weitere ‚Instrumente‘ in der Bauorganisation, die auch die soziale Seite des Gesamtprozesses förderten.

Qualifizierungskonzept

In Anbetracht, dass Bautätigkeit ein arbeitsintensiver Vorgang ist – „ca. 70% der Gesamtbausumme“ entfallen auf „die kleinteilige, gewerkeweise Auftragsvergabe an kleine und mittlere Betriebe und Büros“ – und „ein weiterer Teil des Auftragsvolumens wird an Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekte vergeben“, legte Stattbau einen Schwerpunkt auf diesen Aspekt „zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.“

„Von 1985 bis Mitte 1988 arbeiteten insgesamt 50 arbeitslose BewohnerInnen im Rahmen eines Beschäftigungsprojektes an der Instandsetzung ihrer Häuser. […] Über drei Jahre (ab 1988) werden insgesamt 36 langzeitsarbeitslose junge Erwachsene […] als SanierungshandwerkerInnen angelernt. (‚Combobau‘).““

S. Kleimeier: Stattbau – Pilotprojekt, S. 163.

„Nach 2jährigem Durchhaltevermögen war die Schiene der Finanzierung der Baumaßnahmen geklärt, die Hauskonzepte standen, die Ökomaßnahmen im Blockverbund waren beschlossen.“ Die Hausbewohner waren stark beansprucht und verloren ihr Interesse an dem Engagement in Stattbau: Der Informationslevel dort konnte nicht mitgehalten werden und dies führte auch zu einem ‚Rückzug‘ aus den Gremien, sodass „Stattbau wegen permanenter Beschlußunfähigkeit des Aufsichtsrats für zukünftige Aufgaben außerhalb des Blocks 103 eine andere Entscheidungsstruktur“ einrichtete: Der Aufsichtsrat wurde „aufgelöst und durch einen Fachbeirat ersetzt“. Die Bewohner waren ursprünglich mit 50 Prozent vertreten.

Von Beginn der Arbeiten an waren jedoch in den ehemals besetzten Häusern auch Fragen der Verwaltung zu klären. Da sich die meisten Bewohner dabei durch den hohen Bedarf an Fachwissen („Papierflut“) und an Zeit überfordert gefühlt hatten, entschieden sich 1983 nur zwei der dreizehn Häuser für die Selbstverwaltung, während die übrigen sich „normal“ verwalten lassen wollten. Vorübergehend übernahm Stattbau diese Aufgabe, doch konnte die Firma diese Funktion wegen des „Reprivatisierungsgebots für Sanierungsträger“ nicht dauerhaft übernehmen.

Nachdem Sanierung und Legalisierung als gelungen gelten konnte, musste die Verwaltung der Häuser „von Stattbau gelöst werden“ und die Ex-Besetzer entschieden sich für den „Aufbau eigener Organisationsstrukturen […] und gründeten im April 86 die Genossenschaft Luisenstadt e.G.“[7]

 
Sitz der Luisenstadt e.G. am Heinrichplatz

GenossenschaftsgründungBearbeiten

Nach einer Übergangszeit übernahm die Luisenstadt eG am 1. Januar 1990 die ersten Häuser des Blocks 103 in Erbpacht zu Mieten von 3.80 DM kalt pro qm. Die restlichen Häuser sollen [und wurden] im Laufe des Sommers an „die Luise“ übertragen werden. (G. Trisolini, 3). Die Bewohnergenossenschaft fungiert auch als Betreiberin eines Energieversorgungsunternehmens (Blockheizkraftwerk und Solargenerator im Verbund).

„Durch Übertragung nach Sanierung an die Genossenschaft Luisenstadt sind die Häuser langfristig vor einem Verkauf sicher und die Bewohner zahlen eine vergleichsweise geringe Miete.“[8]

Abschluss und NeubeginnBearbeiten

Das sensible, über die Jahre von Politik, Öffentlichkeit und auch der IBA beobachtete bis dahin beispiellose Vorhaben wurde auch daran gemessen, dass keine der beteiligten Akteure einen ‚Hauptanteil‘ am Gelingen für sich reklamierten:

„Gemeinsam mit ‚Stattbau‘ und der Architekturfakultät der Technischen Universität, unterstützt von S.T.E.R.N. und vielen Einzelpersonen, entwickelten die Bewohner ein neues Nutzungskonzept für große Gemeinschaftswohnungen und Dachausbau […] in Eigenarbeit. Dabei kam auf Initiative von ‚Stattbau‘ die Beschäftigung der meisten Bewohner in einem Projekt zustande, das mit Paragraph 19.1. des Bundessozialhilfegesetzes (‚Hilfe zur Arbeit‘) und ABM-Mitteln finanziert wurde.“[9]

Neuorganisation von StattbauBearbeiten

Die Neuregelung von Stattbau mit neuer „arbeitsfähige[r] Gesellschafterstruktur“ hatte die Mitbestimmungsrechte des Aufsichtsrates an die Gesellschafterversammlung übertragen. Die Stimmrechts- und Kapitalverteilung gestaltete sich 1989 folgendermaßen:

