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François Genoud

Schweizer Bankier und Helfer von NS-Verbrechern sowie arabischen Terroristen

François Genoud (* 26. Oktober 1915 in Lausanne;[1]30. Mai 1996 in Pully) war ein Schweizer Bankier und Helfer von NS-Verbrechern sowie arabischen Terroristen. Unter anderem finanzierte er die Rechtsbeistände von Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Ilich Ramírez Sánchez.[2]

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Während seines Studiums in Deutschland traf der junge Genoud im Herbst 1932 in einem Hotel in Bad Godesberg mit Adolf Hitler zusammen. Zurück in der Schweiz, trat er 1934 der Nationalen Front bei. Wenige Jahre später reiste Genoud nach Palästina, wo er Mohammed Amin al-Husseini traf. Gitta Sereny zufolge betrachtete al-Husseini Genoud bis zu seinem Tod als seinen Vertrauten und übertrug diesem seine Finanzgeschäfte. In den folgenden Jahren reiste Genoud oft nach Berlin und in den Nahen Osten, wo er mit deutschen und Schweizer Nachrichtendiensten zusammenarbeitete. 1941 schickte ihn der bei der Abwehr tätige Paul Dickopf, der 1942 mit Genouds Hilfe in der Schweiz untertauchte, nach Deutschland, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn und Belgien. In dieser Zeit freundete sich Genoud mit mehreren hochrangigen SS-Männern an, darunter Karl Wolff,[2] arbeitete als „Gestapo-Spitzel“, gewährte „Dickopf in Lausanne ein Jahr Unterschlupf“ und zeigte sich als „glühender Verehrer des Nationalsozialismus“.[3]

Nachlassverwerter Bormanns und Fluchthelfer für NS-VerbrecherBearbeiten

Nach dem Krieg beteiligte sich Genoud finanziell an der Fluchthilfe für NS-Verbrecher (vgl. ODESSA) sowie an der Verteidigung von Adolf Eichmann und anderen. Bei den Nürnberger Prozessen freundete sich Genoud mit Hermann-Bernhard Ramcke an und traf später mit ihm und Heinz Guderian in Köln zusammen.[2] Unter nicht vollständig geklärten Umständen brachte er sich zum Kriegsende in den Besitz umfassender Dokumente und sonstiger Nachlässe Martin Bormanns.[4] Darunter befanden sich Niederschriften von vertraulichen Gesprächen Adolf Hitlers sowie persönliche Briefe Bormanns. Nach eigener Aussage kaufte er den Nachlass von dem italienischen Beauftragten für die Rückführung von Kunstgütern Rodolfo Siviero bzw. dessen Untergebenen. Anderen Angaben zufolge übernahm er die Sachen von dem SS-Offizier und Bormann-Mitarbeiter Helmut von Hummel während dessen Flucht vom Obersalzberg nach Südtirol.[5] Denkbar ist auch, dass ein Teil des Nachlasses während dieser Flucht in Genouds Hände gelangte, während der Rest an seinem Bestimmungsort von Siviero konfisziert und später an Genoud verkauft wurde. 1948 sicherte sich Genoud die Veröffentlichungsrechte an den Schriftstücken von dem Nachlassbevollmächtigten der Bormann-Waisen Theodor Schmitz. Über Verträge mit den Angehörigen Joseph Goebbels’ erlangte er im Jahr 1955 zudem die Urheberrechte an dessen Tagebüchern.[6][7]

Die Authentizität der von Genoud vorgelegten Bormann-Diktate wird von manchen Historikern angezweifelt.[8] Seinem Biographen Willi Winkler zufolge manipulierte er angebliche Äußerungen Hitlers in den Text.[9] Zusammen mit Hans-Joachim Rechenberg arbeitete Genoud bei der Vermarktung des Nachlasses von Martin Bormann und beim Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 für die Zwischenfinanzierung von dessen Verteidigung.[10]

Später engagierte sich Genoud im arabischen Nationalismus und finanzierte dafür die Verbreitung antijüdischer sowie antiisraelischer Propaganda sowie Waffenlieferungen an den Front de Libération Nationale. Darüber hinaus tätigte er Investitionen für Hjalmar Schacht, u. a. in Marokko.[2]

1964 entkam Genoud dank Intervention des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser knapp der Verhaftung wegen dubioser Finanzgeschäfte in Algerien, wobei 15 Millionen US-Dollar auf Schweizer Konten gelangt waren, die 15 Jahre später wieder an Algerien zurückgegeben wurden.[2]

