Geschichte Karthagos

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Die Geschichte Karthagos umfasst die Entwicklung der antiken See- und Handelsmacht Karthago von der Gründung der Stadt Karthago im 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. bis zum Untergang des karthagischen Reiches im Jahr 146 v. Chr.

Lage von Karthago und karthagischer Machtbereich im 3. Jh. v. Chr.

Phase vor der GründungBearbeiten

Der Gründung vorausgegangen war eine präkoloniale Phase, in der mehrere phönizische Städte (Arados, Byblos, Sidon, Tyros) der Levante Stützpunkte des Handels an der Küste des Mittelmeers ja sogar am Atlantik schufen, um Waren wie Metalle einzuführen. Diese Stützpunkte legten die Phönizier teils bei bestehenden Siedlungen, teils in günstigen Lagen an, in deren Zentren auch Heiligtümer errichtet wurden. Diese präkoloniale Zeit begann vielleicht schon im 12. Jh. v. Chr., da das Gründungsjahr von Cádiz und Ityke,[1] beides Gründungen durch Sidon, mit 1103 v. Chr. angegeben wird, was aber bezweifelt wird. Die Gründung von Icosim (Algier) soll um etwa 1200 v. Chr. stattgefunden haben. An der Buchten reichen Küste Algeriens gab es weitere Gründungen: Rusucurru,[2] Tipasa,[2] Iol,[2] Kartenas[2] (Cartennae) und Quiza.[2] Viele Ortsnamen phönizischer Gründungen erkennt man an den Silben: 'Kart' (= Stadt, wie 'Melkarteja), 'Melk' (= Herrscher, wie 'Malaka' von phön. 'mlk', da die Schrift der Phönizier keine Vokale notiert) und '(G)adir' (= Feste, wie 'Agadir'). Strabon erwähnt aber, dass den Phöniziern schon früh der Seeweg zu den Zinninseln mit der Hauptinsel Itkis, die im Altertum 'Kassiteriden' hießen und vor der Südwestspitze Englands vermutet werden, bekannt war.[3] Ein Seeweg nach Norden hätte über Cádiz führen müssen. Die eigentlich viel interessantere Gegend aber war das Baetistal (Guadalquivir) im heutigen Andalusien mit ihrer Fruchtbarkeit und ihrem Reichtum an Bodenschätzen. Dort vermuten wir heute das legendäre Tartessos, das in der Zeit zwischen dem 7. Jh. v. Chr. und 480 v. Chr. wahrscheinlich durch Karthago zerstört wurde. Im Zuge dieser Zerstörung ist interessant, warum auch die griechischen Gründungen wie Sexi und Mainake von der Landkarte verschwanden. Aber die Phönizier gingen nicht nur kriegerisch vor. Die Schiffe der Phönizier steuerten auch fremde Häfen in friedlicher Absicht an und die Seeleute lernten schon sehr früh, sich zu arrangieren. Die Geschichte des Karthagischen Reiches lässt sich in dieser frühen Epoche nicht strickt von der Geschichte Phöniziens trennen, denn die Phönizier besaßen schon Kolonien auf Sizilien (Motye, Panormos, Solunto), auf Kossyra (Pantelleria), auf Melite (Malta), auf Gaulos (Gozo) auf Sardinien (Karalis (Cagliari), Nora, Bithia, Sulkoi, Tharros, Bosa), in Iberien (Gadir (Cádiz), La Fonteta (Alicante), Malaka (Málaga)), auf den Balearen (Ibes (Ibiza)), auf Madeira (?)[4], in Marokko (Tingis, Luxor, Mogador, Rusaddir), in Algerien (Quiza, Cartenna, Iol, Tipasa, Rusucurru), in Tunesien (Karthago, Ityke, Hippo Diarrhytus, Adrymes (Sousse), Leptis Minor), in Libyen (Sabratha, Oea, Leptis Magna),[5] die die Karthager als Schutzmacht von den Phöniziern übernahmen, als das Mütterland immer wieder unter Bedrängnis feindlicher Völker geriet und seine Schutzfunktion nicht mehr ausüben konnte. Auch gab es in fremden Städten Kontore, so auf der griechisch besiedelten Insel Pithekoussai und sogar in Rom, das der Überlieferung nach 735 v. Chr. gegründet wurde, jener Stadt, die später Karthagos Gegenspielerin werden sollte. Dort errichteten die Phönizier auf dem Forum Boarium die Ara Maxima, ein Heiligtum des Hauptgottes Melkart.[6]