  • SUN e.V. als Kiez-Bewohner-Organisation: 2 Stimmen / 20.000 DM
  • List als Patenverein und Personen des öffentlichen Lebens: 2 Stimmen / 20.000 DM
  • Wohnbund Landesverband Berlin: 1 Stimme / 10.000 DM,
  • Mitarbeiter von Stattbau: 2 Stimmen / 20.000 DM

Mit der Kapitalerhöhung durch den SUN e.V. waren die Bewohner des Block 103 doch noch in Stattbau vertreten. Es ging mit dieser Maßnahme auch darum, dass „es für Berliner Treuhänder zur Pflicht werden (sollte), daß die Mieter direkt in den entscheidungsbefugten Gremien mitbestimmen können.“ (Trisolini, S. 4)

 
Bewohnerfest im Block 103, 1993

„Und doch ist Stattbau-neu auch noch die alte Stattbaugesellschaft, wie bereits der erste Satz des neuen Positionspapiers zeigt: Erneuerung von Altbauten gemeinsam mit Bewohnern und Nutzern, Entwicklung von Modellen für kleinteilige, stadtteilbezogene Altbauerneuerung, Übertragung der Grundstücke in gemeinschaftliches Eigentum der Bewohner, dazu Ökologie, Arbeitsbeschaffung, Qualifizierung ...“[10]

Fazit Block 103/4

„In diesem Rahmen wurden ca. 12.000 qm Wohn- und Nutzfläche vorbildlich instandgesetzt und modernisiert, die ursprünglich als abbruchreif eingestuft wurden. Die Gesamtkosten incl. Planung (beliefen) sich auf ca. 20 Millionen DM für Instandsetzung und Modernisierung; sowie 6,3 Millionen DM für ökologische Sonderbaumaßnahmen.“[11]

Stattbau setzte den Erfahrungsgewinn in den (auch unerwarteten) Lernfeldern in neue Arbeitsbereiche um, so in der Qualifikation von Laien als Sanierungshandwerker und -helfer. Die Vertragsvereinbarung setzte auch einen Eigenanteil der Bewohner der zu legalisierenden Häuser an, doch stellte sich rasch heraus, das die von diesen bei den Instandsetzungsarbeiten erworbenen Fähigkeiten unzureichend oder einseitig waren.

Stattbau schuf aus diesen Erfahrungen und „Beschäftigungsprojekten“ das Qualifizierungsprojekt Combo-Bau, in dem 1990 „36 junge Erwachsene die Gewerke Tischlern, Mauern und Zimmern“ durchliefen. Die Hälfte der Plätze waren mit Frauen besetzt und zur Anleitung waren neun Stellen mit Handwerkern, darunter drei Frauen, vorhanden.[12]

Erweiterung der ArbeitsfelderBearbeiten

1990 wurden weitere Qualifizierungsprojekte eingerichtet:

  • »Rat und Tat« (Akademikerqualifizierung im ökologischen Stadtumbau)
  • »KirchBauhof« (Umbau/Instandsetzung von Kirchenbauten)
  • »Friedrichshain« (Qualifizierungsprojekt im Ostberliner Bezirk)

„Die Verbindung von Arbeitsplatzbeschaffung, Qualifizierung und Weiterbildung mit einer ökologisch ausgerichteten Bautätigkeit ist mittlerweile [Oktober 1990] eines der wichtigsten Betätigungsfelder des Treuhänderischen Sanierungsträgers Stattbau im Rahmen der sozial orientierten Stadterneuerung.“

Damit hatte das Unternehmen Stattbau seine Gründungs- und Bewährungsphase absolviert.

Resümee 1990Bearbeiten

 
Auf den Dächern des Block 103, 1991

Stattbau zog mit der ersten Ausgabe seines Infos stattblatt im Juli 1990 „Resümeeversuche“: Mit teils provokativen Fragestellungen wurde die Entwicklung von „ehemaligen Besetzern zu Besitzern“ und der Status eines Trägers, „der mit dem Ziel angetreten ist, sich selbst überflüssig zu machen“, reflektiert.

Noch wurden vor allem Details der eigenen und gemeinsamen Geschichte aufgelegt und der komplexe Prozess „zwischen Bürokratie und Autonomie“ thematisiert. Als „vorläufige Bilanz“ beschreibt Geschäftsführer Gerd Behrens auf Basis der kooperativen Sanierung des Problem-Hauses Oranienstraße 198, zum einen die Absicherung der „Wohnverhältnisse der Ex-Besetzer“ und „das Arbeitsbeschaffungs- und Qualifizierungsprogramm von STATTBAU“ als Erfolg, der seine Fortsetzung in der Gründung der Selbstverwaltung Luisenstadt e.G. fand, „die zunehmende Ausstrahlung auf vereinzelte, isolierte Hausgruppen und -gemeinschaften (besitzt).“ Fakt sei jedoch auch, dass das „Experiment STATTBAU […] im Sinne einer Wirkung auf die allgemeinen sozialen und politischen Verhältnisse […] ein nur sehr schwach wahrnehmbares Echo gefunden habe.“[13]