Holocaustleugner und Rechteinhaber der Goebbels-TagebücherBearbeiten

Genoud betrachtete Hitler nicht als Menschheitsverbrecher, sondern als Idealisten, der es im Krieg mit den Juden etwas übertrieben habe. Mit Auschwitz habe Hitler ohnehin nichts zu tun gehabt, behauptete er bis zum Schluss: „Das ist alles falsch […] Es gibt sogar Dokumente dafür.“[11] Der britischen Journalistin Gitta Sereny sagte er: „The truth is, I loved Hitler.“[12] Aus widersprüchlichen Äußerungen zur Frage des Holocaust wurde geschlossen, er habe die Faktizität des Holocaust nicht als solche geleugnet, sondern nur dessen Ausmaße verharmlost; gleichzeitig leugnete er jedoch, dass es einen systematischen Plan zur Ausrottung der Juden gegeben habe.[13] Auch anderen Quellen zufolge hat er den Holocaust überhaupt geleugnet.[14]

Mit seiner „Rechtsberaterin Cordula Schacht, der Tochter des nationalsozialistischen Ministers [Hjalmar Schacht]“, so der Historiker Bernd Sösemann, „finanzierte [Genoud] die Verteidigung von Nationalsozialisten […] Er fälschte Dokumente und verfasste krass antisemitische Veröffentlichungen. Mit der Publikation der von Goebbels und seinen Helfern fabrizierten Texten [sic!] verfolgte er beharrlich sein öffentlich mehrmals verkündetes Hauptziel: er wolle die nationalsozialistische Führung überall ‚ausgiebig zu Wort komm[en] lassen‘. Goebbels ‚ist ein großer Mann […], der sich gut verteidigt, wenn man ihm die Gelegenheit gibt, sich auszusprechen‘.“[15][16] Bis heute werden, hälftig zwischen Nachlassverwalter und Goebbels-Erben aufgeteilt, „jedes Mal, wenn urheberrechtlich geschützte Werke von Joseph Goebbels veröffentlicht werden, Tantiemen an seine Erben fällig […] Bei Peter Longerichs Goebbels-Biographie (München 2010) werden die Erben sogar am Absatz beteiligt.“[17] Kurz vor seinem Freitod im Jahr 1996 übertrug Genoud seine Anteile am Erlös an seine Nachfolgerin als Nachlassverwalterin, Cordula Schacht, welche nun „die alleinige Verfügung an den Urheberrechten der Werke von Joseph Goebbels“ innehat.[18] Die Verlagsgruppe Random House, die die englische Übersetzung von Longerichs Buch herausbringen will, weigerte sich aus rechtlichen und moralischen Gründen, an Schacht Tantiemen zu zahlen und wurde von ihr vor dem Landgericht München I verklagt.[19]

Kontakte zum internationalen TerrorismusBearbeiten

Nachdem im Februar 1969 drei Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) ein Flugzeug der El Al auf dem Flughafen Zürich beim Attentat in Kloten angegriffen hatten, ließ Genoud ihren Verteidiger Jacques Vergès durch eine seiner Banken bezahlen und fungierte im November 1969 als dessen Berater.[2]

Als 1972 eine Boeing 747 der Lufthansa durch den palästinensischen Terroristen Wadi Haddad auf dem Flug von Bombay nach Frankfurt am Main entführt wurde, übermittelte Genoud die Lösegeldforderung. Nachdem 5 Millionen US-Dollar an die PFLP bezahlt waren, flog die Maschine nach Jemen, wo Passagiere und Crew freigelassen wurden.[2]

Genoud war ein enger Vertrauter von Ilich Ramírez Sánchez, dem als „Carlos der Schakal“ bekannt gewordenen Terroristen. Ende der 1980er-Jahre besuchte Genoud ihn regelmäßig in seinem Exil in Damaskus. Als Syrien Sánchez auf internationalen Druck hin auswies, war er ihm bei seiner Ausreise in den Sudan behilflich. 1994 wurde Sánchez in Khartum verhaftet und in Frankreich vor Gericht gestellt. Genoud blieb bis zu seinem Tod mit ihm in brieflichem Kontakt und besuchte ihn mehrmals im Gefängnis. Es wird allerdings für möglich gehalten, dass Genoud Sánchez schließlich selbst verriet.[20]