Der Grund der StadtgründungBearbeiten

Die Strömungsverhältnisse des Mittelmeeres begünstigen, wenn man von der Levante in den Westen segeln will, einen Weg über Zypern, Griechenland, Süditalien, Sizilien, Ibiza, Costa del Sol bis nach Gibraltar und für die Rückreise in Richtung Osten eignen sich die Strömungen entlang der afrikanischen Nordküste. Für diesen Seeweg in Richtung Westen spricht auch die Angabe Homers in seiner 'Illias', der einen Phönizier über Kreta nach Libyen segeln lässt.[7] Auch ist anzunehmen, dass viele Kontore und Gründungen wegen der Möglichkeit, regelmäßig an Land gehen zu können, um Wasser aufzunehmen oder Lebensmittel einzutauschen, in Abständen von ein oder mehreren Tagesreisen angelegt wurden. So ist es kein Zufall, dass sich auf halbem Weg zwischen der Levante und Südspanien eine tyrenische Stadtgründung etablierte. Allerdings muss man feststellen, dass es, anders als auf Sardinien oder Südspanien, keine nennenswerte Bodenschätze im Hinterland Karthagos gab. Doch im Tal des Bagradas (Qued Medjerda) und des Qued Meliane war Landwirtschaft möglich. Weiteres Kriterium ist die Möglichkeit der Verteidigung und die Versorgung mit Lebensmitteln während einer Belagerung. Im Norden liegt der Salzsee 'Sebhket-er-Ariana', im Osten das Mittelmeer und im Süden der See von Tunis. Karthago wurde also auf einer breit angelegten Halbinsel angelegt und die dazugehörige Megara ermöglichte sogar Landwirtschaft in abgeschirmter Lage. Im Falle einer Belagerung der Stadt war die Lebensmittelversorgung einigermaßen geklärt.

Andererseits wurde Sidon, das in der letzten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. unter den phönizischen Städten führend war, im Übergang der Jahrtausendwende von Tyros allmählich abgelöst und so ist es einleuchtend, dass Karthago ausgerechnet in der Nachbarschaft der sidonischen Stadt Ityke eingerichtet wurde.

Die Stadt als DrehkreuzBearbeiten

So sollten wir Karthago als Handelsplatz, Ort für Handwerksprodukte und Schiffbau sehen und natürlich die militärische Bedeutung im Zentrum des Mittelmeeres ist bedeutungsvoll. Da das Stadtgebiet des 8. Jh. v. Chr. in etwa 55 ha umfasst hat,[8] gibt die pure Größe zu denken auf. Die Stadt lag an einer Stelle, die nur im Westen eine Landverbindung über einen Istmusausweist, weswegen sie sehr leicht zu verteidigen war. Wir wissen, dass Karthago aus mindestens drei Stadtteilen bestand:[9] die Byrsa (besiedelte Anhöhe), das religiöse und gesellschaftliche Zentrum mit der Altstadt, der Unterstadt, südlich und westlich davon, und der Vorstadt. Zur Unterstadt gehörte das südliche Gebiet des Kothons (Hafen) und die Viertel bis zur Byrsa. Die Vorstadt (Neapolis) entwickelte sich im Westen und Norden der Byrsa; im Norden lag auch, zur Neustadt gehörend, die Megara, die landwirtschaftlich genutzt wurde, einschließlich des Viertels von Gamarth, das durch Gehörfte geprägt gewesen sein dürfte. Während der Tofet, der Kultbezirk für die Stadtgottheiten Baal Hamon und Tanit, westlich des Hafens befand, lag die Agora eher nördlich oder nordwestlich davon. Auf der Byrsa stand wohl der Tempel des Eschmun, der Stadtgott des benachbarten Ityke. Das Gebiet der Nekropole (Friedhof) lag anfänglich im Süden und wurde in Richtung Norden erweitert.[10]