Noch charakterisierte Behrens ein dreiviertel Jahr nach dem Mauerfall Berlin als „schlafende[r] Hauptstadtriese […, der] beginnt seine Glieder zu recken und träumt von Berlin-Brandenburg.“ Auch weitere Beiträge im stattblatt verbleiben im ‚Klein-klein‘ der Kreuzberger Verhältnisse – bedauern auch das Verpuffen des Konzeptes der behutsamen Stadterneuerung: ohne zu ahnen, dass die Dynamik der Wiedervereinigung im direkten Zusammengehen von West- und Ost-Berlin exakt das neue Konzept in den Vordergrund bei der Sanierung der östlichen Stadtbezirke bringen und STATTBAU dabei zu einem der führenden Akteure machen wird.

Lediglich ein Bewohner eines besetzten Hauses, der zur Entwicklung seiner Befindlichkeiten im jahrelangen Sanierungsprozess befragt wird, wies darauf hin:

„Das was wir hier in den letzten Jahren an know-how erworben haben, sollte auch in der DDR Fuß fassen, denn es sind erhebliche Anstrengungen erforderlich. Die Bauweise in der DDR – Stichwort: Plattenbauweise – ist schlichtweg atemberaubend. Unsere Erfahrung, die Stadt als organisch gewachsene Einheit zu betrachten, muß auch ‚drüben‘ so begriffen werden.“

Albrecht Gramberg im stattblatt-Interview, Nr. 1 / (07-1990), S. 10.

Doch auch ohne dezidierte Antizipation der Zukunft habe sich STATTBAU bereits „auf den Weg nach neuen Zielen“ gemacht, „sie (haben) sich nach neuen Ufern umgesehen und sind ja auch fündig geworden.[…] Der Block [103] hat sich auf seine Insel hin entwickelt, da sitzen wir wie auf eine Scholle und stellen fest, daß wir an anderen Ländern vorbeitreiben.“[14]

Das Kapitel Hausbesetzungen der 1980er Jahre galt bei der Selbstverwaltung Luisenstadt e.G. in sicheren Händen und Kreuzberg war für STATTBAU nun eine „Geschichtswerkstatt“.

„Im August 1989 hat Stattbau fünf weitere Häuser von der GSG übernommen. Auch diese Häuser sollen in absehbarer Zeit instandgesetzt und modernisiert werden. Als Ziel für diese Häuser, die nicht von Gruppen, sondern von türkischen und deutschen Familien und deutschen Einzelpersonen bewohnt werden, ist auch hier angestrebt, eine Sanierung durchzuführen, die mit den Mietern abgestimmt ist und die ihren Bedürfnissen gerecht wird.“[15]

Entwicklung nach der WendeBearbeiten

Nach Abschluss der Sanierung und Legalisierung besetzter Häuser, der Gründung der Luisenstadt eG und der Neuorganisation eigener Gremien, firmierte Stattbau in STATTBAU um.

Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung von West- und Ostberlin galt der „alternative“ Sanierungsträger in der Zeit improvisierter Notmaßnahmen ab 1990, als eines der in der komplexen Gemengelage handlungsfähigen Unternehmen: Das Konzept der Behutsamen Stadterneuerung mit seiner Verbindung von wohnungs-, sozial- und arbeitspolitischen Maßnahmen galt „in vielfältiger Form auf Ost-Berliner Gebiet und das Umland übertragbar.“[16]

Die zweite Gesellschaft, die neben einigen kleineren Büros zum Zuge kam, war die 1985 aus der Organisation und Durchführung der Internationalen Bauausstellung (IBA) durch Gründung von Hardt-Waltherr Hämer hervorgegangene S.T.E.R.N. Hämer war der Direktor der Altbau-IBA und auch Unterstützer von Stattbau in der Gründungsphase.

Politisch gleichsam ‚spontan‘ verabschiedete der West-Berliner Senat 1990 das „25-Millionen-Programm“, um die gefährdetsten Altbaubereiche im Ostteil der Stadt zu schützen, eine Sanierung in Gang zu bringen und auch die Kooperation mit den Behörden in Ost-Berlin zu erproben.

> Siehe: 25-Millionen-Programm

Offensichtlich wurde, dass nicht nur in Ost-Berlin der Zustand der Stadtviertel desolat war, sondern auch im Umfeld und letztlich in der gesamten DDR die Stadtkerne zumeist nur graduell verschieden in katastrophalem Zustand waren. So erhielt STATTBAU 1992 auch den „Treuhänderstatus des Landes Brandenburg“.

Gesamtberliner StadterneuerungBearbeiten

Zentral blieben jedoch die Projekte im „Stadtumbau Berlin“, da im Westteil laufende Vorhaben weitergeführt und im Ostteil neu aufgelegt werden mussten. In Friedrichshain und Prenzlauer Berg war von Vorteil, dass sich hier ebenso in den 1980er Jahren Bürgergruppen gebildet hatten, die sich gegen den dortigen Altbau-Abriss wehrten und die nun in eine Bürgerbeteiligung einbezogen werden konnten.

