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Laut griechischer Mythologie wurde Hektors Sohn Astyanax beim Fall Trojas getötet. Die Fredegar-Chronik behauptete, er habe unter dem Namen Francus überlebt.
In Aeneas’ Sohn Ascanius sah Astyanax’ Mutter Andromache das "Ebenbild" ihres erschlagenen Sohnes

Francus (französisch: Francion) ist der erst im Mittelalter zur antiken griechischen Überlieferung hinzuerfundene Sohn des trojanischen Helden Hektor und vermeintliche Stammvater der Franken und Franzosen bzw. der fränkischen und französischen Könige.

Inhaltsverzeichnis

Mythische und literarische VäterBearbeiten

Der antiken griechischen und römischen Mythologie zufolge hatte Hektor mit seiner Frau Andromache nur einen Sohn namens Astyanax (Beiname Skamandrios), der beim Fall Trojas getötet wurde. Das Ende des Astyanax erwähnt Homer in seiner Ilias bis zum Ende des 24. (letzten) Gesangs nicht, sein Tod wird stattdessen in Euripides' Tragödie Die Troerinnen beschrieben. Eine spätere Überlieferung behauptete, Astyanax sei von Griechen gefangen genommen, dann aber freigelassen und zum König über ein neuaufgebautes Troja gemacht worden. Als ein neues Troja bezeichnete Vergils Aeneis hingegen die von Helenos und Hektors Witwe Andromache beherrschte Stadt Buthrotum (in Epiros); bei Aeneas' Besuch sieht die (über Astyanax’ Tod betrübte) Andromache in Aeneas Sohn Ascanius das "Ebenbild" ihres verlorenen Sohnes (III, 490). Helenos und Andromache hatten stattdessen einen Sohn namens Kestrinos, der Stammvater des epirotischen Stammes der Kestrinoi geworden sein soll.

Erst in der frühmittelalterlichen Chronik des Fredegar tauchte um 660 Francus als Cousin oder gar Bruder des Aeneas erstmals auf. Unabhängig davon wurde Francus kurz darauf auch in der Liber Historiae Francorum im Zusammenhang mit der Legende von der trojanischen Abstammung der Franken erwähnt, die später auch in die hochmittelalterlichen Grandes Chroniques de France Eingang fand. Francus sei demnach mit Aeneas’ Hilfe aus Troja entkommen und zu den sicambrischen Franken an die Donau gelangt.

Erstmals ausführlich beschrieb der Wallone Jean Lemaire de Belges (1513) die vermeintlichen Abenteuer des Francus in seinen Illustrations de Gaule et Singularité de Troie, und kurz darauf beschrieb auch Johannes Trithemius in De origine gentis Francorum compendium (1514) die Franken als trojanische Abkömmlinge. Lemaire zufolge habe Hektor entweder zwei Söhne gehabt (Astyanax und Francus) oder habe Astyanax seinen Namen in Francus geändert, sich am Rhein (Xanten) bzw. in Gallien niedergelassen und an der Seine die Stadt Troyes gegründet bzw. die Stadt Lutetia zum Andenken an Paris umbenannt.

La FranciadeBearbeiten

Vor allem Lemaire folgend, verfasste Pierre de Ronsard die Abenteuer des trojanischen Prinzen. Das von Ronsard seinem König Karl IX. gewidmete Werk sollte ebenso wie die Ilias und die Aeneis 24 Gesänge umfassen. Wie einst Fregards Anliegen so war es auch Ronsards, mit einem der Ilias und der Aenis ebenbürtigen Werk einen, dem Mythos von der trojanischen Abstammung der Römer bzw. Italiener ebenbürtigen Abstammungsmythos für die Franzosen zu erschaffen. Nachdem der Portugiese Luís de Camões seine Lusiaden veröffentlicht hatte, gab Ronsard eilig noch im gleichen Jahr (1572) die schon fertigen ersten vier Gesänge als La Franciade heraus, doch vollendete er sein Werk nach der Bartholomäusnacht (1572) und Karls Tod (1574) nicht mehr. Amadis Jamyn stellte später eine kurze Zusammenfassung des von Ronsard beabsichtigten Inhalts der restlichen 20 Gesänge zusammen.