Einige Fakten bei phönizischen Gründungen unterscheiden sich allerdings von denen der griechischen Poleis. Während griechische Kolonien eher religiös und kulturell verbunden blieben, gab es zumindest anfangs bei phönizischen Städten eine politische Abhängigkeit, denn wir kennen keinen einzigen König, der eine phönizische Kolonie regiert hätte. Es gab aber Statthalter (" 'htb, Statthalter von Karthadascht (auf Zypern), Sklave des Hiram, des Königs der Sidonier") und in unserem Fall hatte Karthago sogar zwei gleichberechtigte Suffeten. Phönizische Kolonien waren sogar zu Abgaben an ihre Mutterstädte verpflichtet, was auch dadurch bemerkbar ist, dass fremde Herrscher, die in Phönizien Eroberungen tätigten, Ansprüche auf Kolonien erhoben.[11] Politische Veränderungen in Phönizien hatten allerdings auch zur Folge, dass die Intensität der Beziehungen den Veränderungen angepasst wurden, so etwa durch den Druck des assyrischen Königs Tiglatpilesar III. (745–727) oder durch die Unterwerfung von Tyros durch die Perser (539).

Gründung der Stadt KarthagoBearbeiten

Karthago wurde im späten 9. oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. von phönizischen Siedler aus Tyros gegründet. In Abgrenzung zum älteren Ityke (von phön. 'attiq' = die alte (Stadt), lat. Utica), das eine Gründung von Sidon war, nannten sie ihre Stadt Qart-Hadašt, was 'neue Stadt' bedeutet. Timaios von Tauromenion gibt das Gründungsjahr mit dem 38. Jahr vor der ersten Olympiade (776) an. Nach exklusiver Zählweise ergibt sich daraus das Jahr 814/813 v. Chr., bei inklusiver 813/812 v. Chr. Nach Menandros von Ephesos fällt die Gründung ins siebte Jahr des tyrischen Königs Pygmalion, was nach menandrischer, biblischer und assyrischer Rechnung der Zeitspanne von 825 bis 820 entspricht und damit die Angabe von Timaios annähernd bestätigt, ohne von diesem literarisch abhängig zu sein.[12] Die ältesten archäologischen Funde lassen aber nur bis 760 v. Chr. bestimmen, weshalb einige Historiker die literarische Tradition ablehnen. Da die Phönizier aber auch Handelsniederlassungen betrieben, die nur zu bestimmten Zeiten besetzt waren, könnte Karthago genau so ihren Anfang genommen haben. Es ist daher eine Bebauung aus nicht robustem Material schon vor 760 v. Chr. denkbar.

Die GründungslegendeBearbeiten

Der Gründungsmythos Karthagos berichtet, wie die phönizische Prinzessin Elissa (bei den Römern als Dido bekannt), die Schwester des tyrischen Königs Pygmalion, vor ihrem machtgierigen Bruder floh und an der afrikanischen Küste landete. Der ortsansässige Häuptling versprach ihr soviel Land, wie sie mit einer Kuhhaut umspannen könne. Dido schnitt daraufhin die Kuhhaut in hauchdünne Streifen, legte sie aneinander und konnte so ein großes Stück Land markieren. Dieser Küstenstreifen bildete, so die Legende, die Byrsa, die Keimzelle Karthagos. Nach der Gründung Karthagos habe sich Elissa selbst auf einem Scheiterhaufen geopfert, um der Stadt Wohlstand zu garantieren. Nach Vergils Aeneis besuchte Aeneas, der sagenhafte Stammvater der Römer, Dido in Karthago. Das Epos schildert, wie Dido sich in Aeneas verliebt. Als dieser auf Geheiß des Jupiter abreist, tötet Dido sich selbst auf einem Scheiterhaufen. Doch zuvor schwört sie Rache und schafft so die Grundlage für den späteren Konflikt zwischen Rom und Karthago.