Erstes Gesamtberliner Stadterneuerungsprogramm

Das Programm wurde 1993/95 aufgelegt. Es wies 22 Sanierungsgebiete aus.[17] Im Rahmen dieses nun ohne Beteiligung der ehemaligen Ost-Berliner Verwaltung aufgelegten Erneuerungsprogramms wurde STATTBAU mit der Sanierung von zwei Stadtteilen beauftragt:

  • Sanierungsbeauftragung für das Samariterviertel in Berlin Friedrichshain (ab 1997: Tätigkeit als Sanierungsbeauftragte)
  • Sanierungsbeauftragung für Berlin Oberschöneweide (1999: Tätigkeit als Quartiersmanager)

Das Programm zur Sanierung von 22 Gebieten in Berlin erwies sich als Kraftakt, der offensichtlich noch in Gang gebracht wurde, jedoch den Haushalt der Stadt Berlin mit überforderte und für die Zukunft zu einer Neubestimmung der bislang staatlich durchgeführten Sanierungsmaßnahmen zwang:

Detailliert: Zwischenbilanz und Haushaltsnotlage

Chronik der Aktivitäten und Projekte (1990 bis 2003)Bearbeiten

In seiner Chronik[18] führt STATTBAU eine Auswahl zum Spektrum seiner Aktivitäten an:

  • 1992: Als Treuhänder Brandenburg wird STATTBAU Sanierungsbeauftragte der Stadt Nauen zur „Neuordnung der Altstadt“ (Vorbereitung, Koordination und Durchführung).
  • 1993: Im Plattenbauviertel Marzahn findet ein Jugendprojekt unter Einbezug der Jugendlichen „in der Form von baulichen Selbsthilfemaßnahmen“ statt.
 
STATTBAU-Plan zum Erneuerungskonzept Samariterviertel
  • 1994 wird STATTBAU Sanierungsbeauftragte für die Altstadt und Innenstadt Oranienburg und die Gebietsentwicklung Neustädter Markt in Leipzig.

In Berlin in Friedrichshain beginnt das Sanierungsverfahren für das Samariterviertel, das bis 2011 begleitet wird (Beauftragung 1993).

  • 1995 werden in Berlin ökologische Defizite, aber auch Potenziale der Plattenbauweise als ökologisches Modellvorhaben beim Umbau der Georg-Lichtenberg-Oberschule ermittelt: „Die Umsetzung der Maßnahmen führt zu einer deutlichen Reduzierung der Betriebskosten.“
  • 1996: Gründung der Bewohnergenossenschaft Friedrichsheim eG, die auch Einrichtung für Gewerberaum einschließt.
  • 1997 werden die STATTBAU Treuhandgrundstücke im Kreuzberger Block 103 „im Rahmen der Privatisierung von der Genossenschaft Luisenstadt eG übernommen.“
  • 1998: Organisation der Sanierung des Industriestandortes Oberschöneweide in Treptow-Köpenick (Berlin), dazu 2007 das Quartiermanagement (Zeitspanne: 15 Jahre).
  • 1999 wird mit dem Evangelischen Kirchenkreis Berlin Stadtmitte eine Projektwerkstatt Stadt.Raum.Kirche initiiert, um eine Bestandsaufnahme kirchlicher Liegenschaften durchzuführen.
  • 2000: Umbau einer ehemaligen Kindertagesstäte in Berlin „Marzahn-Hellersdorf in Systembauweise in ein Zentrum für Frauen und Mädchen.“
  • 2001: Spielplatzumbau im Samariterviertel unter Einbezug der Kinder.
  • 2002: Beiträge zum Berliner Friedhofentwicklungsplan im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und den Bezirksämtern für 76 Friedhöfe.

Einschränkung durch „Haushaltsnotlage“Bearbeiten

Die drastischen Veränderungen in der Stadtentwicklung durch die 2002 offiziell festgestellte „Haushaltsnotlage“ führte unmittelbar zu Förderungskürzungen:

„Die ‚Soziale Stadterneuerung im Altbau‘, die über die Hälfte der Ausgaben für die gesamte Palette der Programme ausmachte, wird vollständig aufgegeben. Öffentlich geförderte Sanierungen von Altbau-Wohnhäusern, die Gesellschaften wie S.T.E.R.N oder Stattbau betreut haben, werden bald Geschichte sein. Damit gibt das Land die Verantwortung der Stadterneuerung de facto an private Investoren ab und gibt ein wichtiges Stück politische Einflussnahme auf den Wohnungsmarkt preis. […] Eine Reform der Programme wäre der Problemlage angemessen, nicht deren Preisgabe.“[19]

Auf die Notlage reagierte der Bausenat mit Initiativen, die zugunsten des Stadtumbaus auch Fördermittel oder Finanzierungen anderer Bereiche erschlossen und zusammen mit den bisherigen Sanierungsträgern versuchten, gegen „private, professionelle und renditeorientierte Immobilienakteure […] ohne die üppige Finanzausstattung […] einen Wechsel von der direkten Steuerung mit Fördergeldern hin zu einer indirekten Steuerung mit rechtlichen Instrumenten“ zu konstruieren.[20]

Neuorganisation der Stadterneuerung ab 2005Bearbeiten

Die Finanzlage Westberlins stand nun unter Druck und die Übernahme der Stadtentwicklung durch private Kapitalgeber, die in den ‚Hauptstadtbereichen‘ selbstverständlich war, schien auch in den Gründerzeitvierteln unvermeidbar. Denn die Konsequenz musste ein Rückzug des Staates aus dem Wohnungsbau sein, um wenigstens die traditionelle Verantwortung für Infrastruktur und soziale Einrichtungen zu bewältigen. Doch galt die Behutsame Stadterneuerung als wertvolle gesellschaftliche Errungenschaft und auch die Hoffnungen und Erwartungen der OstberlinerInnen in den verfallenen, rückständigen Vierteln richteten sich auf eine Demokratisierung, auf Mitwirkung und vor allem auf den Verbleib in ihrem Quartier nach einem Erneuerungsprozess.

Die Frage für die bisherigen Erneuerer war, wie trotz des Ausbleibens der staatlichen Gelder die Kontrolle über die Wohnungsinstandsetzung und Modernisierung erhalten bleiben könnte.

Strategie der StadterneuererBearbeiten

Es musste somit seitens der Behörden eine Methode entwickelt werden, mit der es gelingen konnte, den entscheidenden Einfluss auch ohne ein ‚Diktat des Geldes‘ zu wahren. Die Lösung war, gegen die privaten Kapitalinteressen im Verbund mit ebenfalls privaten, mit dem Sozialgedanken verbundenen Organisationen, ein Gegengewicht zu bilden. Diese privaten Firmen fanden sich mit den ehemals alternativen, mittlerweile erfahrenen Sanierungsträgern.

Der Staat (Senat) behielt sich alle grundlegenden, ‚übergreifenden‘ Maßnahmen vor – die von ihm abhängigen Bezirke regelten die konkreten Ansprüche und Pläne der Investoren und Eigentümer über ein differenziertes Prinzip von Genehmigungen; die Sanierungsträger planten, koordinierten und beauftragten die (Bau-)Maßnahmen und traten damit als die eigentlichen ‚Macher‘ auf, sie steuerten die Bürgerbeteiligung und dienten in allen Konfliktlagen als ‚Prellböcke‘: Entscheidungen, die nicht in ihrer Kompetenz lagen, konnten (und mussten) sie auf die ‚letzte Instanz‘, die Senatsverwaltung lenken. Das war das vielfach ‚offene‘ Geheimnis des Mechanismus und die Grundlage der „Verhandlungsorientierung“ des Gesamtsystems.

STATTBAU wurde ab 2007 mit der Trägerschaft zur Sanierung von Stadtteilen beauftragt. Die Aufgaben wurden über das „Quartiermanagement“ und die Durchführung von Infrastrukturprojekten definiert.

InfrastrukturprojekteBearbeiten

Da der Berliner Senat sich in Fragen der Stadtentwicklung nach der Feststellung der Haushaltsnotlage (September 2002) auf die staatlichen bzw. ‚öffentlichen Aufgaben‘ in der Stadterneuerung zurückziehen musste, wurde der Wohnungsbau (unter dem Versuch, mit Beratung und durch Begünstigungen im Steuerbereich Einfluss zu bewahren) privaten Investitionen überlassen und die Finanzierung auf Infrastrukturmaßnahmen reduziert, die als eigentliche „soziale Leistungen“ dargestellt wurden.

Infrastrukturprojekte begleiten selbstverständlich die Stadtteilsanierung, sie sind aber auch als ‚Einzelprojekte‘ nur punktuell im gesamten Stadtbereich zu verorten, zumal auch dieser Bereich in der staatlichen Förderung auf „Schwerpunktmaßnahmen“ reduziert werden musste. In den Stadtbereichen besitzen die ‚sozialen Komponenten von Infrastruktur‘ jedoch oft hohe Bedeutung.

Der Sanierungsträger „hat insbesondere die Aufgabe, Grundstücke zu erwerben, die für die öffentliche Infrastruktur benötigt werden, also etwa für Grün- und Verkehrsanlagen oder Einrichtungen der sozialen Infrastruktur. Der Grunderwerb soll vorrangig als Direkterwerb durch das begünstigte Fachvermögen des betroffenen Bezirksamtes erfolgen. […] Dazu stattet die Auftraggeberin den Sanierungsträger mit den erforderlichen Finanzmitteln aus, die in ein Treuhandvermögen fließen, das vom Sanierungsträger bewirtschaftet wird.“[21]

Zweites Gesamtberliner StadterneuerungsprogrammBearbeiten

Während das Erste Gesamtberliner Stadterneuerungsprogramm noch lief, wurde das Zweite aufgelegt.

Sanierungsgebiete 2007/2011Bearbeiten

Nach der Kenntnisnahme der „Leitsätze zur Sozialen Stadterneuerung“ durch den Berliner Senat im Februar 2005 bestand eine neue Handlungsgrundlage für weitere Beschlüsse, die – im Gegensatz zu vorangegangenen Projekten – sich ausschließlich auf Innenstadtbereiche bezogen. Eine Ausnahme bildete Spandau.

Bereits am 22. Mai 2007 beschloss der Senat von Berlin „Vorbereitende Untersuchungen“ für die Karl-Marx-Straße in Neukölln. Dabei war eine „intensive Abstimmung“ notwendig, sodass die Ergebnisse erst 2011 vorlagen.

Nach der Haushaltssperre standen keine Haushaltspositionen mehr zur Verfügung, die im Rahmen einer Stadterneuerung bzw. Stadtentwicklung eine eigenständige Finanzierung durch den Bausenat erlaubten. STATTBAU musste private Investoren mobilisieren, deren Interessen im Rahmen der Vorgaben (Verordnungen) des Senats zu realisieren waren. Damit war eine historische Phase beendet, die seit den 1980er Jahren die Stadtentwicklung in Berlin im Einklang von Planung und Ausführung durchführen konnte.

Entwicklung nach dem HaushaltsnotlageBearbeiten

Um den weitgehenden Ausfall der Stadt als Finanzierungspartner auszugleichen, konnte STATTBAU zum einen die bewährte Kooperation mit der Evangelischen Kirche fortsetzen und erweitern und mit weiteren Partnern, auch privaten Investoren, verbinden. Zudem wurde der Kompetenzvorsprung im Bereich Wohnbaugenossenschaften genutzt und beim staatlichen Rückzug auf Infrastrukturmaßnahmen das Prinzip der Nutzung ‚verschiedener (Finanz-)Töpfe‘ entwickelt. Dabei gaben die Behörden weiterhin über ihr ‚Genehmigungs-Privileg‘ die Regeln vor und STATTBAU übernahm die Steuerung.

Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche

> Siehe: Erweiterte Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden

Wohnbaugenossenschaften

Bereits 1986 nutzte Stattbau seine Erfahrungen im Rahmen der Gründung der Luisenstadt eG (Selbstverwaltung ehemals besetzter Häuser) zur Gründung von Wohnungsgenossenschaften. 1995/1997 wurde die Bewohnergenossenschaft FriedrichsHeim eG gegründet.

 
Netzwerkagentur für Wohnprojekte (2016)
  • 2008 richtete STATTBAU zusammen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz die Netzwerkagentur „GenerationenWohnen“ als Beratungsstelle ein.
  • 2012 wurden die Erfahrungen von 14 im Sommer 2011 bereits realisierten Projekten in einer Broschüre vorgestellt.[22]
  • 2016: „Rund 200 Baugruppen-Projekte haben in den vergangenen zehn Jahren vor allem die kleinen Baulücken in der Innenstadt für sich entdeckt.“[23]
Infrastrukturprojekte

Es gibt vier Hauptbereiche von Infrastruktur, deren Bau und Erhalt „Kernaufgabe der öffentlichen Hand“ ist:

  • „Zentren“ sollen als Mittelpunkte der Stadtteile entwickelt werden. Die Lebensqualität, soziale und ethnische Integration, Zugang zu Bildung, ein lebendiges Kulturleben und ein attraktiver öffentlicher Raum sind konzeptionelle Vorgaben. Das Städtebauförderprogramm Aktive Zentren setzt Impulse zur wirtschaftlichen und strukturellen Stärkung ausgewählter Geschäftsstraßen.
  • Grünflächen und ihre Nutzung, Verkehrsanlagen und Versorgungssysteme (Wasser, Kanalisation, Energie, Kommunikationssysteme).
  • Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (Schulen, Sport- und Spielplätze, Kinderhorte).
  • Treffpunkte (Mehrgenerationen, Frauen, Senioren).[24]

