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Friedrich Tiedemann

deutscher Anatom und Physiologe
Friedrich Tiedemann, 1820

Friedrich Tiedemann (* 23. August 1781 in Kassel; † 22. Januar 1861 in München) war ein deutscher Anatom und Physiologe.

Inhaltsverzeichnis

Leben und WerkBearbeiten

Tiedemann studierte in Marburg, Würzburg, Paris und Göttingen und erhielt 1806 eine Professur für Anatomie und Zoologie an der Universität Landshut. Von 1816 bis zu seiner Emeritierung 1849 war er Professor für Anatomie und Physiologie in Heidelberg. Er war dort als Direktor des Anatomischen Instituts Nachfolger von Jacob Fidelis Ackermann, auf Tiedemann folgte Jacob Henle.

Schon bald nach seiner Berufung nach Landshut veröffentlichte er 1808–1814 das dreibändige Werk Zoologie, zu seinen Vorlesungen entworfen. Darin handelt er im 1. Band den Menschen und die Säugetiere, im 2. und 3. die Vögel ab. In der 1816 erschienenen Anatomie der Bildungsgeschichte des Gehirns verglich Tiedemann die embryonale Entwicklung des Gehirns bei Wirbeltieren und Menschen und fand übereinstimmende Entwicklungsprinzipien. Er war damit einer der Wegbereiter der Evolutionstheorie. Zusammen mit Leopold Gmelin veröffentlichte er in seiner Heidelberger Zeit grundlegende Arbeiten zur Verdauung bei Menschen und Tieren (Die Verdauung nach Versuchen, 1826–1827). Tiedemanns Bestreben, in Heidelberg und Umgebung mehr Leichname für die Lehre zu erhalten, blieb häufig erfolglos. Allerdings erfuhr die Heidelberger anatomische Sammlung unter Tiedemann einen erheblichen Aufschwung. Er benutzte diese Präparate zu Demonstrationszwecken während der Vorlesungen. Er präparierte selbst und besaß ein ausgeprägtes handwerkliches Können.[1]

Tiedemann war ein entschiedener Vertreter einer experimentellen Naturwissenschaft und lehnte die romantische Naturforschung in der Tradition der Naturphilosophie Schellings ab. In der Abhandlung On the Brain of the Negro, compared with that of the European and the Orang-Outang (1836) trat er den zeitgenössischen rassistischen Theorien entgegen und stellte fest, dass es keine angeborenen intellektuellen Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe gibt. Bei der Volumenbestimmung von Schädelinhalten und Gehirngrößen stellte er „bei allen Menschen-Rassen eine gleiche, mittlere, innerhalb gewisser Gränzen schwankende Größe“ fest und widersprach damit den Ergebnissen von Soemmering, Broca und anderen Kollegen seiner Zeit.[2] Als einzige Veröffentlichung Tiedemanns erschien diese Abhandlung zuerst in englischer Sprache (in den „Philosophical Transactions of the Royal Society of London“) und erst 1837 in Heidelberg unter dem Titel Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Outangs verglichen; Tiedemann wollte damit die Abschaffung der Sklaverei durch die britische Regierung (1833) würdigen. 1828 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.[3] Seit 1812 war er Mitglied der Preußischen und seit 1857 der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1849 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt.

Tiedemann war seit 1807 mit Jenny Rosa von Holzing (1791–1871) verheiratet. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen drei jung starben. Die drei Söhne nahmen 1848/49 an der Badischen Revolution teil; der älteste, Gustav, wurde 1849 erschossen, die anderen beiden emigrierten in die Vereinigten Staaten. Seine Tochter Kunigunde war in erster Ehe mit Vincenz Fohmann, in zweiter Ehe mit Theodor von Bischoff verheiratet.

Von Tiedemann stammt der Ausspruch

„Ärzte ohne Anatomie sind Maulwürfen gleich: sie arbeiten im Dunkeln, und ihrer Hände Tagewerk sind Erdhügel.“

GrabstätteBearbeiten

 
Grab von Friedrich Tiedemann im Grab von Theodor Bischoff auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Gräberfeld 42 – Reihe 13 – Platz 14 – Standort)

Die Grabstätte von Friedrich Tiedemann befindet sich im Grab seines Schwiegersohns Theodor von Bischoff auf dem Alten Südlichen Friedhof in München (Gräberfeld 42, Reihe 13, Platz 14, Standort).

Friedrich Tiedemanns Tochter Kunigunde von Bischoff (geborene Tiedemann, * 3. März 1809, Nürnberg † 23. März 1889) hatte die Grabstelle 1861 ursprünglich für ihren Vater erworben, bevor die Grabstelle beim Tod ihres Mannes Theodor von Bischoff 1883 in das Familiengrab Bischoff umgewandelt und vergrößert wurde. Friedrich Tiedemann ist auf dem Grab nicht mehr erwähnt.[4]

SchriftenBearbeiten

  • Zoologie, zu seinen Vorlesungen entworfen, 1808–1814
  • mit Martin Münz (Tafeln): Anatomie und Bildungsgeschichte des Gehirns im Foetus des Menschen: nebst einer vergleichenden Darstellung des Hirnbaues in den Thieren, 1816 (Digitalisat)
  • mit Martin Münz: Anatomie der Röhren-Holothurie des pomeranzfarbigen Seesterns und Stein-Seeigels: eine im Jahre MDCCCXII vom Französischen Institut gekrönte Preisschrift, Thomann, Landshut 1816 Digitalisat
  • mit Joseph Liboschitz und Nikolaus Michael Oppel: Naturgeschichte der Amphibien. Heft 1: Gattung Krokodil, Heidelberg: Engelmann 1817
  • Die Verdauung nach Versuchen, 2 Bände, 1826–1827
  • On the Brain of the Negro, compared with that of the European and the Orang-Outang, London 1836 (deutsch: Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Outangs verglichen, Heidelberg 1837, Digitalisat)
  • Physiologie des Menschen, C.W. Leske, 1836 Digitalisat
  • Geschichte des Tabaks und anderer ähnlicher Genussmittel, 1854

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Wikisource: Friedrich Tiedemann – Quellen und Volltexte

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Sara Doll: Friedrich Tiedemann, Beruf: Anatom, in: Sara Doll, Joachim Kirsch und Wolfgang U. Eckart (Hrsg.): Wenn der Tod dem Leben dient – Der Mensch als Lehrmittel, Springer Deutschland 2017, S. 27/28. doi:10.1007/978-3-662-52674-3
  2. Kornelia Grundmann: Die Rassenschädelsammlung des Marburger Museum Anatomicum als Beispiel für die Kraniologie des 19. Jahrhunderts und ihre Entwicklung bis zur Zeit des Nationalsozialismus. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 351–370; hier: S. 353.
  3. Mitgliederverzeichnis Leopoldina, Friedrich Tiedemann
  4. Claudia Denk, John Ziesemer: „Grabstätte 186“ in Kunst und Memoria, Der Alte Südliche Friedhof in München (2014), S. 497 ff