Aufstieg des Karthagischen ReichesBearbeiten

Animation der Stadt Karthago

Die ersten zwei Jahrhunderte war Karthago noch von seiner Mutterstadt Tyros abhängig. Es kam in dieser Zeit immer wieder zu Auswanderungswellen aufgrund diverser Kriegswirren im Mutterland. Als das phönizische Mutterland 539 v. Chr. von den Persern erobert wurde, löste sich Karthago ganz vom Einfluss Tyros’. Die phönizischen Städte waren wegen des persischen Einflusses nicht mehr in der Lage, den Schutz ihrer Kolonien in Übersee zu garantieren, denn sie waren dazu verpflichtet, Schiffe für die persische Flotte bereitzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Karthago bereits eine beachtliche eigene Flotte aufgebaut. Daher konnte Karthago ab 539 v. Chr. die Führungsrolle über die phönizischen Städte des westlichen Mittelmeers übernehmen und entwickelte sich zu einer bedeutenden See- und Handelsmacht. Sie traten für eine Reihe von phönizischen Gründungen als Schutzmacht für den Handel auf. Viele dieser Orte existieren noch heute, etwa: Gadir (auch Gades, heute: Cádiz), Ossonoba (auch Onoba, heute: Faro), Tingis (Tanger), Lixos (bei Larache), Icosim (Algier), Hippo Regius (Annaba) und Monoikos (Monaco). Einige Städte wurden von den Griechen übernommen, so Abdera, Abila[13] (Ceuta, auch 'Heptá Adélphia') und Acra Leuke (= 'Weißer Fels/Berg', gr. Lucentum bei Alicante). Sehr viele Gründungen gehen direkt auf die Karthager zurück: Melkarteja (Gibraltar in der Nähe von Algeciras, vielleicht nur ein Heiligtum), Carthago Nova (Cartagena (Spanien)), aber auch Ibes (Ibiza), Mago (Maó) und Milk Qart (Málaga) gehen auf karthagische Niederlassungen zurück. Im heutigen Algerien zählt Saldae (Bejaia) zu den karthagischen Gründungen. Im karthagischen Kernland beruhen Orte wie Bulla Regia, Beja, Adrymes (lat. Hadrumetum heute: Sousse), Leptis Minor (bei Lamta), Thapsos, Thugga, Utica (bei Tunis), Neapolis (bei Nabeul), Clupea (Kelibia), Hippo Diarrhytus (Bizerta) auf phönizische oder karthagische Gründungen. Im Gebiet der libyschen Emporia gehen die Städte Sabrata, Oea (Tripolis), Gaphara und Leptis Magna (später Neapolis bei al-Chums) auf phönizische oder karthagische Besiedlungen zurück und weiter östlich in der Großen Syrte liegen weitere Ausgrabungen: Charax und Arae Philaenorum.

Im ständigen Bündnis mit den EtruskernBearbeiten

Korsika gehörte zum Einflussgebiet der Etrusker, zu denen die Karthager stets freundschaftliche Beziehungen pflegten. Die Gründung karthagischer Handelsstützpunkte auf Korsika begann daher erst mit dem Jahr 565 v. Chr. unter Berücksichtigung der Freundschaft beider Völker. Zahlreiche karthagische Funde lassen solche Vermutungen zu. Der Einfluss auf Korsika war allerdings weniger intensiv, als die Aktivitäten auf Sardinien, das die Karthager zu ihrem Kernland zählten. Schließlich ging wegen der Assimilierung der Etrusker durch die Römer in der Zeit ab etwa 320 v. Chr. bis etwa 240 v. Chr. das Interesse an Korsika an die Karthager über.[14]