 
Dicé lädt Francus an seine Tafel zu seinen Töchtern Hyanthe und Clymene (zeitgenössische Franciade-Illustration von Toussaint Dubreuil aus dem 16. Jahrhundert)
  • Erster Gesang: Die Götter entscheiden, Francus zu retten und nach Gallien zu schicken. Merkur überbringt Francus’ Onkel und Pflegevater Helenos den göttlichen Beschluss. Der Rest beschäftigt sich mit der Vorbereitung der Überfahrt.
  • Zweiter Gesang: Neptun und Juno verschwören sich gegen den göttlichen Plan, die Flotte erleidet daraufhin Schiffbruch. Nur sechs Schiffe können dem von ihnen verursachten Sturm entkommen und an der provencialischen Küste landen, Der einheimische König Dicée (auch Dicé, vermutlich ein Abkömmling der Dike) gewährt den Schiffbrüchigen seinen Schutz. Francus befreit zum Dank Dicés Königreich von einem Riesen, woraufhin ihm Dicé seine Tochter Hyanthe (Hyante, Hyacinthe) zur Frau gibt (nach anderen Darstellungen hieß der gallische König Remus, während Hyanthes Vater Dicé der König von Kreta war, wohin Francus von Troja geflüchtet war).
  • Dritter Gesang: Auch Dicés andere Tochter, Clymene (Climène), ist in Liebe und Leidenschaft für Francus entbrannt. Als er sie zurückweist, stürzt sie sich ins Meer.
  • Vierter Gesang: Hyanthe, die über die Kräfte einer Seherin verfügt, weissagt Francus die Zukunft und zeigt ihm seine künftigen Nachfolger Pharamond und Merowech als Merowinger-Könige. Schließlich wird der Karolinger Karl Martell gelobpreist.

Alternative LesartBearbeiten

Die Franciade war der Höhepunkt der Francus-Legende und letztlich auch ihr Niedergang. Anders als bei den Portugiesen der Lusus aus Camoes’ Lusiaden taugte Francus bei den Franzosen nicht zum Stammvater der Nation. Nicht nur, dass die Franciade unvollendet blieb, sie galt auch schon zu Lebzeiten Ronsards als eines seiner schwächsten Werke. Seit Frankreichs Niederlage in den Italienischen Kriegen (1559) ließ das Interesse der französischen Könige an einer erfundenen gleichrangigen Abstammung mit Römern und Italienern nach, die um 1560 von Étienne Pasquier postulierte tatsächliche Abstammung der Franzosen von den vorrömischen Galliern wurde rasch populärer.

Einer späteren Lesart zufolge seien daher bereits Hektor und sein Sohn Francus keine echten Trojaner mehr, sondern gallische Abkömmlinge früherer trojanischer Auswanderer gewesen. Hektor sei demnach Befehlshaber eines Kontingents gallischer Hilfstruppen gewesen, die der über die belgischen Gallier herrschende König Bavo (Bauo) seinem von den Griechen bedrängten Cousin Priamos zur Unterstützung geschickt habe. Nachdem Hektor im Kampf um Troja gefallen war, sei Francus mit trojanischen Flüchtlingen nach Gallien zurückgekehrt und habe dort die Tochter des gallischen Königs Remus geheiratet.

LiteraturBearbeiten

  • Wolfgang von Einsiedel: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1974, Band 9, Seite 3655 f.
  • Michael Grant und John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1987, Seiten 77 (Astyanax) und 178 (Helenos).
  • Friedrich Korn: Mythologie der Volkssagen und Volksmärchen. Scheible, Stuttgart 1848, Seite 1016 f.
  • Joseph Wormstall: Die Herkunft der Franken von Troja. Zur Lösung eines ethnographischen Problems. Russell’s, Münster 1869, Seite 54–56.

Siehe auchBearbeiten

  Commons: Francus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien