Geschichte der Klassischen Philologie

Wikimedia-Geschichts-Artikel

Die Geschichte der klassischen Philologie hat eine lange Tradition, die schon zu Zeiten der Griechen entsteht und sich über das antike Rom, das Mittelalter und die Neuzeit bis in die Gegenwart fortsetzt. Die klassische Philologie umfasst sowohl die lateinische als auch die altgriechische Literatur. Aus der klassischen Philologie gingen die Alte Geschichte und die Archäologie hervor.

GriechenlandBearbeiten

Die Tradition, literarische Texte zu bearbeiten, beginnt schon mit Theagenes von Rhegion im 6. Jh. v. Chr. Er sammelte biographische Daten zu Homer und interpretierte seine Texte. Im 4. Jh. v. Chr. und 3. Jh. v. Chr. wurden dann mehrere Textausgaben hergestellt, die die weitere Überlieferung von griechischen Epen und Dramen sichern sollten. Hierbei wurde auch versucht, mögliche Fehler im Text zu korrigieren.

Aus diesen Ursprüngen entstand im 3. Jh. v. Chr. in Alexandria die Philologie als eigene wissenschaftliche Disziplin. Unter dem ersten Ptolomaier König wurde das Museion gegründet. Hier wurden Schriften gesammelt, mit dem Zweck sie zu erhalten und zu erklären. Die Gelehrten waren bestrebt, den Ursprungstext wiederherzustellen. Für unecht gehaltene Verse wurden markiert, aber im Text belassen. Schon damals lag die letzte Entscheidung beim Leser selbst.

Wichtige Gelehrte Alexandrias waren Zenodotos von Ephesos, Kallimachos von Kyrene, Apollonios Rhodios, Eratosthenes von Kyrene, Aristophanes von Byzanz und Aristarchos von Samothrake.

In Pergamon wurden zu Beginn des 2. Jh. v. Chr. von König Attalos I. eine Schule und von seinem Nachfolger Eumenes II. (ca. 197–158 v. Chr.) eine Bibliothek gegründet. Diese stand in Konkurrenz zu Alexandria. In Pergamon wirkten der Krates von Mallos, Alexander Polyhistor und Apollodor von Pergamon.

RomBearbeiten

Die Philologie in Rom nahm ihren Anfang im 2. Jh. v. Chr. Als erste Philologen Roms gelten Lucius Accius und Lucius Aelius Stilo. Stilo war Lehrer Varros und Ciceros. Varro beeinflusste die römische Literaturgeschichte und Grammatik nachhaltig. Zunächst wurde die Echtheit der überlieferten Texte überprüft, die Gelehrten verfassten grammatische und literaturgeschichtliche Werke und bildeten die Fachbegrifflichkeit. Im 1. Jh. n. Chr. wurde die Arbeit systematischer, Handbücher und Schulmaterialien waren das Ergebnis. Die Werke der klassischen Autoren wurden herausgegeben und kommentiert. Im folgenden Jahrhundert fanden auch die altlateinischen Autoren Beachtung.

Die Philologen des 4. und 5. Jh. n. Chr. blieben maßgeblich sowohl für die Spätantike wie auch für das Mittelalter. So schuf Aelius Donatus die bestimmende Grammatik. Boethius war der letzte Philologe Roms, der auch umfassende Kenntnisse der griechischen Sprache und Literatur hatte.

MittelalterBearbeiten

Im Mittelalter wurden in Westeuropa aus historischen Gründen und der daraus resultierenden Entwicklung lediglich die lateinischen Schriften beachtet. Die karolingische Renaissance erweckte ein neues Interesse für die lateinische Sprache, die griechische blieb in Westeuropa jedoch weitestgehend ohne Verbreitung. Für die Kirche blieb Latein das gesamte Mittelalter hindurch ein über Grenzen reichendes verbindendes Element. In Klosterschulen und -bibliotheken wurden neue Handschriften angefertigt und gesammelt, philologische Tätigkeit im wissenschaftlichen Sinne fand jedoch nicht statt. Mit der Herausbildung der Scholastik im Hochmittelalter hielt auch eine gewisse Wissenschaftlichkeit Einzug, in deren Zentrum nicht mehr nur das Studium der Kirchenväter und der Geschichte der Heiligen stand, sondern man sich in erster Linie an den aus dem arabischen ins lateinische übertragenen Schriften des Aristoteles orientierte.

NeuzeitBearbeiten

Die Neuzeit brachte mit dem italienischen Humanismus im frühen 14. Jh. eine neue Generation an Philologen hervor. Die Gelehrten bewunderten die Schönheit von Sprache und Stil der Sprache. Sie sammelten die Texte aus Klöstern und brachten sie durch neue Handschriften wieder in Umlauf. Francesco Petrarca versuchte bereits, aus verschiedenen Handschriften einen zuverlässigen Text zu erstellen. Zusammen mit Poggio Bracciolini entdeckte er die Hälfte aller heute bekannten Texte Ciceros.