Aber kehren wir zu den Vorgängen des 6. Jh. zurück. Karthago profitierte von der Beziehung zu Etrurien auch militärisch. Herodot zählte die Korsen sogar zu den Söldnern der Karthager[15]. Im 7. Jh. erhöhte sich dann der militärische Druck durch die Perser auf einige griechische Städte, darunter auch Phokaia. Dadurch kam es zur Auswanderungswellen und von Phokaia aus wurde Massalia (Marseille Grdg. 620–600), von Massalia aus Agathe Tyche (Agde Grdg. 550) und von anderen Griechen Emporion (Empúries, Grdg. 600) gegründet worden. Aus dem zur Verfügung stehenden Material kann man sagen, dass Karthager aus allen Gegenden des westlichen Mittelmeeres und die Völker des südlichen Frankreichs und nördlichen Spaniens in regem Austausch standen. Das galt für Kelten und eingewanderte Griechen in gleichem Maße. Zwar gründeten Karthager dort keine Kolonien, jedoch sind Kontore in Städten keineswegs auszuschließen.[16] Während die Gründung von Massalia die Handelskontakte im Gebiet der Rhônemündung nicht beeinträchtigte, wurde eine andere Gründung zur Belastung.[17] Im Jahre 565 v. Chr. expandierten wiederum Siedler aus Phokaia an der korsischen Ostküste, um die Stadt Alalia (Aleria) zu gründen, wodurch der Seeweg der Phokaier durch das nördliche Tyrrhenische Meer gestärkt wurde. Anfangs scheinen die Bezeichnungen zwischen Etruskern und Phokaiern problemlos gewesen zu sein. Als sich aber wieder einmal durch den persischen Druck Phokaier auf den Weg nach Alalia machten, wurde die Stadt 540 v. Chr. ausgebaut; nun sehr zum Missfallen der Etrusker, denn die Stadt lag der etruskischen Küste direkt gegenüber. Der Übermacht der Phokaier überdrüssig, baten die Etrusker die Karthager um Hilfe, da die Phokaier Piraterie betrieben und hauptsächlich den Handelsweg zwischen den griechischen Städten im Norden an der Côte d'Azur und dem südöstlichen Kampanien unterstützten und sogar die italienische Küste attackierten. Es ging daher um die Kontrolle des nördlichen Tyrenischen Meeres zwischen der etruskischen Küste und Korsika, das die Etrusker als ihre Hausgewässer betrachteten. Und die Etrusker konnten auf die Unterstützung der mächtigen Karthager bauen. So kam es 537 oder 535 v. Chr.[18] zur Schlacht vor dem korsischen Alalia. Eine vereinte karthagisch-etruskische Flotte mit 120 Schiffen griffen die Phokaier an. Herodot berichtet zwar, dass die Phokaier mit nur 60 Schiffen die Schlacht gewinnen konnten, jedoch sollen 40 Schiffe vernichtet worden sein und die verbliebenen 20 waren kaum noch des Kampfes tauglich. Deswegen gaben die Phokaier Alalia auf, um in Kampanien die Stadt Elea zu gründen. Einige Quellen berichten, dass die Angreifer den Griechen doppelt überlegen gewesen sein sollen, was auch übertrieben sein kann. Die Stadt wurde mit Etruskern besiedelt und damit war nun der Seeweg zwischen den griechischen Städten an der Côte d'Azur und den süditalienischen Griechenstädten unterbrochen, der Seeweg für die Etrusker wieder frei. Nachdem die Etrusker im 3. Jh. der Römischen Assimilierung langsam erlagen, übernahm in gleichem Maße das karthagische Reich Korsika als Protektorat. Erst nach dem Ersten Punischen Krieg im Jahre 238 v. Chr. mussten die Karthager Korsika ganz räumen.

Die EntdeckungsreisenBearbeiten

Anders als die Griechen waren die Karthager nicht so kriegerisch eingestellt. Handelsbeziehungen liefen durchaus auch friedlich ab. Um neue Handelswege finden zu können, unternahmen die punischen Seefahrer weite Entdeckungsreisen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. erkundete Admiral Hanno die afrikanische Westküste und gelangte wohl bis zum Golf von Guinea und es wird auch von einem Vulkan erzählt. Das deutet darauf hin, dass die Flotte bis zum Mount Camerun gekommen sein könnte, was aber umstritten ist. Nach dem kräftezehrenden Peloponnesischen Krieg (Ende 411 v. Chr.), in dem auch Syrakus beteiligt war, nutzten die Karthager die Schwäche der sizilischen Griechen zu folgenreicher Expansion. Ab 409 v. Chr. eroberten die Karthager, ausgehend von den westlichen Stützpunkten auf Sizilien, Drepana (Trapani), Panormos (Palermo), Eryx (Erice) und Solus (Solunto), weitere Gebiete dieser Insel.

Unter Mago I. und seinen Nachfolgern, den Magoniden, begann Karthago eine koloniale Expansionspolitik. Die Karthager gründeten Kolonien auf den Balearen (Ibiza 654 v. Chr.), auf Sardinien und an der nordafrikanischen Küste und sie übernahmen die phönizischen Kolonien an der südöstlichen Küste Spaniens, wo viele Bodenschätze erschlossen wurden, aber auch landwirtschaftliche Produkte hatten dort große wirtschaftliche Bedeutung. Südostspanien dürfte als Kornkammer sogar Sizilien übertroffen haben. Produkte wurden sogar ins Römische Reich exportiert. Des Weiteren war Südostspanien auch für die Herstellung des Garum bekannt, einer Würzsauce, die durch Fermentation aus Fischabfällen hergestellt wird.