Chronik der Aktivitäten und Projekte (Auswahl 2004 bis 2019)Bearbeiten

  • 2007: Nutzungskonzept für die denkmalgeschützte Zwingli-Kirche in Friedrichshain.
  • 2007: Mildred-Harnack-Oberschule.
  • 2008: Einrichtung der Netzwerkagentur Generationen Wohnen im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen „als zentrale Anlaufstelle für Fragen und Beratungsbedarfe zum Thema gemeinschaftliches, generationsübergreifendes Bauen und Wohnen.“
  • 2008: Neugestaltung Galilei-Grundschule.
  • 2009: Die Luisenstadt in Kreuzberg und Mitte wird Fördergebiet für das Bund-Länder-Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz. Die Steuerung obliegt STATTBAU.
  • 2009: Neubau Schulhof Pettenkoferstraße.
  • 2010: Im Aktionsraum plus Kreuzberg Nordost (um den Görlitzer Park) „sollen innovative Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen initiiert“ werden.
  • 2011: STATTBAU begleitet den Bau eines neuen Stadtquartiers am Park Gleisdreieck. Die Sanierung des Samariterviertels in Friedrichshain ist abgeschlossen.
  • 2012: Gebietsbeauftragte im Sanierungs- und Stadtumbaugebiet Frankfurter Allee Nord: „STATTBAU unterstützt den Gesamtprozess und initiiert vielfältige Beteiligungsformen.“
  • 2013: Neugestaltung der Schulfreifläche des Albrecht-Dürer-Gymnasiums.
  • 2014: Umbau von Potsdam Drewitz(seit September 2014) zu einer Null-Emissions-Wohnsiedlung bis 2050. Eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung von STATTBAU soll dazu ein „Integriertes Energie- und Klimaschutzkonzept entwickeln.[28]
  • 2016: Im Auftrag der Landeshauptstadt Saarbrücken „Friedhofsentwicklungsplan für 22 aktive Friedhöfe.“
  • 2017: Geschäftsstraßenmanagement für die Dörpfeldstraße[29] im Bezirk Treptow-Köpenick (Steuerung des Fördergebiets im Rahmen des Programms Aktive Zentren).
 
Aktionsraum Kreuzberg Nordost
  • 2010 bis 2017: Aktionsraum Kreuzberg Nordost (Görlitzer Park): „Mittels zweier Stadtteilkonferenzen als Beteiligungsinstrument, die STATTBAU 2015 durchgeführt hat, wird der aktive Dialog und Informationsaustausch mit den Anwohnern und Nutzern vor Ort zu verschiedenen gebietsspezifischen Themen gefördert, ein Meinungsbild aus den Quartieren geliefert und die Mitwirkung in der Quartiersentwicklung unterstützt.“[30]
  • 2017/2019: „Green Moabit“ – Klimagerechte Weiterentwicklung des Industrie- und Wohngebietes im Moabiter Westen (Energetisches Sanierungsmanagement mit Partnerbüros):

„Seit Februar 2017 wird die klimagerechte Weiterentwicklung des Industrie- und Wohngebietes im stark gewerblich geprägten Moabiter Westen von einem energetischen Sanierungsmanagement unterstützt und gesteuert. Von 2011-13 wurden in einem öffentlichen Prozess für das Gewerbe- und Industriegebiet Moabit West Potenziale und Maßnahmenvorschläge zum Klimaschutz und zur Anpassung an die Klimaveränderungen entwickelt. Auf Basis der Maßnahmenvorschläge des Stadtteilentwicklungskonzepts Green Moabit von 2013 werden fünf Handlungsfelder bearbeitet: Energie, Wasser, Mobilität, Freiraum & Stadtgrün und Bildung & Soziales.“ Für den Umsetzungsprozess stehen Mittel aus dem Städtebauförderprogramm Stadtumbau West zur Verfügung.[31]

  • 2018/2019: Bremer Straße – „Das Stadtentwicklungsamt Mitte von Berlin beauftragte STATTBAU im August 2018 in Kooperation mit weiteren Büros für Landschaftsplanung, Regenwasser-, Verkehr- und Energiekonzepte mit der Erstellung eines integrierten Entwicklungskonzepts für den Moabiter Nahraum ‚Bremer Straße‘. Das integrierte Entwicklungskonzept soll die Grundlage für eine wegweisende, nachhaltige Stadtentwicklung, das Modellquartier „Bremer Straße 2030 - Ein klimaresilienter und modellhafter Stadtraum mit starkem Akteursnetzwerk“, sein. […] Hier bestehen hervorragende Voraussetzungen das Modellquartier der 1980er Jahre mit der flächenhaften Verkehrsberuhigung zu einem Modellquartier der Zukunft zu entwickeln.“[32]
 
Seit Dezember 2019 Sitz von STATTBAU in der Hermannstraße 182 in Berlin-Neukölln (August 2020)

GegenwartBearbeiten

> Siehe: STATTBAU: Aktuelle Aktivitäten

AnmerkungenBearbeiten

  1. „So erkämpfte die Mieterinitiative Klausener Platz e.V. 1975 für eine Reihe von Häusern die Begrenzung der Mieten auf 3,–/m² nach Modernisierung.“ (Franziska Eichstädt-Bohlig: Der mühsame Weg zur behutsamen Stadterneuerung, in: Stattbau informiert, S. 50.).

WeblinksBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Stattbau (Hrsg.): Stattbau informiert, Oktoberdruck, Band 2, Berlin 1984. ISBN 3-924536-00-7.
  • Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen (Hrsg.): Stadterneuerung Berlin, Berlin 1990.
  • Florian von Buttlar/Stefanie Endlich: Lenné im Hinterhof. Die Geschichte eines Berliner Häuserblocks, Hrsg.: Deutscher Werkbund berlin e.V. in Zusammenarbeit mit S.T.E.R.N., Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH. :transit-Buchverlag, Berlin 1989.
  • Andrej Holm: Die Restrukturierung des Raumes, transcript Verlag, Bielefeld 2006. ISBN 3-89942-521-9.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. „Die Berliner Linie ist ein Leichnam“ – Wie der Weizsäcker-Senat die Hausbesetzerbewegung beenden will. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1983 (online20. Juni 1983). (Abruf=2020-09-16).
  2. Peter Beck: Verhandlungsgeschichte 2 in: Stattbau (Hrsg.): Stattbau informiert, Oktoberdruck, Band 2, Berlin 1984., S. 85.
  3. Zitate: Siegfried Kleimeier: Stattbau: Ein Pilotprojekt mit Zukunft in: Stadterneuerung Berlin, Hrsg.: Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, Oktober 1990, S. 161.
  4. Der Tagesspiegel: Zwischen Basis und Behörde, 22. Januar 1984, in: Stattbau informiert 2, S. 364.
  5. Der Tagesspiegel: Wo aus Besetzern mitbestimmende Mieter wurden, 22. Januar 1984.
  6. Franziska Eichstädt-Bohlig: Ein Baustein, in Stattbau informiert, S. 56. Ausführlich zur Situation in den Häusern und den Auseinandersetzungen Blockbüro-Stattbau in: Stattbau informiert (Band 2), Kapitel Block 103/1/4, S. 111 bis 167.
  7. Gertrud Trisolini: Ein alternativer Sanierungsträger zwischen Bürokratie und Autonomie oder: Die Bewegung wurde Träger, in: stattblatt Heft 1, Hrsg.: STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH, Berlin 1990, 07-90, S. 3.
  8. Die Stattbau Hausverwaltung stellt sich vor, in: stattblatt Heft 1, 07-90, S. 14.
  9. Florian von Buttlar/Stefanie Endlich: Lenné im Hinterhof. Die Geschichte eines Berliner Häuserblocks, Hrsg.: Deutscher Werkbund berlin e.V. in Zusammenarbeit mit S.T.E.R.N., Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung Berlin mbH. :transit-Buchverlag, Berlin 1989, S. 45.
  10. Peter Klemm (Pfarrer und Pate): Instandbesetzer-Instandsetzer, in: stattblatt Heft 1, S. 7.
  11. Siegfried Kleimeier: Stattbau: Ein Pilotprojekt mit Zukunft in: Stadterneuerung Berlin, Oktober 1990, S. 162).
  12. 1 Jahr Combo-Bau in: stattblatt Nr. 1 / 07-90, S. 15.
  13. Gerd Behrens: Von der Utopie zur Nische? 7 Jahre Kampf zwischen sozialistischen Ideen und Kleinbürgertum in: stattblatt Nr. 1, S. 1 und 4 f.
  14. Albrecht Gramberg im stattblatt-Interview, Nr. 1 / (07-1990), S. 10.
  15. In stattblatt Nr. 1 / (07-90): Die Stattbau Hausverwaltung stellt sich vor, S. 14.
  16. Siegfried Kleimeier: Stattbau – ein Pilotprojekt mit Zukunft In: Stadterneuerung Berlin, Berlin 1990, S. 164.
  17. 24. Bericht über die Stadterneuerung (2002/03). Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Drucksache Nr. 15/3790 (Anfang 2005)..
  18. STATTBAU Geschichte: [1] (Abruf=2020-09-16).
  19. Tina Veihelmann: Themen: Kritik im ‚Mieterecho‘ Mieterecho – Zeitung der Berliner Mietergemeinschaft, Nr. 289 Januar/Februar 2002. (Abruf=2020-09-16).
  20. Andrej Holm: Die Restrukturierung des Raumes, transcript Verlag, Bielefeld 2006, S. 299.
  21. Information von STATTBAU, Archiv.
  22. STATTBAU Beratung GenerationenWohnen: [2] (Abruf2020-09-16).
  23. Isabell Jürgens: Der Traum von der eigenen Wohnung in der Stadt, Berliner Morgenpost 2016 [3] (Abruf=2020-09-16).
  24. STATTBAU Referenzen Öffentliche Infrastrukturprojekte: [4]. (Abruf=2020-09-16).
  25. Senat: Aktive Zentren (Abruf=2020-09-16).
  26. Senat: Städtebaulicher Denkmalschutz (Abruf=2020-09-16).
  27. Senat: Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord (Abruf=2020-09-16).
  28. STATTBAU Projekt Stadtteil Potsdam-Drewitz: sanmanager potsdam neu web.pdf (Abruf=2020-09-16).
  29. STATTBAU Aktives Zentrum: [5] (Abruf=2020-09-16).
  30. STATTBAU: Aktionsraum Kreuzberg web.pdf. (Abruf=2020-09-16).
  31. STATTBAU Green Moabit: moabit/2017-2019 Sanierungsmanagement Green Moabit-web.pdf (Abruf=2020-09-16).
  32. STATTBAU Entwicklungskonzept: Bremer Str.pdf. (Abruf=2020-09-16).