Trotz seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Milieu des internationalen Rechtsextremismus und Terrorismus wurde Genoud in seiner Schweizer Heimat nicht strafverfolgt. Zwar wurde sein Telefon abgehört und seine Post kontrolliert, doch konnten nie konkrete Gesetzesverstöße nachgewiesen werden. Er unterhielt vielfältige Geheimdienstkontakte und wurde von den Diensten als nützliche Kontaktperson betrachtet, die man lieber in Freiheit sehen wollte, um die Bewegungen internationaler Terroristen besser verfolgen zu können.[21] Wenige Wochen vor Genouds Tod forderte US-Senator Al D’Amato als Vorsitzender des United States Senate Committee on Banking die Schweizer Regierung zur Aufdeckung von Genouds Rolle beim Schweizer Umgang mit Nazigold auf. Wenige Tage vor seinem Tod erging gegen Genoud, der mehrmals als Holocaustleugner öffentlich in Erscheinung getreten war, in der Schweiz ein Haftbefehl wegen Rassendiskriminierung.[2]

Genoud, der seit 1995 Mitglied des Schweizer Sterbehilfe-Vereins Exit war, nahm am 30. Mai 1996 Gift und starb.[2]

SchriftenBearbeiten

LiteraturBearbeiten

FilmeBearbeiten

  • Pierre Péan, Matthias Sanderson: L’Extremiste. François Genoud, de Hitler à Carlos. Nova Production, France 3, 1996.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Michael Sontheimer: Biografie über François Genoud: Ein freischaffender Nazi. In: Spiegel Online. 14. Januar 2011.
  2. a b c d e f g h i David Lee Preston: Hitler’s Swiss Connection. In: The Philadelphia Inquirer. 5. Januar 1997.
  3. Dieter Schenk: Personelle und organisatorische Verknüpfungen des BKA zu Vorgängerinstitutionen. In: Bundeskriminalamt (Hrsg.): Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kolloquienreihe. Hermann Luchterhand, Neuwied 2008, S. 111–124, hier S. 113. https://web.archive.org/web/20111204064733/http://www.bka.de/nn_233244/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/SonstigeVeroeffentlichungen/2009DasBundeskriminalamtStelltSichSeinerGeschichte,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/2009DasBundeskriminalamtStelltSichSeinerGeschichte.pdf
  4. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 70–85.
  5. Martin Bormann im west-östlichen Zwielicht. In: Die Zeit. 6. Juni 1997, abgerufen am 1. Februar 2013.
  6. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 12 ff.
  7. Urheberrechtsposse: Steinreich dank Goebbels’ Tagebüchern. In: Spiegel Online, einestages. 10. Januar 2014, abgerufen am 29. September 2014.
  8. Peter Longerich: Hitlers Stellvertreter: Führung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Hess und die Parteikanzlei Bormann: Eine Publikation des Instituts für Zeitgeschichte. K. G. Saur, München 1992, ISBN 3-598-11081-2, S. 6.
  9. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 108–116.
  10. Willi Winkler: Adolf Eichmann und seine Unterstützer. Ein kleiner Nachtrag zu einem bekannten Rechtsfall. In: Werner Renz (Hrsg.): Interessen um Eichmann. Israelische Justiz, deutsche Strafverfolgung und alte Kameradschaften. Campus, Frankfurt am Main 2012, S. 289–318, hier S. 309 ff.
  11. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 14.
  12. The Observer. 28. April 1996; zit. nach: Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 14.
  13. Vgl. etwa David Lester: Suicide and the Holocaust. Nova Science, New York 2005, S. 177–179, hier 179 (einsehbar bei Google Books) sowie Staatsreport (registrierungspflichtig; siehe unten, vorletzter Absatz).
  14. John Follain: Jackal: the complete story of the legendary terrorist, Carlos the Jackal. Arcade, New York 1998, S. 239 (einsehbar bei Google Books).
  15. Bernd Sösemann: Propaganda – Macht – Geschichte. Eine Zwischenbilanz der Dokumentation der Niederschriften und Diktate von Joseph Goebbels. In: Das Historisch-Politische Buch. 50/2 (2002), S. 117–125, Zusammenfassung, S. 4. (PDF; 26 kB);
  16. vgl. dazu auch Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 12–14 und S. 202–213.
  17. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 12 f.
  18. Elisabeth Niejahr: Cordula Schacht (Memento vom 26. Oktober 2014 im Internet Archive). In: Der Spiegel. Nr. 29, 14. Juli 1997.
  19. Random House told it should pay to quote Joseph Goebbels in biography (en), The Guardian. 18. April 2015. 
  20. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 296–304.
  21. Willi Winkler: Der Schattenmann. Von Goebbels zu Carlos: Das mysteriöse Leben des François Genoud. Rowohlt, Berlin 2011, S. 294 f.