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Franziskanerkloster Halberstadt

bestehendes Kloster in Halberstadt in Sachsen-Anhalt
St.-Andreas-Kirche mit Franziskanerkloster

Das Franziskanerkloster in Halberstadt wurde noch zu Lebzeiten des heiligen Franziskus gegründet und ist daher eine der frühesten Niederlassungen der Franziskaner in Deutschland. Es befindet sich an der Franziskanerstraße und gehört zur Deutschen Franziskanerprovinz.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Die ersten Minderbrüder des 1210 von Papst Innozenz III. bestätigten Ordens kamen 1223 nach Halberstadt (Bischofssitz von 804 bis 1648) und gründeten hier eine ihrer ersten Niederlassungen in Deutschland. Um 1300 erbauten sie die St.-Andreas-Kirche als dreischiffige Hallenkirche. Das Halberstädter Kloster war das einzige Kloster der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia), das bei den Klosterschließungen infolge der Reformation bestehen blieb.[1] Von der Saxonia bestanden am Ende des 16. Jahrhunderts nur noch die Konvente in Eger und Halberstadt. Als Eger 1603 in die Straßburger Provinz inkorporiert worden war, wandte sich der Konvent in Halberstadt mit der Bitte um Hilfe an das Kloster in Bielefeld, das zur Kölnischen Provinz (Colonia) gehörte. Die Kölnische Provinz stand um diese Zeit infolge der Gegenreformation und Rekatholisierung großer Teile ihres Gebietes gefestigter da. Sieben Franziskaner der Colonia aus Bielefeld zogen daher 1616 nach Halberstadt, so dass die Tradition der alten Saxonia nicht unterbrochen wurde, obwohl 1626 das letzte Mitglied der Provinz starb. Es war Pater Johannes Tetteborn, 1603 von Generalminister Franziscus von Toledo als Provinzkommissar der Saxonia eingesetzt und 1616 einziger Franziskaner in Halberstadt.[2]

In Halberstadt unterhielten die Franziskaner ein Studienhaus für die dogmatisch-theologische Ausbildung des Nachwuchses der Sächsischen Ordensprovinz, das mit den an St. Katharinen ansässigen Dominikanern, den Benediktinern in Huysburg und dem Augustinerstift Hamersleben wissenschaftlichen Austausch pflegte.[3] Nach der Reformation war das Kloster das Zentrum des geistlichen Lebens und Stützpunkt für die Seelsorger, die von hier aus als Missionarii Saxoniae („Sachsen-Missionare“) die wenigen Katholiken in der Diaspora in Sachsen und Anhalt sowie einige Nonnenklöster betreuten. Es unterhielt in Halberstadt eine Volksschule, und die ärmsten Kinder erhielten im Kloster eine Mahlzeit. Auch bei den Protestanten waren die Franziskaner wegen ihrer Wohltätigkeit beliebt. 1803 gehörten zum Halberstädter Konvent 21 Patres, fünf Fratres, die Theologie studierten, und neun Laienbrüder. Weitere elf Patres, die als Expositi auf Außenposten tätig waren, waren dem Kloster adskribiert.[4]

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Kloster im Zuge der Säkularisation aufgehoben. Die preußische Regierung führte Anfang 1804 eine peinliche Inventur des Klostervermögens durch, und es begann eine allmähliche Inbesitznahme der Gebäude durch den preußischen Staat und später die Franzosen. König Jérôme ordnete am 1. Dezember 1810 die Schließung aller Klöster im Königreich Westphalen an, jedoch wurde dieser Befehl für das Kloster im inzwischen wieder preußischen Halberstadt erst 1814 durch die preußische Regierung vollstreckt. So verließen die Franziskaner nach knapp 600 Jahren ihr Kloster in Halberstadt. Die Klosterkirche St. Andreas blieb als Pfarrkirche erhalten; bis 1837 war einer der Franziskaner hier Pfarrer (Flavian Ostendorf, bis er 1821 starb, dann Philipp Biermann, vorher Kaplan, bis zu seinem Tod 1837). Ebenfalls waren einzelne Franziskaner weiterhin an Orten der Umgebung als Seelsorger tätig. Die Klostergebäude nutzte der Staat als Schule, später als Arbeitshaus.[5]