Auch die griechische Literatur fand wieder Beachtung. Angelo Poliziano beherrschte als erster die altgriechische Sprache so perfekt, dass er selbst Gedichte in dieser Sprache verfasste. Auch die Anfänge der Archäologie fallen in diese Zeit. Außerdem wurde das Latein, das als Sprache der Gelehrten dieser Zeit diente, an das Latein der Klassiker angeglichen.

Das Aufkommen des Buchdrucks verhinderte, dass die Texte weiterhin durch Fehler beim Abschreiben verunreinigt wurden. Am Ende des 15. Jh. bemühte man sich vermehrt darum, mittels Textkritik Texte von hoher Qualität zu erhalten. Etwa von 1530 bis 1700 taten sich besonders französische und niederländische Philologen hervor. Danach glänzte in England Richard Bentley als hervorragender Textkritiker. Auch seine Nachfolger leisteten große Arbeit dabei, die Texte auf ihre Echtheit zu überprüfen. Mit Johann Joachim Winckelmann und Friedrich August Wolf wurde im 18. Jh. der Neohellenismus begründet. Die deutschen Philologen, darunter August Wilhelm von Schlegel, Friedrich Schleiermacher, August Boeckh und Karl Lachmann, blieben bis ins 20. Jh. bestimmend für die Wissenschaft. Den Höhepunkt der deutschen Forschung im Sinne des historischen Positivismus bildeten Theodor Mommsen, Eduard Schwartz und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Im 20. Jh. verteilte sich die Forschung gleichmäßig auf Universitäten in ganz Europa und Amerika.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

Prosopographische Lexika, Studien und Hilfsmittel zu klassischen Philologen siehe in der Liste klassischer Philologen#Literatur.

Bibliographie

  • William M. Calder III: An introductory bibliography to the history of classical scholarship chiefly in the XIXth and XXth centuries. Olms, Hildesheim 1992.