Die Karthager zerstörten das legendäre Reich von Tartessos (Tarsis), das antiken Quellen zufolge am Unterlauf des Guadalquivir (Baetis) lag, und sperrten zeitweilig die Meerenge von Gibraltar für griechische Schiffe. Jedes griechische Schiff wurde gerammt und versenkt. Cossyra (Pantelleria), Malta (das die Phönizier Malet, die Römer Melite nannten) und Sizilien hatten als Stützpunkte für die Sicherung der Handelswege außerordentliche Bedeutung. Die Expansion führte die Karthager entlang der südspanischen Küste bis nach Ossonuba (Faro) und bis zu den Kanarischen Inseln und über die nordwestliche Küste Afrikas wieder zurück nach Karthago, um die Meeresströmungen ausnutzen zu können. Angaben antiker Autoren[19] deuten darauf hin, dass sie auch Madeira kannten. Ob sie auch zu den Azoren segelten, ist ungeklärt und strittig: Ob karthagische Münzen tatsächlich, wie behauptet, 1749 auf Corvo entdeckt wurden, ist schon früh bezweifelt worden.[20] Ein Erreichen der amerikanischen Küste gilt als unwahrscheinlich.

Die auf den deutschen Sprachwissenschaftler Theo Vennemann und seine Schüler zurückgehende These, die Karthager hätten im heutigen Norddeutschland über längere Zeit politischen und kulturellen Einfluss ausgeübt und dadurch die germanische Sprachfamilie entscheidend beeinflusst,[21] wird von der großen Mehrheit der Forscher derzeit abgelehnt.

Konflikt mit den GriechenBearbeiten

Die größte Bedrohung für den Aufbau eines karthagischen Imperiums waren die griechischen Kolonien, vornehmlich Nikaia (Nizza) und Syrakus. Um 537 v. Chr. erzwangen die Karthager/Punier in Allianz mit den Etruskern eine Seeschlacht gegen die Phokäer, die Alalia gegründet hatten: Die Phokäer wurden in der Schlacht von Alalia vertrieben und Alalia wurde etruskisch. 480 v. Chr. führten die Karthager erstmals einen Feldzug gegen Gelon, den Tyrannen von Syrakus, der versuchte, die Insel unter seine Kontrolle zu bringen. In der Schlacht bei Himera 480 v. Chr. verloren die Karthager vernichtend. Im selben Jahr fand die berühmte Schlacht von Salamis zwischen Persern, auf deren Seite phönizische Schiffe eingesetzt wurden, und einer geeinten griechischen Flotte statt. Die Griechen schlugen die persische Flotte.

Bei Ephoros von Kyme taucht die Behauptung auf, dass sich die Karthager mit dem Perserkönig Xerxes I., der im gleichen Jahr einen Feldzug gegen Athen und Sparta führte, verbündet hätten, doch ist dies wenigstens zweifelhaft und womöglich eine Beurteilung ex eventu; am wahrscheinlichsten dürfte sein, dass die Punier auf die Ausschaltung ihrer alten Rivalen aus waren. Die Offensive der Punier auf Sizilien scheiterte jedoch, als das von Hamilkar geführte karthagische Heer in der Schlacht bei Himera besiegt wurde. 474 v. Chr. ging eine weitere Schlacht vor Kyme (Cumae) gegen eine griechisch-sizilische Flotte, geführt von Syrakus, verloren. Die vernichtende Niederlage beendete die aggressive Expansion Karthagos im zentralen Mittelmeer für Jahrzehnte. In der Folgezeit konzentrierte sich Karthago darauf, die territoriale Kontrolle in Nordafrika auszubauen. Gleichzeitig fokussierte sich der Handel mehr auf den westlichen Mittelmeerraum.

409 v. Chr. versuchte das Karthagische Reich erneut unter Hannibal Mago Sizilien zu erobern, während Syrakus in den Peloponnesischen Krieg verwickelt war. Ausgehend von ihren westlichen sizilianischen Stützpunkten drangen die Karthager nach Osten vor. Sie konnten Selinus, Himera, sowie Acragas (Agrigent), Gela und Henna (Enna) unter ihre Kontrolle bringen. Sie kämpften sich bis zu einem Fluss vor, der ebenfalls Himera genannt wurde (heute Salso, mündet beim südlichen Licata ins Mittelmeer). Der Fluss Himera teilt die Insel geographisch in eine westliche und eine östliche Hälfte. Dieser Fluss galt daher lange als Demarkationslinie zwischen dem Karthagischen Reich und Syrakus. Ein Feldzug gegen Syrakus im Jahr 405 v. Chr. misslang, weil das karthagische Heer durch eine Epidemie, der auch Hannibal Mago zum Opfer fiel, geschwächt wurde. Karthago und Syrakus unterzeichneten einen Friedensvertrag, der jedoch bereits 398 v. Chr. von Dionysios I., dem neuen Tyrannen von Syrakus, gebrochen wurde. 397 v. Chr. gründete Dionysios die Stadt Tyndaris an der nordöstlichen Küste Siziliens als Bollwerk vor der karthagischen Expansion. Die Karthager schlugen Dionysios’ Angriff zurück, eroberten Messina und belagerten daraufhin wieder erfolglos Syrakus. Letztendlich blieb durch die Aufnahme der griechischen Städte in seinen Machtbereich Karthago einem durchaus gewünschten starken kulturellen Einfluss ausgesetzt.

