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Franziska Drohsel

deutsche Politikerin (SPD), Bundesvorsitzende der Jusos
Franziska Drohsel (2008)

Franziska Drohsel (* 1. Juni 1980 in West-Berlin) ist eine deutsche Politikerin (SPD). Von November 2007 bis Juni 2010 war sie Bundesvorsitzende der Jusos. Seither ist sie kommunalpolitisch tätig.

Inhaltsverzeichnis

Ausbildung und BerufBearbeiten

Nach dem Abitur 1999 studierte Drohsel Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und 2001/02 in einem Erasmus-Austausch an der Universität La Sapienza in Rom. Nach dem ersten Staatsexamen 2005 wurde sie 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Professor Ulrich Battis an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Januar 2010 wurde sie von der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität mit einer Arbeit zur Vereinbarkeit gesetzlicher Öffnungsklauseln mit der Koalitionsfreiheit aus Art. 9 Abs. 3 GG promoviert. Ihr Rechtsreferendariat absolvierte sie ebenfalls in Berlin. Seit 2012 ist sie als Rechtsanwältin zugelassen und arbeitete zunächst für eine Arbeitsrechtskanzlei.[1] Von 2015 bis 2017 war sie für die Kanzlei Gaßner, Groth, Siederer & Coll. tätig und beriet zum Bauplanungs- und Bauordnungsrecht, Zuwendungsrecht und Verfassungsrecht.[2] Seit 2017 arbeitet sie als Rechtsreferentin für die Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend.[3]

Politische KarriereBearbeiten

Ab 1995 engagierte sie sich bei den Jusos, seit 2001 gehört sie der SPD an. Von 1996 bis 1999 war sie Kreissprecherin der Jusos im Berliner Bezirk Zehlendorf, anschließend bis 2004 im Bezirk Steglitz-Zehlendorf und ab 1996 auch Landesdelegierte der Jusos. Zwischen 2000 und 2005 war Drohsel – mit einer Unterbrechung von September 2001 bis Januar 2003 – Mitglied im Studierendenparlament der Humboldt-Universität. Von März 2006 bis April 2008 war sie Landesvorsitzende des Juso-Landesverbandes Berlin, nachdem sie zwischen 2000 und 2006 bereits mehrfach mit Unterbrechungen stellvertretende Landesvorsitzende gewesen war.[4] Bei ihrer Wahl zur Bundesvorsitzenden der Jusos am 24. November 2007, für die sie als einzige Frau kandidiert hatte, erreichte sie mit 75,6 % der gültigen Stimmen das beste Ergebnis aller Kandidaten seit 1969. Am 19. Juni 2009 wurde sie mit 69 % der gültigen Stimmen als Bundesvorsitzende wiedergewählt. Drohsel, die dem linken Flügel der Sozialdemokraten zugerechnet wird, ist Mitglied der Gewerkschaft ver.di[5] und befürwortet Koalitionen mit der Linkspartei auch auf Bundesebene.[6] In einem Interview mit Cicero gab sie die „Überwindung des Kapitalismus“ als eines ihrer drei wichtigsten politischen Ziele an.[7]

Drohsel ist Gründungsmitglied des Institut Solidarische Moderne.[8]

Am 12. Mai 2010 kündigte sie ihren Rücktritt als Juso-Bundesvorsitzende zu Gunsten ihrer beruflichen Laufbahn an.[9] Ihre Amtszeit endete am 18. Juni 2010 mit der Wahl von Sascha Vogt zu ihrem Nachfolger.

Von April 2012 bis März 2014 war sie erstmals stellvertretende Vorsitzende des SPD-Kreisverbands Steglitz-Zehlendorf, im März 2016 übernahm sie dieses Amt erneut.[10] Seit dem 23. Februar 2016 ist sie zusätzlich stellvertretende Vorsitzende der SPD Berlin-Lankwitz innerhalb des Kreisverbands Steglitz-Zehlendorf.[11]

KontroversenBearbeiten

Ihre zeitweilige Mitgliedschaft bei der Roten Hilfe e. V., die nach Einschätzung des Verfassungsschutzes „von Linksextremisten unterschiedlicher ideologisch-politischer Ausrichtung getragen wird“, führte zu politischen Kontroversen.[12] Die Mitgliedschaft war zwar schon vor ihrer Wahl zur Juso-Bundesvorsitzenden bekannt, wurde aber erst zu einem Streitpunkt, nachdem der Juso-Landesverband Hamburg in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen hatte. Als zahlreiche Medien darüber berichteten,[13][14][15][16] trat Drohsel am 30. November 2007 aus der „Roten Hilfe“ aus; sie begründete ihren Schritt damit, „dass die Jusos nicht aufgrund ihrer politischen Positionen, sondern wegen meiner privaten Mitgliedschaft bei der Roten Hilfe wahrgenommen“ würden.[17]

