Garcia-Bericht

Der Garcia-Bericht ist ein Bericht des damaligen FIFA-Chefermittlers Michael J. Garcia im Rahmen der FIFA-Korruptionsaffäre.

HintergrundBearbeiten

2012 wurde der amerikanische Jurist Michael J. Garcia, zuvor zum Vorsitzenden der neuen Untersuchungskammer der FIFA-Ethikkommission gewählt, von der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) beauftragt, einen Bericht zu erstellen. In dem Bericht ermittelt Garcia die Hintergründe der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar und ob es dabei zu Unregelmäßigkeiten oder Korruption kam.

Der 430-seitige Bericht wurde 2014 fertiggestellt und am 5. September 2014 vor dem FIFA-Ausschuss den FIFA-Delegierten vorgestellt. Am 13. November 2014 präsentierte Hans-Joachim Eckert, damals Vorsitzender der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission, der Öffentlichkeit eine 42-seitige Zusammenfassung des Berichts. Daraus ergab sich: Es gibt keine Beweise für eine gekaufte WM-Vergabe. Allerdings sei Garcia bei seinen Ermittlungen zu Katar auf Vorgänge gestoßen, die „auf einen Mangel an Transparenz“ hinwiesen und einen „negativen Eindruck“ erwecken könnten.[1]

Garcia hatte gefordert, den Bericht vollständig zu veröffentlichen. Er war darin vom FIFA-Reformbeauftragten Mark Pieth und dem damaligen jordanischen FIFA-Exekutivausschussmitglied Ali bin al-Hussein unterstützt worden.[2] Die FIFA entschied sich jedoch, den Bericht nicht vollständig zu veröffentlichen. Sie begründete dieses mit rechtlichen Problemen. Außerdem müssten Persönlichkeitsrechte von Personen gewahrt werden, die in dem Bericht genannt seien. Abgelehnt hatte die Veröffentlichung des vollständigen Berichts auch Josef Blatter, der Präsident des Weltfußballverbands FIFA war.[3]

Garcia trat im Dezember 2014 von seinem Amt als Vorsitzender zurück. Er kritisierte einen Führungsmangel innerhalb der FIFA. Sein Vertrauen in die rechtsprechende Kammer der FIFA-Ethikkommision sei verloren gegangen.[4]

Am 26. Juni 2017 veröffentlichte die Bild-Redaktion eine Pressemitteilung, dass sie im Besitz des vollständigen Garcia-Berichts sei. Dies führte weltweit zu einem Medienecho.[5][6][7][8]

FolgenBearbeiten

Am 27. Juni 2017 stellte die FIFA den vollständigen Bericht online.[9][10][11][12][13] Einen Tag später wurde bekannt, dass es Geldflüsse aus Katar auf das Konto eines zehnjährigen Mädchens gab, laut Süddeutscher Zeitung „bietet der Report einen enormen Fundus an Fehlverhalten einzelner Personen, insbesondere Exekutivmitgliedern, denen es um den ‚persönlichen Nutzen‘ gegangen sei“.[14]

Von den 22 FIFA-Funktionären, die 2010 über die Vergabe der Weltmeisterschaften entschieden hatten, waren 2017 bei Veröffentlichung des vollständigen Berichts nur noch zwei im Amt. 20 waren entweder zurückgetreten oder abgesetzt worden.

Die Neue Zürcher Zeitung schrieb 2017 von einer „Unkultur“ der Funktionäre, sie hätten sich gegenüber den Bewerbern für die Fußballweltmeisterschaften „raffgierig und schamlos“ verhalten. Hervorgehoben wurde Jack Warner aus Trinidad und Tobago, der Forderungen besonders unverfroren gestellt habe. So habe er nicht nur von den Australiern eine halbe Million Dollar für ein Leistungszentrum in seinem Heimatland gefordert, sondern nach dem Erhalt weiteres Geld verlangt sowie von englischen Funktionären einen Arbeitsplatz für den Sohn seines Bankiers. Während der Bankierssohn eine befristete Anstellung bei Tottenham Hotspur erhielt, die auf Forderung Warners noch verlängert wurde, stieß bei den Engländern jedoch das Verlangen des Exekutivmitglieds Nicolás Leoz aus Paraguay nach einem Adelstitel auf Ablehnung. Er erhielt die Antwort, dies sei komplett unmöglich, in Großbritannien „funktionieren wir nicht so“.[15]

Gianni Infantino, seit 2016 als Nachfolger von Joseph Blatter FIFA-Präsident, machte für die späte vollständige Veröffentlichung des Berichts die damalige Ethikkommission unter Vorsitz von Hans-Joachim Eckert verantwortlich. Sie habe die Veröffentlichung verhindert, er selbst habe dies seit langem gewollt.[16] In Welt online wertete ein Kommentator dies als unglaubwürdig. Es habe intensiver Medienarbeit bedurft, um überhaupt einen Blick hinter die Filzwand der FIFA zu werfen, und der Weltverband versuche tatsächlich, sich nun Transparenz auf die Fahnen zu schreiben: „Schämen sollten sie sich.“[17]

Anfang Mai 2020 brachten New Yorker Enthüllungen ans Licht, dass die Stimmen dreier FIFA-Funktionäre, darunter Ricardo Teixeira und Nicolás Leoz, gekauft wurden, um für Katar abzustimmen. Trotz Beweise erscheint es jedoch unwahrscheinlich, dass die WM Katar entzogen würde. Neben finanziellen Verlusten für die FIFA sei der Bau der Stadien in Katar schon zu weit fortgeschritten; auch hätten die USA durch die Ausrichtung der WM 2026 wenig Interesse an einer Klage. Der ehemalige FIFA-Chef Sepp Blatter sagte daher in einem ARD-Interview: „Die WM wird in Katar gespielt.“[18][19] Ein weiterer Grund sei laut der Whistleblowerin Bonita Mersiades, die 2010 Teil der australischen Delegation war, dass vor der Vergabe alle Nationen zumindest versucht hätten, Stimmen zu kaufen.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Michael Wulzinger: Fifa spricht Russland und Katar vom Vorwurf der Korruption frei. In: Spiegel Online. 13. November 2014, abgerufen am 28. Juni 2017.
  2. Fifa-Chefermittler will Korruptionsbericht veröffentlichen. In: Spiegel Online. 24. September 2009, abgerufen am 28. Juni 2017.
  3. Ergebnisse des Garcia-Reports werden nur teilweise veröffentlicht. In: Spiegel Online. 17. Oktober 2014, abgerufen am 28. Juni 2017.
  4. Fifa-Chefermittler Garcia tritt zurück. In: Spiegel Online. 17. Dezember 2014, abgerufen am 28. Juni 2017.
  5. Peter Rossberg: BILD enthüllt, was die Fifa geheim hält. In: Bild online. 26. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017.
  6. World Cup 2022: Claims of corruption in Qatar bid published in Germany. In: BBC News. 27. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  7. FIFA publishes Garcia World Cups report after leak. In: marca.com. 27. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  8. Garcia Report leaked to Bild: Qatar World Cup, FIFA. In: foxsports.com.au. 27. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  9. REPORT ON THE INQUIRY INTO THE 2018/2022 FIFAWORLD CUP™ BIDDING PROCESS. 28. Juni 2017, archiviert vom Original am 28. Juni 2017; abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  10. REPORT ON ISSUES RELATED TO THE RUSSIAN BID TEAM. 28. Juni 2017, archiviert vom Original am 28. Juni 2017; abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  11. REPORT ON ISSUES RELATED TO THE U.S. BID TEAM. 28. Juni 2017, archiviert vom Original am 28. Juni 2017; abgerufen am 28. Juni 2017 (englisch).
  12. Neuer Krimi um Katar-Skandalreport. In: sport1.de. 28. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017.
  13. Fifa veröffentlicht Garcia-Report zu WM-Vergaben 2018 und 2022. In: faz.net. 27. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017.
  14. Geldflüsse aufs Konto einer Zehnjährigen. In: sueddeutsche.de. 27. Juni 2017, abgerufen am 28. Juni 2017.
  15. Elmar Wagner, Peter B. Birrer: Die Fifa-Funktionäre wollten mehr Geld – und einen Adelstitel. In: Neue Zürcher Zeitung online. 28. Juni 2017, abgerufen am 30. Juni 2017.
  16. Freispruch zweiter Klasse für Russland und Katar. (Nicht mehr online verfügbar.) In: handelsblatt.com. 28. Juni 2017, ehemals im Original; abgerufen am 30. Juni 2017.@1@2Vorlage:Toter Link/app.handelsblatt.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  17. Lars Wallrodt: Mit dieser Erklärung schlägt die Fifa dem Fass den Boden aus. In: welt.de. 28. Juni 2017, abgerufen am 30. Juni 2017 (Kommentar).
  18. Sepp Blatter: WM 2022 findet in Katar statt, auf sueddeutsche.de, vom 3. Mai 2020. Abgerufen am 3. Mai 2020.
  19. FIFA-Prozess - neue Enthüllungen zur WM-Vergabe 2022, auf sportschau.de, vom 3. Mai 2020. Abgerufen am 3. Mai 2020.