Ein dritter Krieg gegen Syrakus folgte 315 v. Chr., als Agathokles von Syrakus die karthagischen Besitzungen auf Sizilien angriff. Der Gegenschlag Karthagos war erfolgreich; Die Karthager eroberten den größten Teil der Insel und belagerten Syrakus erneut. 310 v. Chr. fasste Agathokles den verzweifelten Entschluss, die Blockade zu durchbrechen und mit Hilfe griechischer Söldner, die der Makedone Ophellas geworben hatte, den Feind in Afrika anzugreifen. Karthago musste sein Heer aus Sizilien zurückrufen und schlug Agathokles’ Expeditionsheer. Dennoch konnte Agathokles einen Friedensvertrag aushandeln, der ihm die Herrschaft über den östlichen Teil Siziliens sicherte.

Konflikt mit Rom – die drei Punischen KriegeBearbeiten

 
Westlicher Mittelmeerraum 279 vor Christus

In zwei Verträgen aus den Jahren 348 v. Chr. und 306 v. Chr. grenzten Karthago und das aufstrebende Rom ihre Interessensphären ab. Die Karthager verpflichteten sich darin, sich aus Italien fernzuhalten, während die Römer dafür den Karthagern Sizilien überließen. Die Expansion Roms und Interessenkonflikte um Sizilien führte zu einem Konflikt der beiden Mächte, der in den drei punischen Kriegen ausgetragen wurde.

Der Erste Punische Krieg (264–241 v. Chr.) begann, als die Römer den Mamertinern, einer Gruppe von italischen Söldnern in Messina, zur Hilfe kamen. Die Kriegsentscheidung fiel letztendlich auf See, auch wenn es zu Kämpfen auf Sizilien und in Nordafrika kam. Die Römer fürchteten die schnellen, seetüchtigen und gut bewaffneten karthagischen Kriegsschiffe, die die Griechen Penteren und die Römer Quinqueremen nannten. Erst als ein karthagisches Schiff vor Italien strandete, konnten die Römer durch Nachbau der karthagischen Schiffe technologisch gleichziehen. Da die Römer zugleich die Schiffe mit Enterbrücken (Corvus) ausrüsteten und mit Fußsoldaten bemannten, waren sie im Kampf den Karthagern dann sogar überlegen. Nachdem die Römer die karthagische Flotte in der Schlacht bei den Ägatischen Inseln vernichtend geschlagen hatten, musste Karthago 241 v. Chr. Sizilien abtreten. Nach der Beendigung des Krieges löste ein Streit über die Bezahlung des karthagischen Söldnerheeres den Söldnerkrieg aus, in dem neben den nicht bezahlten Söldnern auch Teile der von Karthago abhängigen Bevölkerung Nordafrikas sich gegen die Herrscher erhoben. Der Konflikt sollte vier Jahre bis 237 v. Chr. anhalten und Karthago derart schwächen, dass Rom die Situation zu seinen Gunsten ausnutzen konnte. Karthago konnte sich zu diesem Zeitpunkt keinen neuerlichen Konflikt mit Rom leisten und willigte in einen Zusatz zum Lutatius-Vertrag ein, der die Abtretung Sardiniens und Korsikas sowie eine Zahlung von 1200 Talenten an Rom vorsah.