2008 wandte sie sich in der Tageszeitung Die Welt gegen den linken Antisemitismus und forderte die Abgrenzung vom Islamismus.[18]

Richard Herzinger hielt Drohsel in der Welt vor, sie sei eine „radikale Gefühlssozialistin“, die sich nicht auf realpolitische Diskussionen einlasse und für die der Kapitalismus am gesamten Übel der Welt schuld sei, aber selbst keine konkreten Vorschläge für den von ihr propagierten Sozialismus habe. Innerhalb des „Linksaußen-Milieus“ sei sie „der antideutschen Strömung“ zuzurechnen.[19]

Im November 2016 kandidierte sie für den Posten eines Bezirksstadtrats für Jugend, Gesundheit und Integration im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Mit Verweis auf ihre ehemalige Mitgliedschaft in der Roten Hilfe wurde sie jedoch von CDU, FDP und AfD nicht gewählt,[20] obwohl sie sich laut Angabe der Ablehnenden bei ihrer Vorstellung glaubwürdig distanziert hätte.[21] Das Vorgehen der CDU wurde kritisiert, da sie damit die Jugendhilfe ausbremse und eine rechte Mehrheit organisiert hätte, obwohl eine Enthaltung fast immer der Normalfall sei. Obwohl die FDP signalisierte, mit der früheren Mitgliedschaft keine Probleme zu haben, verzichtete Drohsel auf einen weiteren Wahlgang.

PublikationenBearbeiten

  • Herausgeberin: Was ist heute links? – Thesen für eine Politik der Zukunft. Campus, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-593-38928-8.
  • Vereinbarkeit gesetzlicher Öffnungsklauseln mit der Koalitionsfreiheit aus Art. 9 Abs. 3 GG (= Schriften zum öffentlichen Recht. Bd. 1168). Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-13376-5 (zugleich Dissertation, Humboldt-Universität Berlin, 2010).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Franziska Drohsel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dr. Franziska Drohsel (Memento vom 29. Juli 2015 im Internet Archive) dka-kanzlei.de
  2. Dr. Franziska Drohsel (Memento vom 21. Dezember 2016 im Internet Archive) ggsc.de
  3. Geschäftsstelle bundeskoordinierung.de
  4. SPD-Berlin Profil von Franziska Drohsel (Memento vom 3. Juni 2016 im Internet Archive)
  5. Juso-Chefin Drohsel fordert Beck zu Linksruck auf. In: Die Welt, 3. März 2008.
  6. Juso-Chefin Drohsel für Rot-Rot-Grün. (Memento vom 23. Juni 2009 im Internet Archive) In: Süddeutsche Zeitung, 11. Mai 2009.
  7. „Überwindung des Kapitalismus“ (Memento vom 26. Februar 2016 im Internet Archive) In: Cicero, 19. August 2009 (Interview).
  8. Institut Solidarische Moderne: Gründungsmitglieder
  9. Brief von Franziska Drohsel (Memento vom 18. Januar 2012 im Internet Archive)
  10. SPD Steglitz-Zehlendorf – Kreisvorstand
  11. Vorstand der SPD Lankwitz (Memento vom 8. Juni 2016 im Internet Archive).
  12. Verfassungsschutzbericht 2009 (PDF; 4,3 MB), S. 189 (Memento vom 6. September 2012 im Internet Archive)
  13. Rainer Pörtner: Partei und Protest. In: Focus, 23. November 2007.
  14. Neue Chefin steuert Jusos nach links. (Memento vom 5. Oktober 2011 im Internet Archive) In: Stern, 24. November 2007.
  15. Linkswendig, sattelfest und durchsetzungsfähig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. November 2007.
  16. Florian Gathmann: Forderungen nach Rücktritt von Juso-Chefin Drohsel In: Spiegel Online, 29. November 2007.
  17. Juso-Chefin verlässt „Rote Hilfe“ In: Spiegel Online, 1. März 2007.
  18. Debatte Franziska Drohsel Juso-Chefin kritisiert linken Antisemitismus. In: welt.de 19. April 2008.
  19. Richard Herzinger: Franziska Drohsel, die radikale Gefühlssozialistin. In: Die Welt, 12. Mai 2010
  20. Der Rückzug von Franziska Drohsel schadet allen Berliner Zeitung, 14. November 2016
  21. Steglitz-Zehlendorf Eine linke Anwältin spaltet das Bezirksparlament in Berliner Zeitung, 9. November 2016, abgerufen 22. April 2019