Monographien

  • Graziano Arrighetti u. a. (Hrsg.): La filologia greca e latina nel secolo XX. Atti del Congresso Internazionale, Roma, Consiglio Nazionale delle Ricerche, 17–21 settembre, 1984. Giardini, Pisa 1989 (Biblioteca di Studi Antichi 56).
  • Victor Bers, Gregory Nagy (Hrsg.): The Classics in East Europe. Essays on the Survival of a Humanistic Tradition. From the End of World War II to the Present. Worcester, Mass. 1996 (American Philological Association Pamphlet Series).
  • Conrad Bursian: Beiträge zur Geschichte der classischen Studien im Mittelalter. In: Sitzungsberichte der Philosophisch-Philologischen und Historischen Classe der K. B. Akademie der Wissenschaften zu München. Bd. 3, 1873, ZDB-ID 961259-2, S. 458–518, Digitalisat (PDF; 2,8 MB).
  • Conrad Bursian: Geschichte der classischen Philologie in Deutschland von den Anfängen bis zur Gegenwart (= Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit. 19, ZDB-ID 1016690-7). Hälfte 1–2 (= 2 Bände). Oldenbourg, München u. a. 1883, Digitalisat 1. Hälfte, Digitalisat 2. Hälfte.
  • William M. Calder III: Men in Their Books: Studies in the Modern History of Classical Scholarship. Edited by John P. Harris and R. Scott Smith. Georg Olms Verlag, Hildesheim 1998 (Spudasmata, Band 67). – Rez. von Robert Todd, in: Bryn Mawr Classical Review 1999.04.25.
  • Hellmut Flashar, Karlfried Gründer, Axel Horstmann (Hrsg.): Philologie und Hermeneutik im 19. Jahrhundert. Zur Geschichte und Methodologie der Geisteswissenschaften. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1979.
  • Ingo Gildenhard, Martin Ruehl (Hrsg.): Out of Arcadia: Classics and Politics in Germany in the Age of Burckhardt, Nietzsche and Wilamowitz. (BICS, Suppl. 79). Institute of Classical Studies, School of Advanced Study, University of London, London 2003, ISBN 0-900587-90-3. –Rez. Hugh Lloyd-Jones, Bryn Mawr Classical Review 2004.02.43.
  • Anthony Grafton: Forgers and Critics. Creativity and Duplicity in Western Scholarship (Princeton: Princeton University Press, 1990).
  • Anthony Grafton: Defenders of the Text: The Traditions of Scholarship in the Age of Science, 1450–1800 (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1991).
  • Anthony Grafton: Commerce with the Classics: Ancient Books and Renaissance Readers (Ann Arbor: University of Michigan Press, 1997).
  • Anthony Grafton: The Footnote: A Curious History (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1997).
    • Deutsche Übersetzung: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote. München: dtv 1998. ISBN 3-423-30668-8.
  • Anthony Grafton: Worlds Made by Words (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2009). – Rez. Véronique Krings, Bryn Mawr Classical Review 2009.09.32.
  • Alfred Gudeman: Grundriß der Geschichte der klassischen Philologie. Berlin 1909 (Nachdruck Darmstadt 1967).
  • Pascale Hummel: Histoire de l'histoire de la philologie: étude d'un genre épistémologique et bibliographique. Librairie Droz, Genève 2000 (Histoire des idées et critique littéraire, Band 385), (Auszüge online) bei Google Books. – (Gleichsam eine ‘Metastudie’)
  • Ada Hentschke, Ulrich Muhlack: Einführung in die Geschichte der Klassischen Philologie. Darmstadt 1972.
  • Karl R. Krierer, Ina Friedmann (Hrsg.): Netzwerke der Altertumswissenschaften im 19. Jahrhundert. Beiträge der Tagung vom 30.-31. Mai 2014 an der Universität Wien. Phoibos Verlag, Wien 2016.
  • Diego Lanza, Gherardo Ugolini: Storia della filologia classica. Studi Superiori, 1041. Rom 2016.
  • Franco Montanari, Stephanos Matthaios, Antonios Rengakos (Hrsg.): Brill's Companion to Ancient Greek Scholarship. 2 Bände. Brill, Leiden 2015, Inhaltsverzeichnis.
  • Franco Montanari (Hrsg.): La philologie grecque à l’époque hellénistique et romaine. Sept exposés suivis de discussions par Nicholas J. Richardson, Jean Irigoin, Herwig Maehler, Renzo Tosi, Graziano Arrighetti, D.M. Schenkeveld, Carl Joachim Classen. Entretiens préparés et présidés par Franco Montanari, Vandoeuvres - Genève 16-21 août 1993 (Entretiens sur l’antiquité classique. Publiés par Olivier Reverdin et Bernard Grange. Tome XL). Genève-Vandoeuvres 1994.
  • Rudolf Pfeiffer: History of classical scholarship. From the beginnings to the end of the Hellenistic age. Clarendon Press, Oxford 1968. Repr. 1978. ISBN 0-19-814342-7.
    • Deutsche Übersetzung: Geschichte der klassischen Philologie. Von den Anfängen bis zum Ende des Hellenismus. Beck, München 1970, 2., durchges. Aufl. 1978. ISBN 3-406-03751-8.
  • Rudolf Pfeiffer: History of classical scholarship. From 1300 to 1850. Clarendon Press, Oxford 1976. Repr. 1978. ISBN 0-19-814364-8.
    • Deutsche Übersetzung: Die klassische Philologie von Petrarca bis Mommsen. Beck, München 1982. ISBN 3-406-08411-7.
  • Olivier Reverdin: Les Ètudes Classiques aux XIXe et XXe siècles. Leur place dans l’histoire des idées. Fondation Hardt, Vandoeuvres-Genève 1980 (Entretiens sur l’Antiquité classique, t. XXVI).
  • Leighton Durham Reynolds, Nigel Guy Wilson: Scribes and Scholars. A guide to the transmission of Greek and Latin Literature. Oxford, 3. Aufl. 1991; 2. Aufl. 1974.
  • John Edwin Sandys: A history of classical scholarship. 3 Bände, Yale University Press 1903, 1908, Band 1, Archive, Band 2, Archive, Band 3, Archive
  • Christopher Stray: Classics transformed: schools, universities, and society in England, 1830–1960. Clarendon Press, 1998. – Rez. von Robert B. Todd, in: Bryn Mawr Classical Review 98.6.16.
  • James Turner: Philology: The Forgotten Origins of the Modern Humanities. Princeton University Press, Princeton, NJ 2014. – Rez. von Geoffrey Galt Harpham, in: Times Higher Education, 4. September 2014, (online).
  • Cornelia Wegeler: "... wir sagen ab der internationalen Gelehrtenrepublik". Altertumswissenschaft und Nationalsozialismus. Das Göttinger Institut für Altertumskunde 1921–1962. Böhlau, Wien u. a. 1996. – Rez. von Albrecht Dihle, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 249, 1997, S. 227–244; vgl. ders., Bundesrepublik Deutschland. Die griechische Philologie. In: Graziano Arrighetti u. a. (Hrsg.): La filologia greca e latina nel secolo XX. Atti del Congresso Internazionale, Roma, Consiglio Nazionale delle Ricerche, 17–21 settembre, 1984. Giardini, Pisa 1989 (Biblioteca di Studi Antichi 56), Bd. 2, S. 1019–1042.
  • Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Geschichte der Philologie. 1921; Neudr. Teubner, Stuttgart [u. a.] 1998. ISBN 3-519-07253-X.