In der Folgezeit versuchte Karthago seinen Machtbereich in Spanien auszuweiten. Infolge dieser Expansion wurde ein Vertrag zwischen dem karthagischen Feldherren Hasdrubal und Rom geschlossen, in dem sich dieser verpflichtete, nicht in kriegerischer Absicht den Iber zu übertreten.[22] Aus welchen Motiven Rom diesen sog. Hasdrubal- bzw. Feldherrenvertrag schließen wollte, ist aufgrund der Quellenlage umstritten. Aufgrund des Bruches dieses Vertrages durch Hannibal erklärte Rom Karthago den Krieg.[23] Der Feldherr Hannibal überquerte mit 38.000 Soldaten und 37 Kriegselefanten die Alpen (→ Hannibals Alpenüberquerung) und fiel in Italien ein, wo er den Römern in der Schlacht am Trasimener See und in der Schlacht von Cannae schwere Niederlagen zufügte. Obwohl zahlreiche italische Bundesgenossen Roms die Seiten gewechselt hatten, konnte Hannibal, vom Nachschub abgeschnitten, Rom nicht ernsthaft gefährden. Unter Scipio Africanus dem Älteren erzielten die Römer Erfolge in Spanien. 204 v. Chr. landete Scipio schließlich in Nordafrika und zwang damit Hannibal zur Rückkehr. In der Schlacht von Zama wurde Karthago entscheidend besiegt. 201 v. Chr. musste sich Karthago einem harten Friedensvertrag fügen. Es musste Spanien an die Römer abtreten, seine Kriegsflotte aufgeben, Tribute zahlen und durfte nur noch mit der Genehmigung Roms Kriege führen. Damit hatte Karthago seinen Status als Großmacht verloren.

Karthago erholte sich zwar wirtschaftlich von der Kriegsniederlage, musste sich aber in der Folgezeit mit der aggressiven Expansion der benachbarten Numider unter König Massinissa auseinandersetzen. Nach Plünderungen Massinissas auf karthagischem Gebiet schlug Karthago 150 v. Chr. zurück, was Rom einen Vorwand lieferte, Karthago im Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) endgültig zu zerstören.

Berühmte KarthagerBearbeiten

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Velleius Paterculus: Historia Romana, 1,2: 80 Jahre nach dem Trojanischen Krieg, dessen Ende in der Antike zumeist ins frühe 12. Jahrhundert v. Chr. datiert wurde.
  2. a b c d e Karl Leonhard: Atlas zur Weltgeschichte, Ernst-Klett-Verlag, Mai 1960
  3. https://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Strabo/3E*.html#5.11.
  4. Diodor: Diodori Siculi Bibliotheca historica, Buch 5, 19–20
  5. Werner Huß: Karthago, Kap. I Ursprünge und Anfänge, S 11, 4. Auflage
  6. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 12, 4. Auflage
  7. Werner Huß: Karthago,Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 12, 4. Auflage
  8. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 13
  9. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 15, 4. Auflage
  10. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 16, 4. Auflage
  11. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 12 ff, 4. Auflage
  12. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, S 14
  13. Karl Leonhard: Atlas der Weltgeschichte, Ernst-Klett-Verlag, Mai 1960
  14. Werner Huß: Karthago, Kap. I. Ursprünge und Anfänge, 3. Korsika, S 23
  15. Herodot Historien 7,165.
  16. Werner Huß: Karthago, Kap. II. Wachstum, 5. Südfrankreich und Nordspanien, S 24
  17. Friedhelm Prayon: Die Etrusker, Kap. VI. Expansion, Blütezeit und Niedergang, 3. Die Auseinandersetzung mit den Griechen, S 56
  18. Herodot, I 166–167
  19. Diodor, Bibliothèque historique 5,19 f.; Plutarch, Sertorius 8,2 f.; Plinius der Ältere, Naturalis historia 6,36.
  20. Skeptisch bereits Alexander von Humboldt: Kritische Untersuchungen über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der Neuen Welt und die Fortschritte der nautischen Astronomie in dem 15ten und 16ten Jahrhundert. Band 1., Berlin 1836, S. 455ff.
  21. Vgl. zuletzt Robert Mailhammer, Theo Vennemann: The Carthaginian North: Semitic Influence on Early Germanic. Amsterdam 2019.
  22. Siehe hierfür App. Ib. 7, 26–27 sowie Pol. 2, 13.
  23. Klaus Bringmann: Der Ebrovertrag, Sagunt und der Weg in den Zweiten Punischen Krieg. In: Klio 83, 2001, S. 369–376. Ebrovertrag, S. 373f.