1920 ließen sich wieder Franziskaner an St. Andreas in Halberstadt nieder. Am 8. April 1945 wurden Kloster und Kirche durch einen Bombenangriff zerstört. 1952 erfolgte die Grundsteinlegung für das neue Klostergebäude, das u. a. durch 1953 entstandene bedeutende Glasmalereien von Charles Crodel charakterisiert ist, und 1982 die Einweihung der wieder aufgebauten Kirche. 1996 wurde die benachbarte Wärmestube in Containerbauweise errichtet.

GegenwartBearbeiten

Die heute noch drei Franziskaner widmen sich der Pfarrseelsorge, Exerzitienarbeit und der Franziskanischen Gemeinschaft. Im Januar 2007 ging die hier ansässige Wärmestube für Obdachlose und sozial Schwache in die Trägerschaft des Deutschen Caritasverbands über.[6]

Im Kloster finden Vortragsveranstaltungen, Ausstellungen und Konzerte statt.

Die benachbarte katholische Kirche, benannt nach dem Apostel Andreas, gehört heute zur Halberstädter Pfarrei St. Burchard.

LiteraturBearbeiten

  • Patricius Schlager OFM: Aus Halberstadts franziskanischer Vergangenheit 1223 - 1923. Franziskus-Druckerei, Werl 1923.
  • Markus Hunecke OFM: Die Minderbrüder in Halberstadt. In: Dieter Berg (Hrsg.): Franziskanisches Leben im Mittelalter. Studien zur Geschichte der rheinischen und sächsischen Ordensprovinzen. Werl 1994, S. 47–61.
  • Valentin Markowsky: Die St. Andreas-Kirche zu Halberstadt. Kunstverlag Peda, Passau 1996, ISBN 3-89643-043-2.
  • Achim Todenhöfer: Die Kirchen der Franziskaner- und Dominikaner in Halberstadt. In: Adolf Siebrecht (Hrsg.): Geschichte und Kultur des Bistums Halberstadt 804-1648. Halberstädter Druckhaus, Halberstadt 2006, ISBN 3-00-017849-X, S. 535–554.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Willibald Kullmann: Die Sächsische Franziskanerprovinz, ein tabellarischer Leitfaden ihrer Geschichte. Düsseldorf 1927, S. 14–20.
  2. Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 329.335.343.
  3. Georg Arndt: Wissenschaftliche Tätigkeit im Franziskanerkloster zu Halberstadt um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. In: Franziskanische Studien Bd. 5 (1918) S. 103–130.
  4. Franz Wilhelm Woker: Geschichte der norddeutschen Franziskaner-Missionen der Sächsischen Ordens-Provinz vom hl. Kreuz. Freiburg 1880, S. 102ff.
    Georg Arndt: Die Volksschule der Franziskaner in Halberstadt, besonders um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. In: Franziskanische Studien Bd. 15 (1928) S. 126–160, hier S. 130ff. und 149.
    Rudolph Joppen: Das erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Geschichte und Rechtsstellung bis zur Eingliederung in den Diözesanverband Paderborn. Teil 1, Leipzig o. J. (1965), S. 79.
  5. Compendium Chronologicum Provinciae Saxoniae S. Crucis, Warendorf 1873, S. 65.
    Franz Wilhelm Woker: Geschichte der norddeutschen Franziskaner-Missionen der Sächsischen Ordens-Provinz vom hl. Kreuz. Freiburg 1880, S. 107.
    Rudolph Joppen: Das erzbischöfliche Kommissariat Magdeburg. Geschichte und Rechtsstellung bis zur Eingliederung in den Diözesanverband Paderborn. Teil 1, Leipzig o. J. (1965), S. 161.
  6. franziskaner.de, Halberstadt, abgerufen am 10. Mai 2015.

Koordinaten: 51° 53′ 39,4″ N, 11° 2′ 49,1″ O